Monat: April 2011

Lubitschs grosses Kasperltheater

DIE PUPPE
Deutschland 1919
Mit Ossi Oswalda, Hermann Thimig, Victor Janson, Jakob Tiedtke u.a.
Regie: Ernst Lubitsch
Dauer: 64 min

Während kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges Deutschland darniederlag, die Leute hungerten, in einigen Städten das Chaos tobte und gewisse Kreise bereits wieder die Messer wetzten – da holte Ernst Lubitsch, designierter Komödiant und Komödienregisseur ein Puppenhaus und zwei Holzpüppchen aus einer Kiste und stellte sie vor laufender Kamera in eine Spielzeuglandschaft.

Das war der Anfang seines bezaubernden, gegen alle Zeichen der Zeit gebürsteten Märchenfilms Die Puppe, nach einer Operette von A. E. Millner. Lubitsch hielt es mit seinen Filmen meist so: Auf düstere Zeiten reagierte er mit leichtfüssigen Filmen. Das Publikum dankte es ihm, er hatte damit grossen Erfolg. Während berühmte Kollegen wie etwa Fritz Lang die bedrohliche Stimmung der Weimarer Republik in Filmen wie Doktor Mabuse, der Spieler umsetzten und für die Nachwelt konservierten, tat Lubitsch das Gegenteil.

Die Puppe lässt nichts ahnen von der Zeit, in der das Lustspiel entstand. Er ist ihr in allem entrückt: Zeit, Ort, Umgebung, Thematik – nirgends ist der Film in der Realität verhaftet, alles ist Erfindung, Märchen, Theater, Kulisse – Film in seiner ursprünglichsten Form eben. Das ist reizvoll, denn dadurch erhält das Werk etwas Zeitloses.

Wie im expressionistischen Film sind die Kulissen sichtlich gemalt – allerdings nicht mit expressionistischen Zeichen, sondern mit Kinderzeichnungen. Mit dem Expressionismus wollte Lubitsch erklärtermassen nichts zu tun haben. Das Dekor ist das einer Spielzeugstadt, die Kostüme ähneln Puppenkleider, die Frisuren Puppenfrisuren. Der Titel ist durchaus Programm, und obwohl im Film nur eine „echte“ Puppe vorkommt, inszeniert Lubitsch seine Geschichte als grosses Kasperltheater.

Da kommt ein Kasperl vor, in prominenter Rolle – hier heisst er Lancelot – der heiraten soll und sich aus Angst vor den Frauen im Koster versteckt. Der findige Abt gibt ihm die Adresse eines Spielzeugmachers, der lebensechte Puppen herstellt. Er rät Lancelot, eine solche Puppe zu kaufen, sie zum Schein zu heiraten und die üppige Mitgift dem Kloster zu vermachen.
Der Puppenmacher, ein leicht überkandidelter Gepetto-Verschnitt, verkauft ihm ohne es zu merken die eigene Tochter, die sich als Puppe ausgibt.
Die Hochzeit gerät zur Farce, in welcher die Spielzeugmachertochter vor ihrem Bräutigam krampfhaft den Schein wahren muss, während sie die Gäste von ihrer Echtheit überzeugen möchte.
Am Ende hat der Kasper dank der falschen Puppe seine Furcht vor den Frauen verloren und wird mit ihr glücklich.

Der Schluss des Films ist leider verloren; zu gerne wüsste ich, ob Lubitsch in seiner Rolle als göttlicher Regisseur die bunte Puppenwelt, die er am Anfang schuf, zuletzt wieder in die Kiste zurückräumt und die Illusion der künstlichen Welt, die er wie ein Zauberer zu Beginn geweckt hat, damit wieder aufhebt.

Die Puppe ist auch aus der zeitlichen Distanz von 90 Jahren noch herrlich anzusehen! Er kommt so direkt und unverblümt frech daher, dass sich seine unmittelbare Wirkung bis heute erhalten hat.
Es gibt zudem so viele wunderbare Regieeinfälle, dass in keinem Moment Langeweile aufkommt, und die explizit ausgespielte Künstlichkeit in Dekor, Kulissen, Kostümen und Perücken verleiht dem ganzen einen zauberhaften Charme. Lubitsch selbst soll rückblickend bemerkt haben, er halte Die Puppe für einen der einfallsreichsten Filme, die er je gedreht habe.
Die Puppe ist ein durch und durch ehrlicher Film, der sich keinen Moment in der Heuchelei ergeht, Realität abbilden zu wollen. Dabei kreiert er eine ganz eigene, verquere neue Realität und ist ist darin – ganz Film.
9/10

Die hier besprochenene DVD stammt aus der Masters of Cinema-Serie des britischen Labels Eureka. Der Film wurde von Transit Film und der Murnau-Stiftung restauriert, die originalen deutschen Zwischentitel wurden belassen.

Die Begleitmusik stammt von Bernard Wrigley; er spielt sie auf einer Concertina ein – leider ein eher gewöhnungsbedürftiges Erlebnis! Die Musik ist äusserst repetitiv und einfallslos – diesem Film hätte man eine passendere Begleitung gewünscht!

Regionalcode 0

Verfügbarkeit:
England
: Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Masters of Cinema. Er ist Teil des 6-DVD-Sets Lubitsch in Berlin; dieses kann bei amazon.co.uk bezogen werden. Regionalcode 2. Momentan kann sie hier massiv verbilligt bezogen werden!
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum: Hier ist der Film nicht erhältlich.


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

Tonfilm-Seitensprung: Auf Hitchcocks Spuren

GASLIGHT
(dt.: Das Haus der Lady Alquist)
USA 1944
Mit Ingrid Bergman, Charles Boyer, Joseph, Cotten, Angela Lansbury, Dame May Whitty, u.a.
Regie: George Cukor
Dauer: 114 min

Das Haus der Lady Alquist – wer kennt ihn nicht, diesen Klassiker des viktorianischen Kinogrusels?!
Ingrid Bergman als hochsensible, verschüchterte Dame aus gutem Haus; Charles Boyer als monströser Ehemann – beides Rollen, welche die beiden Schauspieler nie mehr loswurden, Rollen, welche als Klischee eins wurden mit den Namen der beiden Akteure. Dabei konnte gerade Charles Boyer ganz anders als „nur“ fies hinter halb geschlossenen Augenlidern hervorlinsen. Wobei das „Nur“ natürlich fehl am Platz ist: Sowohl er als auch seine Film-Partnerin spielen ihre Rollen ganz hervorragend – und genau das ist wohl der Grund für die Festlegung auf diese Rollentypen.

Wenn wir von der herausragenden Schauspielerleistungen sprechen, müssen wir auch den Rest der Besetzung ins Lob miteinbeziehen: Jeder einzelne Schauspieler, jede Schauspielerin ist nicht nur perfekt besetzt, sie geben alle ihr bestes. Die damals 18-jährige Angela Lansbury trat hier zum ersten Mal in Erscheinung – sie wurde gleich für den Oscar nominiert. Eine weitere Nomination erhielten Boyer und Bergman – letztere gewann die begehrte Trophäe denn auch.

Ein Schauspielerfilm erster Güte also. Hervorragende schauspielerische Leistungen sind praktisch in allen Filmen George Cukors zu finden – sie waren eines seiner Markenzeichen. Das andere war die Ausstattung. Wie der Mann hier wieder in Dekors und Kostümen schwelgt und wie atmosphärisch er das vernebelte London der viktorianischen Zeit auferstehen lässt! Es ist eine Augenweide. Doch anders als bei seinem Kollege Mitchell Leisen – der punkto Ausstattung ähnliche Vorlieben pflegte – stimmt bei Cukor auch die Inszenierung und das Timing. Es gibt Szenen, welche als Lehrstücke für die filmische Inszenierung eingesetzt werden könnten. Was Cukor etwa in der Konzert-Sequenz mit dem Schnitt und der Kadrage (und ohne Zuhilfenahme von bedrohliche anschwellender Filmmusik) macht, vermittelt höchste Spannung, obwohl eigentlich nichts passiert (siehe zweites „scree-capture“, unten). Die Sequenz macht innere Vorgänge sichtbar, welche das Filmpublikum in höchste Alarmbereitschaft versetzen.
Und die erste Liebesszene des Film weckt bereits zu Anfang des Films durch die Wahl der „richtigen“ Umgebung (siehe erstes „screen-capture“, unten) böse Vorahnungen auf den Fortgang dieser Liebe im Lauf der Geschichte. Man könnte sagen, Cukor wandle mit Gaslight auf Hitchcocks Spuren, gehe dabei aber – Fans des Suspense-Meisters mögen mir verzeihen – bildsprachlich subtiler vor.

Gaslight ist ein Genreklassiker, den zu sehen sich nicht nur lohnt, dessen Kenntnis auch zur Pflicht jedes ernsthaften Filminteressierten gehört.
9/10


Die deutsche DVD des Film ist bereits „out of print“, kann aber noch bei privaten Anbietern via amazon. de bestellt werden.

Schwanken zwischen Grösse und Lächerlichkeit

CAPTAIN SALVATION
USA 1927
Mit Lars Hanson, Pauline Starke, Marceline Day, Ernest Torrence, u.a.
Regie: John S. Robertson
Dauer: 87 min

Ein junger Theologe mit Meeressehnsucht gewährt einer gestrandeten Hure Zuflucht, wird von der christlichen Dorfgemeinschaft dafür geächtet, heuert darauf auf einem Schoner als Matrose an, erlebt die Hölle auf hoher See, kehrt geläutert zurück und kreuzt fortan als predigender Seefahrer die Meere.

Das ist, aufs Wesentliche reduziert, die Handlung von Captain Salvation. Die Zusammenfassung weckt wüste Befürchtungen, die sich jedoch dank einer einfühlsamen und klugen Konzeption fast alle alsn gegenstandslos erweisen. Fast, denn am Schluss folgt knüppeldick, was vorher sorgsam vermieden wurde.

Captain Salvation ist, das muss zunächst gesagt werden, ein unentschiedenes Werk, eine seltsame Mischung aus Abenteuerschnurre und Erbauungsfilm. Die Vorlage stammt von Frederick William Wallace, einem Schotten, der zunächst als Seefahrts-Journalist, dann als Seefahrts-Historiker arbeitete und schliesslich als freier Schriftsteller Bücher mit mehrheitlich maritimem Inhalt veröffentlichte.
Den Verantwortlichen bei MGM, allen voran Drehbuchautor Jack Cunningham und Regisseur Roberts gelang es, nicht zuletzt dank einer klug gewählten, erstklassigen Besetzung und mit realistischer Erzählweise, die Klippen der Lächerlichkeit meist geschickt zu umschiffen. Es gibt ein paar Momente, wo dies misslingt; sie sind dem schwedischen Schauspieler Lars Hanson anzulasten, der sein ansonsten hervorragendes Spiel an zwei, drei Stellen über Gebühr forciert und damit wahrscheinlich schon damals Verwunderung hervorgerufen haben dürfte. Und, wie gesagt, der Schluss trupmft mit einer ungeniessbar dick aufgetragenen Heilsbotschaft auf.

Die erste Hälfte des Film ist zudem etwas zäh geraten, was an den leicht langweiligen Figuren liegt, die im Hafenstädtchen Maple Harbor ihr gesegnetes Tagwerk vollbringen. Erst mit dem Erscheinen der Gefallenen in der Mitte des Films (eine hervorragende Pauline Starke) und dem Auftritt des fabelhaften Ernest Torrence als abscheulicher Kapitän gewinnt der Film an Fahrt und innerer Spannung.
Als unser Theologe (Anson heisst er, fast wie sein Darsteller Hanson) auf dem Schoner „Panther“ im Glauben anheuert, die Fahrt führe nach Rio und sich die verstossene Schiffbrüchige ihm anschliesst, wird’s spannend.

Schon bald entdeckt man, dass man sich auf einem Gefangenenschiff verdingt hat, wo die übelsten Sitten herrschen und die „Fracht“ grausam misshandelt wird. Man lehnt sich auf und erntet Peitschenschläge. Die Frau, dank Ansons leuchtendem Vorbild bereit, ihr loses Leben in den Griff zu kriegen, wird vom schmierigen Kommandanten bedrängt und zum Beischlaf gezwungen, worauf sie sich umbringt und unser Seemann ausrastet.

Ja, ich weiss: Ich bin schon wieder in den ironischen Ton gefallen. Die Handlung macht’s einem wahrlich nicht leicht, dies zu vermeiden. Doch erneut muss ich das Steuer herumreissen und einen weiteren Vorzug des Filmes preisen, nämlich seine Cinématografie. Kameramann William H. Daniels gelingen, auch hier wieder im zweiten Teil, beeindruckende, hervorragend komponierte Bilder von der Hölle auf Erden.

Und wenn ich schon beim Preisen bin: Philip Carlis Filmmusik bringt die Stärken dieses Film zusätzlich zum Leuchten (und verdeckt die Schwächen ein wenig). Seine Patitur begleitet, kommentiert, antizipiert, geht dabei sehr angenehm ins Ohr ohne sich in den Vordergrund zu spielen. So muss Stummfilmmusik sein!
7/10


Die DVD: Die Bildqualität ist gut bis sehr gut, mit sehr guten Kontrasten.

Musikbegleitung von Philip Carli, Weiteres siehe oben (im Artikel).

Reginalcode: 0

Bestellung : Der Film stammt aus dem DVD-R Sortiment von Warner Archive Classics. Eine der wenigen und im Moment preisgünstigsten Möglichkeiten, ihn nach Europa zu bestellen bietet Turner Classics.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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