Monat: Dezember 2012

Tonfilm-Seitensprung: Verwirrend verrückter Bildersturm

THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS
(dt.: Das Kabinett des Doktor Parnassus)
England 2009
Mit Christopher Plummer, Tom Waits, Heath Ledger, Lily Cole, Andrew Garfield,Verne Troyer, u.a.
Regie: Terry Gilliam
Dauer: 123 min
Der Film ist im deutschsprachigen Raum auf DVD/Blu-Ray erhältlich.

The Imaginarium of Doctor Parnassus ist der bislang letzte Film des Bilderstürmers und Monty-Python-Gründungsmitglieds Terry Gilliam (sein neuster, The Zero Theorem, wird bald in die Kinos kommen).
Der umständliche, altmodische Titel hat Programm, denn The Imaginarium of Doctor Parnassus handelt von einer Wanderbühne, einem fahrenden Spektakel, wie sie bis ins 19 Jahrhundert bekannt und beliebt waren. Gilliams Film spielt allerdings im Heute und Doktor Parnassus‘ Kabinett wirkt mit seinem alten, modrigen Thepsiskarren, wie er da durch die  Innenstadt von London rumpelt, wie die Illustration des Begriffs Anachronismus. Aber der gute Doktor ist ja auch schon über tausend Jahre alt!

Das Grundthema des Films ist das Erzählen von Geschichten mittels der Macht der Phantasie. In Dr. Paranssus‘ Kabinett kriegt man keine Stücke vorgespielt, man tritt ein in die Bilderwelt des eigenen Kopfes. Oder ist es jene des alten Doktors? In Gilliams Filmen kann man sich einer Sache nie ganz sicher sein, vor allem dann nicht, wenn er selbst mit Charles McKeown zusammen das Drehbuch verfasst hat, eine Zusammenarbeit, aus der grandiose Filme wie Brazil oder The Advenures of Baron  Munchhausen entsprangen.

The Imaginarium of Doctor Parnassus gehört zweifellos zu Gilliams besten Werken. Viele Kritiker bemängeln jedoch das Fehlen einer stringenten Handlung: Worum geht es in dem Film eigentlich? Um welches thematische Zentrum kreist die Handlung? Was will uns die Allegorie mit dem Teufel sagen? Wofür stehen die Hauptfiguren?
Wer diese Fragen in den Hintergrund stellen kann – und das dürfte angesichts des visuellen Feuerwerks, das Gilliam hier einmal mehr zündet, nicht allzu schwer fallen – der wird mit einer Fülle von grandiosen, originellen und aufregenden Einfällen belohnt, wie sie in der langweiligen Gesichtslosigkeit des heutigen Kinos ihresgleichen suchen. Zusammengehalten wird der Bilderreigen durch die Geschichte einer Wette zwischen dem Doktor und dem Teufel, notdürftig zwar, aber dem bilderhungrigen Kinogänger reicht’s. Von mir aus hätte man ruhig einige Dialoge streichen können – es wird trotz allem stellenweise zu viel gequasselt in dem Film. Und zwar weitgehend leer. Das müsste nicht sein.

Man kann sich an einem Film freuen, der Kino so versteht, wie es ursprünglich gedacht war: Als visuelle Kunstform. Salopp ausgedrückt: Als bunte Bilderbude – als das Imaginarium, das ihm den Titel gibt. Dass Gilliam seinen Film – einmal mehr, und man ist versucht, zu schreiben „auf Teufel komm ‚raus“ – als eklektischen Bilderstrum inszeniert, eröffnet die Möglichkeit, ihn mehrmals und investigativ zu betrachten: Kunst- und architekurbewanderte Zuschauer werden eine Fülle von Zitaten, Anspielungen und Querverweisen entdecken. Auch Selbstzitate finden sich zu Hauf – so entstammt etwa das Ballett der netzbestrumpften Polizisten direkt aus einer Folge von Monty Python’s Flying Circus. Ebenso das gerupfte Huhn, das in einer kurzen Szene auftaucht.
Trot aller Zitate ist Gilliams Bildsprache unverkennbar und originär – er gehört zu den wenigen aktuellen Filmemachern, die sofort und untrüglich an ihrem Stil erkennbar sind. Und das kann man angesichts der immer deutlicher zur Massenware verkommenden Filmproduktion nicht hoch genug schätzen.

Natürlich stimmt, was viele Kritiker dem Film vorgeworfen haben: Die Story ist wirr, sie besitzt keinen richtigen Fokus, vieles bleibt unlogisch, die Figuren sind zum Teil blass und es passieren grobe narrative Fehler.
Egal! Wer das aktuelle Kinoangebot als geleckt und gesichtslos, die Filme als vorhersehbar und formelhaft empfindet, der müsste The Imaginarium of Doctor Parnassus eigentlich als erfrischend empfinden.  Gerade weil er sich einen Deut um die gängige, von Hollywood aufoktroyierte Erzählkonvention schert.

Der Schluss legt nahe, dass sich das Gezeigte nur im Kopf des alten Doktors abgespielt hat. Aber sicher ist auch das nicht. In dieser Lesart wäre Doktor Parnassus Gilliams Alter Ego und der Film nichts anderes als ein Einblick in die verrwirrend verrückte Gedankenwelt des Filmemachers.

PS: The Imaginarium of Doctor Parnassus war Heath Ledgers wirklich letzter Film. Er spielt Tony, eine relativ blasse Figur, deren Funktion im Film nicht ganz klar wird. Er verstarb während der Dreharbeiten. Die Szenen in der realen Welt (der grösste Teil) war im Kasten, man hätte noch die fantastischen Traumsequenzen drehen müssen. Gilliam und seine Crew fanden dafür eine erstaunlich gut funktionierende Lösung: Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell stiegen in den drei Traumsequenzen in Ledgers Kostüm und spielten den Charakter, der durch diesen Kniff mehrgesichtig, d.h. erheblich dubioser, geheimnisvoller und düsterer wird.

Geburt einer Göttin

FLESH AND THE DEVIL
(dt.: Es war)
Mit Greta Garbo, John Gilbert, Lars Hanson, Barbara Kent, Eugenie Besserer u.a.
Regie: Clarence Brown
Dauer: 112 min
Verfügbar ist der Film auf einer DVD, die im deutschprachigen Raum erschienen, inzwischen aber vergriffen ist.

Da war etwas in Garbos Augen, das man nicht sehen konnte, außer man drehte sie in Großaufnahmen. Man konnte die Gedanken sehen. Wenn sie die eine Person eifersüchtig ansehen sollte und eine andere verliebt, brauchte sie ihren Ausdruck nicht verändern. Man konnte es in ihren Augen sehen, während sie von einem zum anderen blickte. Und niemand sonst hat das jemals auf der Leinwand geschafft.
(Clarence Brown, zitiert aus Kevin Brownlow: Pioniere des Films)

Was zum Teufel Regisseur Brown in Garbos Augen gesehen haben mag, bleibt mir nach der Sichtung des ersten Films, den er mit dem schwedischen Vamp gedreht hatte, ein Rätsel.
Falls er Recht hätte mit seiner Aussage, desavouierte er sich als Regisseur selbst, denn man müsste ihm nachsagen, die oben behauptete Ausdrucksfähigkeit nicht eingefangen zu haben.

Nun bleibt es jedem selbst überlassen, zu urteilen: Entweder taugt der Regisseur zu wenig, oder er hat seinen Star überbewertet.
Ich zähle Clarence Brown durchaus weder zu den bedeutenden noch zu den besonders begabten Filmregisseuren. Mit der oben zitierten Aussage schiesst Brown allerdings weit am Schwarzen vorbei – was m.E. durchaus Rückschlüsse auf seine Fähigkeiten zulässt.

Der Regisseur der „Göttin“: Clarence Brown

Mein Urteil über die Garbo fällt vernichtend aus, vernichtender als jenes über den Regisseur (der später – wen wundert’s – zu ihrem Regisseur werden sollte): Garbo schauspielerisches Talent ist schlichtweg nicht vorhanden. Ausdruck? Von wegen!
Und genau dies bringt ihr Regisseur hier ans Tageslicht. Gnadenlos und ungewollt.
Sobald die Garbo auftritt, tritt der Film – an Ort. Zu sehr sind ihr Regisseur und ihr Kameramann William H. Daniels (der die Ikone Garbo massgeblich geformt hatte) damit beschäftigt, ihr Gesicht, in Grossaufnahme, möglichst vorteilhaft auszuleuchten und zu präsentieren. Sosehr, dass die Handlung darüber aus dem Tritt gerät und immer wieder stockt.

Die Grossaufnahmen haben noch einen weiteren ungünstigen Nebeneffekt: Garbos mimische Hilflosigkeit, ihre schauspielerische Starrheit wird geradezu schmerzhaft sichtbar. Ihr Gesicht bleibt selbst bei Gefühlsausbrüchen leer, die mimische Unfähigkeit macht sie mit Kopfwackeln wett, wobei sie immer wieder in unpassenden Momenten für unfreiwillige Komik sorgt. Im Tonfilm wurde ihre schauspielerische Unbedarftheit durch das Sprechen noch unterstrichen. Warum ist diese Frau nur derart berühmt geworden?

Mimik? Wo? Die Garbo versucht zu schauspielern

Für mich ist dies eines der grossen Rätsel der Filmgeschichte. Die Kraft der Mythenbildung darf eben nicht unterschätzt werden. Die Legende ist meist stärker als die Realität, welche manche auch dann nicht sehen wollen/können, wenn sie direkt darauf gestossen werden.

Hier tritt die Garbo (die eigentlich Greta Lovisa Gustafsson hiess) zum ersten Mal an der Seite von John Gilbert auf. Damals war Gilbert der Star, nicht die Garbo. Ihr Name steht in den Credits denn auch deutlich kleiner unter jenen der männlichen Hauptdarsteller John Gilbert und Lars Hanson. Doch das sollte sich spätestens zu Tonfilmzeiten ändern: Gilbert (der eigentlich John Cecil Pringle hiess) wurde vom Tonfilm verschluckt, verstarb viel zu früh und geriet dann schnell in Vergessenheit, während die Garbo zur grossen Kino-Ikone wurde, ein Staus, den sie noch heute inne hat.
Zu Stummfilmzeiten und im frühen Tonfilm waren die beiden das bekannteste Leinwand-Liebespaar Amerikas, auch privat waren sie eine zeitlang liiert.

Auch privat ein Paar: John Gilbert und Greta Garbo

John Gilbert und Garbos Mit-Schwede Lars Hanson spielen ein Freundespaar, zwischen welches sich Garbo als teuflisches Weib stellt und die Freunde zu entzweien droht. Schwülstig wird da erst Freundschaft und später Liebe geschworen, die Emotionen gehen hoch, leidend und augenrollend werden Handrücken an Stirnen gelegt – man kennt das ja. Hier kriegt man die volle Ladung.
Doch Flesh and the Devil ist nicht nur schlecht. Es gibt Szenen, die sich durchaus sehen lassen können – die Garbo kommt in keiner davon vor. Kameramann Daniels bestand auf langen Grossaufnahmen der „Göttin“ und Regisseur Brown bringt zuwenig Stilwillen auf, sich diesem Diktat zu widersetzen. Ganz anders verhielt es sich mit Regisseur Fred Niblo im ein Jahr später gedrehten Film The Mysterious Lady. Er vermochte die Garbo richtig und überzeugend einzusetzen – trotz desselben Kameramannes; er inszenierte Garbo zwar auch, verlor dabei aber nie den Blick auf’s Ganze.
Was in den beiden von Fred Niblo inszenierten Garbo-Vehikeln The Temptress und The Mysterious Lady kaum auffiel, tritt hier offen und nicht zuletzt dank der Mittelmässigkeit des Regisseurs zutage: Die Garbo konnte nicht schauspielern.
Wenn man Flesh and the Devil heute sieht, vermag man kaum nachzuvollziehen, dass er die Geburt der Leinwandgöttin Garbo markiert. Eine raffiniert ausgeleuchtete Maske in Grossaufnahme schien damals ein derartiges Novum gewesen zu sein, dass die Garbo schon bald den Stern ihres Partners John Gilbert zu überstrahlen vermochte.

Spiel endlich anständig, sonst würg‘ ich dich!

Die Vorlage stammt übrigens vom selben Hermann Sudermann, dessen Novelle „Die Reise nach Tilsit“ ein Jahr später für das Meisterwerk Sunrise von F.W. Murnau Pate stand. Hier verarbeitete Hollywood Sudermanns Roman „Es war“. Der Film spielt übrigens in Österreich, am Drehbuch soll auch der Lubitsch-Spezi Hanns Kräly beteiligt gewesen sein – aber wohl nur am Rand; Krälys Drehbücher sprühen in der Regel vor Witz, eine Qualität die man Flesh and the Devil beileibe nicht nachsagen kann!

Tonfilm-Seitensprung: Der alte Mann und das Kind

LE PAPILLON
(dt.: Der Schmetterling)
Frankreich 2003
Mit Michel Serrault, Claire Bouanich, Nade Dieu, Jacques Bouanich, u.a.
Regie: Philippe Muyl
Dauer: 85 min
Zum Film ist im deutschsprachigen Raum eine DVD erschienen.

Eigentlich wollte ich gar nicht über diesen Film schreiben. Er lag schon lange ungesehen im DVD-Regal, versehen mit der (gedachten) Etikette Feelgood-Movie für Zwischendurch.
Philippe Muyls Film ist ein gutes Beispiel dafür, dass Etiketten nicht im Voraus verliehen werden sollten. Die Tatsache, dass ich Le Papillon nun doch eines Blog-Beitrags für würdig befinde, ist ein Eingeständnis meiner kleinkarierten Dummheit. Dahinter steht die Lehre, keinen Film als unbedeutend abzutun, auch wenn einem die Inhaltsangabe noch so bekannt und abgedroschen vorkommt.

Einsamer, knurriger alter Mann nimmt sich ungewollt eines Kindes an und entdeckt verborgene Seiten in sich – auf diesen einfachen Nenner liesse sich Le Papillon ohne Weiteres bringen. Das ist ist nicht einmal so falsch. Aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Und über das Wesen des Films ist damit noch nichts gesagt.

Wer cinéastisch etwas Neues will, sucht, braucht, der liegt hier falsch. Le Papillon ist aus künstlerischer und handwerklicher Sicht Konvention. Wer aber gutes Handwerk schätzt und sich an sorgfältig und liebevoll ausgeführter Hand- und Kopfarbeit freuen kann, der sollte sich das Werk ansehen.

Es handelt vom einsamen alten Schmetterlingssammler Julien, der hinter einer unglaublich seltenen Falter-Spezies her ist. Seine geordnete kleine Welt erfährt erste Erschütterungen, als in die Wohnung über ihm eine alleinerziehende Mutter mit ihrer kleinen Tochter einzieht. Als genauer Beobachter seiner Umgebung stellt er bald fest, dass die Kleine auffällig oft alleine ist. Sie freundet sich mangels Alternative und weil Julien der Einzige ist, der ihr ein gewisses Interesse entgegenbringt, mit ihm an. Juliens Interesse ist zunächst allerdings nicht mehr als Ärger über die Verantwortungslosigkeit der Mutter, die ihr Kind über Mittag allein ins Restaurant schickt. Die Wurzeln dieses Ärgers versucht Julien mit einer knurrigen Distanziertheit zu übertünchen, deren Aufgesetztheit der kleinen Elsa nicht verborgen bleibt.
Schritt für Schritt kommt man sich näher, und als Julien zu einer grossen „Expedition“ in die nahen Berge aufbricht, schmuggelt sich Elsa selbst im Kofferraum mit.

Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der bei dieser Inhaltsangabe um die Stossrichtung von Le papillon zu wissen glaubt, und das ist doch tröstlich. Tröstlich ist auch, dass es noch Filme wie diesen gibt, die überraschen, weil sie die ausgetrampelten Pfade verlassen.
Natürlich begibt sich Le papillon ins Terrain der sog. Feelgood-Movies, aber er führt überzeugend vor, dass dessen Grenzen noch längst nicht ausgereizt sind. So schafft er es immer wieder, zu überraschen, sei es mit einer unvermuteten Wendung oder mit einem gegen den Strich der Szene gebürsteten Dialog. Und er tut dies nicht aus einem Originalitätsdruck heraus. Le papillon ist ein Film von solch entspannter Natürlichkeit, dass man gerne glaubt, der Regisseur hätte sich keinen Deut um Genres und Konventionen geschert.

Was macht den Film denn so fesselnd? Zum einen sind es die grossen schauspielerischen Leistungen des alternden Stars und des Kindes. Beide machen einen vergessen, dass sie nur spielen; man möchte sogar behaupten: Sie spielen gar nicht, sie sind. Dieser äusseren „Wahrheit“ stellt Muyl mit seinem Drehbuch eine innere zur Seite: Die Texte sind unprätentiöse kleine Perlen der Dialogkunst. Ergänzt werden die Texte durch Bilder, die oft als  Antworten auf das Gesagte oder Ausdeutungen desselben eingesetzt werden.
Die Gegner von Feelgood-Movies werden das anders sehen, aber nur, weil sie die Feinheiten nicht wahrnehmen. Das Leid der Welt, das für sie zu einem Film gehört, damit er nicht „verlogen“ ist – und zwar mögen sie’s am liebsten knüppeldick – kommt hier durchaus vor, allerdings in unaufdringlicher, subtiler Form. Nötig ist es natürlich nicht, doch es gehört zu Muyles Geschichte dazu, denn in seinem innersten Zentrum dreht sich der Film um die Thematik des Verlustes dreht.

Der Verlust, den der alte Julien nie verkraftet hat, erspart er der kleinen Elsa. Das ist, so wie es hier geboten wird, nicht kitschig. Muyle erreicht das Kunststück, seine humanistische Botschaft ohne jede Aufdringlichkeit erfahrbar zu machen. Wer die Sensibilität besitzt, erkennt sie, die anderen sehen nur ein weiteres „Feelgood-Movie“.