Monat: Februar 2015

Diese Woche gesehen… 16. bis 22. Februar

gabelingebers Film der Woche

Diese Woche hatte ich etwas Pech mit der Filmwahl – ein richtig gutes Werk war diesmal nicht dabei. Der „Film der Woche“ ist immerhin interessant.

1. JOURNEY FOR MARGARET (W.S. Van Dyke; USA 1942; DVD)
Ein heute vergessener US-Propagandafilm aus dem zweiten Weltkrieg; Robert Young und Laraine Day spielen ein Paar, das während der Bombardierung durch Deutschland in London weilt. Als er einen Artikel über Kriegswaisen verfassen muss, macht er die Bekanntschaft zweier traumatisierter Kinder, die ihn als Bezugsperson akzeptieren. Der Film macht u.a. deutlich, dass die Hemmschwelle bezüglich des Drückens auf die Publikums-Tränendrüsen früher wesentlich tiefer lag als heute. Dem Film liegt zudem ein schwaches Drehbuch zugrunde, und Robert Youngs Schauspielkünste sind sichtbar limitiert. Demgegenüber steht auf der positiven Seite ein Truppe von ausnahmslos hervorragenden Nebendarstellern; insbesondere die beiden Kinder wirken verblüffend authentisch. Und Regisseur Van Dyke („Mordsache dünner Mann“) liefert eine solide Regiearbeit ab – die letzte seiner Karriere. Ein Jahr später beging er Selbstmord.

ALCESTE A BICYCLETTE (dt.: Molière auf dem Fahrrad, Philippe Le Guay, Frankreich 2014; DVD)
Die Grundidee zu diesem Film klingt vielversprechend: Zwei alternde Schauspieler treffen sich nach Jahren; der eine – er hat inzwischen Karriere am Fernsehen gemacht – versucht den anderen, einen Aussteiger, zur Rückkehr auf die Bühne zu bewegen. Beide beginnen, auf dem Landsitz des Aussteigers „spasseshalber“ den „Menschenfeind“ von Molière zu proben. Dabei enthüllt sich – genau wie bei Molière – ein Mikrokosmos von Eitelkeiten, Egoismus, Verletzungen, Neid und Misstrauen. Das Spiel der beiden Alt-Stars Fabrice Luchini und Lambert Wilson ist herrlich, der film jedoch kommt nach einem guten Start zum Stillstand und dreht fortan nur noch im Kreis – um sich selber. Die Kernaussage von der universellen Gültigkeit des Werks Molères verblasst dank einem schwachen Drehbuch und geht schliesslich vor der Selbstverliebtheit der beiden Hauptfiguren unter.

MELINDA AND MELINDA (dt.: Melinda und Melinda; Woody Allen, USA 2004; DVD)
Auch hier klingt die Ausgangslage vielversprechend: Die Geschichte der Aussenseiterin Melinda wird im selben Film wechselweise als Komödie und als Tragödie durchgespielt. Leider funktioniert das nicht, weil es sich genaugenommen gar nicht um dieselbe Geschichte, sondern nur um dieselbe Hauptfigur handelt. Zudem sind die Dialoge derart platt und oberflächlich, dass sich das Interesse der Zuschauer rasch verflüchtigt – und geredet wird in diesem Film leider viel zu viel. Kommt hinzu, dass der komödiantische Teil kaum je wirklich komisch wird, während der tragische mit Plattitüden gespickt ist.
Ein enttäuschend schwaches Werk von Altmeister Woody Allen.

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Diese Woche gesehen… 9. bis 15. Februar

gabelingebers Film der Woche

1.TIMBUKTU (Abderrahmane Sissako; Frankreich, Mauretanien 2014; Kino)
Ein Film aus dem islamischen Kulturraum, der sich mit dem Islamismus befasst – das klingt interessant. Regisseur Sissako zeigt das Leben in der sagenumwobenen Stadt Timbuktu, nachdem sie von einer zusammengewürfelten Gruppe Dschihadisten besetzt worden ist. Zunächst wirken die fremden Besatzer und ihre „Gesetze“ tölpelhaft, ja fast harmlos, ihre Gesetze absurd. Zu Beginn macht sich der Filmemacher auf sanfte Art lustig über sie, stellt ihr Kampf um den „richtigen Islam“ als absurde Zwängerei dar. Doch etwa in der Hälfte kippt der Film, der Ton ändert sich; anhand eines Konfliktes zwischen einem Nomaden und einem Fischer tritt die Gefährlichkeit der „neuen Richter“ und ihrer Ideologie deutlich zutage. Diese wird – mit Hilfe einer exzellenten Bildsprache – als blanker, lebensbedrohender Irrsinn entlart.
Ein wunderbar komponierter, sorgfältig durchdachter, mitunter sehr poetischer Film um Recht und Liebe in Zeiten des Fanatismus.

2. LES ÉMOTIFS ANONYMES (dt.: Die anonymen Romantiker; Jean-Pierre Améris, Frankreich 2010; DVD)
Heisser Anwärter auf Platz eins diese Woche, der es nur knapp nicht geschafft hat! Les émotifs anonymes ist eine absolut köstliche, bezaubernder Komödie aus Frankreich, die ich wärmstens empfehlen möchte! Die Machart ist eher konventionell, aber er ist mit derart viel Liebe zum Detail gemacht, dass es eine wahre Freude ist, ihn anzusehen. Zwei krankhaft Schüchterne verlieben sich ineinander um finden schliesslich über Umwege zusammen – das ist der Rahmen, den sich Regisseur Jean-Pierre Améris steckt. Darum herum baut er eine bezaubernde Geschichte um eine kleine Schokoladenmanufaktur, die von der neuen Angestellten vor dem Bankrott gerettet wird. Die beiden Hauptdarsteller Isabelle Carré und Benoît Poelvoorde als schüchternes Paar sind schlichtweg grandios!

3. TOP SECRET (Jim Abraham, David & Jerry Zucker; USA 1984, DVD)
Ich weiss nicht, wie oft ich diese Agentenfilmparodie schon gesehen habe, aber ich kann mich immer wieder totlachen dabrüber. Es gibt wohl kaum eine andere Parodie, die derart zum bersten voll ist mit unglaublichen Einfällen, absurdem Humor, frechen Sprüchen und wirklich guten Gags. Ein amerikanischer Rockstar wird nach Ostdeutschland eingeladen und gerät dort in eine völlig abstruse Agentengeschichte um einen entführten Wissenschaftler und eine französische Résistance-Gruppe. Sollte man gesehen haben – am besten mehrmals!

4. DREI MÄNNER IM SCHNEEE (Kurt Hoffmann, Deutschland 1955, DVD)
Eine hervorragend geglückte Kästner-Adaption! Der Autor selbst schrieb das Drehbuch, und das merkt man. Der leichtherzige, ironische, untergründig kritische Tonfall der Vorlage konnte vollkommen in den Film hinübergerettet werden, die Schauspieler sind mit einer Ausnahme hervorragend gewählt, die Regie bleibt einfallsreich und stellt sich in den Dienst der Vorlage. Einziger Störfaktor ist ausgerechnet der Hauptdarsteller. Claus Biederstaedt kann der übrigen Schauspielercrew in keinem Moment das Wasser reichen und fällt deutlich ab.

4. NATIONAL TREASURE (dt.: Das Vermächtnis der Tempelritter; Jon Tuteltaub, USA 2004, DVD)
Endlich angesehen – und für überflüssig befunden. Schlecht gespielter und geschriebener Abenteuerfilm um einen Schatz, dessen Karte sich auf der Rückseite der Unabhängigkeitserklärung von Amerika befindet. Teilweise gut inszeniert, kann sich der Film nicht zwischen Ernst und Witz entscheiden – mehr von Letzterem hätte die hanebüchene, unglaubwürdige Geschichte vielleicht gerettet.

Diese Woche gesehen… 2. bis 8. Februar

gabelingebers Film der Woche

 

1. LO IMPOSIBLE (dt.: The Impossible; Juan Antonio Bayona, Spanien 2012; DVD)
Schon wieder führt ein verkannter Film meine Wochenbestenliste an: A.J. Bayonas unglaublich intensivem Tsunami-Drama wurde Einseitigkeit vorgeworfen, weil er sich auf eine westliche Familie konzentriere, statt die Einheimischen Thailands als Opfer zu zeigen. Erstens geht es dem Film gar nicht primär um die Opferfrage, ja nicht mal um eine Chronologie der Ereignisse. Und zweitens ist er für ein westliches Publikum gemacht, das sich am ehesten mit einer westlichen Familie identifizieren kann. Lo imposible zeigt anhand des Tsunamis von 2004 exemplarisch, wie Menschen in äusserster Not über sich und ihre kleinen, alltäglichen Luxusbedürfnisse hinauswachsen – ja was den Menschen eigentlich ausmacht. Dass man, um dieser Aussage zur Geltung zu verhelfen, eine Familie von „verwöhnten“ Westlern ins Zentrum stellte, die auf sich selbst zurückgeworfen wird, leuchtet absolut ein. Mir jedenfalls…
Ein eindrücklicher, hervorragend gemachter, packender, emotionaler und zutiefst menschlicher Film.

2. BIRDMAN OR (THE UNEXPECTED VIRTUE OF IGNORANCE) (dt.: Birdman oder [Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit]; Alejandro González Iñárritu, USA 2014; Kino)
Ein Film ohne einen Schnitt, in einer einzigen Einstellung zu drehen – das hatte schon Alfred Hitchcock mit Rope (1950) versucht. Nun tut es ihm A.G. Iñárritu nach; die heutigen technischen Möglichkeiten lassen das Unterfangen ungleich lebendiger erscheinen als Hitchs Versuch. Da Iñárritus Handlung um ein Theaterstück kreist, erscheint der Kunstgriff, die Zeit- und Ort-Einheit ins Cinématorafische zu transferieren, nicht abwegig. Ein grandioses Schauspieler-Ensemble und genau beobachtete und gezeichnete Figuren sorgen für Spannung. Und doch lässt einen der Film um den ehemaligen Superhelden-Darsteller Riggan Thomson (Michael Keaton), der sein angeschlagenes Image vergeblich mit einer seriösen Bühnenproduktion aufpolieren will, eher ratlos zurück. Viele Themen werden durcheinandergequirlt, am Ende muss sich jeder das Bild selbst zusammensetzen. Ein durchaus faszinierenden Film um Indentität, Rollenspiel und Geltungssucht, der zwar eigene Gedanken zulässt, der sich aber in schwer zugänglicher Rätsel- und Symbolhaftigkeit präsentiert.

3. THE IMITATION GAME (dt.: The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben; Morten Tyldum, England, USA 2014; Kino)
Was kann ich sagen – ich bin enttäuscht! Die Bewertung auf imdb.com und die vielen hymnischen Kritiken weckten höchste Erwartungen, die dieses Biopic um den „Enigma-Überlister“ Alan Turing nicht erfüllt. Das Ganze plätschert mit der Brisanz einer leeren Lunch-Box dahin, das Fazit am Ende („In jenen Tagen war Homosexualität strafbar“) lässt einen Achsel zuckend zurück. So what?! Soll ich mich posthum darüber echauffieren?
Und die Schauspieler? Benedict Cumberbatch agiert an der Grenze zur Affektiertheit, Keira Knightley ist so blass wie die Figur, die sie zu spielen hat – nur gerade Charles Dance sticht heraus. Sein Commander Denniston ist neben der Hauptfigur denn auch der einzige Charakter, der nicht unscharf und blass gezeichnet ist.

4. PETER PAN (Herbert Brenon, USA 1923; DVD)
Die Stummfilmversion des wohl berühmtesten Kinderbuchs aller Zeiten ist zwar toll ausgestattet und dank dem Talent der Bühnen- und Kostümbildner von beträchtlichem Schauwert; doch ansonsten ist er vor allem furchtbar langweilig. Das Ganze ist derart statisch und fantasielos inszeniert, dass nicht mal mehr Ernest Torrence als Captain Hook die Stimmung zu heben vermag. Und Betty Bronson als Titelfigur ist in ihrer ballettös inspirierten Exaltiertheit vor allem eins: lächerlich!