Monat: Dezember 2010

Prosit Neujahr!

DIE AUSTERNPRINZESSIN
(Deutschland 1920)
Mit Ossi Oswalda, Victor Janson, Julius Falkenstein, Harry Liedtke
Regie: Ernst Lubitsch
Dauer: 60 min

„Jetzt  sind schon 1 1/2 Stunden um, und ich habe noch immer keinen Mann!“ mault Ossi, die Austernprinzessin.
Sie ist die Tochter des „Austernkönigs“ Quacker, der so reich ist, dass er nichts mehr selber machen muss – für jede Handlung ist ein anderer Diener zuständig. Doch nun tobt die Tochter, und Quacker muss zusehen, wie er sie zufrieden kriegt. Ein Mann muss her, ein Prinz am besten, denn die Tochter des befreundeten Schuhcremekönigs hat einen Grafen geehelicht, und was die kann….

Tatsächlich hat der Heiratsvermittler noch einen Prinz in seiner ausladenden Kartei übrig, der hört auf den Namen Nucki und ist verarmt (Harry Liedtke). So eine gute Partie käme dem gerade recht. Doch zunächst schickt er seinen Freund und Chauffeur Josef (Julius Falkenstein) vor, der erstmal das Terrain sichten soll.
Im Glauben, „ihr“ Prinz sei eingetroffen, heiratet die resolute Ossi den verdatterten Josef, der kaum weiss, wie ihm geschieht, doch das gute Essen und der edle Wein am Hochzeitsfest überzeugen ihn restlos.
Natürlich kommt dann auch noch Nucki ins Spiel und zu guter Letzt ist alles so, wie es sein sollte, doch bis dahin gibt es einige turbulente Umwege zu  begehen.

Die Austernprinzessin, die neunte Zusammenarbeit des langjährigen Gespanns Ernst Lubitsch (Regie) und Hanns Kräly (Drehbuch), ist eine ausgelassene Slapstick-Farce, welche sich gnadenlos über die Welt der Reichen mokiert. Dabei glänzt der Film durch seine wunderbare Ausstattung   – die zum Teil gemalten Dekors sind eine wahre Augenweide. Rochus Gliese, der für Murnau u.a. Sunrise ausgestattet hatte, und Karl Richter haben ein sehr schönes Ambiente hingezaubert. Lubitsch und sein Kameramann Theodor Sparkuhl wissen dieses Dekor hervorragend in die Inszenierung einzubeziehen und es zu grösstmöglicher Wirkung zu bringen.

Ueberhaupt, die Inszenierung! Sie ist meisterhaft, schon in diesem Frühwerk. Vor allem die Massenszenen verblüffen: Was Lubitsch mit dem im Haus herumwuselnden Bedienstetenheer anstellt, ist hervorragend! Diese Szenen haben etwas Tänzerisches, fast Balletthaftes, man erhält das Gefühl, einer stummen Operette beizuwohnen. Zudem passt die dieser Edition zugrunde liegende witzig-ironische Begleitmusik von Aljoscha Zimmermann ganz hervorragend, weil sie das tänzerische Element aufnimmt und fortspinnt! Der ganze Film ist von einer tänzerischen Beschwingtheit, welche sich auf die Zuschauer überträgt – in Form von guter Laune. Und damit passt dieser Film wunderbar zum bevorstehenden Sylvester. Wer mal Abwechslung vom ewigen Dinner for one braucht: Hier ist der ideale Ersatz!
8/10

EINEN GUTEN RUTSCH UND EIN GLÜCKLICHES, GESUNDES 2011 (und natürlich viele tolle Filme) EUCH ALLEN!

Die hier besprochenene DVD stammt aus der Masters of Cinema-Serie des britischen Labels Eureka. Der Film wurde von Transit Film und der Murnau-Stiftung sehr schön restauriert, die originalen deutschen Zwischentitel wurden belassen.

Die Begleitmusik stammt von Aljoscha Zimmermann und wurde von seinem Ensemble eingespielt. Sie passt hervorragend und wertet den Film noch auf!

 

Verfügbarkeit:
England
: Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Masters of Cinema. Er ist Teil des 6-DVD-Sets Lubitsch in Berlin; dieses kann bei amazon.co.uk bezogen werden. Regionalcode 2. Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum: Hier ist der Film in identischer Qualität ebenfalls erschienen, im Box-Set Ernst Lubitsch Collection (die praktisch identisch ist mit dem Box-Set aus England). Es ist bei amazon. de zu beziehen.

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Kindliches Spielen mit filmischen Mitteln

ENTR‘ ACTE
Frankreich 1923
Mit Eric Satie, Francis Picabia, Man Ray u.a.
Regie: René Clair
Dauer: 21 min

Im Jahre 1923 taten sich Regisseur René Clair und Choreograf Francis Picabia zusammen, um einen kurzen Film zu drehen, der in der Pause von Picabias Ballett Relâche abgespielt werden sollte. Wie die Choreografie bediente sich Clairs Film der Ästhetik des Dadaismus (Relâche heisst „keine Vorstellung“; das Wort prangte damals jeweils während der Sommerpause in Grossschrift in den Aushangkästen der Pariser Theater).
Der Film geriet allerdings fast zur zur Hauptattraktion der Aufführung; Entr’acte, der zu den Klassikern des Avantgardefilms zählt, war Clairs erster Film in Eigenregie. Er bewirkte, dass Clairs Name heute eng mit dieser Kunstform verknüpft wird, obwohl er nur sehr wenige avantgardistische Filme drehte.

Entr‘ acte spielt mit den Möglichkeiten des Films und man erkennt eine ausgeprägte kindliche Spielfreude hinter dem Unterfangen. Die Macher liessen sich einzig von ihrer Experimentier- und Spiellust leiten, eine Handlung ist kaum oder nur rudimentär auszumachen; sie wurde als Störfaktor von vornherein über Bord geworfen.
An ihrer Stelle steht eine Schnittechnik, die völlig Zusammenhangloses so montiert, dass immer wieder Erwartungen auf Zusammenhänge geweckt werden, die sich aber schnell als Trugschluss herausstellen. Damit wird die dadaistische Idee, mit der man zunächst im Bereich der Literatur die Verhackstückung der Sprache zelebrierte, konsequent auf den Film übertragen. Der Betrachter von Entr’acte wird an mehreren Stellen auf die Wirkung und die Funktionsweise der filmischen Mittel und der filmischen Narration gestossen, weil dank der Elemination der Handlung diese deutlich sichtbar und erlebbar wird.
Gemeinhin wird die Handlung in einem Film als zentrales Element wahrgenommen; die Mechanismen im Hintergrund, die cinéastischen Werkzeuge (Schnitt, Trick, Kontinuität usw.) treten hinter sie zurück, das „gemeine“ Kinopublikum nimmt diese gar nicht wahr. Entr’acte macht sozusagen das „Gerüst“ sichtbar, indem es immer wieder die Funktionsweise von Film ins Zentrum rückt.

Ein Beispiel: Ein von einem Kamel gezogener Leichenwagen macht sich selbständig und rollt eine abschüssige Strasse hinunter. Es folgt eine vielzahl rhythmischer Schnitte; die zwischengeschnittenen Szenen zeigen alle hektische, gleitende Bewegung und insinuieren einen Bewegungsablauf, der sich in Wahrheit aus vielen disparaten Teilstücken – unter anderem einer Achterbahnfahrt – zusammensetzt. Genauso funktioniert die Illusion Film; die Sequenz macht es dank ihrer Übertreibung deutlich.

Das Ganze wird mit nicht nur mit unbändiger Spiellust, sondern auch mit umwerfendem Witz präsentiert. Obwohl oft nicht recht nachvollzogen werden kann, was da nun gezeigt wird, wecken die Bilder beim Betrachter Assoziationen – und die einzelnen Ideen ein Schmunzeln. Wenn ein Papierschiff über die Dächer von Paris schaukelt, so war die zugrundliegende Idee wohl einerseits, zwei disparate Elemente zusammenzufügen, und andererseits, mit der Überblendungstechnik  zu experimentieren; das dafür gewählte Bild ruft beim Betrachter Heiterkeit hervor. Und da sind wir bei einer wichtigen Eigenheit dieses Regisseurs: Alle Filme René Clairs sind von einem wunderbar verspielten Humor durchdrungen. Das ist in Entr‘ acte, obwohl dieser in Clairs Oevre eine Ausnahmestellung einnimmt, bereits deutlich erkennbar.

Entr’acte bringt eine ganze Reihe damals berühmter Künstler vor die Kamera: Komponist Eric Satie etwa feuert mit Francis Picabia zu Filmbeginn eine Kanone aufs Publikum ab, der Maler Marcel Duchamp und der Fotograf Man Ray sind als Schachspieler kurz zu sehen, Komponist Darius Milhaud tritt ebenso auf wie der schwedische Tänzer und Choreograf Jean Börlin. Die meisten von ihnen schauspielerten zum ersten und einzigen Mal vor einer Kamera.

Obwohl dank seiner offenen Form schon alles Mögliche in Entr’acte hineininterpretiert wurde, glaube ich nicht an einen tieferen Sinn in diesem Werk. Ich sehe den Film als Experiment zur Erforschung (vielleicht auch nur zum „mal Ausprobieren“) und evtl. zur Verdeutlichung der filmischen Mittel, ein Experiment, das im Gewand einer dadaistischen Provokation daherkommt. Und weil der Film und seine Wirkung sich einer Versprachlichung geradezu widersetzt, sollen die Bilder für sich selbst sprechen: Es folgt Entr’acte, in sehr schöner Bildqualität, mit der von Eric Satie eigens dafür komponierten Musik.
8/10

Tonfilm-Seitensprung: Wo ist das Haus vom Nikolaus?

JOULUTARINA
(dt.: Wunder einer Winternacht)
Finnland 2007
Mit Hannu-Pekka Björkman, Otto Gustavsson, Kari Väänänen u.a.
Regie: Juha Wuolijoki
Dauer: 77 min

Jede(r) kennt sie aus dem Kinder-Fernsehprogramm der 80er-Jahre, die schönen alten tschechischen und ostdeutschen Märchenfilme, welche ohne Hollywoodglanz und -gloria auskamen und gerade deshalb so erfrischend wirkten.
In dieser Tradition – ob bewusst oder unbewusst – entstand dieser finnische Weihnachtsfilm, der dieses Jahr auf dem deutschsprachigen Weihnachts-DVD-Markt gross angesagt ist. Er erzählt den Werdegang des Nikolaus, der in dieser Version als Waisenkind in Lappland aufgewachsen sein soll, bei einem Tischler in die Lehre ging und später dessen Werkstatt übernahm.

Nach dem frühen Tod von Niklas‘ Familie wird der kleine Junge von Familie zu Familie gereicht; die Dorfgemeinschaft beschliesst, er solle jedes Jahr in die Obhut einer anderen Familie gelangen. Jeden Heiligabend muss er umziehen; zum Abschied schnitzt er für die Kinder seiner jeweils „alten“ Familie Holzspielsachen. Mit der Zeit werden es immer mehr Geschenke. Als der Tischler Isaaki Niklas zu sich nimmt, verfeinert dieser dort sein Handwerk, und bald unterstützt ihn der alte Handwerker in seiner weihnachtlichen Schnitzwut.

In teilweise sehr schönen Bildern erzählt Regisseur Juha Wuolijoki die alte Legende. Wunder einer Winternacht zeichnet sich durch tolle Landschaftsaufnahmen aus. Man muss dem Regisseur und seinem Kameramann Mika Orasmaa wirklich ein Auge für Naturschönheit, für wirkungsvolle Figurenarrangements und für geschmackvolle Farbkompositionen konstatieren: Der Film ist ein Augenschmaus. Leider weiss der Regisseur darüberhinaus nichts mit den Bildern anzufangen. Sie erzählen nicht, sie bilden lediglich ab. Den Rest erledigt der Dialog.

Zunächst verzichtet der Film, wie jene eingangs erwähnten Märchenverfilmungen, auf jegliche Hollywood-Überzuckerung. Doch nach der ersten Hälfte macht er erste Konzessionen, die sich mit der ursprünglichen Intention beissen, die Geschichte in realistischen Bildern zu erzählen: Ein knallrotes Nikolauskostüm kommt zum Einsatz und beherrscht fortan das Bild – obwohl es zu den eher gedämpften Farben des Films wie die Faust aufs Auge passt. Warum muss das Ding unbedingt knallrot sein? Natürlich damit der Film auch in den USA gespielt werden kann. Wenn Niklas am Schluss mit Rentierschlitten und „Ho-Ho-Ho“ durch die Lüfte segelt, dann fühlt man sich leicht auf die Schippe genommen; in erster Linie deshalb, weil das Versprechen der ersten Hälfte nicht eingehalten wird. In zweiter Linie, weil deutlich ist, dass hier die Geschichte des amerikanischen Santa Claus erzählt wird.
Rang eins auf der Kinderfilmliste hin oder her: Der angesagteste Weihnachtsfilm der Saison war für mich trotz seiner gelungenen ersten Hälfte eine Enttäuschung.
6/10

Und mit diesem Beitrag wüsche ich allen regelmässigen und unregelmässigen Besucher dieses Blogs FRÖHLICHE WEIHNACHTEN!

Der Film ist bei amazon.de erhältlich.