Autor: gabelingeber

Drei Amigos (1986)

Der „Film der Woche“ ist diesmal kein grosses Werk, sondern einfach ein solider, guter Film, genauer: ein unterhaltender Westernspass. Neben zwei weiteren Filmvorstellungen stellt gabelingeber Mutmassungen darüber an, ob Filme Lebenshilfe bieten können.

FILM DER WOCHE
Ein Klassiker:

(dt: Drei Amigos!)
Mit Steve Martin, Martin Short, Chevy Chase, Alfonso Arau, Patrice Martinez u.a.
Drehbuch: Steve Martin, Lorne Michaels und Randy Newman
Regie: John Landis
Der Film lief 1987 auch in deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Drei Amigos!

Letzte Woche war hier von der Westernkomödie Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe die Rede, die mir bei der Zweitsichtung nach etwa 30 Jahren nicht mehr besonders gefallen hatte. Mit Three Amigos versuche ich mein Glück mit demselben Genre, ereneut mit einem Film, den ich vor Jahrzehnten – bei seinem Kinostart – gesehen hatte. Ich fand ihn damals mau. Bei der Zweitsichtung vor ein paar Tagen gefiel er mir jedoch ausgezeichnet – anders als der „Hilfe brauchende Sheriff“, bei dem der Effekt der Umgekehrte war. Schon seltsam, was das Alter mit gewissen Filmen tut (ein Thema, das ich in den „Gedankensplittern“ weiter unten zu vertiefen versuche).
Three Amigos ist wirklich lustig! Viel darüber zu schreiben gibt es mangels Substanz allerdings nicht.

Schon die Ausgangslage des Streifens hat es in sich: Wie bei den glorreichen Sieben wird ein mexikanisches Dörfchen („El Poco“!) von Banditen bedroht. Die Retter sind aber nicht coole Revolverhelden wie im berühmten Vorbild, sondern drei Stummfilmstars in albernen Kostümen, die glauben, zu einem Auftritt nach Mexico beordert worden zu sein.
Wie die drei Unbedarften von einem Fettnäpfchen ins nächste treten, ist zwar alles andere als neu, aber es wird hier mit soviel Können, Gusto und sicherem Gespür fürs Komische kredenzt, dass man von einem Highlight des Genres sprechen kann. Das parodistische Element wird einem hier nicht um die Ohren gehauen wie in den Filmen des Trios Zucker-Abrahams-Zucker (Airplane!), es bleibt dezent im Hintergrund. In Three Amigos wird in erster Linie erzählt, im Vordergrund steht die Geschichte; es handelt sich um einen komischen Film, der im wilden Westen spielt, um einen, der sich en passant über die Elemente und Gepflogenheiten des Western lustig macht. Ausserdem wird ganz zentral auch der Stummfilm und dessen Ära parodiert. Neben einem Ausschnitt aus einem (fiktiven) Stummfilm mit den „drei Amigos“ gibt es zudem absurde Highlights wie einen singenden Busch, einen unsichtbaren Schwertkämpfer und ein Kerkersystem, das es geduldigen Gefangenen ermöglicht, an den Schlüssel der Zelle zu gelangen.

Von den Schauspielern, denen das Ganze sichtlich Spaß gemacht hat, über das wendungs- und gagreiche Drehbuch und die hervorragende Regie bis zur Ausstattung, die immer parodistisch schwankt zwischen Roy Rogers-Kitsch und Realismus, ist alles erste Sahne.
Eine besondere Freude werden Disney-Kenner daran haben: Three Amigos! bezieht sich mehrmals auf Disneys zwei „südamerikanische “ Episodenfilme Three Caballeros und Saludos Amigos. Die Lagerfeuer-Sequenz wo die drei Amigos auf ihrem Weg zum Banditennest Rast machen, ist zudem ein direktes Zitat aus der von Roy Rogers eingeleiteten Episode Pecos Bill aus Disneys 1954 entstandenem Episodenfilm Melody Time.

Die Regie: 9 / 10 – John Landis setzt das wenig ambitionierte Drehbuch hervorragend um. Er setzt nicht auf ausgeklügelte Einstellungen, sondern er verhilft mit seiner Inszenierung den komischen Elementen zu ihrer bestmöglichen Wirkung. Zudem leitet er das Schauspielerteam zu einer homogenen Ensembleleistung an, die rundum Spass macht. Das muss man erst mal können!
Das Drehbuch: 7 / 10 – Eigentlich nichts besonderes, aber mit viel Witz und Routine geschrieben. In den Händen eines weniger fähigen Regisseur hätte es seine Qualitäten zwar behalten, es hätte aber möglicherweise nicht so geglänzt.
Die Schauspieler: 8 / 10 – Nur gerade Joe Mantegna und Patrice Martinez fallen gegenüber dem Rest der Truppe ab, die anderen spielen (schmieren-)komödiantisch auf, dass es eine Freude ist!
Die Filmmusik: 9 / 10 – Elmer Bernsteins Filmmusik ist eine herrliche Zusammenfassung von kernigen Westernfilm-Klängen. Sie ist sowohl eingängig als auch funktional, ohne in irgendeiner Form aufdringlich zu sein.

Gesamtnote: 8,5 / 10

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Kurzkritiken

Ein vergessener Film:
DAS GEHEIMNIS DES STEINERNEN MONSTERS

(The Monolith Monsters)
USA 1957
Mit Grant Williams, Lola Albright, Les Tremaine, Trevor Bardette u.a.
Drehbuch: Norman Jolley und Robert M. Fresco
Regie: John Sherwood

Was für ein Filmstoff: Wachsende Steine bedrohen die Menschheit. Den Streifen musste ich einfach sehen!
Obwohl die blödsinnige Grundidee mit einer Ernsthaftigkeit umgesetzt wurde, als handle es sich um ein seriöses Drama, macht The Monolith Monsters Spass. Wahrscheinlich gerade, weil der Ton so ernsthaft ist. Man fühlt sich in die eigene Kindheit zurückversetzt, wo man im Klettergerüst des benachbarten Spielplatzes „Raumschiff Enterprise“ gespielt hatte, und alles war absolut echt.
Wie Gremlins reagieren die Steine auf Wasser: Dangerous when wet! Das kühle irdische Nass lässt die scheinbar harmlos in der Wüste herumliegenden Gesteinssplitter (es handelt sich um Meteoritenteile) zu wahren Gebirgen heranwachsen, welche dann irgendwan umstürzen, zerbersten und alles unter ihren Trümmern begraben. Aus den entstandenen Splittern wachsen sogleich neue Stein-Türme. Auf diese Weise „purzeln“ die wachsenden Steine auf die US-Kleinstadt San Antonio zu.
Dabei handelt es sich um das wahrscheinlich langsamste Film-Monster der Filmgeschichte – wenn man denn überhaupt von einem Monster sprechen kann. Die Retter haben jedenfalls reichlich Zeit, ein Gegenmittel zu finden. Während die Steine im Schneckentempo durch eine Schlucht auf das Städtchen zutrudeln. bleibt Musse für verschiedene Tests und Erörterungen.
Grant Williams, ein recht limitierter, aus anderen „Monster“-Filmen jener Zeit bekannter Schauspieler (Die unglaubliche Geschichte des Mister C.), führt den Retter-Trupp an. Anders als in Jack Arnolds oben erwähntem, berühmtem Film schrumpft er hier nicht zusammen, sondern wächst über sich hinaus. Salopp gesagt: In „Mr. C“ schrumpft Grant, hier hingegen wächst Granit. Monster-Filmer Jack Arnold hatte auch hier seine Finger drin, die hanebüchene Geschichte stammt nämlich von ihm.
Insgesamt ein amüsanter Ausflug in die paranoiden 50er-Jahre, wo im Kino sogar Steine als Bedrohung der Menschheit angesehen wurden. Der Filmtrick notabene ist das Beste an diesem Film – die Steine und ihr Wachsen wirkt erstaunlich wenig lachhaft.
Die Filmmusik klingt bisweilen etwas gar schräg und nervt immer mal wieder mit Holzhammer-Effekten, welche die Bemügung der Inszenierung um Zwischentöne gehörig unterlaufen. Sie stammt von Irving Gertz, Herman Stein und – überraschenderweise – Henry Mancini.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 6 / 10
Die Filmmusik: 5 / 10
Gesamatnote: 6 / 10

Ein zeitgenössisches Werk:
CERTAIN WOMEN
USA 2016
Mit Laura Dern, Michelle Williams, Kirsten Stewart, Lily Gladstone, Jared Harris u.a.
Drehbuch und Regie: Kelly Reichardt
Nachdem mich letzte Woche The Retrieval so begeistert hatte, war mein Interesse an unabhängig produzierten US-Filmen geweckt. Ich bekam Lust auf mehr.
Von Kelly Reichardts Certain Women wurde ich nun allerdings enttäuscht. Der Episodenfilm, in dessen Zentrum vier Frauen im Hinterland des US-Staates Montana stehen, bleibt im Fragmentarischen stecken und entlässt einen unbefriedigt.
Ich erwarte von einem Film, dass er mir etwas erzählt, dass er mich teilhaben lässt am Schicksal seiner Charaktere. Kelly Reichardt beginnt zwar zu erzählen, drei Mal (je ein Mal pro Episode), bricht aber immer wieder ab und lässt einen jedes Mal mit offenen Enden allein. „Den Rest könnt ihr euch selber denken“, scheint sie zu sagen. Was ist das für eine Erzählerin, die das Publikum auf halber Strecke sitzen lässt? Dahinter steckt die verbreitete Unsitte mancher pädagogisch angehauchter Filmemacher, das Publikum erziehen zu wollen: Konsumieren ist pfui!
Das ist von mir aus legitim, nur sollte man das vorher ankündigen, wenn man Leute wie mich, die gerne etwas erzählt bekommen, nicht verprellen will: „Achtung – diesen Film muss man sich selbst zu Ende erzählen!“
Frau Reichardts Figuren sind kaum fassbar, sie sind skizzenhaft, undefiniert. Man mag sich deshalb gar nicht richtig auf sie einlassen. Sie sind einem nach kurzer Zeit einfach egal.
Ich erwarte von einem Film das Gegenteil! Ich will mich einlassen auf die Figuren und deren Geschichte. Das kann ich aber nur, wenn jemand interessant und glaubhaft erzählt. Beides gelingt Kelly Reichardt in diesem Film nicht. Die Erzählungen beginnen jeweils interessant, verlieren sich dann aber im Nirwana der „Interpretation“: Man muss raten, weshalb die Figuren nun so und so handeln. Auf welcher Seite sie stehen. Was ihre Motivationen sind. Sowas kann durchaus interessant sein – wenn der Filmemacher das Talent besitzt, trotzdem Spannung zu erzeugen. Hier wirkt es nur öde.
Es entsteht der Eindruck, Frau Reichardt habe selbst keine Lust, sich auf ihre Geschichten einzulassen. Vielleicht liegt das an mangelndem Erzähltalent…
Die erste Episode dreht sich um eine Anwältin, die von einem bedürftigen Mandanten bedrängt wird. Die zweite von einer zerrütteten Familie, die in der Wildnis ein Haus bauen will. Und die letzte von einer Anwältin, die in einem gottverlassenen Kaff Vorlesungen über Schulrecht hält und dort eine Bewundererin findet.
Der Filmplakat gibt übrigens einen perfekten Eindruck des Films: Nebelhaft, problembeladen, depro. Die Filmmusik (Jeff Grace) ist praktisch nicht vorhanden. Erst gegen Schluss des Film wabern ein paar liegende Akkorde im Hintergrund.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 3 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 3 / 10
Gesamtnote:
5 / 10

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Gedankensplitter

Lebenshilfe

Als der oben besprochene „Film der Woche“, Three Amigos, in die Kinos kam, war ich gerade mal 23. Ich schrieb im Nebenjob Filmrezensionen für eine grössere Lokalzeitung des schweizer Mittellandes. Three Amigos konnte ich in einer Pressevorführung begutachten.
Leider ist mir der genaue Wortlaut meiner damals verfassten Kurzkritik nicht mehr präsent; ich weiss nur noch, dass ich mich für John Landis‘ Westernparodie nicht sonderlich begeistern konnte. Three Amigos kam damals bei den hiesigen Kritikern allgemein nicht gut an. Seither habe ich ihn nie wieder gesehen.
30 Jahre später: Three Amigos kommt auf Blu-ray heraus – als Sonderedition zum runden Jubiläum. Hatte ich mich getäuscht?
Eine Neuvisionierung führte schliesslich zu einem gänzlich anderen Urteil als beim ersten Mal. Warum?
Jede(r) kennt das Phänomen, dass sich „Filme mit den Jahren verändern“. Natürlich ist es umgekehrt – die Jahre verändern den Film, oder besser dessen Rezeption – doch das Phänomen, weshalb der eine Film bei einer Neusichtung verliert, während ein anderer gewinnt, ist damit noch nicht erklärt. Bei einer dritten Sorte wiederum bleibt die Sicht gar unverändert.
Das sind die Rätsel des Lebens und des Wachsens. Interessant sind von den angesprochenen Filmen vor allem jene, die gut bleiben, durch alle persönlichen Wandlungen hindurch. Sie sind vermutlich wichtig. Möglicherweise enthalten sie Antworten auf wichtige (Lebens-)Fragen. Oder wichtige persönliche Einsichten. Vielleicht beinhalten sie Leitmotive für das eigene Leben.
Wurde diese Theorie (Behauptung) jemals untersucht? Könnte sich möglicherweise lohnen… Ein Film, der einen durch das ganze Leben, durch alle persönlichen Wandlungen und Veränderungen hindurch begleitet, muss etwas tief in der Persönlichkeit Liegendes zum Schwingen bringen. Vielleicht bringt er einen auf eine Spur beim Rätseln um das eigene Wesen.
Der Film als Lebenshilfe – das wäre doch mal eine nähere Untersuchung wert… Vielleicht wird dann endlich entdeckt, dass es Filme mit Heilwirkung gibt.

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Vergessene Filme: The Search (dt.: Die Gezeichneten; USA 1948)

Klassiker: Wo hu cang long (dt.: Tiger & Dragon; Taiwan / China / USA 2000)

Zeitgenössisches Filmschaffen: Get Out (USA 2017)

The Retrieval

gabelingeber hat das überarbeitete Blogkonzept präzisiert; in den Gedankensplittern erklärt er, inwiefern.

FILM DER WOCHE

USA 2013
Mit Ashton Sanders, Tishuan Scott, Keston John, Bill Oberst Jr., u.a.
Drehbuch und Regie: Chris Eska

Der Film lief im deutschsprachigen Raum am internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2013; in die Kinos kam er bei uns nicht und auch eine deutsche DVD oder Blu-ray ist nicht greifbar. Die US-DVD kann allerdings über amazon.de zu einem guten Preis bestellt werden.

Das amerikanische Independent-Kino hat Erstaunliches zu bieten – das Meiste davon gelangt nie ins Blickfeld des durchschnittlichen deutschsprachigen Kinogängers. The Retrieval des jungen Filmemachers Chris Eska ist ein Paradebeispiel für die Unabhängigkeit, die auch im amerikanischen Film allen Unkenrufen zum Trotz noch immer existiert. Eska inszeniert mit kleinsten Mitteln ein Rassendrama aus der Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, das ohne Action, Blut und Kampfgeschrei auskommt, zutiefst aufwühlt und im Gedächtnis haften bleibt.

Ein dunkelhäutiger junger Mann begehrt eines Nachts Einlass bei einer alten Frau, die in ihrem Schuppen drei entlaufene Sklaven versteckt hält. Der Neuankömmling legt sich dazu, erhebt sich aber nach einer weile wieder, nachdem er sich vergewissert hat, dass die anderen schlafen. Er geht ins Freie und leitet einen Trupp Weisse zum Schuppen. Kopfgeldjäger; der Junge ist deren Gehilfe. Zusammen mit Marcus, einem anderen „Nigger“ verrät er seine entflohenen Brüder an die Weissen. Des Geldes wegen – so zumindest macht es zunächst den Anschein.

Der nächste Auftrag für die beiden Judasse lautet: Einen weiteren flüchtigen Schwarzen einzufangen um ihn seiner Bestrafung zuzuführen, einen Flüchtigen, auf den ein hohes Kopfgeld ausgesetzt ist. Nate verdingt sich als Totengräber an die Nordstaatler; man findet ihn auf einem verlassenen Schlachtfeld und ködert ihn mit der Nachricht, sein im Sterben liegender Bruder wolle ihn nochmals sehen. In Wahrheit ist besagter Bruder bereits tot.
Zu dritt und zu Fuss ziehen die drei durch eine wilde, öde Landschaft aus skelettartigen Bäumen, durch Sümpfe und abgestorbene Wälder, direkt auf das Lager der Kopfgeldjäger zu.

Mit den ersten Bildern ist der Zuschauer mitendrin in einem Konflikt und einer Thematik, die Unglauben und Abscheu weckt: Schwarze verraten andere Schwarze an deren weisse Peiniger.
Der Konflikt erfährt im Verlauf der Handlung weitere Vertiefung. Die zunächst abstossend erscheinende Handlung der beiden Verräter entpuppt sich als reine Überlebensstrategie, die beiden werden je länger je deutlicher erkennbar als das, was sie im Grunde genommen sind: zwei bemitleidenswerte Kreaturen.

The Retrieval ist ein sehr langsamer, stiller, kontemplativer Film. Die Figuren bleiben stets ruhig, kontrolliert, wortkarg. Der grausame Kampf, der in ihrem Inneren tobt, spiegelt sich in der Zerrissenheit der Landschaft, durch die sie wandern, stolpern, humpeln wieder, und in der Zerfurchtheit ihrer Gesichter. Das verleiht Eskas Film trotz aller Ruhe eine unglaubliche Wucht – ein Widerspruch, der auch nach dem Filmende noch lange nachhallt. Eska gelingt hier etwas, was in der aktuellen Filmproduktion selten ist: Indem er mutig auf publikumswirksame Ingredienzien verzichtet, findet er einen ganz eigenen Erzähl-Stil.

Der zweite im Verräter-Bunde, Marcus, wird nach etwa einem Drittel des Films erschossen. Somit bleibt das Kind Wil allein mit Nate, dem Opfer zurück. Diese Fügung ermöglicht nun die leise Annäherung der beiden, ein Vorgang, den  der dominante Marcus sonst verhindert hätte. Der Junge Wil, ein Mitläufer des älteren Begleiters Marcus, legt ohne seinen zynischen Mentor dessen zynische Weltsicht ab und findet zu seiner eigenen Wahrnehmung zurück. Und diese zeigt ihm sein Opfer in anderem Licht.

Die Schauspieler transportieren die subtile Figurenpsychologie absolut glaubhaft und fast authentisch. Das verleiht dem Ganzen zusätzliches Dringlichkeit. The Retrieval ist nichts anderes als eine Absage an den Rassismus, und damit ist er wohl immer aktuell.

10 / 10

 

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Kurzkritiken

Der vergessene Film
DER GIFTZWERG

(OT: Dutch)
USA 1991
Mit Ed O’Neill, Ethan Embry, JoBeth Williams, Christopher McDonald u.a.
Drehbuch: John Hughes
Regie: Peter Faiman
Nachdem John Hughes mit „Kevin allein zu Haus“ einen Mega-Hit geschrieben hatte, kam in Jahr darauf von ihm der etwas leisere Giftzwerg in die Kinos. Wieder steht ein Junge im Mittelpunkt, doch diesmal sind die Sympathien des Publikums anders gelagert: „Giftzwerg“ Doyle ist ein grauenhaft überheblicher Snob. Er kommt ganz nach seinem schleimigen Upper-Class-Vater, der sich von Doyles Mutter hat scheiden lassen, ihr die Schuld dafür in die Schuhe schob und auch noch das Sorgerecht für das Kind übernehmen konnte.
Der Film dreht sich drum, dass Dutch (Ed O’Neill), der neue Freund der Mutter – einer aus der Arbeiterklasse – Söhnchen Doyle für Thanksgiving aus der Privatschule nach Hause chauffiert.
Diese Ausgangslage kommt einem doch bekannt vor? Schon im 1987 entstandenen Hughes-Film Planes, Trains and Automobiles („Ein Ticket für zwei“) – und natürlich in vielen anderen Filmen davor – waren zwei unterschiedliche Charaktere gemeinsam unterwegs und kamen sich während ihrem Reise näher. Hughes rezikliert sein Erfolgsrezept hier mit zwei Figuren aus extrem unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und verschärft den Konflikt damit um ein Vielfaches.
Die Episoden, die Dutch und Doyle gemeinsam durchleben, bis sie schließlich „ganz unten“ angekommen sind, sind nicht besonders originell, aber immer amüsant und witzig. Es gibt ein paar Längen, doch Hughes erzählt geschickt und hält das Interesse des Publikums bei der Stange. Ethan Embry, der Darsteller des Jungen sticht dabei schauspielerisch am meisten hervor; Ed O’Neill (Al Bundy aus „Eine schrecklich nette Familie“) schneidet neben ihm nicht besonders gut ab, hauptsächlich dank seinen Versuchen, seinen Part mit zusätzlichem unnötigem Grimassieren komischer zu gestalten, als er ist.
Insgesamt ein kurzweiliger, unterhaltsamer Film; ich habe das Anschauen jedenfalls nicht bereut.
PS: Regisseur Peter Faiman hat genau zwei Kinofilme inszeniert: Dutch und – Crocodile Dundee!
7 / 10

Der Filmklassiker
AUCH EIN SHERIFF BRAUCHT MAL HILFE

(OT: Support your local Sheriff!)
Mit James Garner, Joan Hackett, Jack Elam, Walter Brennan, Bruce Dern, Harry Morgan u.a.
Drehbuch: William Bowers
Regie: Burt Kennedy
Schon länger hatte ich ein Wiedersehen mit dieser Westernkomödie geplant, die ich in meinen Jugendjahren mal im Fernsehen entdeckt hatte und die mir in bester Erinnerung geblieben ist.
Nach der Zweitsichtung bin ich herb enttäuscht: Support your local Sheriff ist ein Filmchen. Beherrscht wird es von Mittelmass: Regie, Drehbuch und Schauspieler – alles ganz ordentlich und solide, doch zu begeistern wusste mich einzig der glotzäugige Jack Elam als Hilfssheriff. Er sticht mit seiner wunderbaren subtil-komischen Performance aus dem ganzen Durchschnitt heraus.
Ansonsten wurde die Geschichte um den coolen Westerner, der in einem moralisch heruntergekommenen Westernkaff für Ordnung sorgt, schon zu oft durchgekäut. Der Film des Westernspezialisten Burt Kennedy macht denn auch ironische Anleihen bei diversen Klassikern des Genres (so wurde der bösartige Danby-Clan samt Darsteller des Familienoberhauptes aus John Fords Faustrecht der Prärie importiert); aber auch die diversen Zitate zünden nicht wirklich.
Support your local Sheriff bietet nette Unterhaltung, die man schnell wieder vergisst. Weiss der Kuckuck, weshalb bei mir der Film nach der Erstsichtung so lange haften geblieben ist…!
6 / 10

Abgebrochen:
Far from the Madding Crowd
(dt.: Am grünen Rand der Welt; Thomas Vinterberg, USA 2015): Schöne Bilder, schlechte Regie, mittelmässiges Drehbuch.
Somewhere in Time (dt.: Ein tödlicher Traum / Eine Frau aus vergangenen Jahren; Jeannot Szwarc, USA 1980): Dick aufgetragene Zeitreise-Romanze mit Christopher Reeve; verstaubt!
Abgebrochen

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Gedankensplitter

Blog-Gestaltung

Ein Blog ist – im Gegensatz zu einer Zeitschrift – lebendig, zumindest was das Konzept angeht. Der Blog-Betreiber, die Betreiberin kann es nach Belieben und Lust verändern, anpassen, umbauen. Und zwar von einem Tag auf den anderen. Eine Zeitschrift dagegen sollte das einmal zugrunde gelegte Konzept über möglichst lange Zeit (sprich: über Jahre) beibehalten, schliesslich will man die Käufer nicht mit ständigen Umstrukturierungen in Design und Inhalt verwirren.
Ein Blog, der nicht kommerziell ausgerichtet ist, kann sich Veränderung leisten. Er muss sich nicht verkaufen. Zwar sollte die Leserschaft und deren Erwartung nicht völlig vernachlässigt werden, doch beim Blog stehen die Betreiber und deren Bedürfnisse viel stärker im Zentrum als bei einem Printmedium. Sie pflegen mit dem Blog ihr Hobby; somit steht ihnen ein grösserer Spielraum offen, was Veränderungen betrifft. Der Blog-Inhalt kann nach eigenem Gusto und Interessen immer wieder verändert werden. Das hat nicht nur Nachteile.
Mir gefällt dieser Freiraum, und ich hoffe, die Leserschaft mit meinen inzwischen doch recht häufig vorgenommenen Anpassungen nicht allzu sehr zu verprellen.
Im neu überdachten Konzept stehen drei „Filmsorten“ im Zentrum, die in jedem neuen Blog-Beitrag vorkommen sollen: Vergessene Filme, Klassiker und zeitgenössische Filme (2010 bis 2017). Ich nehme mir jeweils aus jeder „Sparte“ einen Film vor. Nach der Sichtung wird derjenige, der mir davon am besten gefallen hat, zum „Film der Woche“ und erhält im nächsten Blog-Beitrag am meisten Platz.
Ich hoffe, das Konzept kommt an. Ich bin gespannt… Rückmeldungen erlaubt!

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Vorschau

Fürs nächste Mal stehen folgende Filme zur Sichtung an:

Vergessene Filme: The Monolith Monsters (dt.: Das Geheimnis des steinernen Monsters; USA 1957)

Filmklassiker: Three Amigos (dt.: Drei Amigos; USA 1986)

Zeitgenössisches Filmschaffen: Certain Women (USA 2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin gespannt, welcher der drei im nächsten Blog-Beitrag das Rennen als Film der Woche machen wird…

Hidden – Die Angst holt dich ein

Alles ist im Fluss: gabelingeber hat mal wieder das Blog-Konzept geändert. In Zukunft (fragt sich bloss, wie lange…) soll derjenige Film an prominenter Stelle stehen, der ihm in der laufenden Woche am besten gefallen hat – und nicht mehr eine Entdeckung aus der Vergangenheit. Der Rest der visionierten Filme wird unter der Rubrik „Kurzkritiken“ abgehandelt – in absteigendem Gefälligkeitsgrad. So präsentiert sich dem regelmässigen Blogleser wöchentlich ein empfehlenswerter Titel.

HIDDEN
USA 2015
Mit Alexander Skarsgard, Andrea Riseborough, Emily Alyn Lind, u.a.
Drehbuch und Regie: The Duffer Brothers
Der Film kam im deutschsprachigen Raum nicht in die Kinos, sondern wurde unter dem Titel Hidden – Die Angst holt dich ein direkt auf DVD veröffentlicht.

Im Horrorgenre bin ich kaum bewandert. Ich mache mir nichts aus Schocks und Gore. Auch Zombies interessieren micht kaum. Trotzdem gibt es immer mal wieder Vertreter des Genres, die mich aufhorchen lassen. Wie Hidden. Bei genauer Betrachtung stellt sich allerdings die Frage, ob Hidden überhaupt ein Horrorfilm ist.
Da geht es um eine Familie (Vater, Mutter, Kind), die sich in einem Luftschutzbunker versteckt. Seit Monaten harren sie da unten in der Düsternis aus, haben sich zwischen Beton und Stahl ein alternatives Leben eingerichtet. Es geht ums nackte Überleben, denn draussen ist etwas, etwas Schreckliches vor dem man sich verstecken muss.

Der Zuschauer tappt lange im Dunkeln, bekommt durch die Gespräche zwischen Eltern und Kind Häppchenweise mit, was geschehen ist, und das macht Hidden ungemein spannend. Die Handlung setzt ein, lange nachdem sich das Leben im Bunker etabliert hat und für die Eingeschlossenen zur „Normalität“ geworden ist. Man wird langsam eingeweiht, das Bild vervollständigt sich zunehmend im Fortgang der filmischen Erzählung. Nebenbei wird die Frage aufgeworfen, was ein „gutes Leben“ sei. Wir erleben ein westliche Mittelstandsfamilie, die plötzlich all ihrer Privilegien beraubt wird und nur noch mit dem Allernötigsten auskommen muss. Dieses Allernötigste erscheint ihnen unter den gegebenen Umständen als Segen – schliesslich leben sie noch um haben in ihrem Versteck Ruhe vor dem Unaussprechlichen. „Oben“ ist eine Seuche ausgebrochen, eine Seuche, welche die Menschen zu Monstern – sogenannten „Breedern“ –  hat mutieren lassen.

Zunächst nimmt man Teil am Alltag der drei Flüchtlinge. Die Situation im Kleinen wie im Grossen wird herauskristallisiert. Gleichzeitig wird die Psychologie der vielleicht letzten Überlebenden scharf umrissen. Das ist ungemein spannend, obwohl äusserlich nichts geschieht. Geschickt bauen die Filmemacher ihre Erzählung auf mehreren Ebenen auf und legen den Grundstein für das, was danach kommt.

Eine verirrte Ratte im Bunker ist Schuld, dass die Situation plötzlich aus dem Ruder läuft. Von einem Augenblick zum nächsten steigt die Gefahr einer Entdeckung, denn die Aufmerksamkeit der „Breeder“ scheint auf geradezu unheimliche Weise gesteigert zu sein. Und tatsächlich: Der Bunker wird entdeckt. Und dann gibt es kein Halten mehr.

Genau in dem Moment, wo ich dachte: So, das war’s nun, jetzt fällt das so kunstvoll aufgebaute Gerüst und die ganze sorgfältig austarierte Figurenpsychologie in sich zusammen und der Film artet in eine adrenalingesättigte Verfolgungsjagd aus – genau in dem Moment warten die Filmemacher mit einem schlauen Twist auf.

Steht im ersten Teil die Psychologie, das von drei Schauspielern getragene intensive Kammerspiel im Zentrum, so ist es im zweiten Teil die Action, die dominiert. Doch auch diese ist nie reiner Selbstzweck, denn ab hier beginnt man, das im ersten Teil Erfahrene neu zu überdenken.
So, mehr will ich jetzt der Fairness halber nicht verraten und Hidden nur noch zur Ansicht empfehlen. Der Film, ein höchst interessanter Mix aus Horrorfilm und Kammerspiel, stammt von Matt und Ross Duffer, bekannt als „die Duffer Brothers“, dieselben, welche auch für die derzeit erfolgreiche Netflix-Mystery-Serie Stranger Things verantwortlich zeichnen.

9 / 10

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Kurzkritiken


GESTERN, HEUTE, MORGEN

(OT: Ieri, oggi, domani)
Italien 1963
Mit Sophia Loren, Marcello Mastroianni, Aldo Giuffré, u.a.
Drehbuch: Eduardo De Filippo, Cesare Zavattini u.a.
Regie: Vittorio De Sica
Einer jener typischen Episodenfilme, die in den Sechzigerjahren in Italien „in“ waren. Im Mittelpunkt jeder Episode steht eine (von der Loren gespielte) Frau.
Die erste Episode heißt „Adelina“ und handelt von einer Frau und Mutter in Neapel, die einer Gefängnisstrafe wegen Schmuggels nur entgehen kann, wenn sie permanent schwanger bleibt. Ehemann Mastroianni ist schwer gefordert…!
Teil 2, „Anna“, zeigt einen Ausflug einer reichen, gelangweilten Fabrikantengattin mit einem Schriftsteller.
Teil 3: „Mara“ ist eine Prostituierte, die einen notgeilen Kunden permanent vertrösten muss, weil ständig irgendwas dazwischenkommt.Der Film legt mit der ersten Episode einen fulminanten Start hin. Sie sprüht nur so vor Leben, die Erzählung ist witzig und das Milieu ist fabelhaft gut getroffen.
Leider enttäuscht der Rest des Films. Die letzte Episode ist zwar auch ganz unterhaltsam, doch hier lahmt das Drehbuch. Cesare Zavattini, aus dessen Feder auch die schwache zweite Episode stammt, hat offensichtlich Mühe mit dem Fokus. Man weiß nie so richtig, was nun eigentlich im Zentrum der Geschichte steht und das Lavieren ermüdet auf Dauer.Dank dem wechselvollen Spiel der beiden Hauptdarsteller gewinnt aber auch noch die schwächste Episode. Der Film zeigt deutlich, wie fabelhaft vielseitig die Loren und der Mastroianni waren. In jeder Episode verwandeln sie sich in völlig andere Charaktere. Zudem waren beide grandiose Komödianten!
7 / 10


DIE HÜTTE – EIN WOCHENENDE MIT GOTT

(OT: The Shack)
USA 2017
Mit Sam Worthington, Octavia Spencer, Radha Mitchell u.a.
Drehbuch: John Fusco, Andrew Lanham und Destin Cretton nach dem Buch von William P. Young
Regie: Stuart Hazeldine
„Brot backen mit Gott! Über’s Wasser laufen mit Jesus! Gönnen sie sich ein Wellnesswochenende mit der Dreifaltigkeit!“
So könnte der Werbeslogan dafür lauten, was in diesem Film gezeigt wird.
Doch von Anfang an: Während Mack Phillips seinen Sohn vor dem Ertrinken rettet, wird seine jüngste Tochter entführt und umgebracht. Schon die Ausgangslage mit ihrer Konstruiertheit macht stutzig. Doch es kommt noch dicker!
Nach dem Tod der Tochter fällt Mack in eine tiefe Depression. Da erhält er eine schriftliche (!) Einladung – von Gott. Mack soll zur Hütte zurückkehren, in der seine Tochter ermordet wurde, an den Ort, den er in schrecklichster Erinnerung hat. Er tut es – wider jede Vernunft.
Und dort trifft er nun – Gott. In (natürlich!) weiblicher Form; in Form der schwarzen Schauspielerin Octavia Spencer. Sie backen Brot zusammen. Mack stellt Fragen, Gott/Octavia beantwortet sie weise.
Jesus ist auch da, und der heilige Geist ebenso. Das ganze „Wochenende mit Gott“ ist in Bilder gefasst, die aus der Werbung einer Wellnessfarm stammen könnten. Die ganze Zeit wird weise gemurmelt, über Themen sinniert wie: „Weshalb lässt Gott Gräueltaten zu?“ Und auf jede Frage gibt es eine Antwort.
Es gibt bedenkenswerte Aussagen in diesem Film. Doch das Ganze kommt derart selbstgerecht daher, dass es fast nicht erträglich ist. Im Film – und in der Buchvorlage wohl ebenso – gibt Gott selbst die Antworten. Das Buch wurde aber von einem Menschen geschrieben. Einem Menschen, der offensichtlich weiß, wie Gott denkt und tickt. Wer das von sich glaubt, ist anmassend. Und da wird es für mich abstossend.
Der ganze Film ist eine Lektion in Frömmigkeit, bunt und plakativ umgesetzt, auf dem Niveau eines amerikanischen Fernsehgottesdienstes. Die Schauspieler sind samt und sonders – und sichtlich – von der schwierigen Aufgabe überfordert.
Ogottogott!
2 / 10

Abgebrochen:
– Guardians of the Galaxy, Vol.2
(James Gunn, USA 2017): Keinerlei vernünftige Handlung, die Schauspieler unter Latex und zentimeterdick Schminke begraben, der allseits gepriesene Humor gewollt, verkrampft, kaum der Rede wert. Die Story vom gottgleichen Vater des Helden ein Bockmist sondergleichen… Nee danke!
The Constant Nymph (dt.: Jungfräuliche Liebe / Liebesleid; Edmund Goulding, USA 1943): Oh wow! Charles Boyer, Joan Fontaine und Peter Lorre in einem in der Schweiz spielenden Backfisch-Drama. Chees-y!

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Gedankensplitter

Das Drehbuch
Regisseure werden von der Filmkririk im allgemeinen für alles gelobt oder gerügt, was an einem Film gelungen oder misslungen ist. Dass sie für wichtige Aspekte gar nicht verantwortlich sind, wird gemeinhin übersehen; zu stark hat sich die in den 50er-Jahren geprägte, romantisierende Vorstellung vom „cinèma auteur“, vom Autorenfilm, in den Köpfen festgesetzt.
Dem Regisseur kommt üblicherweise keinerlei Verdienst für das dramaturgische Gerüst zu, es sei denn, er hätte am Drehbuch mitgearbeitet. Trotzdem liest man immer wieder Kommentare, wie jenen in der neusten Ausgabe unseres Lokalblattes zu Mick Jacksons Film Denial. Da beklagt sich der Filmkritiker über das Ende des Films und lastet das angebliche Misslingen dem Regisseur an. Dann holt er zu einem Rundumschlag aus: Jacksons letzter bekannter Film Bodyguard liege ja inzwischen über zwanzig Jahre zurück, seither hätte der nichts „Gescheites“ mehr gedreht und auch Bodyguard sei schon schnulzig gewesen. Was für eine Meisterleistung journalistischen Durchblicks! Dass Jackson in England zwischenzeitlich zahlreiche Fernsehfilme inszeniert hat, die hier gar nicht zu sehen waren, kümmert den Lokal-Kritiker nicht. Weshalb weiss er, dass sie „nichts Gescheites“ waren? Hat er sie wirklich gesehen? Mick Jackson ist kein herausragender Regisseur, aber ihm die Schwächen des Drehbuchs anzulasten zeugt von filmjournalistischer Inkompetenz. Genausowenig kann man dem Regisseur die Stärken eines Drehbuchs gutschreiben. Aber die meisten Filmkritiker tun genau das. Sie vermögen nicht zwischen dem Stoff und seiner Inszenierung zu unterscheiden.
Sehr schön lässt der Einfluss des Drehbuchs in Filmen wie dem oben erwähnten Ieri, oggi, domani von Regisseur Vittorio de Sica belegen, den man als Pflichtstück für angehende Filmjournalisten erklären sollte: Der Film hat drei Episoden, zwei Drehbuchautoren und einen Regisseur. Die erste Episode perlt und pulsiert vor Witz und Lebendigkeit, die anderen beiden kommen mit ihrer Handlung einfach nicht zu potte. Sie haben kein erzählerisches Zentrum und mäandern von einem Thema zum andern. Die erste Episode stammt von einem anderen Autor als die beiden letzten. Gegen deren Drehbuch-Schwächen kann auch der Regisseur wenig ausrichten.