Monat: Juli 2010

DVD-Kritik: BECOMING CHARLEY CHASE

Über den sträflich vernachlässigten US-Komödianten Charley Chase habe ich für diesen Blog schon einige Lobhudeleien verfasst. Chases Filme sind auf DVD schwer zu finden – immerhin gibt es  inzwischen in den USA drei DVD-Editionen mit einigen seiner Stummfilmen zu kaufen. Sogar in Deutschland sind einige seiner besten Werke erschienen – allerdings wild verstreut auf Kinowelts Laurel & Hardy-DVDs, als Zugaben.

Grosses Echo löste die vier-DVD-Edition Becoming Charley Chase aus, die letztes Jahr in den USA erschienen ist. Endlich mal Chase satt, freuten sich die Fans.

Doch leider ist die Box eine bittere Enttäuschung. Kompiliert wurden nämlich Chases frühe Filme – von seinen Anfängen in den eher primitiven Klamotten des Mack Sennett über die Jimy Jump-Einakter für Hal Roach bis zu Filmen, die kurz vor dem Zeitpunkt der grandiosen CharleyChase-Zweiakter entstanden. Becoming Charley Chase – „Das Werden des Charley Chase“ könnte der Titel übersetzt werden. Und tatsächlich wird dieses Programm eingelöst: Der Werdegang dieses Komikers wird anhand seiner frühen Filme nachvollziehbar.

Doch wen interessiert das ausser den paar ganz wenigen Chase-Aficionados?

Nach der Visionierung der vier DVDs kann ich meine Enttäuschung nicht verbergen. Die Enttäuschung beschränkt sich nicht auf den schwachen Inhalt der Box; sie entspringt auch der Tatsache, dass vier DVDs mit zweitklassigem Chase-Schrott auf den Markt gebracht werden, während so viele grossartige Filme dieses vergessenen Komödianten und Regisseurs weiterhin unzugänglich bleiben. Darüber hinaus tut man dem Mann keinen Dienst: Wer diese Box kauft, bekommt ein völlig falsches Bild und wird keine weiteren Chase-Filme mehr sehen wollen.

Sogar das Bonusmaterial enntäuscht: Die 45-minütige Retrospektive über Chases Leben und Karriere beschränkt sich auf vernuschelte Expertenaussagen und Auschnitte von Filmen aus der Box. Und die Audiokommentare beschränken sich zum Teil auf Belanglosigkeiten wie das Benennen von durchs Bild trudelnden Komparsen und Nebendarstellern.

Also: Finger weg und auf zu Kino: Die bieten zwei DVDs mit echten Chase-Perlen an. Auf den grossen Rest warten wir weiterhin geduldig.
Michael

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SITTIN’ PRETTY (1924)

USA 1924
Regie: Leo McCarey
Mit Charley Chase, James Parrott, Leo Willis u.a.
Dauer: 10 min

Mein Lieblingsfilm der Marx-Brothers war schon immer Duck Soup (1933), vor allem wegen der wundervollen Spiegelszene, in welcher Groucho von seinen Brüdern mit einem imaginären Spiegel genarrt wird.

Aber oh – die Szene stammt ursprünglich aus dem Charley Chase-Film Sittin’ Pretty. Der Vergleich ist verblüffend: Bei Chase kommt fast exakt dasselbe vor – dieselben Gags, ja, z.T. sogar dieselben Bewegungen! Sie ist nur kürzer.

Die Marxens hatten die Sequenz genau kopiert, zusätzlich ausgebaut und verfeinert. Interessant daran ist, dass der Regisseur Leo McCarey sowohl bei Sittin’ Pretty als auch bei Duck Soup Regie führte!

Doch nun zu Sittin’ Pretty: Die erwähnte Spiegelsequenz ist das Zentrum des Films; der ganze Rest dient eigentlich nur dazu, sie herzuleiten. Dieser Umstand  wird allerdings hervorragend von einem absolut unvorhersehbaren und wunderschön aufgebauten Storyverlauf kaschiert.

Zunächst sehen wir Jimmy Jump (Charley Chase) beim Haus seiner Geliebten (Beth Darlington) vorfahren, einer Polizistentochter. Sofort macht sich ein Dieb (Leo Willis) an seinem Auto zu schaffen. Jimmy will den Vater seiner Angebeteten rufen, doch der sitzt gerade in der Wanne. Idee: Jimmy soll kurz in die Uniform des Schwiegerpapas in spe schlüpfen und den frechen Räuber vertreiben. Leider hat dieser das störrische Auto inzwischen in Gang gebracht und braust davon, Jimmy auf seinen Fersen.

So, nun befindet sich Jimmy Jump, als Polizist verkleidet, mitten in der Stadt. Der Dieb lässt sich von Jimmys Uniform nicht erschrecken, im Gegenteil, er insistiert auf einer Verhaftung und schleppt den protestierenden Jimmy zum nächsten Polizeiposten.

Kaum eingetreten, formiert sich ein Polizeitrupp, der sich unseren Helden sogleich einverleibt. Charley wird wie ein Stück Treibgut auf Mörderjagd mitgeschleppt und findet sich schon bald dem gesuchten bärtigen Mörder (gespielt von Charleys Bruder James Parrott) gegenüber, mit dem er in die eingangs erwähnte Spiegelszene verwickelt wird.

Der Film läuft ab wie ein Uhrwerk, und man fühlt sich mehr als einmal an Buster Keaton erinnert. Jede Szene führt völlig logisch zur nächsten, die Ereignisse lassen sich, einmal in Gang gesetzt, weder rückgängig machen, noch aufhalten. Charley/ Jimmy wird von ihnen unaufhaltsam in dieses Haus gespült, in dem sich der irre Mörder aufhält, direkt vor diesen Spiegel, vor dem er die Routine abliefern soll, welche die Marx Brothers neun Jahre später kopieren und mit der sie Filmgeschichte schreiben.

Und Charley Chase? Ist heute vergessen. So ungerecht kann Filmgeschichte sein!

Die DVD: Der Film ist auf der 4-DVD-Edition Becoming Charley Chase zu finden.
Die Bildqualität der verschiedenen enthaltenen Kurzfilme ist unterschiedlich, bei Sittin’ Pretty lässt sie etwas zu wünschen übrig (siehe obige  Screenshots). Die Musikbegleitung des Snark Ensembles ist sehr schön und verhilft den Vorzügen dieses Film zu ihrer Geltung.

Die DVD-Box stammt von Allday Entertainment, es gibt sie hier für $39.99 zu kaufen.

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POIL DE CAROTTE (1925)

( dt.: Rotfuchs)
Frankreich 1925
Darsteller: André Heuzé, Henry Krauss, Charlotte Barbier
Regie: Julien Duvivier
Dauer: 108 Minuten

Am Ende des Films sieht man Vater und Sohn, Hand in Hand  miteinander dahinwandern.
Aber bis es so weit ist, muss erst ein langer Weg zurück gelegt werden. Davon erzählt dieser Film.

Monsieur Lepic will sich zum Bürgermeister wählen lassen. Aber bevor es so weit kommt, wirft ihm sein Gegner vor, wie soll er den eine ganze Gemeinde verwalten können, wenn er schon bei sich zu Hause nichts im Griff hat. Seine Frau behandelt seinen jüngsten Sohn Francois sehr schlecht, seine Tochter Ernestine ist zu nichts zu gebrauchen und sein älterer Sohn Felix ist eine Schande für den Ort, da er ein zweifelhaftes Verhältnis zu der Sängerin Maria hat, die ihn obendrein nur ausnützen will, da seine Familie wohlhabend ist und sie durch Felix an das Geld herankommen möchte und der ist auch bereit es für Maria heimlich zu entwenden.

Frau Lepic liebt ihre zwei älteren Kinder, der jüngste auch „Rotfuchs“ genannt, ist für sie nur hässlich und abstoßend.
Das Verhältnis von Vater und Sohn ist zwiespältig. Francois mag ihn gern, sein Vater jedoch verhält sich ihm gegenüber meistens gleichgültig, nur manchmal fragt er ihn, ob er mit ihm mitkommen mag, zum Beispiel aud die Jagd.
Francois lebt allein in seiner Welt. Nur die um einige Jahre jüngere Mathilde, ein Mädchen aus der Nachbarschaft und Annette, das Dienstmädchen mögen ihn.

Seine Mutter macht alles um ihn zu quälen und bloßzustellen. Sie schickt ihn in die Finsternis hinaus, um den Hühnerstall abzusperren. Francois fürchtet sich vor der Dunkelheit und als er nicht gehen will, wird er als Feigling hingestellt. Auf dem Weg zum Hühnerstall sieht er, durch eine von der Finsternis veränderte Umgebung, furchtbare Gespenster die plötzlich von allen Seiten auf ihn einstürzen und ihn sogar noch in den Schlaf hinein verfolgen. Irgendwie haben diese Gespenster alle eine Ähnlichkeit mit seiner Mutter.
Dann muss er des Nachts aufstehen und findet, so verzweifelt er auch sucht seinen Nachttopf nicht und es gibt keinen Ausweg, den die Schlafzimmertür ist abgesperrt und schließlich kann er es nicht mehr zurückhalten. Als er wieder eingeschlafen ist, kommt seine Mutter und riecht sofort was geschehen ist, erst jetzt stellt sie den Nachttopf unter sein Bett und erzählt ihren zwei anderen Kindern, dass Francois nicht einmal den Nachttopf finden konnte. Das gibt Gelächter

Ein anderes Mal ist er mit seiner Mutter gerade beisammen, als sein Vater vorbeikommt und ihn fragt, ob er mit ihm kommen möchte. Er möchte schon gerne, aber seine Mutter fragt ihn: Wenn hast du lieber, deine Mutter oder deinen Vater. Da sieht Francois vor sich die Szene, wie oft seine Mutter ihn schmerzhaft verprügelt hat und aus Angst vor einer falschen Antwort sagt Francois, er habe sie lieber. Seine Mutter freut sich über die Antwort, den dadurch erhält ihr Mann eine Abfuhr.

Schöne Stunden erlebt er nur, wenn Annette ihn verteidigt oder ihm hilft. Eines Tages lädt sie Francois ein, zusammen mit ihr einen Spaziergang zu machen. Da gibt es viel Lustiges zu sehen und er wird ganz übermütig und tanzt und springt herum und am schönsten ist es, wenn er unterwegs Mathilde trifft und sie miteinander spielen können.
Die drei befinden sich gerade auf dem Rummelplatz und plötzlich ist Francois verschwunden und Annette sieht sich verzweifelt nach ihm um und das Ärgste befürchtend rennt Annette bestürzt davon, um es seinem Vater zu erzählen.

Vor diesem Ereignis sieht Francois fremde Eltern mit ihrem Kleinkind liebevoll spielen und das berührt ihn sehr, denn so etwas hat er in seinem Leben nie kennengelernt.
Er fühlt sich nun vollkommen ausgeschlossen von der Liebe seiner Eltern und beschließt daher Selbstmord zu begehen. Bald kann er nur noch denken, Dachboden, Balken und Strick.
Das wird für ihn zu einer fixen Idee und er geht auf den Dachboden und bindet den Strick am Balken fest und legt ihn sich um den Hals und als er den Stuhl unter sich wegschiebt, ist plötzlich sein Vater da und nimmt ihn in seine Arme und drückt ihn fest an sich und zeigt Francois zum ersten Mal seine Liebe mit den Worten: “Wir sind nun zu zweit”.

Zur Versöhnung gibt es noch eine Aussprache. Francois gesteht seinem Vater, dass er schon lange weiß, dass seine Mutter ihn hasst und er sie auch. Da erinnert ihn sein Vater daran, dass sie seine Mutter ist und er versuchen soll, sie etwas zu mögen.
Sein Vater erzählt ihm auch, dass er und seine Nutter sich bereits vor seiner Geburt auseinander gelebt haben und seine Mutter deswegen kein Kind mehr haben wollte und sie ihm daher von Geburt an ihre Ablehnung hat spüren lassen. Zum Schluß reichen sie einander die Hände und gehen zusammen auf die Straße hinaus.

Auf weite Strecken wird dieser Beziehungsfilm aus beobachtender Perspektive dargestellt, nur am Ende wird er gefühlvoller. Der vereitelte Selbstmord von Francois und der Lärm und Trubel des Rummelplatzes werden in Parallelmontage dargestellt.
Maria

Die DVD Ausgabe: Die Bildqualität ist sehr gut. Der Film ist mit den Original französischen Zwischentiteln versehen und man kann zwischen deutschen oder englischen Untertiteln auswählen.

Die Musikbegleitung: Die Originalmusik interpretierte Gabriel Thiboaudeau mit dem Octuor de France, neu für diese Bearbeitung.

Regionalcode: 2

Bestellung: Der Film ist in der Arte Edition bei Absolut Medien erschienen und ist bei jpc.de oder Amazon.de erhältlich. Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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