Monat: Mai 2012

Tonfilm-Seitensprünge: David Mamet, Bob Dylan und Schneewittchen

Es folgt ein weiterer Zusammenzug von kürzlich gesichteten Tonfilmen, die gabelingeber in seinem trauten Heim oder im regionalen Kino angeschaut hat:

Glengarry Glen Ross
USA 1989; mit Jack Lemmon, Al Pacino, Ed Harris, Kevin Spacey, Alec Baldwin, Alan Arkin u.a.; Regie: James Foley
In einem schäbigen kleinen Maklerbüro Downtown wird den Mitarbeitern in wüsten Worten und überheblicher Geste eröffnet, dass nur noch die besten überleben würden. Der Mann mit dem besten Abschluss erhält einen Cadillac, der zweitbeste ein Set Tranchiermesser, die anderen werden gefeuert.
Der Film zeigt in einer Art gesellschaftspsychologischen Versuchsanordnung, wie die vier Mitarbeiter auf diesen unmenschlichen Druck reagieren.
Glengary Glen Ross
ist eine Theaterverfilmung – eine gelungene.
Die Vorlage stammt von David Mamet, Regie führte er allerdings nicht selbst, dafür wurde James Foley geholt. Dieser absolviert die Übung so, dass sie ausschaut, als hätte der Meister selbst inszeniert. Dass der Film nie langweilt, obwohl pausenlos gequasselt wird, ist einerseits dem herausragenden Schauspieler-Ensemble zu verdanken, aber auch Foley hat seinen Anteil daran. Die Kamera umkreist die „Talking Heads“ permanent und macht die unterschwellige Angst und die Getriebenheit spürbar, welche sämtliche Proagonisten uneingestanden umtreiben.
Natütrlich handelt es sich hier um eine starke Vorlage – das Stück gewann 1984 zu Recht den Pulitzer Prize. David Mamet führt vor Augen, was big business mit den Menschen macht. Die vier Verkäufer erscheinen als seelen- und gewissenlose Egoisten, die man sich nicht einmal im privaten Leben als nette Leute vorstellen kann. Dabei kämpfen sie ums nackte Überleben. Ihr Geschäft ist das Bescheissen anderer, indem sie diesen schönfärberisch etwas aufschwatzen, was sie gar nicht wollen/ brauchen. Nicht umsonst erscheint der Schauplatz New York im schmutzig-düsterem Licht der Neonreklame und weckt damit (Grossstadt-)Dschungel-Assoziationen.
Die zentrale Stelle im Film ist das Auftreten des Company Man, der den vier Verkäufern unter Zuhilfenahme übelsten Vokabulars das Messer an den Hals setzt und damit bei ihnen eine Entwicklung in Gang, die exemplarisch zeigt, was die freie Marktwirtschaft bewirkt: Die totale Entmenschlichung. Entweder versuchen sie sich im Bestreben, zu überleben, gegenseitig auszubooten oder sie begehen in der Verzweiflung ein Verbrechen – hier ist es ein Einbruch ins Büro des Abteilungsleiters, um an die guten Verkaufsadressen zu gelangen.
Glengary Glen Ross
ist im Grunde ein Horrorfilm. Einer, der den Horror des Alltags schonungslos und schmerzhaft vorführt und Anklage erhebt an den Verbrechen, welche der Markt an der Menschheit begeht.
Unnötig zu sagen, dass dieser Film wohl nie veraltet.
9/10

Mirror, Mirror
USA 2011; mit Lily Collins, Julia Roberts, Armie Hammer, Natah Lane u.a.; Regie: Tarsem Singh
Wer Kinder hat und diesen ab und zu einen Kinonachmittag gönnen will, kann ein Lied davon singen: Man hat die Wahl zwischen drei dämlichen US-Krawallschachteln mit hyperaktiven CGI-Figuren, permanentem lautem Geschrei, non-stop-action und fehlendem Inhalt – und man muss versuchen, daraus das kleinere Übel zu wählen.
Mit Mirror, Mirror ist meiner Tochter dies gelungen. Nicht, dass ich den Film besonders gut fand. Doch immerhin gab es darin keine hyperaktiven CGI-Figuren, kein permanent lautes Geschrei und keine non-stop-action. Leider wurde auch am Inhalt gespart.
Erzählt wird die Schneewittchen-Geschichte – auf „etwas andere Art“ (anders = witzig). Teilweise ist der Film witzig, er schwankt zwischen dem Witz einer Teenie-RomCom und dem Humor der Gebrüder Zucker, leider mit deutlichem Schwergewicht auf Ersterem.
Es gibt einige tolle Bilder, aber für meinen Geschmack wieder viel zuviel CGI. Wahrscheinlich sind nur die Schauspieler und Schauspielerinnen echt – meistens jedenfalls, der Rest stammt aus dem Rechner. Ich finde daran vor allem den exzessiven Gebrauch schade. Alles, was für Kinder in die Kinos kommt, besteht nur noch aus Computeranimation und 3D. Der Inhalt ist zur Nebensache verkommen.
5/10

Masked and Anonymus
USA 2003; Mit Bob Dylan, John Goodman, Jessica Lange, Jeff Bridges, Luke Wilson u.a. Regie: Larry Charles
Ich mag Filme, die „irgendwo im Nirgendwo“ angesiedelt sind, an einem Ort, der zwar von unserer Welt zu sein scheint, der aber dank einiger Details ganz anders, fremd ist. Und die mit dieser Fremdheit umgehen, als wäre sie völlig normal. Blue Velvet ist so ein Film, auch der kaum bekannte Film Nothing Lasts forever von Tom Schiller oder das vergessene Tom-Hanks-Vehikel Joe vs the Volcano.
Masked and Anonymous spielt irgendwo in Amerika. Es herrscht ein Diktator, das Land blutet, eine Revolution braut sich zusammen. Nichts wird unternommen, diesen Ort (Nordamerika? Südamerika?) auf irgend einer bekannten Karte zu situieren.
Zwei abgehalfterte Showleute wollen ein Benefizkonzert auf die Beine stellen und brauchen dringend einen klingenden Namen. Protestsänger Jack Faith (Bob Dylan, der am Drehbuch mitgeschrieben hat) wird aus dem Gefängnis geholt und zum Star des Konzertes gemacht, das abgehalten wird, während der Diktator das Zeitliche segnet und die Revolution losbricht.
In ruhigen, kontemplativen Bildern erzählt Regisseur Larry Charles (der soeben mit The Dictator wieder im Kino vertreten ist) eine Geschichte, die immer statischer wird, je länger sie dauert.
Anfangs sass ich fasziniert davor – bis Bob Dylan, den ich bis dahin nie gehört hatte, zu „singen“ anhub. Singen? Dieses amusikalische Gekrächze darf singen genannt werden?
Je länger der Film dauert, desto penetranter und unerträglicher entwickelt er sich zur Dyland-Egoshow, die von dessen Status als Protestsänger zehrt und diesen offenbar zementieren soll. Könnte Dylan tatsächlich singen, wäre der Film zwar nicht besser, aber besser erträglich geworden.
5/10

Zurück zum Zelluloid!

Die Kinos werden derzeit auf digitale Projektion umgerüstet. Was vor einigen Jahren noch von den echten Filmliebhabern als Schreckgespenst an die (Lein-)Wand gemalt wurde, ist Wirklichkeit geworden.
Vorbei ist die Zeit, wo der Filmoperateur Filme eigenhändig zusammengeklebt und auf die grosse Rolle gespult und ihn dann von Hand in einen mechanischen Projektor eingefädelt hat. Ob die Bildschärfe heutzutage noch manuell nachgestellt werden muss, entzieht sich meiner begrenzten Kenntnis. Vielleicht ist man dafür noch auf ein Individuum im Projektionsraum angewiesen.

Nun werden die mechanischen 35mm-Vorführmonster aus den Kinos geschafft und machen kleinen digitalen Projektoren Platz; der Film kommt auf der Festplatte, Sprachfassung und Untertitel können einprogrammiert und je nach Vorstellung geändert werden.

Das hat Vorteile, unbestritten. Es müssen keine riesigen Filmrollen mehr für teures Geld durchs Land geschickt werden. Wer einen Film am Abend in der Originalfassung und in der Kindervorstellung deutsch synchronisiert zeigen wollte, musste noch vor ein paar Jahren den Film in zweifacher Ausführung bestellen. Heute ist alles auf einer Platte.

Vor- und Nachteile des E-Kinos werden in Foren eifrig diskutiert, besonders intensiv und fundiert zum Beispiel im deutschen Filmvorführer-Forum. Das Fazit: Man muss „damit“ leben, man arrangiert sich – oder man macht weiter, mechanisch wie bis anhin. Doch der Druck der grossen Studios wächst, die Kinos werden praktisch zur Neuerung gezwungen.

In dieser Zeit des Kino-Umbruchs legt sich gabelingeber einen 16mm-Filmprojektor zu. Ein mechanisches Filmvorführgerät, das echte Zelluloid-Filme auf die Leinwand projiziert.

Bislang hat gabelingeber seiner heimlichen Passion als Filmvorführer mit einem Super8-Gerät gefrönt. In den Siebzigerjahren wurde das Format nicht nur für Hobbyfilmer populär, für den Heimkinomarkt wurden Spielfilme, Kurzfassungen von Spielfilmen, Trickfilme und alte Slapstick-Streifen auf Super8 kopiert und kommerzialisiert. Dann kam Video und das Schmalfilmgeschäft war erledigt. Fast. Ein Kreis angefressener Sammler hat sich gehalten und bis vor kurzem existierten in England zwei Händler, die neue Super-Filme herstellten und vertrieben. Peter Weir’s Master and Commander war der letzte aktuelle Spielfilm, der vollumfänglich auf Super8 herausgebracht wurde – in inzwischen sagenhaft guter Bild- und Tonqualität und auf farbbeständigem und reissfestem Filmmaterial notabene. Über die Kosten reden wir lieber nicht.

gabelingebers langjähriger, treu funktionierender Super8-Projektor

Trotz allem hält sich das Filmangebot auf Super8 in engen Grenzen. Auf eBay sind zwar alte Super8-Filme aus den Siebzigerjahren noch massenhaft zu haben, doch da wurden neben echten Klassikern auch mittelmässige oder gänzlich obskure Streifen wie Trimm dich fit, nimm Dynamit verkauft.

Auch die Bildqualität der älteren Super8-Abzüge hielt sich in Grenzen: Orson Welles Touch of Evil mit schwummerigem Bild und dumpfem Ton zu sehen, macht keinen grossen Spass. Auch die vollkommen rotstichig gewordene Fassung von Ben Hur nicht. Natürlich gab es hervorragende Filmeditionen, sowohl bild- als auch tontechnisch. Doch ist der Erwerb eines Films auf Super8 zu sehr „hit or miss“, wie die Engländer zu sagen pflegen – eine Lotterie mit unsicherem Ausgang. Ich habe grandiose Super8-Ausgaben gesehen, wie etwa die Komplettfassung von Walt Disneys Pinocchio (1940), die wirklich ans „grosse Kino“ heranreicht, aber daneben auch Grauenvolles wie jene Kopie von Jazz Ball, einer an sich hoch interessanten Kompilation von Jazz-Nummern, die 1956 fürs US-TV gedreht wurde, die aussieht, als wäre sie mit überbelichtetem Film direkt vom Fernseher abgefilmt worden.

Aber eben: da gab und gibt es ja noch 16mm! In den USA existierte wohl jeder gedrehte Film bis Mitte der Achzigerjahre im 16mm-Format. Fernsehausstrahlungen von Filmen erfolgten dort lange Zeit ab 16mm-Film. Die Abzüge waren qualitativ hervorragend.

Und nun besitzt gabelingeber also auch eine solche 16mm-Ratterkiste. Und kriegt sich fast nicht mehr ein, wenn er versucht, das Spielfilmangebot zu überblicken. Sein Geldbeutel erzittert – seine Familie auch („Werden wir in einem halben Jahr noch genügend zu Essen haben?“).

Ich werde berichten…

Hollywood-Fantasy aus Krisenzeiten

SOULS FOR SALE
USA 1923
Mit Eleanor Boardman, Richard Dix, Lew Cody, Mae Bush u.a.
Regie: Rupert Hughes
Dauer: 90 min

Die Traumfabrik thematisiert sich selbst. Vor dem geistigen Auge des Filmkenners ziehen wunderbare Titel vorbei, die sich alle mit dem Film und dem Filmemachen beschäftigen, Titel wie Sunset Boulevard, La nuit americaine, The Purple Rose of Cairo oder The Player, um nur einige Wenige zu nennen.
Bereits in der Stummfilmzeit reflektierte der Film sich selbst, mit Vorliebe mittels Parodien damals populärer Filmproduktionen – das bekannteste Beispiele ist wohl Buster Keatons Three Ages, eine Parodie auf D.W. Grifftihs Monumentalfilm Intolerance.

Souls for Sale, ein lange verschollenes Werk zeigt, dass es auch damals schon Filme gab, welche hinter die Kulissen des Filmgeschäfts zu leuchten versuchten. Ich schreibe „versuchten“, denn im vorliegenden Beispiel dient „Tinseltown“ lediglich als Kulisse, als exotisches Ambiente, mit dem man die Leute ins Kino zu locken hoffte. Trotz des Titels, der eine kritische Haltung impliziert, bleibt Souls for Sale ein platter Liebesfilm mit simpler Aufsteigergeschichte, der ohne künstlerische Ambitionen und ohne erkennbare handwerkliche Sorgfalt heruntergekurbelt wurde – zumindest wirkt er auf den heutigen Betrachter so.

Inszeniert wurde er von Rupert Hughes. Rupert, heute vergessen, war der Onkel von Howard Hughes; er trug die Schuld an der Filmbegeisterung seines Neffen. Hughes, der Ältere war eigentlich Schriftsteller und stiess 1919 zum Film, dank einer von Sam Goldwyn lancierten Kampagne zur Aquierierung von Autoren fürs Filmbusiness. Hughes hat eine handvoll unbedeutender Filme und eine weitere handvoll literarischer Erzeugnisse vornehmlich historischer Natur eschaffen. Von seinen Filmen dürfte Souls for Sale aufgrund seiner Thematik heute noch am meisten Interesse wecken.

Der Film galt lange als verschollen, bis eine halbwegs gut erhaltene Kopie davon in irgend einem Archiv auftauchte. Der Sender TCM möbelte ihn auf, liess ihn mit einer Musibegleitung versehen und strahlte ihn im Rahmen seiner Reihe mit wiederentdeckten Stummfilmen aus. Inzwischen ist er auf DVD greifbar.

Am meisten interessieren natürlich die angekündigten Auftritte der Stars, die sich selbst verkörpern. Erich von Stroheim etwa ist bei den Dreharbeiten von Greed zu sehen, auch Charles Chaplin erlebt man „on the job“; doch diese kurzen Sequenzen bleiben selbstzweckhaft; sie tragen nichts Wesentliches zur ohnehin dünnen Handlung bei und enthalten auch keinerlei informativen Wert. Es sind gestellte Sequenzen, in welchen sich die Stars selbst so darstellen, wie sie sich gerne sehen.

Der Rest des Film dreht sich um die ihrem verbrecherischen Ehemann entronnene junge Remember „Mem“ Steddon, die auf ihrer Fluch in die Dreharbeiten zu einem Hollywood-Schinken landet, sich in den Hauptdarsteller verliebt, für den Film entdeckt wird und für ein Eifersuchtsdrama zwischen dem Regisseur und dem Hauptdarsteller sorgt. Die Handlung ist so platt wie sie klingt, und der dramatische Höhepunkt – der Brand einer Zirkus-Kulisse – ist schlecht inszeniert und derart stümperhaft geschnitten, dass auch er nicht zu fesseln vermag.

Fazit: Hollywood wusste sich schon in der Anfangszeit des Kinos als „Traumfabrik“ zu inszenieren. In einer Zeit gedreht, in der „Tinseltown“ von wüsten Skandalen durchgeschüttelt wurde, wollte man die Wogen mit schöngefärbten Märchenbildern glätten. Das mag das damaliges Ptublikum zufriedengestellt haben, heute hat der Film seine Wirkung weitgehendst eingebüsst.
4,5/10

Souls for Sale ist bei Warner Archives Collection in den USA erschienen.