Monat: Dezember 2014

Anna Karenina

ANNA KARENINA
Grossbritanien 2012
Mit Keira Knightley, Jude Law, Aaron Taylor-Johnson, Matthew MacFadyen, Kelly MacDonald, Domhnall Gleeson, u.a.
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Tom Stoppard
Deutschsprachige Kinoauswertung 2012 unter dem Titel Anna Karenina
Dauer: 129 min

Anna Karenina – gibt man diesen Titel bei der Internet Movie Database ein, erscheinen 31 Einträge; 31 Verfilmungen also gibt es (mindestens!) bereits von Tolstois umfangreichem Werk. 2012 fügte Joe Wright seine Version hinzu. Und die hat’s in sich!
Wright verlegt das Ganze ins Theater. Zum Filmbeginn hebt sich auf der Leinwand ein Vorhang, wir blicken in den Schaukasten einer Bühne mit gemalten Kulissen. Das ist nicht nur ein Kunstgriff, der uns zu Beginn verdeutlichen soll, dass wir gleich Zeugen eines grossen Welttheaters werden – der ganze Film spielt in gemalten Kulissen. Immer wieder wird das Geschehen kurz aufs Schaukastenformat der Bühne reduziert.
Was will uns der Regisseur damit sagen?
Keine Ahnung! Aber diese Inszenierung ist unglaublich reizvoll!

Was mir daran gefällt ist, dass die Künstlichkeit des Mediums Kino für einmal nicht negiert wird – dass die Regie nicht so tut, als würde der Film die Realität abbilden – sondern dass so richtig herausgestrichen wird: Seht her, im Film ist alles nur Kulisse; Anna Karenina ist ein Kunstprodukt, was wir zeigen, ist ein Kulissenrussland. Wir stehen dazu.
Vielleicht ist auch noch „Das Leben ist ein Theater“ drin, bei diesem Drehbuchautor würde das nicht erstaunen (Tom Stoppard hat mit dem Film  Rosencrantz and Guildenstern are Dead bereits etwas ganz Ähnliches geschaffen).

Was auch immer die Absicht mit der betonten Künstlichkeit gewesen sein mag – ich könnte mir auch noch vorstellen, dass man sich damit a.) von den anderen 30 Karenina-Verfilmungen abheben wollte, und b.) dass gemalte Kulissen billiger und bequemer waren, als der Umbau ganzer Strassenzüge und Dreharbeiten im eisigen Winter Russlands; anzusehen ist es jedenfalls toll! Da werden ganze Bahnhöfe stilisiert und auf Bühnenformat reduziert, ein Format notabene, das immer wieder gesprengt wird. Im Falle des Bahnhofs zum Besispiel, indem plötzlich ein ausgewachsener Zug einfährt. So wird das Spiel mit den Bühnenkulissen immer auch zum Spiel mit der Realität; indem Räume gebogen werden, plötzlich mehr fassen, als dass sie eigentlich aufnehmen könnten, wird eine permanente Atmosphäre der Unwirklichkeit geschaffen, die so gar nicht in die Konvention des heutigen Kinos passt, die dem phantastischen Stummfilm eines Georges Mélies zu entstammen scheint. Mit seiner Inszenierung von  Anna Karenina hinterfragt Wright eingefahrene Konventionen, die das Mainstream-Kino längst auf ein totes Geleise geführt haben.

Gedreht wurde tatsächlich in einem Theater, einem gemessen an der Grösse des Films winzigen Ort, der extra für den Film gebaut wurde. Während der Dreharbeiten wurden Bühne, Zuschauerraum und Kulissenboden ständig verändert umgebaut, in kleinere Räume zerteilt, dann wieder erweitert; jeden Tag sei das Theater etwas Anderes, etwas Neues gewesen, gibt einer der Mitarbeitenden zu Protokoll. Welttheater auf kleinstem Raum. Ein genialer Einfall, der auf dem Mist des Regisseurs gewachsen ist. Ursprünglich war der Dreh ganz anders geplant. Von zwei, drei Aussenaufnahmen abgesehen, ist Anna Karenina ein Kulissenfilm von A bis Z.

Wrights eigenwillige Inszenierung ist zudem sehr tänzerisch – auch da ist ein Bruch mit der Konvention zu verzeichnen. Die Figuren umkreisen sich ständig und werden dabei von einer entfesselten Kamera umkreist, sie bewegen sich mit Pirouetten und mit langen, schwebenden Schritten. Das ist oft zuviel des Guten, aber bisweilen entsteht daraus etwas berückend Harmonisches, ein Tanz ohne Musik, eine Choreografie, welche die Künstlichkeit des Mediums zusätzlich unterstreicht.

Die Publikumsreaktionen auf Anna Karenina zeigten deutlich, wie nötig so ein Film ist. Da er mit Publikumsmagneten besetzt ist und somit im Mainstream-Programm gezeigt wurde, waren die Zuschauer ratlos. „Gewöhnungsbedürftig“ war das häufigste – und höflichste – Attribut, das man zu hören bekam. Dass er trotzdem nicht zum Flop wurde, stimmt hoffnungsvoll.

Leider zeigt Joe Wright einen Hang zum Schwulst, welcher die Seh-Freude an diesen tollen Film immer wieder dämpft. Zudem hatten die Produzenten bei der Wahl der drei Hauptdarsteller ein ausgesprochen schlechtes Händchen: Keira Knightley vermag die schwierige Hauptrolle nicht auszufüllen, Jude Law als ihr Ehemann ist zu blass und Aaron Taylor-Johnson als Liebhaber ist einfach nur schlecht – ein Schönling, aber kein Schauspieler. Das ist zwar schade und trübt die Freude an der grandiosen Inszenierung immer wieder – trotzdem ist Anna Karenina dank seiner Inszenierung ein grandioser Film, der mehr Beachtung verdient. Und Joe Wright gehört zu den besten und interessantesten Regisseuren zur Zeit.

TRAILER (englisch)

DIE BLU-RAY / DVD:
Ich habe den Film in der Blu-ray-Ausgabe angesehen – und das sei hier empfohlen. Ich bin kein Bildqualitätsfetischist, aber hier ist ein hoch aufgelöstes Bild wirklich sinnvoll! Man kann so die unendliche Liebe, die für die Dekors und Kostüme verwendet wurden, besser erkennen, weil man deren zahlreiche Details genau wahrnehmen kann. Und da leistet die Blu-ray wirklich ganze Arbeit: Bild und Ton sind grandios!
Zudem gibt es auf der Blu-ray einige erhellende Extras, die in der DVD-Ausgabe nicht vorhanden sind:
Unveröffentlichte Szenen; Anna Karenina: Eine epische Liebesgeschichte: Über Tolstoi und seinen Roman; Tolstoi verfilmen: Regisseur Joe Wright und Autor Tom Stoppard erzählen, wie die Adaption und der Film entstand; Anna Karenina: Zeitrafferaufnahme: Das Theater und seine zahlreichen Umbauten und Veränderungen im Zeitraffer; Annas Garderobe; Am Set mit Regisseur Joe Wright: Cast & Crew erzählen von der Arbeit mit Joe Wright; Keira als Anna: Cast & Crew erzählen von der Arbeit mit Keira Knightly; Audiokommentar von Regisseur Joe Wright.

VORHER – NACHHER:
Joe Wrights vorheriger Film war der Thriller Hanna (2011). Gerade abgedreht hat er Pan – eine weitere Peter Pan-Verfilmung, die nächsten Sommer in den US-Kinos Premiere haben wird.
Keira Knightley stand vor Anna Karenina für Lorene Scafarias Weltuntergangs-Komödie Seeking A Friend for the End of the World vor der Kamera, nachher war sie in einer kleinen Rolle im Ensemblefilm Stars in Shorts zu sehen.
Jude Laws „Film davor“ war The Boy in the Oak, ein Kurzfilm, in dem er als Erzähler aus dem Off nur zu hören war; im Film nach Anna Karenina war wieder nur seine Stimme zu hören: Im Animationsfilm Rise of the Guardians sprach er den Pitch.
Tom Stoppards letztes grosses Filmdrehbuch vor Anna Karenina schrieb er für den 2001 entstandenen Thriller Enigma von Michael Apted. Gerade abgedreht wurde sein Drehbuch zum Film Tulip Fever von Justin Chadwick. Dieser ist auf 2015 angekündigt.

 

Kurzkritik: A Long Way Down

A LONG WAY DOWN
England / Deutschland 2014
Mit Pierce Brosnan, Tony Colette, Imogen Poots, Aaron Paul, Sam Neill, Rosamund Pike,  u.a.
Drehbuch: Jack Thorne, nach dem gleichnamigen Roman von Nick Hornby
Regie: Pascal Chaumeil

Das Fähnlein der vier Lebensmüden: Aaron Paul, Tony Colette, Imogen Poots & Pierce Brosnan

Die Ausgangslage schaut im Trailer ziemlich vielversprechend aus: Ein Selbstmörder will am Silvesterabend vom Dach eines Hochhauses springen, zögert aber an der Kante so lange, dass sich hinter ihm eine „Schlange“ aus weiteren Lebensmüden bildet. Die vier völlig unterschiedlichen Typen tun sich schliesslich zusammen und werden durch einen „Stay-Alive-Pakt“ zu einer „Gang“: Bis zum Valentinstag wollen sie am Leben bleiben und aufeinander Acht geben.
Kingt gut – doch der Film enttäuscht. Die schauspielerischen Leistung aller Beteiligten sind zwar toll, trotzdem springt der Funke nicht aufs Publikum über. Weder das Drehbuch noch die Regie können mit der Klasse der Schauspieler mithalten. Letztere ist dafür zu konventionell und uninspiriert, ersteres zu oberflächlich und zu einfallslos. Die Beweggründe einiger der Möchtegern-Selbstmörder bleiben nebulös, ihre Handlungen sind nicht immer nachvollziehbar.
Und auch die Balance zwischen Tragik und Komik gelingt nicht wirklich, weil die Charakere und ihre Geschichten viel zu oberflächlich abgehandelt werden.
„Nick Hornby ist gerade „in“, also verbraten wir seine Bücher gewinnbringend im Kino“ – das scheint die eigentliche Botschaft des Films zu sein. Sie ist umso ärgerlicher, als kein weiterer Ehrgeiz hinter A Long Way Down auszumachen ist: Weder in künstlerischer Hinsicht noch in jener, eine gelungene, erinnerungswürdige Literaturverfilmung abzuliefern.
Zwei Dinge verdienen allerdings eine spezielle Erwähnung: Die junge Aktrice Imogen Poots stiehlt praktisch allen anderen die Schau (gut, sie hat auch die exzentrischste Rolle von allen); sie ist die eigentliche Entdeckung dieses Films, vermutlich wird man in nächster Zukunft von ihr hören. Und Pierce Brosnan gebührt die Ehre, den Mut aufgebracht und eine Rolle angenommen zu haben, die gänzlich gegen sein Superstar-Image gebürstet ist: die eines pädophil veranlagten Fernsehstars.