Monat: März 2017

Im Garten des Mondes – Garden of the Moon, 1938

gabelingeber gräbt diese Woche eine vergessene Musik-Komödien aus dem Hollywood der Dreissigerjahre aus und vergleicht sie mit einer anderen, ungleich berühmteren Musik-Komödie aus den Dreissigerjahren – mit erstaunlichem Ergebnis.
Er lästert zudem über die Marx Brothers und preist einen kleinen, feinen Film aus dem heutigen Japan.

GARDEN OF THE MOON
USA 1938
Mit Pat O’Brien, John Payne, Margaret Lindsay, Johnnie Davis, Melville Cooper, Curt Bois u.a.
Drehbuch: Jerry Wald und Richard Macaulay nach einer Story von H. Bedford Jones und John B. Browne
Regie: Busby Berkeley
Studio: Warner
Der Film lief 1995 erstmal im deutschen Fernsehen – unter dem Titel Im Garten des Mondes

Ein weiterer obskurer Film aus „old Hollywood“, dessen Sichtung mir so richtig Spass gemacht hat! Garden of the Moon spielt im gleichnamigen Nachtclub, der in Hollywood sein Publikum mit klingenden Band-Namen anlockt. Als nächstes stünde eigentlich Rudy Vallee und sein Orchester dort auf dem Programm, doch als Vallees Tourneebus verunfallt, muss Garden-Manager Quinn (Pat O’Brien) für raschen (und möglichst gleichwertigen) Ersatz sorgen. Seine Co-Managerin Toni (Margaret Lindsay) jubelt ihm den unbekannten Don Vincente (John Payne) und dessen Band unter, den Quinn zähneknirschend für zwei Wochen als Ersatz unter Vertrag nimmt.
Was dann beginnt, ist ein richtig schön albernes, mit viel Gusto ausgeführtes Hickhack zwischen dem biestigen Nachtclub-Besitzer und dem jungen Bandleader. Für Quinn wird es zur Passion, Vincente Steine in den Weg zu legen und ihn möglichst innovativ zu sabotieren. Vincente wiederum macht sich einen Spass daraus, die drohende Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Die beiden agieren wie Sam, der Pirat und der Hase Bugs Bunny – es macht richtig Laune, O’Brien und Payne bei ihren Fi(e)simatenten zuzuschauen!

Daneben haben sich die Drehbuchautoren weitere wunderbare Albernheiten einfallen lassen: Die reiche, leicht unterbelichtete Gattin eines Kaugummi-Magnaten und ihr Begleiter, der „Affenmensch“ Chauncey (zum Totlachen: Edgar Edwards!); die geizigen Gebrüder McGillicuddy, ihres Zeichens Financiers des Nachtclubs; ein Maharadscha, der eigentlich ein verkleideter Kleptomane ist (herrlich pompös interpretiert vom deutschen Schauspieler Curt Bois, eine Art Vorstudie zu seinem Taschendieb aus dem vier Jahre später entstandenen Casablanca); und Don’s Bandmitglieder, die fast zur Gänze aus überkandidelten Originalen besteht.

Garden oft he Moon ist ein sogenannter „fluff“ aus dem alten Hollywood, der mit unglaublicher Spielfreude, Spass am Herumalbern und einer überbordenden Crew einfach nur Spass macht. Regisseur Busby Berkeley macht hier was ganz anderes als in seinen berühmten frühen Musicals (42nd Street, Golddiggers of 1935), weniger bombastisch und innovativ, doch dafür mit untrüglichem Sinn für Witz und Tempo. Das Drehbuch ist aus einem Guss und Berkeley setzt es mit Gespür für die optimale Wirkung temporeich und beschwingt um.

Die beiden männlichen Hauptdarsteller sind die halbe Miete, Payne vielleicht etwas weniger als der phänomenale Pat O’Brien, aber er schlägt sich mehr als wacker neben dem altgedienten Star. Für Payne war dies die erste Film-Hauptrolle, doch sein Stern wollte nie so recht aufgehen.
Der weibliche Co-Star Margaret Lindsay ist heute noch weniger bekannt als Payne; sie gibt die farbloseste Figur des Films ab. Aber vielleicht liegt das auch an ihrer Rolle. Bette Davis jedenfalls lehnte sie ab, als sie ihr angeboten wurde.

Ich liebe diese alten, überkandidelten Hollywood-Musicals aus der Glanzzeit der Filmindustrie. Garden of he Moon ist zwar nicht bedeutend, aber beglückend! Mir erscheint rätselhaft, dass er heute völlig vergessen ist. Verglichen mit anderen klassischen Filmkomödien jener Zeit (s. in der Sparte Filmschnipsel, unten) hat er durchaus etwas zu bieten.

8 / 10

Garden of the Moon ist in der Reihe Warner Archive Collection erschienen und bei amazon.co.uk zu relativ günstigen Versandkosten zu beziehen.

Hier kann der Film via youtube angeschaut werden (US-Originalfassung ohne Untertitel; 5 Teile):

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Filmschnipsel:

SKANDAL IN DER OPER (DVD)
USA 1935
(OT: A Night at the Opera)
Mit Groucho, Chico und Harpo Marx, Walter Woolf King, Siegfried Rumann u.a.
Drehbuch: George S.Kaufman, Morrie Ryskind u.v.a.
Regie: Sam Wood
Es kommt ganz darauf an, welche Ansprüche man an eine Komödie hat. Wer sich mit einer Aneinanderreihung von Lachnummern zufrieden gibt, wird Skandal in der Oper toll finden. Wer – wie ich – eher auf Charakterzeichnung, Handlungsführung und kömödiantisches Timing legt, kratzt sich bei diesem Film am Hinterkopf und wundert sich: Das soll nun «eine der besten Filmkomödien» sein?
Ich habe mich durch diesen Film hindurchgegähnt. So geht es mir zwar mit praktisch allen Marx-Brothers-Filmen, doch von diesem hatte ich mir aufgrund seiner Reputation mehr erhofft. Es gibt zwar tolle komische Momente (die berühmte Kabinenszene etwa), aber dann fällt das Ganze auch immer wieder in sich zusammen. Dem Film fehlt der grosse Atem, ständig geht ihm die Puste aus, und dann herrscht erstmal Flaute. Die Gesangsnummern scheinen end- und ziellos und unterbrechen die Handlung, und vielen Gag-Sequenzen fehlt schlicht das richtige Timing. (Zu) viele Gags kommen, völlig unsubtil, mit dem Holzhammer, sind schlecht vorbereitet und fallen deshalb oft flach. Sogar verglichen mit heute vergessenen Musik-Komödien wie dem oben besprochenen Garden of the Moon nimmt sich A Night at the Opera, unter handwerklichen Gesichtspunkten betrachtet, zweitklassig aus.
Weil die Marx-Brothers anarchisch waren und gegen Konventionen verstiessen, wurden sie von der linksgedrehten, ideologisch motivierten Filmkritik gegen Ende der 60er-Jahre hochgejubelt; alles was für sie nach „Anti-Hollywood“ aussah, erhielt automatisch das Gütesiegel. Anarchie allein ist aber noch kein Qualitätsmerkmal, und handwerklich vermögen die Filme der Marx Brothers einfach nicht zu überzeugen – auch dieser nicht. Der Komik fehlt die Brillianz und das Know-How der Vorgänger (Keaton, Chaplin, Stan & Ollie, Harold Lloyd), die wussten, wie man einem Gag grösstmögliche Wirkung abrang. Bezeichnenderweise hielt sich der Erfolg der Marxens zu ihrer Zeit in engen Grenzen. Man musste einen Film schon mittels zahlreicher Probevorführungen und mit der Stoppuhr und der Korrekturschere konzipieren – wie dies beim vorliegenden Werk der Fall war – um die Leute mit dem Namen „Marx“ in die Kinos zu locken.
Es gibt bei den Marxens einzelne denkwürdige Momente, aber durchgängig zu überzeugen konnte mich bislang kein einziges ihrer Werke (und ich habe nach «Opera» nun alle gesehen).
6 / 10

LIKE FATHER, LIKE SON
Japan 2013
(OT: Soshite chichi ni naru)
Mit Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Yoko Maki, Lily Franky u.a.
Drehbuch und Regie: Hirokazu Kore-eda
Na also, geht doch! Es gibt auch Arthouse-Filme, die nicht nur ideologisch motivierte, anti-imperialistische Hollywood-Hasser, sondern auch Normalsterbliche gut finden können.
«Like Father, Like Son» (was für ein deutscher Verleihtitel!) ist eine ruhig und feinsinnig erzählte Geschichte einer traditionell ausgerichteten Ein-Kind-Familie (Vater Architekt, mit der Firma verheiratet, Mutter Heimchen am Herd), die erfährt, dass ihr Kind kurz nach der Geburt vertauscht wurde. Ihr wirklicher Sohn lebt bei einer kinderreichen Arbeiterfamilie.
Nun stellt sich für beide Familien die Frage, ob sie die Jungs zurücktauschen sollen – ihre eigenen leiblichen Kinder zurückholen sollen. Die Beschäftigung mit dieser Frage bewirkt tiefgreifende Verwerfungen innerhalb der Familie des Architekten, in erster Linie beim Herrn des Hauses, der sich plötzlich die Frage über den Stellenwert der Familie und seine Rolle darin stellen muss.
Das Ganze wird als menschliche Entwicklungsgeschichte abgehandelt, die immer spannend bleibt, weil erstens die Figuren stimmen und zweitens, weil man nie weiss, was als nächstes kommen wird.
Mit leisen Zwischentönen grandios und mit Tiefe inszeniert, überzeugt «Like Father, Like Son» als gesellschaftliche Versuchsanordnung, die auch hierzulande problemlos verstanden wird.
10 / 10

 

Kings Row, 1942

KINGS ROW
USA 1942
Mit Robert Cummings, Ronald Reagan, Ann Sheridan, Betty Field, Claude Rains u.a.
Drehbuch: Casey Robinson nach dem Roman von Henry Bellamann
Regie: Sam Wood
Der Film war seit seiner Premiere 1942 nie im deutschsprachigen Raum zu sehen.

Manchmal staunt man.
Kings Row ist in den USA ein durchaus bekannter Klassiker. Bei uns ist der Film völlig unbekannt. Wie’s ausschaut, wurde er nicht mal im Fernsehen gezeigt. Dabei handelt es sich um ein beachtliches Werk, an dem respektable Künstler mitgewirkt hatten: William Cameron Menzies als Production Designer; Komponist Erich Wolfgang Korngold; Kameramann James Wong Howe; Casey Robinson (Captain Blood, Now, Voyager, The Snows of Kilimanjaro) schrieb das Drehbuch. Und Ronald Reagan bot darin seine wohl beste schauspielerische Leistung, an der Seite einer grossartigen Ann Sheridan.

Kings Row behandelt das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt – allerdings nicht so, wie man es von einem Film der Vierzigerjahre erwartet! Obwohl er in schnuckeliger viktorianischer Bilderbuchromantik beginnt, legt er unter der Oberfläche der behaglichen Bürgeridylle langsam und unerwartet Themen wie Wahnsinn, Rache, Mord und Sadismus frei. Nicht erst David Lynch hat die Kleinstadt als Brutherd übelster gesellschaftlicher Fehlformen entdeckt.

Im Mittelpunkt von Kings Row stehen zwei Freunde (Robert Cummings und Ronald Reagan), an deren Werdegang sich das Kleinstadtleben spiegelt. Cummings gibt den werdenden Arzt, der dank seines Mentors (Claude Rains) die freud’sche Psychologie entdeckt, diese in Wien studiert und sie sodann nach Amerika bringt. Und Reagan ist der reiche Bruder Leichtfuss, der zunächst vom Geld seiner Familie lebt, dann einen tiefen sozialen Abstieg durchmacht, dank der Hilfe einer starken Frau aber immer wieder auf die Beine kommt. Bis er letztere auch noch verliert…


Dem Film liegt der gleichnamige Roman von  Henry Bellamann zugrunde, dessen Verfilmung die Verantwortlichen des «Production Code» verhindern wollten, weil er ihnen zu „subversiv“ war. Was schliesslich Eingang in den Film fand, ist zwar eine abgeschwächte Form der Vorlage, doch auch diese hatte (und hat) durchaus ihre Wirkung. Kings Row, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, bleibt haften. Nicht nur dank der einprägsamen Filmmusik und der herrlichen Cinèmatografie. Vor allem die Leistungen Ann Sheridans, Betty Fields (als langsam dem Wahnsinn anheimfallende Arzttochter) und – jawohl! – Ronald Reagans beeindrucken.
Einer aber hat mich restlos verblüfft: Der «gute Onkel des US-Kinos», Charles Coburn, spielt hier ein menschliches Monstrum. So habe ich den gemütlich-verschrobenen Coburn noch nie gesehen. Bei seinen Auftritten läuft es einem kalt den Rücken herunter.

Kings Row war übrigens Ronald Reagans Lieblingsfilm. Er war so stolz auf das Werk, dass er es später, als Politiker und Präsident, bei privaten Anlässen und Empfängen immer wieder vor seinen Gästen abgespielt haben soll. Reagans erste Frau, Jane Wyman, soll Kings Row so richtig satt gehabt haben.
8 / 10

Kings Row ist in der Reihe Warner Archive Collection erschienen und bei amazon.co.uk zu relativ günstigen Versandkosten zu beziehen.

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Filmschnipsel:

DIE TRUMAN SHOW (Blu-ray)
USA 1998
Mit Jim Carey, Ed Harris, Laura Linney, Noah Emmerich u.a.
Drehbuch: Andrew Niccol
Regie: Peter Weir
Die “Truman Show“ ist eine innovative 24-Stunden-Reality-TV-Serie, initiiert und überwacht vom TV-Wunderkind Christof (Ed Harris). In dessen Mittelpunkt steht der amerikanische Normalbürger Truman Burbank (Jim Carey). Sämtliche Charaktere der Serie werden von Schauspielern verkörpert – bis auf Truman. Der ist als einziger echt. Truman wird im Glauben gelassen, er befinde sich in der realen Welt. Alles um ihn herum dient seiner Täuschung, der Aufrechterhaltung einer Schein-Welt: Der Mensch als Versuchskaninchen im gläsernen Medien-Käfig.
Doch eines Tages wird schöpft Truman Verdacht…
Drehbuchautor Andrew Niccol („Gattaca“) und Regisseur Peter Weir („Der Club der toten Dichter“) haben hiermit eine zündende und noch heute funktionierende Medien-Satire geschaffen, die mit hoher Originalität und viel Witz daherkommt, hinter denen aber eine gute Portion Ernst steckt. So erscheint der Serien-Schöpfer Christof als gottgleicher Schicksals-Verwalter, der im Lauf der Serie eine väterliche Beziehung zu seiner „Schöpfung“ entwickelt hat und „seinen“ Truman vor den Unbillden der Realität fernhalten will. Währenddessen spiegelt sich in Trumans Entwicklung die Emanzipation des Kindes von seinen Eltern, des Menschen in die innere Freiheit.
Das alles ist grandios umgesetzt, von den Darstellern bis zum leicht irrealen Production Design stimmt jedes Detail. Zudem macht der Film einfach Spass, er funktioniert sowohl als Gedankenexperiment wie auch als Satire auf das Kleinstadtleben und auf die Auswüchse der Unterhaltungsindustrie.
10 / 10


BUTCH CASSIDY UND SUNDANCE KID
(Blu-ray)
USA 1968
Mit Paul Newman, Robert Redford, Katharine Ross,
Drehbuch: William Goldman
Regie: George Roy Hill
Es ist immer wieder interessant, einen Filmklassiker mit kritischen Augen (wieder-) zu sehen. Verblüffend oft bleibt die Frage, was denn jetzt an dem so gut sein soll. So einmal mehr geschehen bei meiner Visionierung von dem allseits hoch gelobten „Butch Cassidy and the Sundance Kid“.
Ich war ziemlich enttäuscht. Nicht von den Schauspielern – die machen ihre Sache sehr gut (vor allem Redford, mal in einer Charakterrolle, überzeugt). Auch nicht von der Regie – Hill holt sichtlich das Beste heraus, indem er die Sache immer wieder ironisch bricht und uns immer wieder daran erinnert, dass wir im Kino sitzen.
Das Problem ist das Drehbuch. Genauer: Das Problem ist William Goldman!
Darf man gegen diesen von der europäischen Filmkritik heiliggesprochenen Autor überhaupt etwas sagen? Wieso nicht? Der Mann kann handwerklich schon was, jaja, aber auch nicht mehr als viele andere seiner Gilde. Aber seine Drehbücher bleiben für einen derart hoch gehandelten Künstler oft erschreckend oberflächlich. In „Butch Cassidy…“ wird dieser Umstand mit der Zeit zum Ärgernis. Was ist das Motiv hinter den Taten der zwei Banditen? Was macht ihre Freundschaft aus? Worin fusst ihrer beider Beziehung zu der von Katharine Ross gespielten Lehrerin? In Gleichgültigkeit? Freie Liebe im Wilden Westen? Oder was? Und wieso werden zwei Bankräuber, Gesetzbrecher, vom Drehbuch derart idealisiert? Was ist so bewundernswert an ihren feigen, für andere Menschen ruinösen Taten? Keine Ahnung. Der Film liefert keine Erklärung. „Man muss sie einfach gerne haben“!
Da spielt ganz stark die unreflektierte linke Ideologie der späten Sechzigerjahre hinein (der Rebell ist an sich edel, einfach weil er ausserhalb der Gesellschaft steht und die Gesellschaft eh‘ böse ist), und das wirkt heute seltsam deplatziert. Mir jedenfalls kam die geballte Oberflächlichkeit des Streifen total in die Quere.
Er ist solide – aber es gibt weitaus bessere Western!
6 / 10

Der Tote lebt – Johnny Eager, 1941

DER TOTE LEBT
(OT: Johnny Eager)
USA 1941
Mit Robert Taylor, Lana Turner, Van Heflin, Edward Arnold u.a.
Drehbuch: John Lee Mahin und James Edward Grant
Regie: Mervyn LeRoy
Dauer: min
Der Film kam im deutschsprachigen Raum erst 1957, unter dem Titel Der Tote lebt, in die Kinos.

Mit diesem Film sollte Robert Taylors Image aufpoliert werden – vom romantischen Schönling zum «tough guy». Taylor wagte sich in Johnny Eager erstmals an die Darstellung eines negativen Charakters. Als Drahtzieher eines Gangster-Syndikats bietet er zwar keine derart energiegelandene Charakterstudie wie seine Kollegen Edward G. Robinson oder James Cagney, es gelingt ihm aber hervorragend, den abgebrühten, zu Wohlstand gekommenen Underdog glaubhaft zu machen. Taylor gibt den Ganoven als vordergründig ungebildeten Kotzbrocken, der seine im Untergrund schlummernden menschlichen Züge unterdrückt. Ihm zur Seite stellte man die damals 20-jährige Lana Turner – eine Kombination, die in der Filmgeschichte einmalig blieb.

Taylors Darbietung des kaltblütigen Gangsterbosses überzeugt zwar, doch sie wird von Van Heflins Portrait eines philosophierenden Alkoholikers überschattet. Heflin gibt Johnny Eagers desillusionnierten Freund Jeff Hartnett, der vom Drehbuch wie ein Spiegelbild seines Gangster-Freundes konzipiert ist: Im Gegensatz zu Johnny Eager leidet der Intellektuelle Jeff an der Aufgabe seiner Prinzipien und ertränkt seine innere Zerrissenheit mit Alkohol. Der noch sehr junge Heflin gewann für sein grandioses Spiel in diesem Film einen Oscar.
Auch sonst lebt der heute vergessene Film von den durchs Band hervorragenden Schauspielern.
Und auch das Drehbuch und die Regie können sich sehen lassen. Ersteres stammt aus der Feder von John Lee Mahin (Dr. Jeckyll and Mr. Hyde, 1941; Quo Vadis?, 1951) und James Edward Grant (The Alamo, 1960; The Comancheros, 1961). Schade nur, dass ein zentrales Moment der Geschichte nicht glaubwürdig ist: Dass sich Soziologiestudentin Lana Turner in den von Robert Taylor gespielten Negativ-Charakter verliebt – und dass sie an seine Rechtschaffenheit glaubt, obwohl ihr Stiefvater ihn damals hinter Gitter gebracht hat, das mag man als Zuschauer einfach nicht glauben..

 

 

 

 

 

 

Taylor gibt den Gangsterboss Johnny Eager, der (vordergründig) auf den rechten Weg gekommen ist. Brav meldet er sich der nun als Taxifahrer arbeitende Ex-Knasti regelmässig beim Bewährungshelfer und gilt als «geheilt». Doch aus dem Hintergrund leitet er ein Gangstersyndikat. Als sein alter Feind, der Anwalt Farrell (Edward Arnold), ihm auf die Schliche kommt, benützt Eager dessen Tochter, um ihn mundtot zu machen. Doch da geschieht etwas für den Gangster Unvorhergesehenes: Er entwickelt Gefühle…
Der seltsame deutsche Titel bezieht sich übrigens auf eine kurze Episode des Films, die zwar durchaus zentral ist; trotzdem scheint es merkwürdig, gleich den ganzen Film danach zu bennen.
7 / 10

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Filmschnipsel:

LION (Kino)
Australien 2016
Mit Sunny Pawar, Dev Patel, Rooney Mara, Priyanka Bose, Nicole Kidman, u.a.Drehbuch: Luke Davies
Regie: Garth Davis
Nach dem Ansehen des Vorfilms war ich skeptisch – nun bin ich froh, den Kinogang doch gewagt zu haben: „Lion“ ist rundum gelungen. Trotz der zahlreichen Stolperfallen, welche eine Verfilmung dieses Stoffes (der Lebensgeschichte von Saroo Brierley) birgt, haben die Beteiligten alles richtig gemacht.
Das Drehbuch baut die Geschichte glücklicherweise chronologisch auf (und nicht in Rückblenden, wie dies der Trailer suggeriert); so gewinnt die zweite Hälfte, die den erwachsenen Saroo zeigt, an innerer Spannung und Überzeugungskraft.
Die Regie ist wunderbar feinfühlig; Regisseur Garth Davis (dessen erster Kinofilm „Lion“ ist) versteht es meisterhaft, zwischen den Zeilen zu erzählen, Gesten und Mimik sprechen zu lassen, eigene Gedanken des Publikums zuzulassen.
Die Schauspieler sind allesamt hervorragend und werden mit viel Feingefühl und Sinn für leise Töne geführt.
Die Bilder (Kamera: Greig Fraser) sind gross, betörend, bisweilen atemberaubend.
Kurz: „Lion“ hat mich in voller Länge und bis ins hinterste Detail überzeugt. Vielleicht nicht unbedingt ein „wichtiges“ Kinowerk, aber ein beglückendes Filmerlebnis, das bewegt, ohne auf die Tränendrüse zu drücken!
10 / 10

MIDNIGHT SPECIAL (Blu-ray)
USA 2016
Mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Jaeden Lieberher, Kirsten Dunst, Sam Shepard u.a.
Drehbuch und Regie: Jeff Nichols
Jeff Nichols… Jeff Nichols… wer ist das nochmal?
Der Name dieses Ausnahmetalents (Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion) hat sich noch nicht richtig festgesetzt, aber seine Filme „Take Shelter“ und „Mud“ sind noch bestens im Gedächtnis. Und gerade ist sein „Loving“ in den Kinos angelaufen.
Nichols „Midnight Special“ ist ein irres Stück Kino! Völlig unspektakulär und ruhig, fast stoisch, erzählt er die Geschichte einer Kindsentführung – die sich mit zunehmender Filmdauer als etwas völlig Anderes entpuppt.
Zunächst tappt man als Zuschauer im Dunkeln: Worum geht’s da eigentlich?
Stück für Stück erfährt man – jeweils ganz nebenbei – Näheres. Aber bei weitem nicht alles; am Ende des Films sind noch immer einige Geheimnisse nicht vollständig gelüftet.
Diese Erzählweise ist nicht jedermanns Sache; wer sich aber darauf einlassen kann, erlebt ungemein spannende und höchst anregende zwei Filmstunden auf hohem gestalterischen und erzähltechnischem Niveau.
Bald wird klar: Die Entführung geschah aus einer Sekte. Zwei Sektenmitglieder haben einen Jungen entführt. Dieser wurde dort als eine Art Messias verehrt. Einer der Entführer ist der Vater des Kindes. Und: Die Regierung schaltet sich in die Fahndung ein. Sie ist aber nicht eigentlich hinter den Entführern her, sondern hinter dem Kind… Was hat es mit diesem blassen, ernsten Knaben bloss auf sich?
Was am Schluss dabei herauskommt, ist schlichtweg atemberaubend. Eine fantastische Vision!
Wer sich Jeff Nichols Namen noch nicht gemerkt hat, sollte dies nachholen. Er ist einer der eigenwilligsten und talentiertesten Autorenfilmer der USA zur Zeit.
10 / 10