Der Herr der sieben Meere – 1940

Ein Filmklassiker auf dem Prüfstand
THE SEA HAWK
USA 1940
Mit Errol Flynn, Brenda Marshall, Flora Robson, Claude Rains, Henry Daniell, Alan Hale u.a.
Drehbuch: Howard Koch und Seton I. Miller
Regie: Michael Curtiz
Studio: Warner Bros.
Dauer 122 min
Der Film gelangte erst nach dem 2. Weltkrieg in die deutschen Kinos: 1948 hatte er seine deutschsprachige Premiere, unter dem Titel Der Herr der sieben Meere.

Vorspann:
Die titelgebenden „Sea Hawks“ sind Piratenschiffe, die inofiziell im Dienst der Königin von England stehen und die Expansionpläne des spanischen Königs durch Schwächung seiner Seemacht stören sollen. Der Film zeigt die Abenteuer des „Sea Hawks“ Thorpe (Flynn), der im Auftrag der Königin in Panama einen spanischen Goldtransport überfallen soll, dort aber dank einer Intrige am englischen Hof mit seiner Besatzung  in spanische Gefangenschaft gerät…

Der Film:
Errol Flynn und Michael Curtiz hatten elf erfolgreiche Filme zusammen gedreht, u.a. Captain Blood (dt.: Unter Piratenflagge, USA 1235), The Adventures of Robin Hood (dt.: Robin Hood, König der Vagabunden; USA 1938) – ein Dream-Team, müsste man meinen. Doch weit gefehlt, die beiden kamen nicht aus miteinander (es gibt böse Zungen, die behaupten, mit Michael Curtiz sei niemand ausgekommen).
Curtiz war ein detailbesessener Pedant, der zudem als arrogant verschrien war, Flynn dagegen ein Luftibus, der sich nicht gross um Drehpläne und Dialogzeilen kümmerte. Wo denn genau der Erfolg der Flynn-Curtiz-Filme liegt, ist schwer zu eruieren. Im Falle von The Sea Hawk trägt Flynn meines Erachtens nicht viel zum Gelingen bei; es ist Curtiz Regieleistung, für die ich mich begeistern kann.

Und das war’s auch schon. Die anderen Komponenten lassen mich eher kalt. Der Film hat einen grandiosen Look, es wurden keine Kosten gescheut, ausstattungstechnisch so richtig zu klotzen (u.a. wurden zwei historische Schiffe in Originalgrösse nachgebaut), und Curtiz setzt das alles so pittoresk und wirkungsvoll wie möglich in Szene – der Schauwert ist enorm. Wenn hunderte von Piraten sich an einem wahren Gewirr von Seilen zur spanischen Fregatte hinüberschwingen, dann ergibt das ein unvergessliches Bild.
Doch der Schauwert erschöpft sich, wenn die Figuren eindimensional bleiben, die Story nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Clichées ist und die Handlung Meilen im Voraus vorhersehbar ist. Und das ist in The Sea Hawk leider der Fall. Kein Mensch versteht, weshalb eine ganze Schiffsladung voll Seebären diesem Captain Thorpe, der übrigens stets bestens rasiert ist und von dessen tadelloser Frisur nie auch nur ein Häärchen absteht, weshalb sie diesem Jungchen vor Loyalität blind in all seinen Unternehmungen folgen. Hier wird deutlich, dass heutige Kinogänger ganz andere Ansprüche an eine filmische Erzählung stellen als damals; die Psychologie muss stimmen. Das tut sie hier hinten und vorne nicht,weshalb The Sea Hawk bei allem Unterhaltungs- und Schauwert gehörig verstaubt wirkt.

Es gibt einiges zu bemängeln an diesem Film: Brenda Marshalls Rolle etwa (sie ist komplett überflüssig, man spürt, dass fürs Publikum noch eine Frau und eine Liebesgeschichte ‚reingepackt werden musste); oder Brenda Marshalls mangelnde Schauspielkunst. Auch Claude Rains‘ Rolle ist nicht klar: Weshalb wird eine relativ unwichtige Figur, die im letzten Drittel plötzlich aus dem Film verschwindet mit einem derart hochkarätigen Schauspieler besetzt und weshalb wird dieser mit einer lächerlichen Maske auch noch fast unkenntlich gemacht? Erich Wolfgang Korngolds Musik zählt zwar zu seinen besten „scores“ und wurde auch für einen Oscar nominiert, nervt aber mit repetitivem Hurra-Gedönse.
Es gibt aber auch Einiges positiv hervorzuheben: Flora Robson als Queen Elizabeth brilliert und dominiert den Film schauspielerisch, ebenso Henry Daniell als ränkeschmiedender, dandyhafter Lord Wolfingham. Zudem ist der Film historisch gesehen von Interesse, weil er zu den ersten US-Kriegspropagandafilmen gehörte (das expansive Spanien ist unschwer als „Synonym“ für Nazi-Deutschland zu erkennen).
Für mich vermögen die Vorzüge die Schwächen des Films allerdings nicht aufzuwiegen. Ich ordne The Sea Hawk deshalb der Kategorie „verstaubter Klassiker“ zu. In seiner Zeit war er unglaublich erfolgreich und beliebt, doch der Lauf der Jahrzehnte hat es nicht gut mit ihm gemeint.

Nachspann:
-Der Film, der von Warner Home Video auch im deutschsprachigen Raum auf DVD veröffentlicht wurde, ist inzwischen vergriffen, ist aber gebraucht noch immer erhältlich, u.a. hier.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Ein vergessener Film:

Paradise for Three (dt.: Drei Männer im Paradies; Edward Buzzell, USA 1938) Mit Robert Young, Frank Morgan, Reginald Owen, Mary Astor, Florence Rice, Edna May Oliver, Herman Bing, Sig Ruman u.a.
1934 veröffentlichte Erich Kästner seinen Roman Drei Männer im Schnee. Dann kamen die Nazis und Kästner fiel in Ungnade. Es dauerte 21 Jahre, bis der Roman in Deutschland verfilmt wurde. Wohl die Wenigsten wissen, dass bereits 1936 zwei Verfilmungen entstanden – eine in der Tschechoslovakei und eine in Schweden! Zwei Jahre darauf zog auch Hollywood nach: Mit Robert Young, Frank Morgan und Reginald Owen als die „drei Männer“ und einigen Änderungen kam Kästners Roman 1938 unter dem Titel Paradise for Three in die US-Kinos. Der Autor hatte mit dem Drehbuch offenbar nichts zu tun, das übernahmen die Herren Dalton Trumbo (der die ursprüngliche Fassung schrieb, aber nicht in den Credits erwähnt wurde), Harry Ruskin und George Oppenheimer (die Trumbos ursprüngliches Drehbuch „verbesserten“).
Im Grossen und Ganzen blieb Kästners nette Geschichte erhalten, samt der Original-Namen der Hauptfiguren (der Film spielt in Oesterreich). Das Ganze ist leicht in Richtung Slapstick hin verschoben, zudem ist der Fokus viel weniger scharf als im Roman: Wo es Kästner um die Absurdität der Standesunterschiede geht, verbleibt der US-Film im Unverbindlich-Amüsanten stecken (welches ja im Buch auch vorhanden ist). Wunderbar gespielt und mit witzigen Dialogspitzen garniert, ist Paradise for Three eine durchwegs angenehme Film-Unterhaltung.

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4 Kommentare

  1. Sehe ich teilweise ähnlich, teilweise auch anders. Brenda Marshall ist sehr blass, vor allem im Vergleich zu Olivia de Havilland, die ja sonst immer diese Rollen an der Seite von Flynn gespielt hat. Aber die hatte 1940 gerade einen ihrer Kräche mit Warner Brothers und war vorübergehend vom Studio suspendiert. Und Flora Robson mit ihrem Pferdegebiss ist wirklich grandios. Auf einer Ebene mit Bette Davis, die die Königin kurz vorher in THE PRIVATE LIVES OF ELIZABETH AND ESSEX gespielt hatte (mit Flynn und de Havilland).

    Was ich an den Warner-Abenteuerfilmen der 30er und frühen 40er mag, ist ihre Flamboyanz (nicht nur bei Curtiz, sondern auch Raoul Walsh). Da stört mich aber fehlende oder unpassende Psychologie überhaupt nicht, denn die stand da gar nicht auf der Agenda. Selbst ein eigentlich absurder Film wie SANTA FÉ TRAIL kann da bei mir punkten. Und eine makellose Frisur bei Flynn stört mich auch nicht. Sein Robin Hood ist ja auch ein geschniegelter Schönling, obwohl er im Wald haust – aber er ist eben auch eine reine Kunstfigur. Selbst wenn Flynn reale Charaktere spielte, wie den Earl of Essex oder General Custer, waren das immer ziemlich artifizielle Figuren.

    Die Musik enthält vielleicht Hurra-Gedönse, aber die Soundtracks von Max Steiner, Franz Waxman oder Korngold haben auch immer sehr zur Dynamik der Massenszenen in diesen Abenteuerfilmen beigetragen.

    1. Danke für Deinen Kommentar, Manfred!
      Klar, die Psychologie war damals absolut kein Thema, schon gar nicht in einem für die Massen zurechtgeschneiderten Unterhaltungsfilm. Gesegnet jene, die darüber hinwegsehen können – die können solche Filme so richtig geniessen, wie sie gedacht waren.
      Mir kommt da immer der Kopf in die Quere – obwohl ich zuviel Psycholgie, oder besser: psychologisieren in einem Film auch wieder nicht ertrage…
      Aus demselben Grund habe ich Mühe mit in Plastik gegossene Kunstfiguren wie sie Errol Flynn in diesen Werken verkörperte.

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