Für Stummfilmeinsteiger besonders geeignet

Die verflixte Gastfreundschaft (1923)

FILM DER WOCHE

(dt.: Die verflixte Gastfreundschaft)
USA 1923
Mit Buster Keaton, Natalie Talmadge, Joe Roberts, Joe Keaton, Jack Duffy u.a.
Szenario: Clyde Bruckman, Jean C. Havez und Joseph A. Mitchell
Regie: Buster Keaton und John G. Blystone
Der Film lief 1924 auch in den Deutschland – damals unter dem kryptischen Titel Bei mir – Niagara; spätere Editionen liefen unter Die verflixte Gastfreundschaft

Die deutsche DVD des Films ist vergriffen; es gibt aber eine sehr gute, restaurierte Fassung auf DVD von Kino Lorber, die über amazon.de bestellt werden kann.

Our Hospitality war Buster Keatons zweiter Langfilm – nach The Three Ages (dt.: Drei Zeitalter, 1922). War der erste noch eine geschickt konzipiertes Zwischending zwischen Kurz- und Langfilm, so war Our Hospitality bereits ein Meilenstein der langen Filmkomödie. Und noch heute erscheint er kein bischen angestaubt.

Grundlage der Geschichte ist die in Amerika legendäre Familienfehde zwischen den Hatfields und den McCoys. Die beiden Familien bekämpften sich über Generationen hinweg, indem eine Art „Blutrache“ zur Anwendung kam, welche sämtliche Nachfahren einschloss.
Bei Keaton heissen die Familien Canfield und McKay. Ihr Streit bildet das Zentrum des Werks, das mit einer Rückblende beginnt. Diese führt die Fehde in einem dramatischen Prolog ein und gibt den Ton vor, der den ganzen Film beherrscht. Dieser Auftakt mag das Publikum damals verwirrt haben – auch heutige Zuschauer werden davon überrascht sein: Man erwartet eine Komödie und bekommt höchste Dramatik und Spannung.

Nachdem die Rachegeschichte in ihren Grundzügen etabliert ist, springt der Film ins Jahr 1831, wo der junge Willie McKay (Keaton) in New York von einem Erbe erfährt. Er reist nach Süden, wo er das Grundstück seiner Familie in Besitz nehmen soll. Natürlich bekommen die Nachfahren der verfeindeten Familie Canfield Wind von der Sache und wetzen schon mal die Messer. Willie weiss nichts von der Fehde und begibt sich ahnungslos in höchste Gefahr.

Im Grunde ist Our Hospitality ein Rachedrama mit eingebauter Romeo-und-Julia-Geschichte – doch Keaton und seine Mitarbeiter machen eine Komödie daraus. Dabei bringen sie das Kunststück fertig, die komischen Elemente organisch in die ernste Handlung einzubauen. Oder besser: Die komischen Elemente aus der Handlung herauszudestillieren. Immer wieder werden an geeigneten Stellen Anlässe für Gags und komische Szenen aufgespürt und so genutzt, dass kein Bruch entsteht. Beispiel: Die berühmte, zum unfallen komische Zugfahrt mit der „Rocket“. Sie ist derart ausgedehnt, dass man ein Stagnieren der eigentlichen Erzählung befürchtet; doch Keaton nutzt die Fahrt geschickt, um die Romeo-und-Julia-Handlung zu etablieren, denn Willie McKay und die Canfield-Tochter (Talmadge) teilen sich eines der engen Zugabteile und kommen sich auf der ereignisreichen Fahrt näher.

Am Ziel angekommen, lädt die Canfield-Tochter Willie in das Heim ihrer Familie ein, ahnungslos, wen sie da ins Haus holt. Willie nimmt freudig an – was Vater Canfield und dessen Söhne grimmig schlucken müssen, denn ein altes Gesetz der Gastfreundschaft untersagt die Fortführung einer Fehde im eigenen Haus. Willie wird eingeweiht und erfährt, dass er nur geschützt ist, solange er sich im Hause Canfield befindet. Während die männlichen Canfields alles unternehmen, um Willie vors Haus zu spedieren, findet dieser immer neue Tricks, ihr Bemühen zu unterlaufen…

Im Gegensatz zum Vorgängerfilm wirkt Our Hospitality wie aus einem Guss. Keine Einstellung ist zuviel, keine Geste am falschen Platz, kein Gag am falschen Ort. Keaton hat damit eine der grossen und zeitlosen amerikanischen Filmkomödien geschaffen. Umso erstaunlicher, wenn man erfährt, dass die Crew ohne Drehbuch arbeitete. Der Film ist stringenter als mancher zeitgenössische drehbuchbasierte Film. Die endgültige Form erhielt er mit ziemlicher Sicherheit am Schneidetisch – wobei nicht zu eruieren ist, wer für den Cut zuständig war.

Die Produktion war – wie so oft bei Keaton – vom Unglück verfolgt: So erlitt Joe Roberts – der „Heavy“ aus Keatons Kurzfilmen – eine Herzattacke, welche die Dreharbeiten zum Erliegen brachten. Nachdem Roberts sich einigermassen davon erholt hatte, konnte weitergedreht werden, doch Our Hospitality wurde zum letzten Film des markanten Mimen: Joe Roberts verstarb kurz nach Abschluss der Dreharbeiten. Keatons damalige Ehefrau Natalie Talmadge musste ihre Schwangerschaft vor der Kamera verbergen, was zu erheblichen Schwierigkeiten führte. Und Keaton entging – einmal mehr – knapp dem Tod, diesmal durch Ertrinken. Während des Drehs im reissenden Fluss riss die Sicherheitsleine und er wurde durch die tückischen Stromschnellen gejagt. Eine Flussbiegung rette ihm das Leben.

Our Hospitality hat trotz seines hohen Alters nichts von seiner Spannung, von seinem Witz und von seiner Frische eingebüsst; der Film wird wohl noch vielen Generationen von Filmbegeisterten ein leuchtendes Beispiel für eine gelungene Filmkomödie sein.

Die Regie: 10 / 10 – Absolut funktional, schnörkellos und mit hervorragendem Timing inszeniert; damit wird eine umwerfende Mischung aus Spannung und Witz erreicht, die seinesgleichen sucht.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Obwohl kein Drehbuch vorhanden war und am Set viel improvisiert wurde, wirkt der Film wie aus einem Guss.
Die Schauspieler: 10 / 10 – Überzeugend bis in die kleinste Nebenrolle (darunter Keatons Vater Joe als Lokführer); nur die weibliche Hauptrolle ist etwas blass geraten.
Die Filmmusik: 10 / 10 – Die bekannteste Vertonung des Films stammt von Carl Davis, für kleines Orchester; sie ist schlichtweg grandios.
Gesamtnote: 10 / 10

*****************************************************************************************

Kurzkritiken

THE GAME
(dt.: The Game – Das Geschenk seines Lebens)
(USA 1997)
Mit Michael Douglas, Deborah Kara Unger, Sean Penn, James Rebhorn, Peter Donat u.a.
Drehbuch: Jim Brancato und Michael Ferris
Regie: David Fincher
Musik: Howard Shore
Um David Fincher kommt der Filmfreund wohl einfach nicht herum, auch wenn der Verdacht besteht, mit dem Hype um diesen Regisseur sei es nicht weit her.
Natürlich darf ein unvoreingenommener Filmfan nicht mit Vorurteilen operieren; obwohl mich Finchers Filme bislang nicht heftig interessiert hatten, sah ich mich zur Schliessung dieser Lücke genötigt und erkor The Game zu meinem ersten Fincher-Film. Ich bin nicht komplett begeistert, aber moderat beeindruckt.
Es ist nämlich so, dass Fincher in diesem Fall mit seiner Regie ein schwaches Drehbuch veredelt. Damit belegt er, dass er durchaus etwas kann. Seine Leistung in The Game genügt mir allerdings noch nicht als Erklärung für den oben erwähnten Hype. Dafür muss ich mir weitere Filme ansehen.
Mit genau bedachten Einstellungen und Kamerafahrten kühlt Fincher die überhitzte Handlung von The Game soweit herunter, dass dessen zahlreiche Unstimmigkeiten einem nicht mehr allzu schmerzhaft ins Auge stechen. In gedämpften Bildern dimmt er die Irrungen des hanebüchenen Drehbuchs auf ein erträgliches Mass herunter und erzeugt damit gleichzeitig eine permanente Atmosphäre von schleichender Bedrohung (die sich im Nachhinein allerdings als – SPOILER: Täuschung entpuppt). Die ganze Handlung ist somit ein einziges Wind-Ei. Ein gut gemachtes zwar, das aber trotzdem einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. SPOLIER ENDE.
The Game handelt vom Finanzhai Nicholas van Orten (Douglas), einem dauergenervten reichen Arsch…, der von seinem jüngeren Bruder Conrad (Penn) eine Mitgliedschaft der nebulösen Firma CRS zum Geburtstag erhält. Nicholas soll sich bei CRS melden und dann sehen, was passiert. Gesagt, getan: Nachdem ihm die Firma auch von mehreren anderen Geschäftsmännern empfohlen wurde (mit verschwörerischem Unterton), begibt sich Nicholas zum Sitz der Firma, um sich für „The Game“ „immatrikulieren“ zu lassen. Kurz darauf gerät sein Leben komplett aus den Fugen.
Nicholas und den Zuschauenden wird in diesem Film immer wieder der Boden unter den Füssen weggezogen – nichts ist, wie es scheint. Dass die Logik und der Realitätsbezug zu diesem Zweck von den Drehbuchschreibern immer wieder mal nach Belieben ausser Kraft gesetzt werden, wird mit zunehmender Filmdauer immer ärgerlicher. Das geht soweit, dass man der Firma hellseherische Fähigkeiten zuschreiben muss.
Fincher bemüht sich zwar nach Kräften, den ganzen Humbug mittels Inszenierung in der Realität zu verankern, glaubwürdiger wird die Geschichte dadurch allerdings nicht.
Der Film kann bei Amazon Video gestreamt werden. Alternativ erscheint demnächst es ein Blu-ray Steelbook (limited, vorbestellbar); der Film ist auch auf DVD oder Blu-ray bestellbar.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 7,5 / 10

MAYA
(dt.: Gefahr im Tal der Tiger)
USA 1966
Mit Clint Walker, Jay North, Sajid Khan, I. S. Johar, u.a.
Drehbuch: John Fante nach einer Novelle von Jalal Din und Lois Roth
Regie: John Berry
Musik: Riz Ortolani
Der „vergessene Film der Woche“:
Irgendwo in Indien: Der amerikanische Teenager Terry wartet vergeblich auf seinen Vater, den berühmten Grosswildjäger Hugh Bowen (Walker), der ihn am Bahnhof abholen sollte. Als er dessen Haus schliesslich zu Fuss erreicht, verhält sich der bewunderte, aber lange nicht gesehene Vater merkwürdig. Schliesslich haut der Junge ab und trifft auf den gleichaltrigen Inder Raji, der ihm das Leben rettet. Raji ist auf Geheiss seines verstorbenen Vaters mit einem weissen Elefanten und dessen Mutter Maya unterwegs; der weisse Elefant als heilig gilt, haben die Jungs bald einen üblen Verfolger am Hals…
John Berrys Film überzeugt mit wunderschönen Technicolor-Bildern (von Kameramann Günther Senftleben), die an Originalschauplätzen entstanden. Die Bilder sind denn auch so ziemlich das einzige, was an diesem Film wirlklich überzeugt. Die amerikanischen Schauspieler sind schlecht, allen voran der Western-Darsteller Clint Walker, der hier wie ein nach Indien transferierter Cowboy wirkt. Der Darsteller seines Sohnes, Jay North, ist schier unerträglich.
Das Drehbuch ist schwach, ohne richtigen Fokus, mit teils dümmlichen Dialogen…
Ein vergessener Film, den man getrost in der Vergessenheit belassen kann.
Es gibt eine amerikanische DVD des Films von Warner Archive Collection, die über amazon.de bestellt werden kann.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 4 / 10
Die Filmmusik: 5 / 10
Gesamtnote: 5 / 10

*****************************************************************************************

Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Sabotage (UK 1936)

Brooklyn (dt.: Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten; UK, Kanada, Irland 2015)

Advertisements

Ein amerikanischer Stummfilmklassiker

TOL’ABLE DAVID
(dt.: Der Überfall auf die Virginiapost)
USA 1921
Mit Richard Barthelmess, Gladys Hulette, Ernest Torrence,
Regie: Henry King
Dauer: 90 min

In den USA zählt dieser Stoff fast zum Allgemeingut: Ein Jüngling, der sich gerne als Mann sieht, von allen anderen aber herablassend als „passabel“ („tol'(er)able“) bezeichnet wird, bekommt die Chance, sich zu bewähren. Unzählige Stummfilme funktionierten nach diesem Muster, allen voran mehrere Werke Buster Keatons und Harold Lloyds. So zählte bezeichnenderweise Harold Lloyd Tol’able David zu seinen Lieblingsfilmen, er benutzte für seinen zweitletzten Stummfilm, The Kid Brother, sogar Motive daraus. In den USA zählt Tol’able David noch heute zum (stumm-)filmischen Allgemeingut – mehr noch als das Tonfilm-Remake von 1930.

Das will noch nichts heissen, ich weiss. Aber Tol’able David ist tatsächlich hervorragend. Er wurde von Henry King (The Song of Bernadette) inszeniert, der damit seinen ersten Regie-Erfolg feierte (es gibt Stummfilmfreunde, die behaupten es sei sein bester Film). Das Drehbuch stammt von King selbst, sein Co-Writer war Edmund Goulding, der später auch ins Regiefach wechselte (u.a. Grand Hotel).

Tol’able David überzeugt durch die realistische Darstellung des Lebens im amerikanischen Hinterland – viele Nebendarsteller waren Laien, Einwohner der Orte, an welchen gedreht wurde. Henry King stammte selber aus den Bergen Virginias, wo der Autor der Romanvorlage, Joseph Hergesheimer die Geschichte angesiedelt hatte. Vielleicht wirkt der Film deshalb so authentisch. Andererseits wirkt auch der 22 Jahre später entstandene, von mir ebenfalls hoch geschätzte Song of Bernadette  so, als wäre er in on location in Frankreich gedreht worden. Die Authentizität scheint eines von Kings Markenzeichen gewesen zu sein.

David Kinemon, ein Jüngling an der Schwelle zum Erwachsenwerden, träumt davon, wie sein älterer Bruder den Postkarren zu fahren, der mehrere kleine Orte verbindet und neben der Post auch Fahrgäste transportiert. Alle blicken auf ihn herab, auch die niedliche Esther Hatburn, die Tochter eines benachbarten Bauern.
Bei ebendiesem Hatburn ziehen eines düsteren Tages drei rohe Gesellen ein, ein Cousin und dessen zwei Söhne. Sie wollen sich vor dem Arm des Gesetzes verstecken. Als Dank für die gewährte Gastfreundschaft terrorisieren die drei Bauer Hatburn und seine Tochter. Aber auch die Nachbarschaft kriegt ihren Teil ab. Als Davids Bruder sich wehrt, rastet der älteste der Söhne aus und verletzt ihn derart, dass er zum Krüppel wird.

Und von da an wendet sich der bis dahin leicht komödiantische Film, der das Leben der „Hinterwäldler“ nachsichtig-liebevoll aufs Korn nimmt, zum veritablen Drama. Vater Kinemon erleidet dank der schrecklichen Nachricht eine Herzattacke und stirbt. Nun fehlt der Familie das Einkommen und sie muss den Hof verlassen. David kommt im Laden des lokalen Gemischtwarenhändlers als Hilfskraft unter. Als der Postkarrenfahrer wegen Trunksucht kurzfristig ausfällt, kommt Davids grosse Stunde: Weil Not am Mann ist und die Zeit drängt, darf er den Karren steuern. Er fährtin Richtung Hatburns Haus – und da endlich kommt sein Moment der Bewährung: in einem erbitterten Kampf überwältigt David den übermächtigen „Goliath“ Hatburn.

Tol’able David ist nicht mehr und nicht weniger als ein sehr solider, gut gemachter, höchst unterhaltsamer Film. Er macht sehr geschickt Gebrauch von dem relativ neuen Medium Film – es haftet ihm nichts von der schwerfälligen Einfachheit an, die uns heute in vielen anderen Werklein aus jener Zeit ins Auge stechen. Henry King hat die Lektionen gut gelernt, welche D.W. Griffith und andere in jenen Pionier-Jahren des Kinos gegeben haben.

Á propos: Griffith wollten den Stoff ursprünglich selbst verfilmen, doch Richard Barthelmess, der hier als Mitproduzent fungierte, schnappte ihm die Rechte vor der Nase weg. Griffith soll immerhin angetan gewesen sein vom Ergebnis.
Kings Film wirkt heute noch – er liesse sich gut verwenden, um „Uneingeweihte“ mit dem Stummfilm bekannt zu machen. Und das ist wohl das grösste Kompliment, das man einem derart alten Film machen kann.
8/10

Ich habe mir den Film auf Schmalfilm (Super8) angeschaut. Die Firma Blackhawk veröffentlichte ihn in den Sechzigerjahren für den amerikanischen Heimkinomarkt integral auf vier vollen 120m-Spulen. Die Bildqualität auf diesem alten Streifen ist hervorragend; für das Kinoerlebnis habe ich mittels (halbwegs) passender Musik ab CD gesorgt.
Natürlich ist der Film auch auf DVD erhältlich – allerdings nur in den USA.
Untenstehende Bilder stammen weder von der Super8-Fassung noch von der DVD, sondern aus dem www!

Auf dem Weg zum Superstar

GRANDMA’S BOY
(dt.: Grossmutters Liebling)
USA 1922
Regie: Fred C. Newmeyer
Mit Harold Lloyd, Anna Townsend, Mildred Davis, Charles Stevenson, Noah Young u.a.
Dauer: 56 min

Holterdipolter stolpere ich durch Harold Lloyds Filmografie – nun kommt nach der sechsten Film-Besprechung auch endlich sein erster Langfilm an die Reihe.

Nachdem er in einer ganzen Reihe von Drei- und Vieraktern erfolgreich war – üblich waren zu dieser Zeit Kuzfilmkomödien mit ein bis zwei Akten – brachte Produzent Hal Roach seinen Star 1922 erstmals in einem Fünfakter heraus, die damals als „Abendfüller“ galten. Das war die vorletzte Stufe von Harold Lloyds Weg zum Superstar (die letzte war sein übernächster Film: Safety Last).

Bereits in Grandma’s Boy zeichnet sich überdeutlich ab, weshalb Lloyd derart grossen Erfolg hatte. Der Film ist einfach gut! Sehr, sehr gut.
Es ist erstaunlich, wie harmonisch die Handlung entwickelt ist. Jeder Gag wird minutiös vorbereitet, aus den meisten Gags entwickeln sich neue Handlungsoptionen, überraschende Wendungen oder Auswege aus aussichtslos erscheinenden Situationen. Das ist Lloyds Markenzeichen, man kann es in praktisch allen seinen Stummfilmen (mit Ausnahme vielleicht von Dr. Jack) beobachten: Die unendliche Sorgfalt, mit welcher die Handlung entwickelt wird. Mit welcher er die Handlung entwickelt, müsste man eigentlich sagen. Denn obwohl Lloyd nie als Regisseur seiner Filme fungierte, hatte er doch sämtliche Fäden seiner Produktionen in der Hand.

Was Chaplin manchmal Monate kostete, nämlich den richtigen Dreh bei einer schwierigen Handlungs – oder Figurenkonstellation zu finden, wirkt bei Lloyd wie aus dem Ärmel geschüttelt und doch absolut natürlich und organisch. In dieser Kunst wird er heute leider unterschätzt. Lloyd zählt zwar zu den „grossen Drei“ (Chaplin, Keaton, Lloyd) der amerikanischen Stummfilmkomödie, wird aber immer nur an dritter Stelle erwähnt. Dabei steht er – jedenfalls in meinen Augen – seinen berühmteren Kollegen in nichts nach. Von den anderen beiden unterscheidet er sich in gleichem Masse, wie sich Keaton von Chaplin und Chaplin von Keaton unterscheidet.

Obwohl Grandma’s Boy noch nicht mit so waghalsigen und haarsträubenden Stunts wie etwa Safety Last oder Girl Shy aufwartet, vermag er auch ein heutiges Publikum noch vollständig zu fesseln (eine Behauptung, die ich an einer Schulklasse voller actiongewohnter Elfjähriger verifizieren konnte). Die Spannung wird perfekt aufgebaut, unterschwellig ist sie stets präsent, während die leichteren Sequenzen von zum Teil umwerfenden Gags getragen werden.

Lloyd spielt hier ein Muttersöhnchen, das bei seiner Oma auf dem Land aufwächst und vor allem und jedem Angst hat. Er ist in die hübsche Mildred verliebt, doch sein Nebenbuhler lässt ihn bei dieser kaum zum Zuge kommen.
Als ein streunender Gauner im Kaff während eines Raubs einen Mann erschiesst, formiert sich unter er Leitung des Sheriffs ein Trupp Männer, die den bösen Buben einzufangen versuchen. Auch Harold wird eingezogen – und muss einsehen, dass er ein heilloser Feigling ist. Da greift seine Oma zu einer List…

Das Thema Schwächling durchlebt eine Wandlung und wächst über sich hinaus wurde in der Stummfilmzeit immer wieder gern durchexerziert (von Lloyd selbst, mit Vorliebe aber auch von Buster Keaton), doch selten so exemplarisch und gekonnt wie hier. Punkto Einfallsreichtum und Originalität reicht Lloyd hier noch nicht ganz, aber doch schon sehr nahe an vergleichbare Werke Keatons heran. Die Einladung bei seiner Geliebten, zu welcher Harold in einem total altmodischen Anzug erscheint, und zu dem auch sein Rivale eingeladen ist, gehört dabei mit zu Lloyds schönsten Momenten.
Der Film ist auf der auch hierzulande erhältlichen DVD mit einer hervorragenden Begleitmusik von Robert Israel unterlegt, der einmal mehr das Kunststück fertigbringt, zum Wesen des Filmes vorzudringen und ihn so richtig funkeln zu lassen.
Grandma’s Boy findet sich als Bonus auf der im deutschsprachigen Raum erschienen DVD Safety Last oder im Box Set Harold Lloyd Edition, die sämtliche Stummfilme Lloyds enthält.
9/10

http://www.amazon.de/Safety-Last-OmU-Harold-Lloyd/dp/B004KCG24M/ref=sr_1_4?s=dvd&ie=UTF8&qid=1321272921&sr=1-4

http://www.amazon.de/Harold-Lloyd-Kurzfilme-Langfilme-DVDs/dp/B0032DB1UA/ref=sr_1_2?s=dvd&ie=UTF8&qid=1321472741&sr=1-2