Monat: September 2011

Ein vergessener Ausnahme-Regisseur

THE MYSTERIOUS LADY
(dt.: Der Krieg im Dunkel)
USA 1928
Mit Greta Garbo, Conrad Nagel, Gustav von Seyffertitz u.a.
Regie: Fred Niblo
Dauer: 89 min

Wien, um 1900: Der Offizier Karl von Raden (Conrad Nagel) kriegt in der Oper einen Logenplatz neben der schönen Tanja Fedorova (Greta Garbo) und ist sofort von ihrer lasziven Schönheit fasziniert. Nach der Vorstellung ist sie nicht abgeneigt, sich von ihm in seiner Droschke nach Hause bringen zu lassen. Ein sorgfältig vergessenes Paar Handschuhe führt dazu, dass sie ihn noch zu einem Kaffee hereinbittet – und schon bald ist es geschehen: Die beiden haben sich unsterblich ineinander verliebt.

Und nun erfährt von Raden, dass Tanja eine russische Spionin ist. Prompt fehlen ihm plötzlich wichtige, streng geheime Dokumente. Er wird degradiert und in Haft gesetzt.
Tanjas Bild lässt ihn nicht mehr los; als er wieder frei kommt, sucht er nach ihr, bis er sie findet. Um festzustellen, dass sie ihn genauso wenig vergessen kann…

Die Inhaltsangabe klingt nach abgedroschener Spionage-Romanze – ein Grund, weshalb dieser Film lange in meinem Regal liegengeblieben ist.
Doch oh – welch angenehme Überraschung! The Mysterious Lady, nach einem Roman des österreich-ungarischen Autors Ludwig Wolff, entpuppt sich als wunderbar feinsinnig inszeniertes, hoch dramatisches und spannendes Kammerspiel, in dem nicht nur sämtliche Rollen perfekt besetzt sind, sondern das auch mit subtiler inszenatorischer Raffinesse aufwartet.

Wie Regisseur Fred Niblo hier die Spannung kontinuierlich steigert und die Erotik knistern lässt, oft nur mit Blicken, Schnittfolgen, Gesten, das lässt das Cinéastenherz jubilieren. Fred Niblo, das verkannte Regie-Genie! Die Freude, einen grossen, bislang unterschätzten Regisseur entdeckt zu haben, lässt mich den Film zwei Mal betrachten. Auch bei einer zweiten Visionierung hält der starke Eindruck stand: Da ist ein Regisseur am Werk, der fernab von spektakulären Kameratricks Grosses vollbringt, indem er auf das Kleine achtet, kleinsten Gesten Bedeutung beimisst, Blicke sprechen lässt, die Akteure geschickt im Bild platziert und so Beziehung schafft, und Spannung erzeugt.

Anders als etwa Alfred Hitchchock, dessen Bildsprache in seiner Aussergewöhnlichkeit stets deutlich erkennbar ist, beschreitet Niblo mit seinen Filmen einen gänzlich anderen Weg: Er manipuliert auf der Bildebene nichts; bei ihm sprechen nicht in erster Linie die Bilder, sondern Blicke und Gesten.

Dies ist ein von der Filmhistorie wenig beachteter Weg, die stummen Filme zum „Sprechen“ zu bringen, der aber ebensoviel Berechtigung verdient wie der andere. Niblo ist darin ein absoluter Meister; ihn mit Hitchcock, Fritz Lang oder Murnau auf eine Stufe zu stellen, scheint auf den ersten Blick ungehörig. Wenn man sich aber Filme wie The Misterious Lady anschaut und gewahr wird, mit welcher Akribie und mit welchem Timing da grosse Gefühle evoziert werden, welche Sorgfalt darauf verwendet wird, mit Gesten ganz grosse Geschichten zu erzählen, dann kann man nicht umhin, diesen Regisseur als vergessenen Kinomagier zu preisen.
Und man muss sich nur einmal die Wagenrennen-Sequenz aus Niblos Stummfilm Ben-Hur ansehen, um zu erkennen, wozu dieser unterschätzte Stummfilm-Magier auch fähig war.
Bezeichnender- und konsequenterweise verbschiedete sich Niblo mit den Heraufziehen des Tonfilms vom Kino: Das war nicht mehr seine Welt und nicht mehr seine Kunstform.

Es erscheint durchaus vorstellbar, dass Garbo Fred Niblo einen grossen Teil ihres immensen Ruhms verdankt – die Art, wie er sie hier und im früher entstandenen Film The Temptress in Szene setzt, mit raffiniert ausgeleuchteten Nahaufnahmen, wurde von anderen Regisseuren kopiert und wurde in ihren Filmen zum Markenzeichen.

Und manchmal kommen durch glückliche Fügung Faktoren zusammen, die einen Film zum Ereignis machen. Die drei Hauptdarsteller Garbo, Nagel und von Seyffertitz (ein echter österreichischer Adligenspross, den es zum Film zog) tragen The Mysterious Lady, eine(r) überzeugender als der/die Andere. Ebenfalls exzeptionelles leistet der Set Decorator Cedric Gibbons, dem es hier gelingt, das Wien um die Jahrhundertwende derart lebendig werden zu lassen, dass man das Gefühl von Authentizität nicht los wird.

Ein weiterer Plus-Faktor wurde 80 Jahre nach der Entstehung des Films beigefügt: die Musikbegleitung, die Vivek Maddala zur DVD-Veröffentlichung beisgeteuert hat. Sie begleitet die Blicke und Gesten subtil und geschickt, unterstreicht die szenischen Zusammenhänge und verhilft dadurch der vom Regisseur geschickt aufgebauten Spannung zu ihrer Wirkung.
Eine Stummfilmveröffentlichung also, die rundum empfohlen werden kann!
9/10

Der Film ist in Deutschland auf DVD erschienen, unter dem Titel Der Krieg im Dunkel; die DVD ist allerdings inzwischen vergriffen. Einige günstige Angebote gibt es allerdings bei amazon.de von Privatanbietern!

http://www.amazon.de/Krieg-im-Dunkel-Greta-Garbo/dp/B000B2XZJU/ref=sr_1_2?s=dvd&ie=UTF8&qid=1317066627&sr=1-2

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Noch ein Filmstöckchen…

…aber dieses Mal ein selbst verfasstes!
Spielregel: Damit Eure Antworten gut erkennbar sind, sollten sie in Fettschrift getippt werden. Der von mir verfasste Teil bleibt… hmmm, unfett.
Die Antworten dürfen beliebig lang ausgeführt werden. Es ist sogar wünschenswert, denn erst mit einigen erklärenden Zusätzen wird zum Beispiel Eure Wahl zum „überschätzten Film“ nachvollziehbar und interessant.
Also dann, greift in die Tasten; wer immer Lust hat, mein Stöckchen aufzugreifen, soll sich bitte bedienen.
Wer sich bedient und den Text im eigenen Blog publiziert hat, möge dies doch bitte durch einen kurzen Kommentar hier bekunden.
Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Auch ich werde mich selbstverständlich an die Arbeit machen und das Ergebnis zu gegebener Zeit hier veröffentlichen.
Herzlichen Dank fürs Mitmachen!

Die Sätze:
Film ist Kunst wenn _______________________.

Überschätzte Filme:____________________________.

Unterschätzte Regisseure:____________________________.

Ein zu unrecht wenig bekanntes Kinowerk, das unbedingt mehr Beachtung verdient: ______________________________.

Ein Aspekt, der mich an Filmen am meisten reizt/fasziniert: ____________________________.

Ein Aspekt, der mich an Filmen nervt/abstösst/beunruhigt: _____________________________.

Filme, welche (bei mir) etwas ausgelöst haben:____________________________________.

Ein Stoff/Buch, den/das ich verfilmen würde: ________________________________________.

Wenn ich Regisseur wäre, würde ich __________________________________________.

Wenn ich Filmschauspieler(in) wäre, würde ich gerne ___________________________ spielen weil ____________________________________.

Tonfilm-Seitensprung: Schweizerische Harmlosigkeiten

HD-SOLDAT LÄPPLI
Schweiz 1959
Mit Alfred Rasser, Editha Nordberg, Otto Wiesely, Franz Matter u.a.
Regie: Alfred Rasser
Dauer: 111 min

Ich muss zugeben, dass ich, obwohl ich Schweizer bin, die heimische Filmproduktion zu wenig gut kenne. Ich habe ihr gegenüber ein Vorurteil, das von HD-Soldat Läppli soeben wieder bestätigt wurde. Es lautet: Die Nachkriegsfilme sind harmlos bis reaktionär, die Filme ab den Siebzigerjahren versuchen dies mit forciertem „Kunstanspruch“ zu kompensieren.
HD-Soldat Läppli gehört zur ersten Gruppe; der Film, der auf einem Bühnenstück basiert, das wiederum lose auf Jaroslav Haseks satirischem Roman Der brave Soldat Schwejk fusst, erreicht in keinem Monent die satirische Qualität der tschechischen Vorlage. Im Gegenteil: In aller Deutlichkeit wird man bei der Visionierung an den Umstand erinnert, dass Satire in der Schweiz bis Mitte der Achtzigerjahre praktisch inexistent war. Es gab sie einfach nicht!
Dazu ein Beispiel: Als der Kabarettist Franz Hohler in den Achzigerjahren seine wöchentlichen, jeweils zehnminütigen bissigen Denkpausen im Vorabendprogramm des Schweizer Fernsehens lancierte, ging ein Sturm der Entrüstung durchs Land. Hohler, wegen seiner Kritik an AKWs oder am Militär als Nestbeschmutzer tituliert, strich nach vierzig Folgen und vielen Querelen entnervt die Fahnen.

Wenn man sich nun „den bis heute einzigen Film, der den schweizerischen Militarismus kritisierte und das Ansehen der Armee ankratzte“ (Werbetext DVD-Cover), eben jenen HD-Soldat Läppli von Alfred Rasser aus dem Jahre 1959 anschaut, sieht man sich mit einem eindrucksvollen Beispiel der Schweizerischen Harmlosigkeit konfrontiert. Der Covertext wird vom Film selbst ad absurdum geführt: Da wird nichts lächerlich gemacht oder kritisiert – gar nichts. Höchstens ein paar Filmfiguren, militärische Betonköpfe. Aber das Ansehen des Militärs als solches wird in keinem Moment angetastet.

Das ist seltsam, denn während des zweiten Weltkrieges war die Satire in der Schweiz durchaus lebendig. Da hatte sie ein Angriffsziel ausserhalb der Landesgrenzen, und das wurde denn auch fleissig und von sicherem, neutralem Terrain aus beschossen. Doch sobald der Krieg vorbei war, gab es keinen Feind mehr, und nach innen richten wollte (durfte) man die Satire nicht. Sobald das einmal geschah, schaltete sich sofort die Politik oder das Militärdepartement ein. Notfalls mit Repressalien. Man wurde überwacht im Schweizer Staat, der kalte Krieg hatte in den Köpfen der Landesführer Einzug gehalten.

Als Alfred Rasser von 1954 einer Reise nach China zurückkehrte, wurde er regelrecht boykottiert; als „Linker“ erhielt der populäre Volksschauspieler keine Engagements mehr. Seine Rettung war der Film. Rasser plante, sein populäres Bühnenstück um den bauernschlauen Hilfsdienst-Soldaten Läppli zu verfilmen, ein Projekt, das erst gegen Ende der Fünfzigerjahre, nach langen Querelen und Schwierigkeiten in Angriff genommen werden konnte – mit Rasser selbst als „Notlösung“ am Regiepult (der ursprüngliche Regisseur wurde gefeuert). Der Film wurde ein riesiger Erfolg.
Wenn man sich den oben beschriebenen geistigen Zustand der Schweiz von damals bewusst macht, ist es kein Wunder, dass der Film zur zahmen, bisslosen Klamotte wurde. Das Militärdepartement erhob schon Einspruch bei einer Szene, in der Läppli die Fingernägel mit dem Bajonett reinigt; sie musste auf Geheiss der Armeeführung entfernt werden.

Es gibt dennoch zwei satirische Spitzen in diesem fast zwei Stunden dahinplätschernden Film. Immerhin zwei! Die eine wird allerdings sogleich abgemildert, indem Läppli sie dem alten Fritz zuschreibt: Ein Soldat, so Läppli zu einem Offizier, dürfe nicht denken. Das sei ein Unding; ein Soldat, der denke, sei kein Soldat mehr, sondern ein Zivilist.
Und die andere: Als ihm ein Leutnant eine Frage stellt, stolpert Läppli über die komplizierten militärischen Sprechformeln und Einleitungsfloskeln, und stellt dann trocken fest, diese seien wichtiger als die Antwort.
Das war’s dann auch schon. Der Rest ist harmloses, dialoglastiges Blödeln. Man merkt dem Film die Bühnenherkunft sowie die Unerfahrenheit seines frischgebackenen Regisseurs deutlich an.

Sieht man davon ab und akzeptiert den Film als leichte Unterhaltung, bleibt festzustellen, dass die Regie wenig einfallsreich einfach das Bühnenstück abfilmt und dass die Nebendarsteller fast durchs Band klägliche Leistungen abliefern. Getragen wird der Film einzig von der Präsenz Rassers. Er allein macht HD-Soldat Läppli heute noch erträglich.
Rasser war ein phänomenaler Schauspieler. Seine Verkörperung des Läppli ist zwar an manchen Stellen etwas allzu übertrieben, peinlich gar – doch glaubhaft ist sie allemal. Mit absoluter Überzeugungskraft haucht er seiner unsäglich treuherzigen Gestalt Leben ein. Wer diesen Schauspieler in anderen Rollen gesehen hat, weiss um dessenVielseitigkeit.

Alfred Rasser und vor allem Läppli war so etwas wie eine Basler „Nationalfigur“. Ich würde mich also nicht wundern, wenn ich von meinem Basler Blogger-Kollegen in Kürze „ains uff’s Dach kriege“ würde. Whoknows, was mainsch?
5/10


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

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