Tonfilm-Seitensprünge

Charley Chase und der Tonfilm

NEIGHBORHOOD HOUSE
USA 1936
Mit Charley Chase, Rosina Lawrence, Darla Hood, George Meeker, Gus Leonard, Ben Taggart u.a.
Regie: Charles Parrott (= Charley Chase) und Harold Law
Dauer: 20 min.

Den folgenden Artikel habe ich für die Dezemberausgabe des Schmalfilm-Fachblattes cine 8-16 verfasst. Er ist die Fortsetzung dieses Artikels.

Mit dem Regisseur Leo McCarey hatte Charley Chase in der Stummfilmzeit einen Mann zur Seite, der seine feine Art des Humors verstand und sein Gespür für die komische Dramaturgie teilte. Die Kurzfilme, die unter McCareys Regie entstanden, gehören zu Chases besten. Auch wenn McCarey später die Tatsachen zu seinen Gunsten umdrehte und behauptete, Chase hätte sein Handwerk von ihm gelernt, so lässt sich diese Aussage anhand von Chases Werk als selbstbeweihräuchernde Legende erkennen. Zur Zeit, da McCarey solches gegenüber Peter Bogdanovich verlauten liess, war Chase längst tot und in Vergessenheit geraten.

In Langfilmen kriegte Charley Chase nur Nebenrollen

Als Hal Roach Leo McCarey dem Team um die äusserst erfolgreiche Laurel & Hardy-Filmproduktion zuteilte, fielen Chases Filme tatsächlich ab. Doch das hatte, wie sich zeigen sollte, mehr damit zu tun, dass er nun mit Regisseuren arbeiten musste, die mit dem feineren Humor des Komikers nicht viel anzufangen wussten. Das komödiantische Timing dieser ersten Tonfilme ist meist ziemlich aus dem Tritt, was bewirkt, dass viele Gags trotz witziger Skripts nicht zünden.
Erst als Chase das Ruder in die Hand nahm und (unter seinem richtigen Namen Charles Parrott) selbst Regie führte, fand er zur Grösse seiner Stummfilmklassiker zurück. Es entstanden kleine Juwelen wie The Count Takes the Count, Four Parts oder Southern Exposure.
Der riesige Erfolg des Duos Laurel & Hardy zu Beginn Tonfilmzeit verwies Chase in die niedrigeren Ränge der Studiohierarchie. Chases zunehmendes Alkoholproblem, für welches Roach jegliches Verständnis abging, trug das seine dazu bei.

1936, nach einer grösseren Nebenrolle im Langfilm Kelly the Second schien die Zeit auch für Charley Chase reif, einen eigenen Abendfüller zu drehen. Seine Kollegen hatten diesen Schritt zum Teil längst vollzogen. Der Umstand, dass die Kurzfilme im Kinoprogramm an Bedeutung einbüssten, führte dazu, dass auch Hal Roach mit der Zeit ging und sein Studio zur Produktion von Abendfüllern umrüstete. Mit Stan Laurel und Oliver Hardy erprobte er diesen Weg auf eher zaghafte Weise seit 1931. Nun wurden immer mehr längere Filme projektiert, viele davon ohne Mitwirkung seiner hauseigenen Komödienstars. So entstand 1937 etwa die Geisterkomödie Topper, mit dem gerade zu Starruhm aufsteigenden Cary Grant in der Hauptrolle, oder 1940 der Steinzeit-Knüller One Million B.C. mit Victor Mature und Lon Chaney, jr.

Chases erstes eigenes Langfilmprojekt, 1936 in Angriff genommen, stand von Beginn weg unter keinem guten Stern. Es sollte sein einziges bleiben.
MGM, welche Roachs Filme vertrieb, opponierte dagegen, weil man Chase keinen Erfolg im Langfilmformat zutraute. Und Roach, dem die zunehmend schwindende Gesundheit seines Stars nicht entging, suchte offenbar nach einer Gelegenheit, ihn loszuwerden (Chase war nicht nur Workaholiker sondern auch Alkoholiker). So gab Roach den Bedenken MGMs nach und liess den fertiggestellten Film schliesslich auf zwanzig Minuten zusammenschneiden und unter dem Titel Neighborhood House als regulärer Charley Chase-Kurzfilm in die Kinos bringen – und das obwohl die Publikumsreaktionen in den Previews durchs Band positiv waren.

Produzent Hal Roach befand sich damals auf Expansionskurs

1937 entliess Roach Chase – angeblich wegen des missglückten Langfilmprojektes. Der wahre Grund dürfte aber die Trunksucht des Stars gewesen sein, ein Makel, dem Roach keinerlei Verständnis entgegenzubringen vermochte. Dem Stummfilmkomiker Lloyd Hamilton etwa, der zu Beginn der Tonfilmzeit verzweifelt nach einer neuen Anstellung suchte, erteilte Roach ausschliesslich wegen seinem Alkoholproblem eine Absage.
So fand Chase bei Columbia Pictures eine neues „Heim“, wo er aber weiterhin nur Kurzkomödien drehen konnte. Nebenbei inszenierte er dort einige der besten Filme mit den „Three Stooges“.
Als 1939 sein Bruder James Parrott an Herzversagen starb, brach für Charley eine Welt zusammen. Obwohl – oder eher: weil – er trotz seines Gemütszustandes und der sich durch das einschneidende Ereignis noch verschärfenden Alkoholproblems wie ein Besessener weiterarbeitete, ereilte ihn nur ein Jahr später dasselbe Schicksal: 1940 starb Charles Parrott, der Welt bis dahin besser bekannt als Charley Chase, an Herzversagen. Er wurde 46 Jahre alt. Heute ist er vergessen.

Neighborhood House
Die im obigen Artikel erwähnte kurze Fassung von Neighborhood House, die Charleys letztes Filmprojekt für Hal Roach werden sollte, erschien in den Siebzigerjahren auf Super8 und auf 16mm, herausgebracht von Blackhwk Films, Iowa. Somit ist das Werk heute zwar nicht auf DVD, dafür aber auf dem Schmalfilmmarkt noch immer greifbar – auch wenn der Titel nur selten bei eBay und Co. auftaucht.
Das zusammengekürzte Langfilmprojekt überrascht auf den ersten Blick durch den Umstand, dass man – bis auf den abrupten Schluss – kaum Kürzungen bemerkt und die Schnittfassung wunderbar als Kurzfilmkomödie funktioniert. Dies liegt wohl in der Episodenhaftigkeit der ursprünglichen Fassung begründet, welche einen missglückten Tombola-Abend mit Familie Chase zum Thema hatte.

Die Kurzfassung davon gehört ironischerweise zu den besten Tonkurzfilmen dieses vergessenen Komödianten. Sie lässt zumindest erahnen, was uns – wohl für immer – mit der verschollenen Langfassung vorenthalten bleibt.
Die in der Nachbarschaft äusserst beliebte Familie Chase – Charley, seine Gattin und Töchterchen Mary (gespielt von Darla Hood von den „kleinen Strolchen“) – machen sich für eine sogenannte „Bank Night“ bereit. Eine „Bank Night“ fand damals in einem lokalen Kino statt und war eine Art Tombola mit Preisverleihung, die im Anschluss an die Filmvorführung abgehalten wurde.
Neigborhood House – eine Art erweitertes Tonfilmremake des ebenfalls auf Schmalfilm erhältlichen Chase-Stummfilms Movie Night – zeigt nun auf äusserst vergnügliche Weise eine Vielzahl von Missgeschicken, die einer Familie im Kino widerfahren können.

Als es schliesslich zur Zeihung der Glückszahl kommt – 500 Dollar sind zu gewinnen – bittet der Manager ein Kind als Glücksfee nach vorne. Charleys Tochter spaziert zur Bühne, zieht ein Los – und liest die Loszahl ihres Vaters ab. Allerdings nicht vom Los sondern von ihrem Handrücken, auf den sie Charleys Zahl vorher notiert hatte, um ihrem vergesslichen Vater zu helfen. Der Saal tobt. Schliesslich wird die Zahl des gezogenen Loses gelesen – es ist die Zahl von Charleys kleiner Tochter. Der Saal tobt noch mehr.
Als schliesslich beim dritten Anlauf die Zahl von Charleys Gattin gezogen wird, verwandelt sich die nette Nachbarschaft in einen wütenden Mob…

Glücksfee sorgt für Unannehmlichkeiten (vorne: Darla Hood, Charley Chase und George Meeker)

Neigborhood House lebt, wie alle Tonfilme von Charley Chase, von den vielen originellen und witzigen Einfällen am Rande. Etwa die „Murmel-Szene“, in der Charley mit seinem Zahlengemurmel die anderen Kinogäste durcheinander bringt, so dass sich zuletzt alle murmelnd an ihre eigene Zahl zu erinnern versuchen, und der gerade gezeigte Kinofilm in einem babylonischen Zahlgebrabbel untergeht.
Oft lässt sich die Qualität einer Sequenz gar nicht in Worte fassen, hier etwa die Sequenz, wo das Publikum gegenüber verschiedenen Glücksfeen sein Misstrauen äussert – das ist derart lustig „choreografiert“, dass man es schon sehen muss, um zu verstehen.

Und damit sind wir bei der Super8-Filmkopie von Blackhawk Films.
Sie präsentiert den Film in seiner vollen Erstaufführungs-Fassung, aber ohne die originalen Anfangstitel. Blackhawk ersetzte diese stets durch eine eigene Titelsequenz mit dem Blackhawk-Firmenlogo – damit sollten Raubkopien verhindert werden. Das ist schade, denn die Filme aus dem Hal Roach-Studio waren immer mit liebevollen, aufwändig gestalteten „title cards“ versehen.
Die Bildqualität lässt sich als gut bezeichnen. Die Bildschärfe ist auf dem Stand der Möglichkeiten von damals (Ende der Siebzigerjahre), und auch Kontrast und Tiefenschärfe stimmen für damalige Verhältnisse.
Der Ton hingegen lässt – jedenfalls auf der zur Rezension beigezogenen Kopie – stark zu wünschen übrig. Einige Male fällt er kurzzeitig aus, die restliche Zeit kommt er recht dumpf und undeutlich herüber, was die Verständlichkeit erschwert – zumal Englisch gesprochen wird. Da die Tonqualität der Blackhawk-Ausgaben aber in der Regel sehr gut ist, vermute ich, eine „Substandard-Kopie“ dieses Films erwischt zu haben. Ich versuche seit Jahren, an eine andere zu gelangen, was sich allerdings bei diesem offenbar sehr seltenen Film als schwierig erweist.

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Tonfilm-Seitensprung: Ein Butler wird Mensch

RUGGLES OF RED GAP
(dt.: Ein Butler in Amerika)
USA 1935
Mit Charles Laughton, Charlie Ruggles, Mary Boland, ZaSu Pitts, Roland Young, Lucien Littlefield u.a.
Regie: Leo McCarey
Dauer: 85 min

Ein heute sträflich vernachlässigter Komödien-Klassiker, der durchaus als Vorläufer von Frank Capras vier Jahre später entstandene Werke um Mr Deeds, Mr Smith oder John Doe gelten kann und der einen ganz ähnlichen Geist von utopischem Sozialhumanismus atmet, ist Leo McCareys 1935 entstandener Ruggles of Red Gap. Im europäischen Raum war er bislang nur auf einer DVD der französischen BAC-Films greifbar (er erschien in deren Reihe Hollywood Comédie); nun hat die englische Firma Eureka den Film in sein exklusives Masters of Cinema-Programm (MoC) aufgenommen – eine Ehre, die ihm zweifellos gebührt!

Ruggles of Red Gap ist zuerst einmal ein Roman-Serial, das der Autor Harry Leon Wilson 1914 für die Saturday Evening Post verfasst hatte. Als es ein Jahr später in Buchform erschien, wurde das Werk sofort zum Bestseller. Noch im selben Jahr entstand am Broadway eine mässig erfolgreiche Musical-Version, eine Verfilmung folgte drei Jahre später (mit Taylor Holmes als Ruggles).
1923 drehte Regisseur James Cruze eine Neufassung mit Edward Everett Horton und Ernest Torrence in den Hauptrollen (ein Stummfilm mit Traumbesetzung, der auf meine Wunschliste kommt).

Komödienerprobter Regisseur: Leo McCarey

Leo McCarey zeichnete für Inszenierung des Tonfilmremakes verantwortlich. Sein grosses Talent als Komödienregisseur konnte McCarey in Hal Roachs Lot of Fun, zusammen mit Komödianten wie Charley Chase und Stan Laurel & Oliver Hardy zur Perfektion ausbilden. Vor der Kamera sorgten zudem komödiantische Vollprofis für den Erfolg von Ruggles of Red Gap, und den beiden Autoren Walter DeLeon und Harlan Thompson gelang eine schlichtweg grossartige Adaption von Wilsons Roman. So wurde Ruggles of Red Gap zur absolut „runden Sache“, die zumindest in ihren komödiantischen Elementen noch heute frisch und unwiderstehlich komisch wirkt.

Der treue Butler Ruggles erfährt eines Morgens von seinem verkaterten „Master“, dem Earl of Burnstead (Roland Young), dass dieser ihn beim Poker an ein amerikanische Ehepaar verloren habe. „Poker, Sir?“ fragt der Butler, der sein Entsetzen und seine Abscheu nur mühsam verbergen kann. „America – a country of slavery,“ ist sein nächster gequälter Gedanke.
Dass er ausgerechnet im „Sklavenland“, in einem abgelegen Kaff des wilden Westens notabene, lernt auf eigenen Beinen zu stehen, ist eine Ironie, deren patriotistischer Hintergrund auf heutige Zuschauer eher schal wirkt. Die USA , das „Land of the Free“, wo Butler zu selbstbestimmten Menschen werden – diese zentrale Botschaft könnte geschichtsbewusste Kinogänger stören. Doch sie ist – mit Ausnahme einer kurzen Sequenz – recht unaufdringlich verpackt und wird mit derart viel Charme und inszenatorischem wie schauspielerischem Talent überbracht, dass man sich eigentlich nicht beklagen kann.
Man spürt den Stolz der Macher auf ihr Land (und erinnert sich dadurch an so manchen US-Film, der einem dadurch vergällt wurde), er ist sogar zentrales Element des Films, doch der Patriotismus wirkt aus heutiger Sicht angestaubt, man kann ihn nicht mehr ernst nehmen. Wir haben es hier mit einem Paradox zu tun: Mit einem heute noch frisch und frech wirkenden Film, dessen Grundaussage Staub angesetzt hat.

Es erübrigt sich, darüber zu diskuteren, ob Regisseur McCarey im Grunde seines Herzens ein Reaktionär war oder nicht. Es spielt – zumindest für diesen Film keine Rolle, da er durch seine herrlichen Dialoge, die exakt getimte Komödiendramaturgie und durch ein durchs Band grandioses Schauspielerteam glänzt, sosehr, dass die eigentliche Aussage aus zeitlicher Distanz zur Nebensache wird. Der Film macht Spass, weil jede Minute durchscheint, was für einen Heidenspass die Beteiligten dabei hatten. Und der reaktionäre Part hält sich dabei so dezent im Hintergrund, dass er weniger aufmerksamen Kinogängern glatt entgehen kann.

Charles Laughton hebt an zentraler Stelle zu einer Amerika-Hymne an und liefert damit die oben erwähnte kurze Sequenz pentranten Patriotismus‘. Laughton rezitiert Abraham Lincolns  „Gettysburg Adress“, eine Grussbotschaft, welche Lincoln anlässlich der Errichtung eines Soldatenfriehofs in Gettysburg im Jahre 1863, mitten im Getöse des amerikanischen Bürgerkriegs an die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung richtete. Die Sequenz stört nicht allzusehr, das sie, wie eigentlich fast alles in diesem Film, ironisch gebrochen wird: Keiner der im Saloon anwesenden Amerikaner kann sich an den Inhalt von Lincolns Rede erinnern; der englische Butler jedoch weiss sie auswendig.
Bezeichnenderweise liebten die Amis Laughton dafür, und er musste Lincolns Rede Zeit seines Lebens immer wieder zum besten geben, im Fernsehen, im Radio und auf Schallplatte. Im Film sieht das folgendermassen aus (Übersetzung siehe unten):

Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, um zu erproben, ob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft bestehen kann. Wir haben uns auf einem großen Schlachtfeld dieses Krieges versammelt. Wir sind gekommen, einen Teil dieses Feldes jenen als letzte Ruhestätte zu weihen, die hier ihr Leben gaben, damit diese Nation leben möge. Es ist nur recht und billig, dass wir dies tun. Doch in einem höheren Sinne können wir diesen Boden nicht weihen – können wir ihn nicht segnen – können wir ihn nicht heiligen. Die tapferen Männer, Lebende wie Tote, die hier kämpften, haben ihn weit mehr geweiht, als dass unsere schwachen Kräfte dem etwas hinzufügen oder etwas davon wegnehmen könnten. Die Welt wird wenig Notiz davon nehmen, noch sich lange an das erinnern, was wir hier sagen, aber sie kann niemals vergessen, was jene hier taten. Es ist vielmehr an uns, den Lebenden, dem großen Werk geweiht zu werden, das diejenigen, die hier kämpften, so weit und so edelmütig vorangebracht haben. Es ist vielmehr an uns, geweiht zu werden der großen Aufgabe, die noch vor uns liegt – auf dass uns die edlen Toten mit wachsender Hingabe erfüllen für die Sache, der sie das höchste Maß an Hingabe erwiesen haben – auf dass wir hier einen heiligen Eid schwören, dass diese Toten nicht vergebens gefallen sein mögen – auf dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben – und auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge.

Also: Wer je auf diesen Film stösst – unbedingt ansehen! Der grandiose Charles Laughton ist ein Grund, sich irgendeinen einen mittelmässigen Film anzuschauen. Hier wird er von einer Truppe nahezu gleichwertiger Akteure sekundiert und von einem Regisseur in Szene gesetzt, der die Komödie von der Pike auf gelernt hat. Ruggles of Red Gap ist in erster Linie eine herrliche Komödie und als solche sollte er genossen werden. Über den „Sinn“ dahinter kann man heute getrost hinwegsehen. Darüber zu brüten führt jedenfalls nicht allzu weit.

Tonfilm-Seitensprung: Mel Gibson und die Handpuppe

Nach einer schönwetterbedingten (fast) filmabstinenten Sommerpause nehme ich die Arbeit an meinem Blog wieder auf. Ich hoffe, der eine oder andere Stammleser erinnert sich noch an mich…
Es wird wohl, soviel kann ich für die neue Saison voraussagen, grössere zeitliche Abstände zwischen meinen Beiträgen geben als noch vor der Pause, aber da die Filmblogs allenthalben spriessen, wird dieses dem Lesestress entgegenwirkende Vorhaben wohl eher positiv aufgenommen – so hoffe ich jedenfalls.
Den Wiederbeginn wage ich mit einem Film, den ich schon lange gern sehen wollte, mit

THE BEAVER
USA 2011
Mit Mel Gibson, Anton Yelchin, Jodie Foster, Jennifer Lawrence u.a.
Regie: Jodie Foster
Dauer: 91 min
Die DVD zum Film ist im deutschsprachigen Raum erschienen.

Mel Gibson redet einen ganzen Film lang mit einem Biber – diese Prämisse hätte nach Wunsch der Produzenten massenweise neugieriges Publikum anlocken sollen. Doch die Aushangfotos in den Kinos zeigten deutlich, dass es sich beim titelgebenden Biber nicht um eine computeranimierte Figur, sondern um eine Handpuppe handelt. Das hat wohl die meisten abgeschreckt, was dazu führte, dass der von Jodie Foster inszenierte Film an der Kinokasse floppte. Wer will denn im Kino schon ein Kasperltheater sehen?

Natürlich ist The Beaver weit davon entfernt und die Handpuppe hat ihren festen Platz in der Dramaturgie, die nicht, wie fälschlich erwartet werden kann, den Mustern der Komödie folgt, sondern ein zunehmend komplexeres Drama entrollt. The Beaver erzählt die Geschichte einer Depression, die sich zur Schizophrenie entwickelt. Klingt interessant – und man hätte daraus einen aussergewöhnlichen Film machen können.

Das Drehbuch stammt von Kyle Killen, einem Kino-Newcomer, der bislang als Produzent und Autor der Fernsehserien Lone Star und Awake in Erscheinung getreten ist.
Das lässt aufhorchen. Unverbrauchte Talente geniessen in Hollywood manchmal erstaunliche Freiheit. Hier war dies leider nicht der Fall. Nach interessanten siebzig Minuten kippt The Beaver im letzten Drittel und versimpelt zur eintönigen Hollywood-Seifenoper, in der die Werte der Familie abgefeiert werden. Dass dabei die Plausibilität der Geschichte leidet und die guten Absichten des Autors, ernsthafte gesellschaftliche Probleme zu thematisieren und einem breiten Publikum verständlich zu machen, bachab geschickt werden, vergällt einem den Film und desavouiert dessen positiven Ansätze.

Es ist schwierig, nachzuvollziehen, wo das Problem zu orten ist; die Macher hüllen sich in Schweigen. Dass der Haken beim Originaldrehbuch liegt, legt die Tatsache nahe, dass The Beaver ursprünglich eine Komödie mit Steve Charell hätte werden sollen. Obwohl es komödiantische Passagen gibt, ist der fertige Film davon meilenweit entfernt. Der Weg in Richtung Seriosität, den die Macher schliesslich einschlugen, wird aber nicht konsequent abgeschritten; bei der nächstbesten Biegung hauen sie  mit ihrem Stoff ab in Richtung simplifizierenden Mainstream.

The Beaver handelt von Walter Black, Spielzeugfabrikant und Familienvater, der für alle unerklärlich, in einer tiefen Depression versinkt. Der Film setzt ein, als Walter sich längst abhanden gekommen ist, schildert kurz das Ausmass seiner Krankheit und stellt sein Umfeld vor: Die Ehefrau Meredith, die sich mit Arbeit von der Ehekrise ablenkt, den älteren Sohn Porter, der gegen hohe Summen seinen Mitschülern die schriftlichen Aufgaben abnimmt und Listen anlegt mit Eigenschaften, die er an seinem Vater hasst, den jüngeren Sohn Henry, den des Vaters Veränderung verstört zurücklässt. Auch in die Firma erhält man kurz Einblick, die ihren Chef still und leise durch die Vizedirektorin ersetzt hat.
Nach der Trennung von seiner Familie entdeckt Walter die Handpuppe, den titelgebenden Biber. Er streift sie sich über die Hand – und sie spricht zu ihm. Mit australischem Akzent.

Natürlich ist es Walter selbst, der redet; die Puppe gibt ihm Gelegenheit, sich indirekt zu äussern. Er redet mit verstellter Stimme und fremdem Akzent und äussert sich über sich selbst – kurz: Er wird zum Biber und betrachtet sein Leben „von aussen“. Das hat therapeutische Wirkung: Der Biber übernimmt und Walter lebt auf. Er kehrt zu seiner Familie und in die Firma zurück. Walters Umwelt akzeptiert den Biber zunächst als therapeutisches Mittel. Als aber klar wird, dass Walter ohne seine Handpuppe nicht mehr existieren kann, bahnen sich neue Konflikte an. In der stärksten Szene des Films fordert Gattin Maredith Walter bei einem tête-à-tête auf, die Handpuppe wegzulegen und als ihr Ehemann mit ihr zu kommunizieren. Diese Forderung löst bei Walter eine Panikattacke aus, entsetzt flüchtet er aus dem Restaurant. Er erkennt mit einem Schlag, dass eine Persönlichkeitsspaltung stattgefunden hat. Walter ist sozusagen zur Handpuppe des Bibers geworden.

Wie Gibson das spielt, ist schlichtweg hervorragend! So gut hat man den australischen Schauspieler nie gesehen. Sein Spiel ist – und da kommen wir zum Kernpunkt dieser Rezension – das Einzige, was diesen Film lohnt.
Die Geschichte ist -trotz guter Ansätze – „soap“. Der Rest der schauspielerischen Crew bleibt blass. Die Regie ist brav und kaum ambitioniert. Aber Gibson haut den Film ‚raus, er spielt auf Teufel komm ‚raus den psychisch Abstürzenden mit einer fast beängstigenden Glaubhaftigkeit und dem Mut des Gefallenen. Nach seinen antisemitischen, frauenfeindlichen und homoophoben verbalen Ausschreitungen zur persona non grata erklärt und für fünf Jahre aus der Filmwelt verbannt, hat er nichts mehr zu verlieren und spielt gegen sein früheres Helden-Image an.

Was den Film zum Absturz bringt, ist wie bereits erwähnt, unklar. Haben die Produzenten im Drehbuch herumgepfuscht? Hat der Autor selbst Angst vor seinem Mut bekommen und das zunächst eindrückliche Psychogramm eines Schizophrenen selbst zum Feelgood-Familienfilm verwässert? Oder war es in seiner ursprünglichen Komödienform von Beginn weg so angelegt gewesen? Es lässt sich momentan nicht eruieren. Erst wenn genügend Zeit verflossen ist äussern sich die Beteiligten machmal zu den wahren Hintergründen einer Filmproduktion. Doch dann wird The Beaver wohl bereits der Vergessenheit anheim gefallen sein.