Monat: Dezember 2017

Das Wunder von Manhattan (1947)

USA 1947
Mit Maureen O’Hara, Edmund Gwenn, Natalie Wood, John Payne,
Drehubuch: George Seaton nach einer Story von Valentine Davies
Regie: George Seaton

Der damalige Kritiker-Papst Bosley Crowther (New York Times) nannte den Film nach der Premiere anno 1947 „den erfrischendsten Film seit langem, vielleicht sogar die beste Komödie des Jahres“. Obwohl er damals gar nicht als Weihnachtfilm lanciert wurde (Studioboss Darryl F. Zanuck verfügte einen Start im Sommer, weil da mehr Leute ins Kino gehen), avancierte The Miracle on 34th Street, zusammen mit Capras It’s A Wonderful Life, zum jährlich wiederkehrenden TV-Weihnachtsklassiker.
Tatsächlich wirkt George Seatons Film, als sei er vom Geist der Capra-Klassiker inspiriert worden: Im Mittelpunkt steht ein feslsenfest integerer Charakter, welcher der Hektik und Kälte der kapitalistischen Welt mit Menschlichkeit und Würde entgegentritt und sie dadurch verändert. The Miracle on 34th Street unterscheidet sich eigentlich nur durch die merklich billigere Machart und das Fehlen der üblichen Capra-Nebendarsteller von einem echten Capra-Film.

Kris Kringle (Gwenn) ist ein eleganter älterer Herr, der mit seiner Überzeugung, der echte Santa Claus zu sein, überall für Irritation sorgt. Als er von den Verantwortlichen des Kaufhauses Macy’s anlässlich einer Thaksgiving-Parade als Ersatz für den betrunkenen Nikolaus-Darsteller engagiert wird, sagt er belustigt zu und setzt sich auf den überdimensionierten Rentierschlitten.
Schon bald ist dem Zuschauer klar, dass Mr.Kringle tatsächlich der echte Santa Claus ist. Weil er so überzeugend und zuverlässig ist, wird er von Organisatorin Doris Walker (O’Hara) gleich noch für Weihnachten engagiert – als Kaufhaus-Weihnachtsmann. Nicht nur dort sorgt Mr. Kringle mit seinen unkonventionellen Einfällen für Verwicklungen, auch in der Rest-Familie der geschiedenen Doris Walker entsteht Unruhe, da er der streng nach den Prizipien des Realismus erzogenen kleinen Tochter (Wood) Flausen in den Kopf setzt.

The Miracle on 34th Street behandelt die Kälte, Nüchternheit und Bedrücktheit des modernen Lebens und setzt diesem Aspekt den Gegenentwurf des kindlichen Staunens entgegen, der auch Wunder nicht ausschliesst. Wie Capra bringt George Seaton das Kunststück fertig, das Unmögliche glaubhaft und völlig logisch erscheinen zu lassen. Die Gerichtsverhandlung am Schluss, in der die Nicht-Existenz des Nikolaus bewiesen werden soll, gerät wie bei Capra zur Farce, welche nicht nur die Absurdität des erwachsenen „vernünftigen“ Denkens aufzeigt, sondern auch deren katastrophale Auswirkungen auf die Menschen. Am Schluss entdeckt man, dass man durchaus dazu bereit ist, an den Nikolaus zu glauben.

Das Herzstück des Films ist der aus zahlreichen Lassie-Filmen bekannte britische Charakterdarsteller Edmund Gwenn. Sein ruhiges, souveränes Spiel lässt keine Zweifel an der Echtheit der von ihm gespielten Figur, neben ihm verblassen die beiden Co-Stars Maureen O’Hara und John Payne und mit ihnen fast der ganze Rest der Besetzung. Einzig die damals neunjährige Natalie Wood (West Side Story) hält ihm die Stange – die gemeinsamen Szenen der beiden gehören zu den schönsten Kinomomenten der späten Vierzigerjahre.

Regisseur George Seaton ist heute vor allem dank dem anhaltenden Erfolg des hier besprochenen Films bekannt. Der Regisseur/Drehbuchautor (er verfilmte oft eigene Drehbücher) hat zwar 20 abendfüllende Filme verschiedenster Genres gedreht, bekannt ist heute neben Miracle on 34th Street allenfalls noch seine Rom-Com Teacher’s Pet (dt.: Reporter der Liebe) von 1958 mit Doris Day und Clark Gable und Airport (1970), der erste Streifen der gleichnamigen Serie. Dabei verdiente Seatons Werk durchaus eine nähere Betrachtung – die meisten seiner Filme sind zwar heute vergessen, erfuhren zu seiner Zeit aber durchaus eine hohe Wertschätzung.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: Das Wunder von Manhattan gibt es auf DVD und Blu-ray. Gestreamt werden kann er bei amazon, iTunes, Chili und Netflix. Wer den Film gerne in der (wärmstens empfohlenen) Originalfassung mit dt. Untertiteln sehen möchte, streamt ihn bei Netflix oder legt sich die DVD oder die Blu-ray zu (letztere enthält zusätlich die Neuverfilmung von 1994).

Weitere Filme mit John Payne, die in diesem Blog besprochen wurden: Klick!

Advertisements

72 Stunden – The Next Three Days (2010)

USA 2010
Mit Russell Crowe, Elizabeth Banks, Ty Simpkins, Lennie James, Olivia Wild, Liam Neeson, Brian Dennehy, Daniel Stern u.a.
Drehbuch: Paul Haggis nach einem Originaldrehbuch von Fred Cavayé und Gillaume Lemans
Regie: Paul Haggis
Musik: Danny Elfman

Das glückliche Familienleben der Brennans wird eines Tages jäh zum Alptraum, als Polizeibeamte ins traute Heim eindringen und Gattin Lara (Elizabeth Banks) verhaften – wegen Mordes an ihrer verhassten Chefin. In der Folge dreht sich Paul Haggis Film allerdings nicht um den Beweis von Laras Unschuld, sondern um ihre Entführung aus dem Gefängnis. Ehemann John (Crowe), ein unbescholtener Lehrer begibt sich in sinistere Kreise, um an einschlägige Ausbrecher-Informationen und gefälschte Indentitäten zu gelangen. Dadurch gerät er mehrmals in Lebensgefahr.

Haggis Film ist das Remake des kaum bekannten französischen Thrillers Pour elle, der nur zwei Jahre vor The Next Three Days erschien. Da ich die Vorlage nicht kenne, kann ich hier wenig über die Eigenleistung des Drehbuchautors Paul Haggis (Million Dollar Baby) sagen. Die Prämisse erscheint originell, der Spannungsbogen zieht sich über die gesamte Filmlänge, ständig überrascht der Film mit neuen Wendungen. Wer spannende Unterhaltung mag, ist hier genau richtig. Das Tempo und die Spannung ist derart hoch, dass man gar nicht dazu kommt, sich über die diversen Unwahrscheinlichkeiten und Unausgegorenheiten den Kopf zu zerbrechen.

The Next Three Days ist sehr gut gemacht, mit tollen Schauspielern besetzt – im Grunde belanglose Thriller-Unterhaltung, die aber durchaus zu gefallen weiss.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit: 72 Stunden – The Next Three Days gibt es auf DVD und Blu-ray. Gestreamt werden kann er bei verschiedenen Diensten wie amazon, iTunes, maxdome etc.

Wakefield (2016)

USA 2016
Mit Bryan Cranston, Jennifer Garner, Beverly D’Angelo, u.a.
Drehbuch: Robin Swicord nach einer Kurzgeschichte von E.L. Doctorow
Regie: Robin Swicord
Musik: Aaron Zigman

Wakefield heisst die Hauptfigur der nunmehr dritten Regiearbeit der amerikanischen Drehbuchautorin Robin Swicord (Drehbücher zu Der Jane Austen Club, Der seltsame Fall des Benjamin Button). Der Businessman und Familienvater wird von Brian Cranston verkörpert. Um Wakefield dreht sich alles.

Howard Wakefield: Wir begleiten den müden, verbraucht wirkenden „Jedermann“ während der Anfangstitel auf dem Weg zur Arbeit und nach einem harten Schnitt auf dem Nachhauseweg. Wegen eines Stromausfalls bleibt der Zug auf offener Strecke stehen, der Rest des Heimwegs wird zu Fuss zurückgelegt. Endlich zu Hause, sieht Wakefield im Halbdunkel einen Waschbären im Schuppen verschwinden. Eines ergibt das andere, und schliesslich findet sich der erschöpfte und genervte Spätheimkehrer im Schuppen wieder, vor dessen Fenster, das zum Wohnhaus hinüberschaut  und von wo aus er seine Familie beobachten kann.  Wakefield fasst den spontanen Entschluss, an diesem Abend nicht nach Hause zu gehen. Mit wachsender Faszination beobachtet er die Reaktion seiner Frau auf sein Fernbleiben.

Wer hat sich so etwas nicht schon ausgemalt?, fragt Wakefields Stimme aus dem Off. Sie auch, geben sie’s zu! Einfach mal nicht da zu sein, nicht verfügbar.
Wakefield bleibt auch am folgenden Tag im Schuppen. Seine Frau, die zunächst noch einen Seitensprung vermutete, gerät langsam in Panik.
Wakefield geniesst das. Genauer: Er geniesst die Entdeckung, dass er für sie von Bedeutung ist.
Dass seine Genugtuung darüber auf Kosten seiner Frau geht, scheint ihn nicht zu kümmern – und damit macht sich beim Zuschauer allmählich eine gewisse Irritation über diesen Mann breit. Das anfängliche Mitleid mit dem vermeintlichen Burnout-Fall weicht wachsender Abneigung: Wakefield entpuppt sich immer mehr als ichbezogener A…, der sein Ego am Unglück seiner Frau aufrichtet. Auch die locker eingestreuten Erinnerungs-Rückblenden zeigen ihn in keinem besonders gutem Licht.

Doch dann kippt das Szenario: Howard Wakefield bleibt im Schuppen, er beginnt sogar, sich dort häuslich einzurichten; hatte er sich anfangs noch im Haus drüben rasiert, so verzichtet er später darauf, aus Angst, Spuren zu hinterlassen. Er wird für sein Umfeld unsichtbar. Dafür mutiert er nach und nach zum Penner.

Mit der äusserlichen Wandlung geht auch eine innere einher. Der Erleichterung über die abgelegten Pflichten und Zwänge folgt eine Besinnung aufs Wesentliche. Wakefield entdeckt, wie sehr er seine Frau eigentlich liebt. In der selbst gewählten Einsamkeit und Ruhe findet er den Kontakt zu seinem Innersten und kommt dadurch zu sich selbst. „Es ist nicht so, dass ich meine Familie verlassen habe“, berichtet seine Off-Stimme an einer Stelle. „Ich habe mich selbst verlassen“.
Der zufällige Abstecher in den Schuppen gerät zum Selbstfindungtrip, an dessen Ende ein geläuterter Mensch steht.

Das Interessante und Spannende an Swicords Film ist das, was unausgesprochen bleibt: Wakefield kann als bittere Kritik an der westlichen Lebensweise gelesen werden, die den Menschen sich selbst bis zur Unkenntlichkeit entfremdet. Der Film bringt das zwischen den Zeilen, es wird kein unnötiges Wort darüber verschwendet – der Regisseurin reichen die zwei kurzen, skizzenhaften Sequenzen am Anfang von Wakefields Gang zur Arbeit und seiner Heimkehr. Sie sagen alles aus und ergeben zusammen mit dem Folgenden ein klares Bild der allgemeinen Misere.

Im Schuppen befreit sich Wakefield von jeglichen Zwängen, wie eine Zwiebel streift er sie ab und stöss zu seinem Kern vor, zum Kern des Wesens, zu seinem Mensch-sein. Der wache Zuschauer muss sich das alles in Gedanken selbst zusammenreimen, Frau Swicord spart sich Absichtserklärung oder moralische Fingerzeige. Man kann dies oberflächlich finden – ich fand das Fehlen einer didaktischen Absicht als äusserst wohltuend. Wer’s sehen kann, der sieht es, die anderen sitzen dann halt im falschen Film.

Die Auflösung, das Ende des Films wird in vielen Kommentaren und Kritiken als schwach bemängelt; ich war deshalb positiv über dessen Schlüssigkeit überrascht. Es lässt viles offen – aber nur soviel, wie nötig – und passt damit vollkommen in das Konzept des Films.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch: 9 / 10 
Die Schauspieler: 9 / 10 
Die Filmmusik: 9 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: Der Film kann leider im deutschsprachigen Raum weder gestreamt noch auf DVD oder Blu-ray käuflich erworben werden. Wenn sich nicht noch ein Anbieter erbarmt, wird Wakefield bald zu den „vergessenen Filmen“ gehören, ein Status, den er mitnichten verdient hat.