Kurzkritiken

Schnipsel im April 2

Ein gandioser John Hurt als Quentin Crisp in „The Naked Civil Servant“

THE NAKED CIVIL SERVANT (dt.: Wie man sein Leben lebt; Jack Gold, GB 1975; Kino)
John Hurt als Quentin Crisp – ein Ereignis! Der biografische Film über den ersten Engländer, der seine Homosexualität öffentlich gelebt hat, gehört voll und ganz dem britischen Glanzmimen Hurt. Jack Golds TV-Film umfasst die Zeitspanne von 1928 bis 1970 und spiegelt die Sexualmoral der englischen Gesellschaft an der schillernden Figur Crisps und dessen radikal ehrlichen und mutigen Lebensmaximen. Das Drehbuch macht ausgiebig Gebrauch von Crisps treffenden Bonmots und tragikomischen Sinnsprüchen, die neben Hurts grandiosem Spiel für zusätzliche Brillianz sorgt. Golds Regie hingegen bleibt konventionell und wenig charakteristisch.

THE HUNGER GAMES (dt.: Die Tribute von Panem; Gary Ross, USA 2012; DVD)
Auf Empfehlung meiner Tochter habe ich mir diesen US-SF-Blockbuster endlich auch ‚reingezogen. Und ich muss sagen, ich war positiv überrascht davon! Der von Gary Ross gedrehte erste Teil der Trilogie überzeugt mit atmosphärisch starken Bildern, guten Schauspielern, einer packenden Story und angenehm unaufgeregter Inszenierung (was im zweiten Teil leider wegfällt). Die Dystopie spinnt die Entwicklung der heutigen Unterhaltungsmedien logisch in die Zukunft fort, die hier ein totalitäres Regime besetzt hat, das gegen gärende Unruhen von unten mit den Mitteln Abschreckung und Unterhaltung um seine Selbsterhaltung kämpft. Für die titelgebenden „Hunger Games“ werden in den Distrikten des Reiches zwölf Menschen ausgewählt, die gegeneinander kämpfen müssen, bis nur noch einer übrig ist. Das Ganze ist als gigantische, mörderische  Fernehshow mit Weichspüleffekt aufgezogen.

THE HUNGER GAMES: CATCHING FIRE (dt.: Die Tribute von Panem – Catching Fire; Francis Lawrence, USA 2013; DVD)
Der zweite Teil der Trilogie läuft nochmals nach genau demselben dramaturgischen Muster ab wie der erste. Die Voraussetzungen für die neuen „Hunger Games“ sind zwar anders, doch man hat das Gefühl, einer grobschlächtigen Version des ersten Teils beizuwohnen. Die subtile Inszenierung von Ross weicht einer atemlosen Action-Variante mit immer neuen Gefahren, Monstern und Unbilden. Parallel dazu zieht der fiese Diktator Snow (Donald Sutherland) die Schraube im Reich an, weil die Unruhen im Volk immer stärker an die Oberfläche brodeln. Deshalb sollen die diesjährigen Spiele besonders grausam und abschreckend sein. Fortsetzung folgt…

THE FLIGHT OF THE PHOENIX (dt.: Der Flug der Phönix; Robert Aldrich, USA 1965; DVD)
Eine Gruppe Männer erleidet mitten in der marokkanischen Wüste eine Bruchlandung, rauft sich unter der technischen Leitung des deutschen Ingenieurs Dorfmann zusammen und baut aus den Wrackteilen einen flugtauglichen Apparat. Der damals erfolgreiche Film hat heute doch tüchtig Patina angesetzt, viele Versatzstücke wirken altbacken, altbekannt und abgenutzt. Die Figuren sind grösstenteils Schablonen und Clichéetypen, doch werden sie von hochkarätigen Schauspielern verkörpert. Vor allem Richard Attenboroughs Leistung als stotternder Co-Pilot muss hervorgehoben werden; sein subtiles Spiel stellt auch altgediente Stars wie James Stewart und Peter Finch in den Schatten. Fazit: Sein Ruf ist besser als der Film selbst – es gibt weitaus bessere US-Streifen aus den Sechzigerjahren als diesen.

Schnipsel im April

ORLACS HÄNDE (Robert Wiene, Oesterreich 1925, Kino)
Robert Wiene hat neben dem Caligary auch noch andere Filme gedreht – Orlacs Hände zum Beispiel. Darin ist nur Conrad Veidts Spiel expressionistisch, das Dekor ist ziemlich „diesseitig“. Wienes Werk – fünf Jahre nach Caligary entstanden – ist eine Art früher Psychothriller, der ganz schön packt und an den Nerven zerrt! Pianist Paul Orlac verliert bei einen Zugunglück seine Hände. Da gerade ein Massenmörder hingerichtet wurde, wagt Orlacs Arzt ein Experiment: Die Handtransplantation. Doch die Möderhände scheinen ein (mörderisches) Eigenleben zu entwickeln. Dazu taucht plötzlich ein unheimlicher Zeitgenosse auf, der Orlac langsam in den Wahnsinn treibt. Auch wenn dieser Wahnsinn für heutige Geschmäcker schauspielerisch masslos übertrieben erscheint, die Geschichte und deren Aufbau ist unglaublich spannend. Bis zum happy ending sitzt man auf Nadeln.

FAIRY TALE: A TRUE STORY (dt: Fremde Wesen; Charles Sturridge, GB 1999; DVD)
Die mit grossem Staraufgebot in Nebenrollen (Peter O’Toole, Harvey Keitel, Bill Nighy, Paul McGann) verfilmte Chronik der sog. Cottingley Fairies. 1917 fotografierten zwei 9-jährigen Mädchen Feen, die sie beim Spielen am Bach entdeckt hatten. Die Fotos sorgten in England für grosses Aufsehen, da sie damals für echt erklärt wurden. Sir Arthur Conan Doyle schrieb sogar ein Buch über das Phänomen (The Coming of the Fairies). Allerdings stellte sich das Ganze in den 80er-Jahren als Betrug heraus. Der Film, der nach der Aufdeckung des Schwindels gedreht wurde, tut allerdings so, als wären die Feen echt gewesen. Damit wird er zur filmischen Märchenstunde, die zwar hervorragend gemacht, steckenweise bezaubernd und insgesamt sehr unterhaltsam ist, die einen aber ratlos zurücklässt.

THE LIFE OF PI (dt.: Schiffbruch mit Tiger; Ang Lee, USA 2009; DVD)
Ang Lees Adaption von Yann Martels Roman ist schön, wunderbar farbenfroh – und leblos. Das Leben des indischen Jungen Piscine Molitor Patel, kurz Pi, dessen Vater einen Zoo leitet, der eines Nachts in einem grandiosen Sturm auf einer Überfahrt nach Kanada untergeht, wobei der Junge und ein Tiger sich in ein Beiboot retten können und sich als Schiffbrüchige langsam zusammenraufen, bis sie auf einer seltsamen Insel stranden – ist eine Abfolge von Episoden, deren Glaubwürdigkeit im zähen Bemühen des Regisseurs um sinnvolle und originelle 3D-Effekte und CGI-Sperenzchen ins Hintertreffen gerät und dadurch fad wird.

THE STRANGE DEATH OF ADOLF HITLER (James P. Hogan, USA 1943; Kino)
Was für ein Titel! Und was für ein Film! Fritz Kortner schrieb das Drehbuch zu diesem amerikanischen B-Film, und es treten praktisch nur deutsche und österreichische Schauspieler auf – Regie führt ein Amerikaner James P. Hogan. Klingt interessant und ist es irgendwo auch – wenn nur nicht alle derart schlecht spielen würden! Wenn nur die Dialoge nicht so hölzern und die Geschichte nicht so unglaubwürdig wäre!
Ein Wiener Angstellter wird von der Gestapo entführt, weil er den Führer so perfekt nachahmen kann. Nach einer Gesichts-OP sieht er aus wie Adolf persönlich und soll als Führer-Double in der Öffentlichkeit eingesetzt werden. Doch er kann fliehen…
The Strange Death of Adolf Hitler zeichnet zwar ein differenziertetes Bild von der deutschen Bevölkerung unter der Nazi-Herrschaft als andere US-Propaganda-Filme jener Zeit, doch ist er derart billig gemacht und so hölzern, dass sich diese daneben wie inszenatorische Meisterwerke ausnehmen.
Dem Hauptdarsteller Ludwig Donath gebührt die zweifelhafte Ehre, das verstörendste (weil „echteste“) Hitler-Double der Filmgeschichte zu sein.

Diese Woche gesehen… 9. bis 15. März

Seit Wochen liegt der Blog nun still – ich hatte zwei Wochen lang keinen einzigen Film gesehen, erst die letzten Tage hatte ich wieder etwas Zeit.
Zudem elaboriere ich wieder mal (oder: immer noch) an einer Blog-Neuausrichtung herum. Ich plane, hier Besprerchungen von wichtigen Klassikern und von heute vergessenen und entdeckungswürdigen US-Filmen fest ins Zentrum zu stellen. Aufgelockert mit Kurzbesprechungen von Gesehenem, wie in diesem Beitrag (siehe unten).

MICMACS A TIRE-LARIGOT (dt.: Micmacs – Uns gehört Paris!, Jean-Pierre Jeunet, Frankreich 2009; Blu-ray)
Bazil lebt mit einer Kugel im Kopf. Die hat er als zufälliger Beobachter einer Bandenschiesserei abbekommen. Als er herausfindet, dass die Kugel vom Rüstungskonzern des Industriellen de Fenouillet stammt, beschliesst er, sich an diesem zu rächen – und gleich auch noch am Konkurrenten de Fenouillets, welcher die Mine gebaut hat, der Bazils Vater einst zum Opfer gefallen war. Bazil plant, beide Rüstungschefs gegeneinander aufzuhetzen. Aus dieser ungewöhnlichen Ausgangslage fertigt Regisseur Jeunet (Delicatessen, Die wunderbare Welt der Amélie) ein verqueres Filmmärchen und bevölkert es mit skurrilen Figuren. Bazil findet nämlich auf dem Schrottplatz ein Häufchen Verbündeter, allesamt fantasiebegabte Spinner und Querköpfe, mit denen er mitten in Paris und mittels unglaublicher Ränke und Tricksereien in den „Krieg“ gegen die beiden Rüstungsmultis zieht. Das alles in schrägen Bildern und ver-rückten Kamerawinkeln, die als Vorbild Terry Gilliam suggereieren. Ein köstlicher Spass, der sich kaum um Konventionen und wenig um schlüssige Erzähltechnik schert.

BACK TO THE FUTURE (dt.: Zurück in die Zukunft; Robert Zemeckis, USA 1985; DVD)
Es immer wieder interessant, zu sehen, wie ein Film, den man in seiner Jugendzeit verehrt hat, im reiferen Alter ankommt. Dieser war eine leichte Enttäuschung. Zu gewollt und wenig subtil erschienen mir plötzlich die ganzen Anspielungen, Querverweise und Zeitkapriolen, die mir damals soviel Eindruck machten. Die Story ist gut, die Schauspieler alle auch – und doch: Man muss wohl jünger sein, um die Qualitäten dieses Films zu schätzen. Meine Teenies hatten bei der Erstsichtung jedenfalls einen Riesenspass daran – wie ich damals in ihrem Alter.

REMBRANDT (Alexander Korda, England 1936; DVD)
Dem Meistermimen Charles Laughton glaubt man auch den flämischen Maler – obwohl Laughtons Hang zum Deklamieren hier etwas viel Raum gegeben wird. Deklamieren tut er Zuckmayer, von dem das Drehbuch stammt, und das überzeugt vor allem durch seine Dialoge; Rembrandts Leben in eine schlüssige dramaturgische Form zu giessen gelingt dem Film allerdings weniger gut. So ist denn die Hauptattraktion des Film Laughton und seine erstaunliche Fähigkeit, sich von Film zu Film scheinbar in einen anderen Menschen zu verwandeln – und Kordas innovative Bildgestaltung, die teils den flämischen Malern nachempfunden ist. Die Erzählung schleppt sich dagegen recht schwerfällig vom Moment des Skandals um das Porträt der „Nachtwache“ bis zu Rembrandts Abstieg in die Vergessenheit dahin.