William Powell

Gregory La Cava – ein unbekannter Bekannter

FEEL MY PULSE!
(dt.: Fühle meinen Puls)
USA 1928
Mit Bebe Daniels, Richard Arlen, William Powell, u.a.
Regie: Gregory La Cava
Dauer: 65 min

Der Name Gregory La Cava ist vielen Filmfreunden dank der funkelnden Screwball-Comedy My Man Godfrey (1936) ein Begriff. Aber was kennt man sonst von ihm?
Einige wissen vielleicht, dass der Mann sein Handwerk zur Stummfilmzeit erlernt hat. Nachdem er zunächst als Regisseur und Zeichner Trickfilme produzierte, erhielt er 1921 erstmals die Chance, mit realen Schauspielern zu drehen. In zwei seiner Stummfilmen spielte W.C. Fields die Hauptrolle, dessen Freund und Trinkgenosse La Cava wurde.

Über La Cavas Stummfilmen liegen heute der Schleier des Vergessens, noch dicker als über seinem Tonfilmschaffen, das 1948 abrupt abbricht, als La Cava mit 59 Jahren stirbt.
Zum Glück schafft der unabhängige Herausgeber Grapevine Video, der rare Stummfilme von 16mm-Filmen auf DVD bannt, mit der Veröffentlichung der Komödie Feel My Pulse Abhilfe: Der Film präsentiert La Cava – acht Jahre vor My Man Godfrey – bereits als einfallsreichen Regisseur, der das komödiantische Fach und dessen Mechanismen mit traumwandlerischer Sicherheit beherrscht. Ein grosser Teil der Kurzweiligkeit dieses Werkleins entspringt der Fähigkeit seines Regisseurs, die Komik einer Situation wirkungsvoll auszumelken oder sie so zu „orchestrieren“, dass sie komisch wirkt. Gewürzt wird das Ganze mit einer kräftigen, aber präzise verabreichten Prise Slapstick. Das funktioniert hier derart gut, dass man geneigt ist, von einem komödiantischen Ausnahmetalent zu sprechen. Es wäre nun wirklich interessant, das gesamte Oeuvre La Cavas auf diese Beobachtung hin zu untersuchen. Wäre; leider ruht das Allermeiste davon vergessen in den Archiven.

Ein besonders bemerkenswerter Film ist Feel my Pulse über das bereits Festgestellte hinaus nicht, aber das Anschauen macht Spass, und Grapevine hat sehr gute Arbeit geleistet, ihm mit einem passenden Musiksoundtrack zu maximaler Geltung zu verhelfen – ein besonderes Verdienst, sowas mit einem Zusammenschnitt von vorgefertigten Musikstücken zu erreichen.

Im Mittelpunkt steht die damals äusserst populäre Schauspielerin Bebe Daniels, die eine von einem Heer von Ärzten überwachte Kranke spielt und damit genau jener Figur entspricht, die von Mildred Davis in Harold Lloyds 1922 gedrehtem Film Dr. Jack verkörpert wurde. Interessanterweise war Bebe Daniels Harold Lloyds Partnerin, bevor Mildred Davis ihren Platz einnahm.

Daniels spielt Barbara Manning, eine Tochter aus gutem Haus, deren inzwischen verstorbener hypochondrischer Vater sie ihr ganzes Leben lang als Kranke behandelte. Inzwischen glaubt sie längst selbst, an allen möglichen Wehwehchen zu leiden und traut sich nicht ausser Haus. Als einer ihrer Onkel, ein hemdsärmliger Texaner, der nicht an die Krankentheorie glaubt, die Fürsorge übernimmt, wird Barbara kurzerhand ins familieneigene Sanatorium verfrachtet, um sie vor dem rabiaten Kerl zu schützen.
Dass dieses Sanatorium inzwischen an eine Bande Schnapsschmuggler verpachtet ist, weiss natürlich ausser dem Publikum keiner, am wenigsten Barbara, der nun Aufregung satt ins Haus steht.

Aus dieser vielversprechenden Ausgangslage holen La Cava und seine Aktricen und Akteure das Beste heraus. Hartgesottene Gauner, die, um den Schein zu wahren, Kranke und Hinfällige mimen müssen, der Gangsterboss, der als schmieriger Oberarzt „glänzt“, die „Kranke“, welche das Räubernest in einem rabiaten Fast-Alleingang ausräuchert – kein Plot-Twist wird ausgelassen. Das Drehbuch ist zwar nicht ganz auf der Höhe der Kunst, doch der Regisseur schafft es, dieses Manko mit einer Vielzahl von Kabinettstückchen fast vergessen zu machen. Inszenatorische Raffinessen sind nicht sein Ding – jedenfalls nicht in diesem Film- aber La Cava bringt das Kunststück zustande, nahezu jeder Episode von Feel my Pulse ein komödiantisches Glanzlicht aufzusetzen; und das summiert sich zu einem durchaus befriedigenden Filmgenuss.

Richard Arlen als Reporter, der sich als Kuckukcksei in das Bandennest eingeschmuggelt hat, bleibt etwas blass, doch die komödiantisch höchst begabte Hauptdarstellerin, William Powell als Finsterling und Heinie Conklin als betrunkenes Rauhbein wiegen das mit ihren mit viel Gusto ausgeführten Parts wieder auf.
7/10

Feel my Pulse ist im deutschsprachigen Raum nicht auf DVD erschienen. In den USA ist er bei amazon.com oder direkt bei Grapevine Video (niedrigere Versandkosten!) zu bestellen.

http://www.amazon.com/Feel-My-Pulse-Bebe-Daniels/dp/B002YKVK5S/ref=sr_1_1?s=movies-tv&ie=UTF8&qid=1316001242&sr=1-1

SHERLOCK HOLMES (1922)

USA 1922
Mit John Barrymore, Roland Young, Carol Dempster, Gustav von Seyffertitz, William Powell, Hedda Hopper, Reginald Denny u.a.
Regie: Albert Parker

Zwei Stars und ein Haufen illustrer Nebendarsteller geben sich für diese Sherlock Holmes-Verfilmung die Ehre. Einige dieser Nebendarsteller waren  damals noch unbekannt: Roland Young, William Powell und Reginald Denny kamen erst nachträglich zu Ruhm. Der Zufall brachte sie für diesen Film zusammen – Young und Powell standen hier gar erstmals vor der Kamera.
So wartet Albert Parkers Sherlock Holmes mit einer eindrucksvollen Liste klingender Namen auf – auch der Name des oesterreichischen Charakterdarstellers Gustav von Seyffertitz steht darauf oder jener des massigen Louis Wolheim, der hier nur in einer kleinen Nebenrolle zu sehen ist.
Und damit ist das grosse Plus dieser Verfilmung bereits beim Namen genannt.

Die Schauspieler machen den Film aus, sie tragen ihn. John Barrymore etwa könnte ich stundenlang zuschauen; er sagt mit einem Heben der Augenbraue mehr aus als die bisweilen geschwätzigen Zwischentitel. Er gibt den Holmes als leicht verdrehten Sonderling, einen in seiner inneren Welt Gefangenen. Meisterhaft, wie er das mit sparsamsten Gesten spürbar macht! Und das zu einer Zeit, wo andere Schauspieler vor wildem Gestikulieren fast Schaum vor dem Mund hatten.
Roland Young gibt den Dr. Watson; fast scheint es, als überliesse Young dem berühmten Barrymore bescheiden die gemeinsamen Szenen. Er bleibt zurückhaltend, aber in dieser Zurückhaltung wirkt er überaus sympathisch. Erstaunlich übrigens, dass er bei seinem ersten Engagement im Film gleich einen derart prominenten und grossen Part bekam.
Von Seyffertitz spielt den bösen Professor Moriarty lustvoll und trotzdem zurückhaltend.
Nur die damals unter D.W. Griffith zu Ruhm gelangte Carol Dempster bleibt als Komplottopfer seltsam blass und fast gesichtslos.

Der Film selbst… nun, er ist ganz unterhaltsam. Das hat er allerdings und wie bereits erwähnt, den Schauspielern zu verdanken.
Das zugrundeliegende Theaterstück von William Gilette ist aus heutiger Sicht etwas einfallslos, ebenso die Regie. Da wird minutenlang aus der selben Einstellung gefilmt, wie zwei Protagonisten plaudern. Der Inhalt des Gesprächs ist weder aus dem Kontext noch aus der Gestik oder Mimik deutbar und wird erst spät, per Zwischentitel nachgeliefert.
Mit Conan Doyles gewitzter Erzählweise hat das Stück gar nichts zu tun – Holmes zieht seine Schlüsse vom Publikum unbemerkt, seine scharfsinnigen Folgerungen finden nur einmal kurz Erwähnug.

So ist dieser Sherlock Holmes ein Schauspielerfilm, und als solcher doch von einigem Interesse. Wer allerdings Wert auf eine spannende Krimihandlung legt, ist mit späteren Verfilmungen besser bedient.

Die DVD: Die Bildqualität ist gut bis sehr gut; der Film wurde vom George Eastman House restauriert, aufgrund der schlechten Verfassung des Ausgangsmaterials fehlen allerdings immer wieder kurze Filmschnipsel, was gegen Ende zu abrupten, bisweilen verwirrenden Bildsprüngen führt. Auch scheinen mir einige Zwischentitel zu fehlen.

Die Musikbegleitung stammt von Ben Model; er spielt sie auf einer “virtuellen Kinoorgel” (midi) selbst ein. Mir gefällt sie nicht besonders; sie wirkt, wie der Film, etwas einförmig und monoton.

Reginalcode: 0

Bestellung : Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Kino International und kann auch dort bezogen werden. amazon.com bietet den Film ebenfalls an. Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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