Autor: gabelingeber

Kurzkritiken

Diese Woche ist es passiert, dass keiner der drei geplanten Filme das Zeug zum „Film der Woche“ hatte (8 Punkte oder mehr). Deshalb heute in aller Kürze:

Drei Kurzkritiken

THE NIGHT MY NUMBER CAME UP
England 1955
(dt.: Sie waren 13)
Mit Michael Redgrave, Alexander Knox, Denholm Elliott, Sheila Sim, u.a.
Drehbuch: R.C. Sherriff nach einer Geschichte von Victor Goddard
Regie: Leslie Norman
Musik: Malcolm Arnold
Der vergessene Film der Woche
Dieses unterhaltsam-spannende britische Flugzeug-Drama war mein Film-Highlight der Woche. In der Tat lassen sich die ersten zwei Drittel des Streifens interessant und vielversprechend an: Ein britischer Marine-Oberst erzählt anlässlich einer Abendgesellschaft in Hong Kong von einem Traum, der ihn in der vergangenen Nacht geplagt hatte. Darin kam ein mit 13 Personen beladenes Propellerflugzeug auf der Reise nach Tokyo vom Kurs ab und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Da einige Details genau auf einen am folgenden Tag geplanten Tokyo-Flug passen, macht sich bei jenen Gästen, die mit besagter Maschine fliegen sollen, ein leichte Unbehagen breit. Je näher der Flug kommt, desto mehr weitere Details bewahrheiten sich durch im letzten Moment vorgenommene Änderungen. Schliesslich ereignet sich praktisch alles genauso, wie der Marine-Oberst es geträumt hatte und die Katastrophe wird unabwendbar – nicht zuletzt dank der Bemühungen der Hauptbeteiligten, vernünftig zu bleiben.
Zunächst wähnt man sich in einem dieser schönen britischen Mystery-Filmen; zudem kommt die interessante Frage auf, ob unser Leben einer Vorbestimmung folgt. Doch leider lässt The Night my Number came up mit zunehmender Filmdauer nach und wird unerwartet oberflächlich und absehbar.
Was bleibt, sind gute schauspielerische Leistungen, eine gute Spannungsdramaturgie und atmosphärische Bilder.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7,5 / 10


VICEROY’S HOUSE

England 2017
(dt.: Der Stern von Indien)
Mit Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Manish Dayal, Huma Qureshi, Om Puri u.a.
Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Moira Buffini und Gurinder Chadha
Regie: Gurinder Chadha
Musik: A.R. Rahman
Der neue Film der indisch-britischen Regisseurin Gurinder Chadha (Bend It Like Beckham) beweist, dass diese durchaus auch aufwändige und teure Grossprojekte handhaben kann. Ihr neuster Streich, Viceroy’s House, spielt in Indien am Ende der Kolonialzeit, der Film fokussiertdieses Ende und zeigt auf, mit wieviel Leid und Schrecken der britische Rückzug aus der ehemaligen Kolonie verbunden war. Der Viceroy des Titels, Lord Mountbatten (Bonneville), der den Abzug zu organisieren hatte, steht zuletzt als Spielball der politisch Mächtigen vor den Ruinen seines eigentlichen Vorhabens, während das riesige Land in Unruhen und Gewaltakten unterzugehen droht und schliesslich auseinanderbricht.
Der geschichtlich-politische Teil von Viceroy’s House ist recht gut gelungen. Die Autoren schaffen es, den historischen Figuren Leben einzuhauchen und der Umstand, dass diese allesamt von hervorragenden Darstellern und Darstellerinnen verkörpert werden, ist ein weiterer Pluspunkt. Auch die Ausstattung kann sich sehen lassen.
Doch leider flechten die Macher eine Romeo-und Julia-Geschichte ein, die so plakativ und schnulzig daherkommt, dass man sich zeitweise im falschen Film wähnt. Die beiden Erzählebenen gehen partout nicht zusammen, und so irritiert Viceroy’s House immer wieder und desavouiert die Absichten der Filmemacher permanent. Man hatte wohl Angst vor zuviel politischem Stoff und beschloss, dem Leid der geteilten Nation (in Hindus, Sikhs und Muslime) ein Gesicht zu geben. Unnötig – die Bilder sprächen für sich. Die schnulzige Filmmusik verwässert die starken Passagen zusätzlich.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 6 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

BUTTERFLY ON A WHEEL / SHATTERED
England 2007
(dt.: Spiel mit der Angst)
Mit Pierce Brosnan, Gerard Butler, Maria Bello, Claudette Mink, Emma Karawandy u.a.
Drehbuch: William Morrissey
Regie: Mike Barker
Musik: Robert Duncan
Wochenende beim erfolgreichen Werbefachmann Neil Randall (Butler): Er fährt zur Weekend-Party seines Chefs, Gattin Abby (Bello), hat sich zur Girls Night verabredet… und die kleine Tochter? Verbringt das Weekend natürlich mit einer Nanny. Einer neuen…
Auf dem Rücksitz des elterlichen Autos versteckt sich allerdings ein Fremder namen Tom Ryan (Brosnan), der während der Fahrt plötzlich mit einer Knarre zum Vorschein kommt und verkündet, er hätte die kleine Tochter in seiner Gewalt. Fortan hätten Neil und Abby nach seiner Pfeife zu tanzen, sonst würde die „Nanny“ das Kind erschiessen. Als erstes wird Neils Konto geleert…
Butterfly on a Wheel des Briten Mike Barker lässt einen mit zunehmender Dauer die Haare immer steiler zu Berge stehen. „Was will dieser Psychopath eigentlich?“, so fragt man sich mit jedem neuen, jedes Mal noch perfideren Schachzug des Entführers.
Die Antwort kommt spät, zu spät. Erst ganz am Schluss erfährt der Zuschauer, was wirklich hinter dieser ganzen Demütigungs-Parforcetour steckt. Weil aber die Charaktere bis zum Schluss eindimensional bleiben, hat die Auflösung wenig Wirkung. Das Motiv hinter der Entführung wird so spät eingeführt, dass keine Zeit für die dafür nötige thematische Vertiefung bleibt und die Plattheit der Figuren verhindert eine rückbezügliche Reflexion.
Handwerklich absolut solide gemacht, aber leider ist das Drehbuch allzu oberflächlich – der Brisanz der kontroversen Thematik absolut nicht angemessen.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 6/ 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird (hoffentlich!) zum „Film der Woche“ gekürt…

Cat Ballou (dt.: Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming; USA 1965)

After Hours (dt.: Die Zeit nach Mitternacht; USA 1985)

Patriot’s Day (dt.: Boston; USA 2016)

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Wonderstruck (2017)

Die drei hier erwähnten Filme habe ich am Filmfestival in Locarno gesehen – was nun auch schon wieder fast zwei Wochen her ist. Aus dem riesigen Programm wählte ich fünf Filme, drei davon kommen hier zur Sprache – alle fünf liefen ausserhalb des Wettbewerbs.

FILM DER WOCHE

Mit Oakes Fegley, Millicent Simmonds, Julianne Moore, Tom Noonan, Michelle Williams, u.a.
Drehbuch: Brian Selznick nach seinem gleichnamigen Roman
Regie: Todd Haynes
Musik: Carter Burwell
Für Wonderstruck ist im deutschsprachigen Raum bislang noch kein Kino-Starttermin festgelegt.

Wonderstruck war der erste Film, den ich anlässlich meines Locarno-Besuches gesehen hatte. Danach hätte ich eigentlich nach Hause gehen können: Ich wusste, etwas Besseres kriege ich hier nicht mehr zu sehen. Und genauso war es auch!

Todd Haynes neuster Film gehört zu den raren Werken, wie es sie nur alle paar Jahre einmal gibt. Er ist ein Gesamtkunstwerk. Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung, Musik – brilliant. Praktisch kein Teilbereich, der gegenüber den anderen abfällt; jeder Beitrag passt perfekt ins Gesamtbild. Die schauspielerische Leistung des Kinderdarstellers Oakes Fegley wirkt gegenüber dem Rest zwar etwas schwach, doch das spielt angesichts des Gestaltungsaktes, der dem Film zugrunde liegt, kaum eine Rolle.

Das Drehbuch stammt von Brian Selznick, dem Autor der Romanvorlage zu Martin Scorseses ebenso mirakulösen Film Hugo (2011). Auch Wonderstruck liegt ein Roman Selznicks zugrunde, und diesmal schrieb er das Drehbuch gleich selbst.
Der Film erzàhlt die Geschichten zweier Kinder. Ben (Fegley), dessen Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, lebt im Jahr 1977 bei der Familie seiner Tante. Die Geschichte der gehörlosen Rose (Simmonds) hingegen spielt 1927. Nun hüpft der Film permanent zwischen den Zeiten hin und her, zwischen Rose und Ben, zwischen Schwarzweissfilm und Farbfilm, zwischen Stummfilm und Tonfilm. „Hüpfen“ ist allerdings das falsche Wort – es ist zu hart. Die Übergänge sind oft wunderbar fliessend und geschehen manchmal fast unmerklich.
Beide Epochen werden mit bemerkenswerter Akribie und Genauigkeit lebendig gemacht, man reibt sich immer wieder die Augen ob der „Echtheit“ der Bilder.

Ben, der Nachts des öfteren von immer demselben Alptraum geplagt wird – er wird im Wald von einem Wolfrudel verfolgt – will gern wissen, wer sein Vater war. Dass ihm das niemand sagen will oder kann, wird für ihn zunehmend zur Belastung. Als er eines Tages in den Sachen seiner Mutter einen Hinweis auf den Vater findet, haut er ab und fährt per Greyhound nach New York. Kurz vorher wird er durch einen Blitzschlag taub.
Die etwa gleichaltrige Rose tut 1927 dasselbe, aus anderem Grund: Sie flüchtet vor ihrem überstrengen Vater und dem neuen Gehörlosen-Lehrer – ebenfalls in die grosse Stadt. Dort will sie die berühmte Stummfilmschauspielerin Lillian Mayhew (Moore) finden.
Von da an verdichtet sich Wonderstruck immer mehr. Die Wege der beiden Kinder kreuzen sich permanent – zu verschiedenen Zeiten, an denselben Orten. Ganz nebenbei wird so, anhand der unverrückbaren und unveränderlichen Schauplätze und Dinge, die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens thematisiert.
Die Geschichten von Ben und Rose kommen sich räumlich immer näher, bis sie im New Yorker im Museum of Natural History eine Art Endstation erreichen. Von dem Moment an werden sie, wie in einem Kaleidoskop umgedreht, die Zeitebene faltet sich auseinander und die Bewegung der beiden Schicksale setzt sich weiter fort, was schliesslich zu einer Art Verschränkung führt.
Das klingt schwer verständlich, ich weiss, doch zuvieles darf nicht verraten werden.

Die Erzählstruktur von Haynes‘ neustem Film ist höchst ungewöhnlich, vom Film-Ende her gesehen aber einleuchtend und bewunderungswürdig konsequent. Was da im letzten Drittel kommt, erwartet man nicht. Es ist mehr als eine Antwort auf die während der ersten zwei Drittel sporadisch auftauchende Frage, was „das“ eigentlich soll.
Wonderstruck ist, wie der Titel passend suggeriert, ein Film über die Wunder der Welt und des Lebens. Dabei lässt er eine Kino-Magie entstehen, welche dieses Wunder mittels unerhörten Bildern und Klängen greifbar und glaubhaft macht. Und das ist mehr, als was das Gros der Filme üblicherweise zu erreichen imstande ist.
Bleibt zu hoffen, dass dieses ungewöhnliche Werk hierzulande einen Verleih findet!

Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken

JULES ET JIM
(dt.: Jules und Jim)
Mit Oskar Werner, Jeanne Moreau, Henri Serre, Bassiak, u.a.
Drehbuch: François Truffaut und Jean Gruault nach dem Roman von Henri-Pierre Roché
Regie: François Truffaut
Musik: Georges Delerue
Truffauts dritter Spielfilm (nach Les 400 coups und Tirez sur le pianist), den ich nun auch endlich gesehen habe – in Locarno wurde er anlässlich des Todes von Jeanne Moreau kurzfristig ins Programm aufgenommen und leider in einer ziemlich miesen 35mm-Kopie der schweizerischen „Filmcoopi“ gezeigt.
Ein gleichzeitig faszinierender und enervierender Film! In der Rückschau gewinnt er zwar (er setzt sich wie ein Puzzle im Kopf zusammen), doch ich ertappte mich während der Vorführung mehrmals beim auf-die-Uhr-gucken. Richtiggehend nervig ist der Schnitt und die (Hand-)Kameraführung; das Bild wackelt und rüttelt, schwebt und kippt, die einzelnen Kameraeinstellungen dauern jeweils nur Sekunden oder gar Bruchteile davon – verhackstückt am Schneidetisch. Das war eben die Doktrin der „nouvelle vague“ – anders sein um jeden Preis. Truffaut entsagte ihr zum Glück später.
Auch inhaltlich irritiert Jules et Jim. Die Hauptfigur ist im Grunde Catherine, ein schwieriger, kaum begreifbarer Charakter. Ihre freigeistige Haltung könnte man als Vorwegnahme der freien Liebe schubladisieren, doch der Film will viel mehr als das. Jules et Jim ist in seiner ganzen thematischen, dramaturgischen und inszenatorischen Sperrigkeit ein Diskurs über die Natur der Liebe und deren gesellschaftliche Verwaltung, bezw. der Ausbruch aus dieser „Verwaltetheit“. Und als solcher ist er höchst anregend.
Aber dann wieder der Schluss… Schwer zu verdauen, rätselhaft.
Jules et Jim, ein Liebesreigen im Paris der Jahrhundertwende, erzählt von den zwei titelgebenden Freunden, deren Leben von der Liebe zur unkonventionellen Catherine durcheinandergewirbelt werden – bis die Heirat des einen und der erste weltkrieg der Unschuld ihrer Beziehung ein jähes Ende setzt.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

THE BIG SICK
USA 2017
Mit Kumail Nanjiani, Zoe Kazan, Holly Hunter, Ray Romano, Anupam Kher, Adeeel Akhtar u.a.
Drehbuch: Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani
Regie: Michael Showalter
Musik: Michael Andrews
Auf der Piazza Grande lief am Donnerstag Abend die Vorpremiere dieser US-Komödie. Da ich den hierzulande kaum bekannten Regisseur Michael Showalter wegen seines präzisen komödiantischen Timings sehr schätze, musste ich da einfach hin. Ich wude nicht enttäuscht: The Big Sick ist, wie erwartet, eine leicht schräge Komödie um einen pakistanischen Möchtegern-Entertainer (Nanjiani), der sich gegen den Willen seiner Familie in eine Amerikanerin (Kazan) verliebt.
Genau als man denkt „ah ja, bekannte Muster, alles klar“, schlägt der Film eine völlig andere Richtung ein: Die Geliebte erkrankt schwer und muss ins künstliche Koma versetzt werden. Nun bekommt es Kumail mit deren höchst seltsamen Eltern zu tun – als hätte er mit seinen eigenen Erzeugern nicht schon genug Kummer…
Kein Meisterwerk, aber The Big Sick ist auch ohne Tiefgang ein gut gemachter, angenehm frischer Off-Hollywood-Streifen mit einigen Glanzmomenten.
Einer davon ist Ray Romano, der in der Rolle des humorlosen College-Lehrers und „Vaters der Braut“ zum schreien komisch ist. Dicht gefolgt von Holly Hunter, welche seine bärbeissige Gattin gibt.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

The Night my Number Came Up (dt.: Sie waren 13; England 1955)

Butterfly on a Wheel (dt.: Spiel mit der Angst; UK, Canada, USA 2007)

Viceroy’s House (dt.: Der Stern von Indien; UK, Indien, Schweden 2017)

 

Ninotchka (1939)

Im Gegensatz zu letzter Woche entsprach die Wahl zum „Film der Woche“ diesmal den Erwartungen. Lubitschs Komödienklassiker stellte alle anderen Streifen erwartungsgemäss in den Schatten, inklusive des bombastisch trickreichen, teuren Weltraum-Krachers Valerian.

FILM DER WOCHE

(dt.: Ninotschka)
USA 1939
Mit Greta Garbo, Melvyn Douglas, Ina Balin, Sig Ruman, Felix Bressart, Alexander Granach, Bela Lugosi u.a.
Drehbuch: Billy Wilder, Charles Brackett und Walter Reisch, nach einer Idee von Melchior Lengyel
Regie: Ernst Lubitsch
Musik: Werner R. Heymann
Der Film kam bei uns erst 1948 in die Kinos.

Der eiserne Vorhang ist gefallen, die Berliner Mauer eingerissen, der Sozialismus existiert nicht mehr real, sondern nur noch in den Köpfen und Wunschvorstellungen der Linken. Und gerade deshalb ist Ninotchka noch heute genauso amüsant wie damals, weil er u.a. den Sozialismus frech ad absurdum führt. Dank Billy Wilders Drehbuch – letzterer sollte das Aufeinandertreffen von Sozialismus und Kapitalismus später als Regisseur nochmals genauso scharfzüngig aufgreifen (One, Two, Three, USA 1961) – wird uns die Demontage einer Ideologie genüsslich, mit perlenden Dialogen und viel Situationskomik gespickt vor Augen geführt. Und die Demontage überzeugt: Sie entlarvt den Kommunismus mit einer einfachen Prämisse als theoretischen, ideologisch motivierten Überbau, der nicht funktionieren kann, weil der Faktor Mensch darin schlichtweg nicht eingeplant wurde.

Das Grundkonzept des Ideengebers Melchior Lengyel ist simpel, aber wirkungsvoll: Lass eine Vertreterin des Kommunismus in den Westen reisen, dort die Annehmlichkeiten der freien Welt erleben, sich in einen westlichen Lebemann verlieben – und die Verheissungen des Sozialismus fallen wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Im Film reisen die drei Inspektoren Iranoff, Buljanoff und Kopalski (Ruman, Bressart und Granach) nach Paris, um die Juwelen einer Grossherzogin der Zarenzeit zurückzuholen; sie sollen dem rechtmässigen Besitzer, dem Volk, zurückgegeben werden. Doch die drei erliegen den Verlockungen von Luxus und Lebensfreude und weichen von der Parteilinie ab. Worauf ihnen das Zentralbüro die Genossin Yakushova auf den Hals schickt. Nina „Ninotchka“ Yakushova (Garbo) soll in Paris nach dem Rechten sehen – und erliegt dem Charme des Westens und eines westlichen Charmeurs ebenso wie die drei Inspektoren.

Sieht man die Garbo in Ninotchka das erste Mal, glaubt man nicht an eine Wandlung. Die Frau wirkt derart abgehärmt, verschlossen, kalt und verhärtet, dass man sich besorgt zu fragen beginnt, wie Drehbuch und Regie ihre Wandlung glaubhaft hinbekommen wollen. Es funktioniert, und die eine Sequenz, in der es geschieht, ist die alles entscheidende – von ihr hängt die Glaubwürdigkeit des restlichen Films ab. Die Drehbuchautoren und der Regisseur waren sich dessen genaustens bewusst: Die Szene musste überzeugen, sonst ist der Film gestorben. Aber wie bekommt man eine derartige Wandlung hin?
Der Film zerfällt in der Tat in zwei Hälften: Die erste zeigt Ninotchka als sture Genossin, die zweite, die unmittelbar daran anschliesst, zeigt eine geöffnete, lebenslustige Frau. Keine Zeit, den Prozess langsam entstehen zu lassen. Er musste in eine Szene gepackt werden, sonst wäre der Film an Überlänge erstickt (wie der im selben Jahr entstandene, ausufernde Vom Winde verweht, an den Ninotchka sämtliche Oscars verlor).
Wilder, Brackett und Reisch kamen mit der grandiosen Idee der „Witz-Sequenz“: Ein Lachanfall würde aus Genossin Yakushova von einer Minute zur nächsten zu einem anderen Menschen machen: Count d’Algout (Douglas), der sich in sie verliebt hat, möchte sie in einem Restaurant zum Lachen bringen. Er erzählt einen Witz nach dem anderen, doch die Genossin verzieht keine Miene. Als er sich geschlagen gibt und sich beleidigt zurücklehnt, kippt er mit dem Stuhl in einen voll gedeckten Tisch. Und nun gibt es kein Halten mehr: Das ganze Restaurant brüllt vor Lachen – inklusive „Ninotchka“. Danach ist sie eine andere – und man glaubt es!

Lubitsch wusste genau, dass sein Film mit dieser Szene stand oder fiel. Sie musste einfach funktionieren! Der grosse Unsicherheitsfaktor war ausgerechnet die Darstellerin der zentralen Figur: Die Garbo war am Set ausgesprochen kapriziös und schwierig. Melvyn Douglas gab später zu Protokoll, dass sie der Lachanfall vor grosse Probleme gestellt habe. Lachen rangierte bislang ganz unten auf der Skala ihrer Gefühlsregungen. Nicht umsonst galt diese Szene dann als Sensation, der Film wurde sogar damit beworben („Garbo laughs!“).
Lubitsch kriegte das Kunststück hin, die introvertierte Aktrice aus sich herausgehen zu lassen. Der Lachanfall wirkt nicht nur echt, er wirkt auch ansteckend (Melvyn Douglas äusserte den Verdacht, es sei ein Voice-Double, eine nachträgliche Sychonisation im Spiel gewesen). Und damit funktionierte auch der Rest des Films, der bis heute Generationen von Film freunden begeistert und bezaubert.

Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

PARENTHOOD
(dt.: Eine Wahnsinnsfamilie)
USA 1989
Mit Steve Martin, Mary Steenburgen, Jason Robards, Dianne Wiest, Martha Plimpton, Rick Moranis, Tom Hulce
Drehbuch: Lowell Ganz und Babaloo Mandel
Regie: Ron Howard
Musik: Randy Newman
Parenthood thematisiert das Thema „Kinder und Eltern“ anhand einer Grossfamilie, bestehend aus Opa Frank (Robards), dessen inzwischen erwachsenen vier Kindern und deren Kinder. Das ergibt fünf Familien, die jede nach einem anderen „Konzept“ funktioniert. Das Konzept des Film ist höchst ergiebig und wurde – in leicht abgeänderter Form – von der noch immer laufenden TV-Serie Modern Family übernommen. Es ermöglichte den Machern, damals gängige Familienformen aufzugreifen und zu persiflieren. Und da im Witz immer ein Körnchen Wahrheit steckt und die damals gängigen Formen noch heute „en vogue“ sind, hat Parenthood kaum etwas von seiner Wirkung und Aktualität eingebüsst.
Da wird etwa die noch heute grassierende Therapierwut in der Schule thematisiert, pubertäre Irrläufe, der Hochbegabtenwahn – mit sicherem Gespür lokalisierten die Drehbuchautoren die sensiblen Themen, obwohl diese damals noch relativ neu waren. Und am Ende destillieren sie eine Wahrheit aus all den elterlichen Irrungen und Wirrungen, die ihre Gültigkeit noch in 20’000 Jahren haben wird.
Alle gezeigten Schicksale und Probleme bleiben allerdings eher harmlos und werden zuletzt auch noch wundersam in Minne aufgelöst; trotzdem muss man den Autoren doch erhebliches Talent zugestehen: Obwohl die Familiengeschichten als Gesellschaftskomödie aufbereitet werden, scheint doch immer wieder der Ernst durch; nicht selten bringt der Witz den Ernst der Sache auf den Punkt. Und das geschieht mit einer scheinbaren Lockerheit, die man im europäischen Kino schlichtweg vergebens sucht. Die gesamte Darstellertruppe unterstützt diesen Ton in idealer Weise – allesamt Komödianten vor dem Herrn, denen ein plötzliches Umschwenken auf ernste Töne keine Schwierigkeiten bereitet.
Parenthood ist wegen seiner Oberflächlichkeit in erster Linie ein Unterhaltungsfilm – ein wirklich guter. Langweile kommt in den zwei Stunden Laufzeit nie auf, und gewisse Situationen sind derart sec auf den Punkt gebracht, dass es eine Freude ist.
Die Regie: 6 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS
(dt.: Valerian und die Stadt der tausend Planeten)
Frankreich 2017
Mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna, Ethan Hawke u.a.
Drehbuch: Luc Besson nach den Comics von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin
Regie: Luc Besson
Musik: Alexandre Desplat
Nach Subway und Le grand bleu wollte ich keinen Besson-Film mehr sehen; ich fand beide hohl und prätentiös. Der Regisseur, obwohl damals voll „in“ und gefeiert, war danach für mich abgeschrieben. Ich hielt mich daran und schaute mir keinen einzigen Besson-Film mehr an (es interessierte mich auch keiner mehr). Doch weil man ja niemals „nie“ sagen soll, liess ich mich diese Woche überreden und ging ins Kino.
Ich stelle fest: Besson ist noch keinen Schritt weiter. Ein Armutszeugnis.
Damit lasse ich es bewenden – ich weiss, das Urteil ist völlig undifferenziert. Aber ich habe nicht die geringste Lust, über diesen zeitverschwendenden Schmarren weitere Worte zu verlieren. Doch – noch dies: Wie kann ein Regisseur zwei derart untalentierten Darstellern wie Dane DeHaan und Cara Delevigne die Hauptrollen übertragen, wenn er weiss, dass die beiden den ganzen Film tragen müssen? Weil er nicht merkt, wie schlecht sie sind? Weil er ausser auf die Special Effects auf nichts sein Augenmerk legte?
Die Regie: 6 / 10
Das Drehbuch: 4 / 10
Die Schauspieler: 4 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 5 / 10

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Vorschau

Ich war heuer für zwei Tage am Filmfestival in Locarno. Die folgenden drei Filme, die ich dort gesehen habe, werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Jules et Jim (Frankreich 1962)

The Big Sick (USA 2017)

Wonderstruck (USA 2017)