Monat: August 2010

Worüber schreibt ein Schweizer Stummfilmblogger?

Muss ich mich wirklich rechtfertigen?
Bislang hat sich niemand beschwert.

Und doch: Wenn ich ins deutsche Stummfilmforum reinschaue, fällt mir auf, dass dort vornehmlich deutsche Stummfilme thematisiert und diskutiert werden. Im amerikanischen Pendant, im Nitrateville-Forum, dreht sich fast alles um den amerikanischen Stummfilm.

Ich bin Schweizer. Ich betreibe einen Stummfilmblog. Also müsste ich über schweizerische Stummfilme schreiben.
Problem erkannt?

Den schweizerischen Stummfilm gibt es nicht – oder besser: Nicht auf DVD. Natürlich wurden auch hierzulande Stummfilme gedreht. Aber die sind verschwunden und vergessen. Die Produktion damals war sowieso nicht üppig.

Auf welches Herstellungsland hat sich mein Blog demnach zu konzentrieren? Als Schweizer bin ich in dieser Wahl glücklicherweise frei.

Die Filme müssen auf DVD erhältlich sein, diese Vorgabe habe ich mir gestellt. Ich muss aber kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich dem amerikanischen Film, den ich sehr schätze, den Vorrang gebe.

Weshalb auch?
Nur weil sich einige hiesige Kulurschaffende und -interessierte darin gefallen, die Amis Kulturimperialisten zu schimpfen, muss ich ja nicht ins selbe Horn blasen, um dazuzugehören – und aus demselben Grund auch mal dem südkarpatischen Stummfilm eine Chance einräumen, schliesslich ist man ja für Minderheiten.

Nein, ich stehe dazu: Der amerikanische Film mit seiner erzählerischen Tradition und Konvention gefällt mir, sagt mir zu, und ich werde hier immer wieder auch US-Stummfilme besprechen.
Neben anderem natürlich. Ich sage ja nicht, die Amis seien die einzigen, die Filme machen konnten.
Und wenn ich einen südkarpatischen Film finde, und der mir gefällt, werde ich auch den hier bringen (nennt mir einen und ich prüfe ihn).
Nur: aus Prinzip tue ich das nicht. Und aus demselben Grund blende ich den amerikanischen Film nicht aus.
Michael

HOT WATER (1924)

(dt.: Das Wasser kocht)
USA 1924
Mit Harold Lloyd, Jobyna Ralston, Josephine Crowell, Charles Stevenson, u.a.
Regie: Fred Newmeyer und Sam Taylor
Dauer: 60 min.

Nachdem wir in den letzten Wochen hier eine ganze Reihe von Dramen präsentiert haben, verspürte ich Lust, mich mal wieder Harold Lloyd zuzuwenden. Von den vielen Filmen, die ich von ihm noch zu entdecken habe, wählte ich Hot Water, eine bissige Komödie um die Freuden des Ehelebens.

Nach zahlreichen Abenteuern, an deren Ende die Eroberung des schönen Mädchens stand, schien Harold Lloyd Lust auf etwas anderes gehabt zu haben. Und so entstand Hot Water, eine Komödie, welche da beginnt, wo die meisten anderen Slapstick-Komödien enden: Mit der Eroberung des schönen Mädchens. Und einige kurze Zwischentitel später befinden wir uns mitten im gut eingespielten Eheleben. Jobyna Ralston, romantische Heldin zahlreicher vorhergehender Lloyd-Hits, steht am Herd und nennt ihren Helden von einst “Hubby”, was die Untertitel treffend mit “Männe” übersetzen.

“Hubby” (von Husband) kriegt am Telefon eine ellenlange Einkaufsliste übermittelt. Darauf sehen wir den Armen, wie er, vollbepackt und abwechslungsweise immer wieder ein Päckchen verlierend und wieder aufsammelnd, aus dem Laden taumelt. In dieser schweren Stunde gewinnt er auch noch einen lebendigen Truthahn, den er gar nicht will, der ihm aber auch noch aufgebürdet wird. Und so geht’s in die vollgepferchte Strassenbahn.

Das Bild ist deutlich: Die Ehe ist ein Gewicht, unter dessen Last schon so mancher zusammengebrochen ist. Der Harold aus Hot Water unterscheidet sich krass vom Strahlemann Harold aus früheren Werken: Nichts, aber auch gar nichts gelingt ihm hier. Der Film ist eine einzige Aneinanderreihung von komischen Katastrophen.
Erst in der allerletzten Einstellung zeigt sich ein Hoffnungsschimmer. Anders würde man diesen Film wohl kaum aushalten!

Nein, so schlimm ist er natürlich nicht. Auch Hot Water besteht aus wunderbar ausgearbeiteten Sequenzen und liebevoll ausgedachten komischen Details. Die Katastrophen sind derart witzig in Szene gesetzt, dass man trotz der Gemeinheit des Schicksals lachen muss.

Nach dem alptraumhaften Truthahn-Transport wartet zu Hause eine noch wüstere Heimsuchung: Die Verwandtschaft ist zu Besuch gekommen, d. h. Jobynas Mutter und ihre beiden nervtötenden Brüder! Kaum ist Harold da, läuft die Schwiegermutter punkto Manipulationen und Nörgeleien zu Höchstleistungen auf. Der Ausflug im neuen Auto wird dank ihr zum Horrortrip, und Harolds zaghafter Versuch, die alte Fregatte mit Cholroform mundtot zu machen, mündet in einen Alptraum. Die Umstände lassen Harold vermuten, er hätte die liebe Schwiegermama mit dem Narkosemittel umgebracht, und fortan wird er von der Vorstellung, ein Mörder zu sein, gemartert. Natürlich führen von da an alle Handlungen und Gespräche, von denen Harold stets nur einen Bruchteil mitbekommt, zur Bestätigung seines Verdachts.
Das kennt man zwar aus anderen Filmen, aber hier ist es so minu- und maliziös ausgearbeitet und so geschickt inszeniert, dass man seine helle Freude an dem Spiel bekommt.

Ich kenne noch nicht alle Lloyd-Werke, aber Hot Water könnte gut der schwärzeste Film sein, den der Mann mit der Hornbrille gemacht hat. Trotzdem, oder gerade deshalb: Ansehen!
Michael

Die DVD-Ausgabe: Der Film ist in der 10-DVD-Box Harold Lloyd – The Collection erschienen (Regionalcode 2).
Hot Water (und alle anderen enthaltenen Filme) sind digital neu aufgearbeitet, zum Teil viragiert und auf Hochglanz poliert worden, die Bildqualität lässt nichts zu wünschen übrig!

Die Filmmusik von Robert Israel ist einfach wunderbar. Sie wurde extra für den Film komponiert und von einem Kammermusik-Ensemble engagiert eingespielt. Sie passt sich dem Rhytmus und den Zwischentönen des Film perfekt an. Zudem bietet sie auch für sich allein betrachtet einen herrlichen Hörgenuss.

Die Lloyd-Box ist allemal eine lohnende Anschaffung, denn die allermeisten der darin enthaltenen Lloyd-Werke sind den Preis wert! Die Box kostet bei amazon.de derzeit (am 7. 4. 2010) 56 Euro, bei privaten Anbietern kriegt man die Box, auch via amazon, sogar bereits für 16 Euro.
Es gibt inzwischen auch eine Neuauflage mit verbesserten Extras (dem Schwachpunkt der alten Box): Hier.

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Die Restauration schreitet voran – bitte Geduld!

Noch immer bin ich mit der Wiederherstellung meines Blogs beschäftigt, der vor einigen Wochen mitsamt dem Anbieter blogr.ws auf Nimmerwiedersehen im virtuellen Nirwana verschwand.

Ich möchte alle Leser der ersten Stunde um etwas Geduld bitten: Neue Filmbesprechungen werden folgen, einstweilen werden die alten restauriert und in den neuen Blog eingefügt.

Inzwischen türmen sich zu Hause die interessanten neuen Stummfilm-DVDs immer höher und warten auf die Visionierung. Fertiggestellte neue Artikel exsistieren bereits in der sog. Pipeline: La Bohème (King Vidor), The Pigrim (Chaplin) und Geheimnisse einer Seele (Pabst).

…e la nave va!