Maggie Smith

Das Geheimnis der Frau in weiss – The Woman in White, 1948

Diese Woche gräbt gabelingeber eine vergessene Literaturverfilmung aus, bespricht das Science-Fiction-Drama Passengers, gibt seine Sicht auf Maggie Smith als The Lady in the Van zum besten – und macht sich in einer neuen Kolumne Gedanken über Cineasten und den sogenannt „bedeutenden Film“.

DAS GEHEIMNIS DER FRAU IN WEISS
(OT: The Woman in White)
USA 1948
Mit Eleanor Parker, Alexis Smith, Sydney Greenstreet, Gig Young, Agnes Moorehead, John Emery u.a.
Drehbuch: Stephen Morehouse Avery nach dem Roman von Wilkie Collins
Regie: Peter Godfrey
Studio: Warner
Der Film war im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Das Geheimnis der Frau in Weiss im Fernsehen zu sehen.

Wilkie Collins 1860 entstandener Roman «The Woman in White» gilt als eine der ersten richtigen Detektivgeschichten. Seine komplexe Erzählstruktur erschwert eine Verfilmung in normaler Spielfilmlänge allerdings erheblich. Der nicht mehr bekannte Drehbuchautor Stephen Moorehouse Avery nahm deshalb für die hier besprochene Kinoadaption viele Änderungen vor, um die Handlung in knapp zwei Stunden Spielzeit unterbringen zu können – Änderungen, welche die Fans der Romanvorlage nicht goutieren wollten. The Woman in White fiel durch und ist heute fast völlig vergessen.

Der vom Briten Peter Godrey inszenierte Film gilt als zweitklassige Romanadaption. Zu Unrecht! Natürlich leiten die bereits erwähnten Änderungen die Geschichte gegen Ende in gänzlich andere Bahnen, viele Facetten des Romans, ja ganze Handlungsstränge fallen unter den (Schneide-)Tisch. Trotzdem halte ich The Woman in White für ein insgesamt gelungenes Werk. Drehbuchautor Avery macht das beste aus der Not, kürzen zu müssen: Er rettet den Grundton und die bisweilen unerträgliche Spannung von Collins Roman in den Film hinüber, und indem er die Intrige der beiden Bösewichte etwas entwirrt und vereinfacht, vermeidet er einen der Spannung abträglichen übermässigen Erklärungsaufwand. Zudem schafft er es im Verein mit dem Regisseur und dem Schauspielensemble, Collins’ scharf gezeichnete Figuren fast eins zu eins auf die Leinwand zu bringen. Ein weiteres grosses Verdienst des Drehbuchs und der Regie ist zudem ein dramaturgisch schlüssiges, dichtes Erzählgarn, welches die Zuseher keinen Moment loslässt. Und das trotz der Tatsache, dass die Dramaturgie praktisch auf den Kopf gestellt wurde und vorneweg verraten wird, was das Buch der Spannung wegen bis zuletzt verschweigt!
Unter dem Strich ist eher ein Film „nach Wilkie Collins“ herausgekommen, als eine buchstabentreue Adaption; ein Film, den man durchaus als Lehrstück einer Literaturverfilmung bezeichnen kann.

Als Schwachpunkt empfinde ich eigentlich nur gerade die Besetzung Gig Youngs in der Rolle des Malers Hartright, des eigentlichen «Detektivs» des Romans. Er ist zu blass und fällt in einer prominenten Rolle gegenüber dem Rest des Ensembles ab. Grandios sind dagegen – einmal mehr – Eleanor Powell («Caged!») in der Doppelrolle der «Frau in Weiss» und Sydney Greenstreet als Intrigant von geradezu monströser Abscheulichkeit. Aber auch der Rest der Truppe kann sich sehen lassen.

Dies gesagt, stellt sich sofort die Frage, weshalb Regisseur Peter Godfrey und Autor Avery heute nicht mehr bekannt sind. Unter Godfreys rund zwanzig Filmen finde ich keinen einzigen bekannten Titel. Stephen Moorehouse Averys Filmografie zählt 17 Filme – bekannt ist auch davon heute keiner mehr. Vielleicht waren ihre Filme alle mässig erfolgreich (was ja noch längst nicht gleichbedeutend ist mit «schlecht», wie ich hier Woche für Woche zu zeigen versuche). Avery jedenfalls verstarb kurz nach der Premiere des Filmes im Alter von 55 Jahren – vielleicht wäre seine Zeit noch gekommen.

8 / 10

The Woman in White ist in der Reihe Warner Archive Collection erschienen.

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Filmschnipsel:

PASSENGERS
USA 2016
Mit Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Michael Sheen, Laurence Fishburne u.a.
Drehbuch: Jon Spaihts
Regie: Morten Tyldum
Kein Gravity, kein 2001 – die einen Kritiker monieren in ihren Rezensionen, was Passengers alles nicht ist. Die anderen mokieren sich darüber, wo Passengers überall abgekupfert habe: Bei 2001, bei Gravity
Manchmal entsteht der Eindruck, die Kritiker hätten sich gegen gewisse Filme zusammengeschlossen. Dann nämlich, wenn ihnen jeder Vorwand zupasskommt, dagegen zu schießen. Die oben aufgeführten Argumente könnten auch für „Passengers“ ins Feld geführt werden, das erste im Sinne von: „Passengers ist etwas ganz Eigenständiges“, im zweiten Fall im Sinne von: “Passengers verbeugt sich vor den großen Vorbildern“.
Lange wollte ich mir Passengers gar nicht ansehen, die durchs Band negativen Kritiken nahmen mir die Lust. Nun habe ich’s doch getan und komme zu ganz anderen Schlüssen als die Rezensenten.
Der neue Film des Schweden Morten Tyldum (The Imitation Game) ist fürs „Ottonormalpublikum“ wahrscheinlich zu schwierig einzuordnen: Man erwartet dank der werbung Action satt und kriegt – was man gar nicht wollte – ethisches Dilemma plus menschliches Drama. Sowas ist nie gut. Dass allerdings auch viele Kritiker bei getäuschter Erwartung mit Negativreflexen reagieren, erstaunt doch einigermaßen.
Passengers ist zunächst einmal großartiges Erzählkino. Da wird ein menschliches Drama in pointierten Episoden und fein ausgedachten Details ausgebreitet, in aller Ruhe, und die Spannungskadenz wird permanent und schlüssig gesteigert – bis zum großen Knall gegen Ende (der ja angeblich überhaupt nicht in den Film passt und eine Konzession ans Actionpublikum darstellt). „Schlechtes Drehbuch“ habe ich in mehreren Rezensionen gelesen, „oberflächliches Abhandeln von moralischen Fragen“ in anderen. Beides ist falsch. Das Drehbuch ist ausgereift, in sich absolut stimmig und gehört zu den besten, die ein großes US-Studio in letzter Zeit auf die Leinwand gebracht hat. Es meistert jede heikle Klippe, so dass man sich mit dem guten Gefühl zurücklehnen kann: Der Erzähler versteht sein Metier, wird schon nichts schiefgehen. Und genauso ist es.
Und was das „oberflächliche Abhandeln der moralischen Fragen“ angeht: Der Film verzichtet darauf, sie mit dem pädagogisch-moralischen Zeigefinger aufzufahren. Das macht den Umgang mit ihnen aber keineswegs oberflächlich. Sie werden in einer Form dargeboten, die einen unweigerlich tief ins Grübeln bringt darüber, wie man selbst in der Situation gehandelt hätte und hätte handeln sollen.
Am besten betrachtet man Passengers ohne ein Resumee gelesen zu haben. Deshalb sei hier nur das Nötigste verraten: Auf dem interstellaren Flug eines riesigen Raumschiffs geht etwas schief. Von den im Kälteschlaf dahindämmernden Passagieren wacht mitten im 120 Jahre dauernden Flug einer auf – Fehlfunktion der Kälteschlaf-Kapsel. Nach nur 30 Jahren. Noch 90 Jahre Flug stehen bevor.
Zurück in die Schlafkapsel ist unmöglich. Der Passagier ist dazu verdammt, in der künstlichen Welt des riesigen Raumgleiters allein seine Tage zu fristen – bis zu seinem Ende. Er versucht alles, seiner Situation zu entkommen – vergebens. Sein einziger Ansprechpartner ist ein Roboter-Barmann (ein geradezu genialer Einfall!). Es kommt immer wieder zu seltsamen technischen Zwischenfällen, und dem Zuschauer dämmert, dass das Schiff schwer beschädigt sein muss. In der Zwischenzeit fasst unser Passagier einen folgenschweren, ethisch schwer bedenklichen Entschluss…
Ich sage nur noch soviel: Gebt dem Film eine Chance. Es nicht der typische Sci-Fi-Film, darauf sollte man gefasst sein. Aber wer sich darauf einlässt, erlebt ein glänzend und mit viel Witz und Fantasie erzähltes, toll gespieltes, hervorragend inszeniertes, zutiefst menschliches Drama, eingebettet in ein grandioses Production Design.
10 / 10

THE LADY IN THE VAN
GB 2015
Mit Maggie Smith, Alex Jennings, Jim Broadbent u.a.
Drehbuch: Alan Bennet
Regie: Nicholas Hytner
Maggie, Maggie, Maggie!
Maggie Smith-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten! Dame Maggie spielt eine heruntergekommene Pennerin, die sich mit ihrem kaputten Autobus in einem feinen Quartier Londons auf der Strasse einnistet – in der Nachbarschaft des Autors Alan Bennett. Auf den Erlebnissen des echten Bennett – ein in England bekannter Theaterautor – beruht der Film, er selbst schrieb das Drehbuch und wird von Schauspieler Alex Jennings gleich doppelt verkörpert: Als sein Schriftsteller-Ich und sein Alltags-Ich streitet Bennett öfters mit sich selbst. Die „Lady im Autobus“ kürt Bennett zu ihrem persönlichen Vertrauten und lässt ihn zwischen Verantwortungsgefühl und Indifferenz hin und her schwanken.
Mir wurde die ganzen 100 Minuten über nicht klar, was dieser Film eigentlich will. Er bleibt seltsam distanziert, über die Hauptfiguren erfährt man zu wenig, um sich involvieren zu lassen. Im Endeffekt dreht sich der Film mehr um den Nabel seines Autors als um die titelgebende Lady: Bennetts Lavieren zwischen Hilfsbereitschaft und dem Drang, sich Probleme vom Hals zu halten, steht im Zentrum – und lässt einen doch recht kalt.
Lustigerweise scheint dem Autor dies selbst bewusst zu sein: Einmal lässt er zwei seiner Protagonisten , zwei Nachbarn, sich über eines seiner Theaterstücke unterhalten: „Ich bin nicht schlau geworden daraus“, sagt der eine, worauf seine Gattin meint: „Das Stück dreht sich eigentlich nur um ihn. Wie immer.“
Dank Dame Maggie ist The Lady in the Van trotzdem sehenswert. Sie trägt den Film mit ihrem grandiosen Portrait eines heruntergekommenen Schlachtrosses, einer am Leben und am Glauben irr gewordenen ehemaligen Nonne, die ihre Umwelt terrorisiert und die feine Nachbarschaft aufmischt.
7 / 10

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Gedankensplitter

Bedeutende Filme
Muss man einen Film wegen seines Status gut finden?
Es gibt zahlreiche „bedeutende“ Filme, mit denen ich nichts anfangen kann. Es gibt welche, die ich ziemlich „daneben“ finde. Und es gibt solche, die mir hervorragend gefallen. Ich könnte jetzt eine Liste mit Beispielen folgen lassen, doch das würde den Rahmen hier sprengen.
Es ist sowieso irrelevant: Begibt man sich auf die Spur der „bedeutenden“ Filme, stösst man eh‘ immer wieder auf dieselben Titel. Es sind zumeist alte Filme, die etwas zu ersten Mal gemacht haben, gezeigt haben, die einen cinématografischen Trend ausgelöst haben, die stilbildend waren. Die Cineasten führen Buch darüber.
Der Filminteressierte, der etwas auf sich hält, will als Cineast gelten; und weil Buchhaltung nicht allen Filmbegeisterten zusagt, beten viele von ihnen, die sich als Cineasten verstehen möchten, die heiligen Listen der Buch führenden Cineasten nach.
Der Filminteressierte (oder Möchtegern-Cineast) tut gut daran, den jeweiligen filmhistorischen Kontext eines Film in Erfahrung zu bringen und um seine Bedeutung zu wissen. Es kann zudem interessant sein, dessen Nachfolger zu sichten, Filme, welche in dessen Fahrwasser entstanden sind, die davon inspiriert wurden. Es ist dies eine historische Sichtweise, und auf diese ist der Cineast fixiert. Der Kontext kann dabei je nach Sichtweise filmhistorischer, kunsthistorischer oder gesellschaftshistorischer Art sein. Aber was ist mit dem Filmfan, der nicht primär historisch interessiert ist? Ist der überhaupt noch ein Cineast?
Manchmal – je länger, je mehr – interessiere ich mich für die handwerkliche Seite der Filme (Regieführung), die erzähltechnische (Drehbuch), die schauspielerische und für die Aussagekraft und Relevanz eines Werks. Weniger – immer weniger – für dessen filmgeschichtliche Seite. Die Filmgeschichte kann nämlich ganz schön anstrengend sein. Anstrengend deshalb, weil man sich – aus Interesse an ihr – Filme ansieht, die man sich sonst nicht ansehen würde. Weil „der Cineast“ sie sehen muss um überhaupt als Cineast zu gelten. Und das will man ja schliesslich.
Mir ist der Zirkus mittlerweile zu mühsam, die Zeit ist mir zu kostbar geworden, um mir Werke anzusehen, die mich in keiner Weise irgendwo berühren. Die erzähltechnische Flops sind, schauspielerisch anspruchslos oder so aufgeblasen kunstgewerblerisch daherkommen, dass man schreien möchte. Sie mir anzusehen, weil sie in der Filmhistorie als „bedeutend“ aufgeführt sind. Also pfeife ich ab sofort auf den Status des Cineasten. Ich kündige!
Ich kann und will einen Film nicht mehr automatisch toll oder auch nur interessant finden, nur weil er filmhistorisch als bedeutend gilt. Dazu muss man sich oft ganz schön verbiegen.
Es gibt Filme, die sind bedeutend ausserhalb von Filmgeschichte. Weil sie besonders gut, besonders herausfordernd, besonders berührend sind. Auch wenn sie in keiner der bekannten Liste vorkommen. Mir egal! Was scheren mich die Listen? Sie haben nichts mit mir zu tun, mit meiner Weltsicht, mit meinem Menschenbild. Es gibt Filme, die da exakt hineinpassen oder es erweitern; sie sind nicht als „bedeutend“ gelistet. Vielleicht gelten sie sogar als „unbedeutend“.
Wenn ich heute einen Film bewerte, dann tue ich dies konsequent aus meiner Sicht und aus meinem Menschenbild heraus. Nicht aus der Beliebigkeit meines Geschmacks heraus, hoffentlich, sondern vom Standpunkt des moralisch und ethisch denkenden und empfindenden Menschen aus. Das ist ein anderer Ansatz als der historische. Ich bilde mir ein, er sei zur Filmbewertung ebenso plausibel und brauchbar wie jener des Cineasten. Die Bewertung erfolgt nach allgemein gültigen gesellschaftsrelevanten Kriterien.
Mit dieser „Befreiung“ fällt mir ein Gewicht von der Seele: Ich habe plötzlich Narrenfreiheit, muss Tarkowski nicht gut finden, darf Godards Werke als aufgeblasenen intelektuellen Quark bezeichnen und Theo Angelopoulos als blasierten Phrasendrescher.

Oh, what a lovely War – 1969

EIN VERGESSENER FILM:
OH, WHAT A LOVELY WAR

GB 1969
Mit John Mills, Corin Redgrave, Paul Shelley, Malclom McFee, Maggie Smith, Laurence Olivier, Michael Redgrave, Vanessa Redgrave, John Gielgud, Ralph Richardson, Susannah York, Dirk Bogarde u.a.
Drehbuch: Len Deighton
Regie: Richard Attenborough
Studio: Accord Productions
Dauer: 138 min

Vorspann:
Der Kriegsfilm als Musical – Richard Attenboroughs Regieerstling ist die Verfilmung der gleichnamigen Bühnenshow von Joan Littlewood und Charles Chilton. Bei uns ist Oh, What a Lovely War praktisch vergessen, doch in England gehört das Werk zum Kanon der britischen Filmklassiker. Kann man es heute, 47 Jahre danach, noch sehen? Unbedingt!
Inhalt: Der erste Weltkrieg als grosse Entertainment-Kiste,  the „ever popular war games – songs, battles and a few jokes“. Wir sind mit dabei, von der Ermordung des serbischen Thronfolgers bis zu bitteren Ende des Krieges. Die Smith-Family erscheint im Film stellvertretend für den britischen „everyman“, sämtlich Smith-Männer werden eingezogen und in irgendeiner Weise trans- oder deformiert von der Vernichtungsmaschinereie des Kriegs wieder ausgespuckt. Das Ganze ist als „grand guignol“aufgezogen, mit brilliant choreografierten Musicalnummern; diese basieren auf authentischen Songs, welche bei den britischen Soldaten damals populär waren.

Der Film:
Oh, What a Lovely War konzentriert sich ganz auf die britische Seite und Sicht des ersten Weltkrieges – vielleicht ein Grund, weshalb Attenboroughs Film bei uns nie so richtig Fuss fassen konnte. Vielleicht war es aber auch der spezifisch britische Humor, der damals gerade eine kräftigen Dreh‘ ins Absurde vollführte, für den bei uns die Zeit damals noch nicht reif war. Oh, What a Lovely War ist mit seinem Surrealismus und der Vermengung von Horror und Frohsinn streckenweise nah an Monty Python’s Flying Circus dran, deren lengendäre Fernseh-Serie ein paar Monate nach der Erstaufführung dieses Filmes im britischen TV Premiere hatte. Der „Python-Geist“ war in Grossbritannien allerdings schon ein Weilchen vor der eigentlichen Python-TV-Show präsent: John Cleese, Graham Chapman und Marty Feldman hatten 1967 die Sendung At Last the 1948 Show, Terry Jones, Michael Palin und Eric Idle alberten im selben Jahr in Do Not Adjust your Set in ähnlicher Weise herum. Die Vorlage des Films, die Bühnenshow von Joan Littlewood und Charles Chilton, feierte allerdings bereits vier Jahre davor, im Jahr 1963, Premiere. Es ist deshalb denkbar, dass sie eine der Inspirationsquellen der späteren Monty Phythons war. Das ist allerdings nur Spekulation.

Obwohl der Fokus des Films auf Britannien liegt, und obwohl er dort zu den grossen nationalen Errungenschaften zählt, bleibt Oh, What A Lovely War in seinen Aussagen universell und kann als Antikriegsfilm überall gesehen und verstanden werden.
Die Grunddramaturgie des Films ist so simpel wie frappant: Sämtliche Sequenzen, in denen höhere Militärs und Politiker involviert sind, spielen in einer Art wolkigen Fantasy-Zwischenwelt. Ebenso das erste Drittel des Films, in dem die Soldaten angeworben werden. Gemäss der damals allgemeinen Euphorie zu Kriegsbeginn spielt es auf einem Jahrmarkt, der den Krieg als Abenteuer anpreist, als eine Art Spiel für grosse Kinder. Die darauf folgenden Schlachtfeld-Sequenzen mit den einfachen Soldaten dagegen sind dem harten Realismus verpflichtet. Oft führen harte Schnitte von der einen Ebene in die andere, und erst im Gänsehaut erzeugenden Finale gehen beide ineinander über.

Innerhalb dieser beiden Ebenen gibt es Szenen von z.T. haarsträubender Diskrepanz: Die Musik, die wir hören, passt absolut nicht mit dem Inhalt der gezeigten Bilder überein – und doch ist das Geschehen so choreografiert, dass es mit der Musik korrespondiert. Da erklingen frohsinnige Songs zu erschütternden Bildern; einem Feldgottesdienst zur Hebung der Truppenmoral wird ein Songtext von absoluter Hoffnungslosigkeit unterlegt, welcher dem künstlichen Optimismus diametral entgegensteht und diesen als heuchlerisch entlarvt. Durch diese permanente Diskrepanz erschafft der Film eine weitere Ebene, welche für sich selbst spricht und jegliche Antikriegs-Rhetorik überflüssig macht. Im ganzen Film wird der Krieg verbal kaum je in Zweifel gezogen – eher ist das Gegenteil der Fall. Das in vielfältiger Weise angewandte Prinzip der Diskrepanz zwischen Bild und Ton ergibt die pazifistische Botschaft des Films und erzielt eine Wirkung, die unter die Haut geht. Und das tut es noch immer, auch 47 Jahren danach!

Obwohl der Film weit über zwei Stunden dauert und weder eine richtige Handlung noch eine zentrale Hauptfigur hat, lässt er einen nicht los – auch nach seinem Ende nicht. Zum einen sind die einzelnen Episoden derart abwechslungsreich und originell, dass keine Langeweile aufkommt, zum anderen ist Attenboroughs Regie bisweilen atemberaubend. Er findet Bilder, die durch ihre Direktheit, ihre Frische und Originalität, ihre Doppeldeutigkeit verblüffen und die sich – zusammen mit den unterlegten Songs – ins Gehirn einbrennen. Attenboroughs Bilder packen mit ihrer durchdachten, oftmals schwerelosen Choreografie, durch ihre Beredtheit, durch ihre innere Gestaltung; nicht selten auch durch die schiere Wucht ihrer Ausstattung. Der Film war teuer, und dass Attenborough Massenszenen liebte, sieht man schon an diesem seinem Erstling. Das Geld floss nicht zuletzt dank der grossen Namen, die der Schauspieler/Regisseur für dieses Projekt aufbieten konnte. Als Laurence Olivier zugesagt hatte – trotz gerade abgeschlossener kräftezehrender Krebsbehandlung – gab es kein Halten mehr: Gielgud sagte zu, Ralph Richardson, Michael und Vanessa Redgrave, Dirk Bogarde, John Mills, um nur einige zu nennen. Der versammelte Adel der englischen Bühne, sie alle wurden im Film als – Adlige eingesetzt. Der von John Mills grandios verkörperte Feldmarschall Sir Douglas Haigh – so etwas wie die zentrale Figur des Films – verkauft zunächst auf dem Jahrmarkt Karten für das Spektakel „erster Weltkrieg“, um dann mit zunehmender Filmdauer vom Aussichtsturm des Badepavillions in Brighton aus die Toten zu zählen und diese als „notwendige Verluste“ zu deklarieren.
Das „gemeine Volk“ wird von kaum bekannten Akteuren verkörpert.

Den absolut denkwürdigsten Auftritt – der „Jaw-dropper“ unter den zahlreichen „Jaw-droppern“ dieses Werks – hat Maggie Smith. Sie tritt auf, wie man sie wohl noch nie gesehen hat: Unvermittelt, inmitten einer Tingeltangel-Revue, erscheint sie als vulgäre Night-Club-Sängerin und lockt mit einem sexy und lasziv vorgetragenen Lied junge Männer an, sich freiwillig für den Krieg zu melden. Eine wahrhaft grosse Szene!

Attenboroughs Erstling müsste bei uns eigentlich bekannter sein. Nicht nur die inszenatorische Meisterschaft des Regisseurs gleich in seinem ersten Film verblüfft; nicht nur die hervorragend orchestrierte Musik begeistert, die subtile Choreografie, die grandiosen Schauspieler. Oh, What A Lovely War ist ein Gesamtkunstwerk, das uns ohne einen falschen Ton konstant erstaunt, überrascht und überrumpelt. Ein „Antikriegs-Gesamtkunstwerk“ sondergleichen. Es wird überall auf der welt verstanden und hat nichts von seiner Brisanz eingebüsst.

Abspann:
Oh, What A Lovely War ist trotz seiner universell gültigen Aussage im deutschsprachigen Raum nie auf DVD, Blu-ray oder VHS erschienen – dem Missstand müsste unbedingt Abhilfe geschaffen werden!

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – Ein Filmklassiker auf dem Prüfstand

Lust for Life (dt.: Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft; Vincente Minelli, USA 1956) Mit Kirk Douglas, Anthony Quinn, u.a.
Vincente Minellis vielgepriesener van Gogh-Film ist eigentlich die Verfilmung von Irving Stones Biografie – und das merkt man leider. Die Buchstabentreue und die Verkürzung auf das Wichtigste steht einer lebendigen Schilderung im Weg. Man bekommt das Gefühl des Abschreitens verschiedener Stationen in einem van Gogh-Museum, denn von einer lebendigen Künstler-Biografie. Und das, obwohl Kirk Douglas seine Sache sehr gut macht; seine van Gogh-Interpretation hat dem Lauf der Zeiten standgehalten – Minellis Regie leider nicht! Man merkt dem Film immer wieder an, aus welchem Studio er kommt; immer wieder schleichen sich MGM-Standards ein, es gibt Tableaus, die schreien geradezu „MGM“. Dieser Film hat mir deutlich gemacht, dass in diesem Studio eine Formelhaftigkeit vorherrschte, die bis zu Personen-Arrangements und einzelnen Gesten ging. Es gibt Figuren-Anordnungen, die ich bereits in anderen MGM-Filmen gesehen zu haben glaubte. Somit verunglücken die Liebesszenen zu Kitsch-Tableaus und wenn sich dann auch noch überdeutlich die für dieses Studio typischen bonbonfarbenen Studiokulissenlandschaften bemerkbar machen, ist es mit der Authentizität aus. Zudem neige ich nach der Sichtung einmal mehr zum Verdacht, dass der vielgepriesene Vincente Minelli überschätzt wurde.
Was den Film verstaubt wirken lässt, ist der zeitlich Abstand: Der Authentizitätsanspruch an das biografische Kino ist seit 1956 erheblich höher geworden. Heute gilt: Wenn schon kitschig, dann gleich richtig. Und sonst bitte gar nicht! Lust for Life wirkt heute wie ein seltsames Zwischending zwischen diesen zwei Sichtweisen.

Vorschau:
Den Abschluss meiner kleinen Reihe über die Entwicklung der frühen Film-Musicals macht eine Besprechung des vielzitierten Klassikers 42nd Street (dt.: Die 42. Strasse; Lloyd Bacon, USA 1933), mit welchem der grosse Choreograph Busby Berkeley berühmt wurde. Ein Meilenstein des Musicalfilms, dessen riesiger Erfolg Warner Bros. kurz vor knapp vor dem Ruin rettete. Mal sehen, wie das Werk heute wirkt…

 

Zimmer mit Aussicht – James Ivory

A ROOM WITH A VIEW
Grossbritannien 1985
Mit Helena Bonham Carter, Julian Sands, Maggie Smith, Denholm Elliott, Daniel Day-Lewis, Judi Dench,  u.a.
Drehbuch: Ruth Prawer-Jhabvala nach der Novelle von E.M. Forster
Regie: James Ivory
Der Film kam im deutschsprachigen Raum 1985 unter dem Titel Zimmer mit Aussicht in die Kinos.
Dauer: 105 min

Vorspann:
Die junge Lucy Honeychurch reist Anfangs des letzten Jahrhunderts in Begleitung ihrer Cousine und Gouvernante Miss Bartlett nach Florenz. Dort treffen die beiden den freigeistigen Mr. Emerson und seinen Sohn George, der sich in die unkonventionelle Miss Honeychurch verliebt. Doch diese soll sich standesgemäss liieren, deshalb zieht sie – zunächst – den steifen Schöngeist Cecil Vyse vor, der von Frauen nicht die geringste Ahnung hat.

Der Film:
Einen Film nach Jahrzehnten erstmals wiederzusehen, von dem man in jungen Jahren begeistert war, ist manchmal von einem Gemisch unterschiedlichster Empfindungen begleitet. So geschehen bei der Sichtung von James Ivorys Room With A View, der dem amerikanischen Filmemacher mit Vorliebe für britische Stoffe damals das Interesse des Studiokino-Publikums sicherte.
An einzelne Sequenzen erinnerte ich mich so klar, als hätte ich den Film erst vor ein paar Wochen gesehen, anderes erschien mir in neuem Licht – die Dialoge etwa: Mir fiel jetzt auf, dass sie im Grunde platt und recht schwach sind. Ebenso die Dramaturgie. Sie ist durchschaubar und spannungslos. Müsste man die damals von der Kritik hoch gelobte Ruth Prawer Jhabvala einer Neubewertung unterziehen? Was mir damals bei The Remains of the Day auffiel, bestätigt sich jetzt: Das Talent der Frau hält sich in Grenzen. Heute fällt mir das negativ auf – damals erfreute ich mich an den wunderschönen Bildern und den tollen Darstellern (minus Julian Sands, der damals auf der Leinwand sehr präsent war, von dem man heute nichts mehr hört). Heute halten mich diese Vorzüge bei der Visionierung zwar über Wasser, doch ich vermisse die Tiefe.
Die Gemütslage von englischen Adligen zu Beginn des letzten Jahrhunderts ist wirklich nicht allzu interessant. Darüberhinaus hat A Room With A View leider keine allgemein gültigen Wahrheiten oder Erkenntnisse zu bieten. Mein Fazit heute: Ein durchaus gefälliger, aber letztlich oberflächlicher Film.

Abspann:
Helena Bonham Carter war zur Zeit des Drehs gerade mal 19 Jahre alt. Die Lucy Honeychurch war ihre erste Filmrolle. Ein Jahr später war sie in Trevor Nunns Lady Jane (dt.: Lady Jane – Königin für neun Tage) zu sehen, in dem sie ebenfalls die Titelrolle spielte. Ihr Schauspieldebüt hatte sie zwei Jahre zuvor in der TV-Produktion A Pattern of Roses (dt.: Es geschah am See) – mit einer Nebenrolle.
Maggie Smith gehörte zur Zeit des Drehs bereits zum „Inventar“ des britischen Films – A Room With A View katapultierte sie dauerhaft ins Bewusstsein des Kinopublikums. Im Vorjahr war sie in Malcolm Mowbrays Komödie A Private Function an der Seite Michael Palins zu sehen, zwei Jahre später spielte sie mit Bob Hoskins in Jack Claytons Drama The Lonely Passion of Judith Hearne (dt.: Die grosse Sehnsucht der Judith Hearne). Maggie Smith dreht trotz ihres hohen Alters (82) fleissig weiter.
Julian Sands dreht ebenfalls nioch immer fleissig Filme, nur hört man von denen nichts. Vor A Room With A View war er in Freddie Francis‘ hierzulande nicht bekanntem Horror-Drama The Doctor and the Devils mit Timothy Dalton und Twiggy zu sehen, darauf kam eine kleinere Rolle im TV-Film Harem (dt.: Rebell der Wüste) von Billy Hale.
James Ivorys Karriere ab Room With A View ist allgemein bekannt. Zuvor drehte er The Bostonians (dt.: Die Damen von Boston) nach Henry James, danach (1987) kam Maurice, erneut nach einer Vorlage E.M. Forsters.  A Room With A View war bereits sein 15. Film, mit ihm wurde er so richtig bekannt.
– Von Ruth Prawer-Jhabvala wurde im Jahr vor Room With A View The Bostonians verfilmt, danach Madame Sousatzka (1988), unter der Regie von John Schlesinger.