Monat: April 2012

Ein amerikanischer Stummfilmklassiker

TOL’ABLE DAVID
(dt.: Der Überfall auf die Virginiapost)
USA 1921
Mit Richard Barthelmess, Gladys Hulette, Ernest Torrence,
Regie: Henry King
Dauer: 90 min

In den USA zählt dieser Stoff fast zum Allgemeingut: Ein Jüngling, der sich gerne als Mann sieht, von allen anderen aber herablassend als „passabel“ („tol'(er)able“) bezeichnet wird, bekommt die Chance, sich zu bewähren. Unzählige Stummfilme funktionierten nach diesem Muster, allen voran mehrere Werke Buster Keatons und Harold Lloyds. So zählte bezeichnenderweise Harold Lloyd Tol’able David zu seinen Lieblingsfilmen, er benutzte für seinen zweitletzten Stummfilm, The Kid Brother, sogar Motive daraus. In den USA zählt Tol’able David noch heute zum (stumm-)filmischen Allgemeingut – mehr noch als das Tonfilm-Remake von 1930.

Das will noch nichts heissen, ich weiss. Aber Tol’able David ist tatsächlich hervorragend. Er wurde von Henry King (The Song of Bernadette) inszeniert, der damit seinen ersten Regie-Erfolg feierte (es gibt Stummfilmfreunde, die behaupten es sei sein bester Film). Das Drehbuch stammt von King selbst, sein Co-Writer war Edmund Goulding, der später auch ins Regiefach wechselte (u.a. Grand Hotel).

Tol’able David überzeugt durch die realistische Darstellung des Lebens im amerikanischen Hinterland – viele Nebendarsteller waren Laien, Einwohner der Orte, an welchen gedreht wurde. Henry King stammte selber aus den Bergen Virginias, wo der Autor der Romanvorlage, Joseph Hergesheimer die Geschichte angesiedelt hatte. Vielleicht wirkt der Film deshalb so authentisch. Andererseits wirkt auch der 22 Jahre später entstandene, von mir ebenfalls hoch geschätzte Song of Bernadette  so, als wäre er in on location in Frankreich gedreht worden. Die Authentizität scheint eines von Kings Markenzeichen gewesen zu sein.

David Kinemon, ein Jüngling an der Schwelle zum Erwachsenwerden, träumt davon, wie sein älterer Bruder den Postkarren zu fahren, der mehrere kleine Orte verbindet und neben der Post auch Fahrgäste transportiert. Alle blicken auf ihn herab, auch die niedliche Esther Hatburn, die Tochter eines benachbarten Bauern.
Bei ebendiesem Hatburn ziehen eines düsteren Tages drei rohe Gesellen ein, ein Cousin und dessen zwei Söhne. Sie wollen sich vor dem Arm des Gesetzes verstecken. Als Dank für die gewährte Gastfreundschaft terrorisieren die drei Bauer Hatburn und seine Tochter. Aber auch die Nachbarschaft kriegt ihren Teil ab. Als Davids Bruder sich wehrt, rastet der älteste der Söhne aus und verletzt ihn derart, dass er zum Krüppel wird.

Und von da an wendet sich der bis dahin leicht komödiantische Film, der das Leben der „Hinterwäldler“ nachsichtig-liebevoll aufs Korn nimmt, zum veritablen Drama. Vater Kinemon erleidet dank der schrecklichen Nachricht eine Herzattacke und stirbt. Nun fehlt der Familie das Einkommen und sie muss den Hof verlassen. David kommt im Laden des lokalen Gemischtwarenhändlers als Hilfskraft unter. Als der Postkarrenfahrer wegen Trunksucht kurzfristig ausfällt, kommt Davids grosse Stunde: Weil Not am Mann ist und die Zeit drängt, darf er den Karren steuern. Er fährtin Richtung Hatburns Haus – und da endlich kommt sein Moment der Bewährung: in einem erbitterten Kampf überwältigt David den übermächtigen „Goliath“ Hatburn.

Tol’able David ist nicht mehr und nicht weniger als ein sehr solider, gut gemachter, höchst unterhaltsamer Film. Er macht sehr geschickt Gebrauch von dem relativ neuen Medium Film – es haftet ihm nichts von der schwerfälligen Einfachheit an, die uns heute in vielen anderen Werklein aus jener Zeit ins Auge stechen. Henry King hat die Lektionen gut gelernt, welche D.W. Griffith und andere in jenen Pionier-Jahren des Kinos gegeben haben.

Á propos: Griffith wollten den Stoff ursprünglich selbst verfilmen, doch Richard Barthelmess, der hier als Mitproduzent fungierte, schnappte ihm die Rechte vor der Nase weg. Griffith soll immerhin angetan gewesen sein vom Ergebnis.
Kings Film wirkt heute noch – er liesse sich gut verwenden, um „Uneingeweihte“ mit dem Stummfilm bekannt zu machen. Und das ist wohl das grösste Kompliment, das man einem derart alten Film machen kann.
8/10

Ich habe mir den Film auf Schmalfilm (Super8) angeschaut. Die Firma Blackhawk veröffentlichte ihn in den Sechzigerjahren für den amerikanischen Heimkinomarkt integral auf vier vollen 120m-Spulen. Die Bildqualität auf diesem alten Streifen ist hervorragend; für das Kinoerlebnis habe ich mittels (halbwegs) passender Musik ab CD gesorgt.
Natürlich ist der Film auch auf DVD erhältlich – allerdings nur in den USA.
Untenstehende Bilder stammen weder von der Super8-Fassung noch von der DVD, sondern aus dem www!

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Fünf Film-Fragen (Filmstöckchen)

Ich melde mich aus der Blogpause, um endlich die von Splatter- Fanatic zugeschobenen Fragen öffentlich zu beantworten. Interessieren wird das ja eh‘ niemanden, dafür bin ich selbst bei der Beantwortung auf ein paar nebensächliche Erkenntnisse gestossen. Und das ist doch immerhin etwas. Anteil daran hat auf jeden Fall auch der Fragensteller, dem ich auf diesem Weg danken möchte, dass er sich interessante Fragen ausgedacht hat und nicht wie sonst in Stöckchen üblich, einfach ein paar Banalitäten in die Runde geworfen hat.
Zuerst aber die Regeln:
1. Verlinke die Person, die dich getaggt hat.
2. Beantworte die Fragen, die dir gestellt wurden.
3. Tagge anschließend 5 weitere Leute.
4. Gib den Personen Bescheid, die getaggt wurden.
5. Stelle anschließend 5 Fragen an die, die getaggt wurden.

Und nun los:
1.) Das Gutfinden mancher Filme ist einem ja mitunter peinlich. Was ist Dein peinlichster Lieblingsfilm und warum ist er Dir peinlich?

Da muss ich wirklich lange überlegen – und das schon bei der ersten Frage! Nun… äh…
Es kommt mir wirklich kein Film in den Sinn, der mir peinlich sein müsste. Das hat bestimmt damit zu tun, dass ich derart geschmackssicher in der Wahl meiner Lieblinge bin. Oder damit, dass ich derart auf mein gutes Ansehen bedacht bin, dass ich Peinlichkeiten bereits im Vorfeld aussortiere.
Gut, Cinéasten werden mich vielleicht für die Wahl von Disneys Fantasia (Version 1940) oder Laurel & Hardys Way Out West belächeln. Aber auf das Urteil der Cinéasten gebe ich nicht viel.
Das ist es wahrscheinlich: Mir ist egal, was die anderen denken – darum ist mir auch kein Film peinlich.

2.) Mit welchem anerkannten Meisterwerk der Filmgeschichte kannst Du so rein gar nichts anfangen und aus welchen Gründen?
Auch hier müsste ich lange überlegen – ich mache es mir aber einfach, indem ich sage: Da gibt es so einiges!
Na gut, ich werde etwas spezifischer: Filme von Theo Angelopoulos. Zum Beispiel. Oder von Michelangelo Antonioni. Nicht, weil ich keine Filmemacher mag, deren Nachnamen mit einem A beginnen. Sondern weil ich die Werke – oder jedenfalls die mir bekannten – dieser beiden Herren als intelektuelle Masturbation empfinde. Beide finden zwar manchmal starke Bilder, aber der Grundgestus ihres filmischen Erzählens ist derart prätentiös und egozentrisch („seht, zu welch grosser Kunst ich fähig bin!“), dass ich mich nur verärgert abwenden kann. Sobald die Figuren bei Angelopoulos den Mund öffen, kommt intelektuell verbrämter Stuss heraus. Das ist zwar bisweilen lustig weil unfreiwillig komisch, da seine Filme in der Regel drei Stunden dauern, wird auch das mit der Zeit öd.

3.) Wer ist Dein Lieblingsregisseur und welchen Film würdest Du einem Interessierten als Einstieg in die Welt dieses Regisseurs empfehlen?
Ha – das ist einfach: F.W. Murnau! Und als Einstieg Sunrise.

4.) Welche SchauspielerInnen haben bei Dir einen Stein im Brett? Wer muss also die Hauptrolle spielen, damit Du Dir einen Film ansiehst, der Dich ansonsten nicht die Bohne interessiert hätte?
Auch hier gibt’s einige – viele. Zu viele.
Ich beschränke mich auf meine Favoriten (in aufsteigender zeitlicher Reihenfolge):
Bei den Männern sind das einige: John Barrymore, Charles Laughton, James Stewart, Thomas Mitchell, Daniel Auteuil…
Bei den Frauen wollen mir nur Jean Arthur und Whoopi Goldberg einfallen… Edit: Zudem Emma Thomposon (Dank an Settembrini), Maggie Smith und Judy Dench.

5.) Was sind Deine 10 Lieblingsfilme, die nicht aus Hollywood stammen?
Und zum Schluss wieder ein Klopper, wa‘? Zehn? Soviel kriege ich nie zusammen – zumal ich nicht Buch führe und die „Lieblingsfilme“ bei mir immer wieder wechseln. Und mein Spezialgebiet Hollywood ist. Edit: Ich hab’s doch geschafft!!
Die Aufzählung folgt dem Alphabet, und gibt keine Präferenzen an. Sie ist auch bei Weitem nicht vollständig; ich bin sicher, im Lauf der Woche kommen mir weitere Titel in den Sinn…
The Crying Game (GB 1992)
Dr Strangelove or how I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (GB 1964)

Eine wen ig, dr Dällebach Kari
(Schweiz 2012)
E la nave va (Italien 1983)
Faust – eine deutsche Volkssage (Deutschland 1926)
Ikiru (Japan 1952)
Maccheroni (Italien 1985)
Metropolis (Deutschland 1927)
Life on a String (China 1991)

Trafic (Frankreich 1971)

Das Stöckchen geht nun weiter an drei Blogs (die anderen will ich nicht schon wieder behelligen…)
nachtsichtgeräte und Final Frontier Film und an Léon, den Profi

Meine Banalitäten:
1.) Welchen Stummfilm magst Du besonders gern und weshalb?
2.) In welchem Film hast Du zuletzt geweint und weshalb?
3.) Welcher Film hat Dich zuletzt wirklich überrascht – und warum?
4.) Welche Bedingungen muss ein Film erfüllen, damit Du ihn Dir bestimmt nicht anschaust?
5.) Welche Literaturverfilmung erachtest Du als wirklich gelungen – und weshalb?


Blogpause

Regelmässige  Blog-Besucher werden sich schon gewundert haben, dass es in letzter Zeit so stumm… oder zumindest still geblieben ist hier.
Um den Gerüchten gleich zuvorzukommen: Ich habe nicht vor, diesen Blog einzustellen. Ich denke nur an eine Umstrukturierung – oder besser: an eine Re-Strukturierung.
Der „Tonfilmblog“, den ich vor einiger Zeit gestartet hatte, befriedigt mich nicht. Und da mir mein Blogger-Kollege Whoknows kürzlich den Floh ins Ohr gesetzt hat, die beiden Blogs wieder zusammenzuführen, denke ich über ein geeignetes Konzept nach.
Das dauert – jedenfalls bei mir. Und deshalb beantrage ich eine Blog-Pause.
Bis demnächst also (der Osterstummfilm entfällt deses Jahr!) und: Es geht gleich weiter…