Forgotten Films – vergessene Filme

Es gibt Filme, die aus verschiedenen Gründen in Vergessenheit geraten sind – manche kennt man heute zu Recht nicht mehr, viele allerdings völlig zu Unrecht. Hier kommen sie wieder ans Tageslicht!

…und das Leben geht weiter – William Saroyan

THE HUMAN COMEDY
USA 1943
Mit Mickey Rooney, Frank Morgan, James Craig, Van Johnson, Marsha Hunt, Fay Bainter, u.a.
Drehbuch: William Saroyan und Howard Estabrook
Regie: Clarence Brown
Der Film kam im deutschsprachigen Raum 1946 unter dem Titel …und das Leben geht weiter in die Kinos.
Dauer: 117 min

Vorspann:

Das Leben in der Kleinstadt Ithaka, Kalifornien. Im Zentrum des Films steht der junge Telegrafenbote Homer Macauley und seine Familie, die ihr Leben im Angesicht des fernen Krieges weiterführen, eines Krieges, vom dem die Ehemänner, Söhne und Brüder verschlungen wurden.

Der Film
The Human Comedy
soll Louis B. Mayers absoluter Lieblingsfilm gewesen sein. Heute ist er, jedenfalls hierzulande, völlig vergessen, obwohl er damals auch in den deutschen Kinos lief. Interessant ist vor allem seine Entstehungsgeschichte – der Film selbst ist kaum der Rede wert.
Mitten im Kriegsengagement Amerikas lud Louis B. Mayer den damals gefeierten Romancier William Saroyan ein, ein Drehbuch über die „kleinen Leute“ Amerikas zu verfassen. Saroyan zeigte sich interessiert – vergass die Sache aber offenbar wieder. Nachdem er sich nach Vertragsunterzeichnung einfach nicht mehr meldete, schickte Mayer Arthur Freed los, den Dichter „einzusammeln“. Man einigte sich darauf, dass Saroyan dem Drehbuch seine eigene Jugenderlebnisse zugrunde legen sollte. Als der Dichter fertig war, stellte sich heraus, dass der Film über vier Stunden dauern würde. Und nun wollte Saroyan auch noch selbst Regie führen. Mayer plante, seinen Schützling möglichst schnell und elegant wieder loszuwerden.

Wie ihm dies gelang ist nicht bekannt. Mayer sorgte dafür, dass Saroyan für seine Arbeit bezahlt wurde, und dann engagierte er den bewährten Drehbuchautor Howard Estabrook, damit der das ausufernde Werk leinwandgerecht zurechtstutzte.
Während die Dreharbeiten im Gang waren, goss Saroyan seine Geschichte in Romanform um. Das Buch kam rechtzeitig zur Filmpremiere heraus und wurde, wie der Film, ein riesiger Erfolg. The Human Comedy blieb Saroyans einziger Ausflug ins Filmgeschäft.

In den Credits wird nur Estabrook als Drehbuchautor erwähnt – Saroyan wird als Autor der Vorlage genannt. Schaut man sich den Film nach der Lektüre des Buches an, glaubt man, eine typische Literaturverfilmung vor sich zu haben. Dass es sich in diesem Fall genau umgekehrt verhält, mag man fast nicht glauben, denn die Schauspieler zitieren immer wieder ganze Passagen aus dem Roman. Das lässt nur den Schluss zu, dass Estabrooks nichts Grundlegendes geändert, sondern vor allem gekürzt hat. Die Dialoge sind „Saroyan pur“. Die Handlung folgt bis ins Detail den Episoden des Romans.

Wäre ein wirklich talentierter Regisseur zur Hand gewesen, wäre The Human Comedy vielleicht ein grosser Film geworden – Ansätze zur Grösse scheinen immer wieder auf. Doch leider engagierte man Clarence Brown. Ein guter Handwerker, ohne Zweifel, aber ein sehr wenig inspirierter Künstler. Es gibt Sequenzen, deren Zauber durch die plumpe Inszenierung richtiggehend zerstört wird, obwohl er bei der Lektüre greifbar ist.
Zu beklagen ist auch die Wahl der Schauspieler: Ich habe selten einen Hollywood-Film dieser Zeit mit derart vielen Fehlbesetzungen gesehen! Mickey Rooney ist zwar gut, doch für die Rolle des introvertierten, hochsensiblen Homer Macauley viel zu bodenständig und deshalb ungeeignet. Am Schlimmsten – weil vollkommen unglaubwürdig – ist der hölzerne James Craig in der Rolle des leichtherzigen Menschenfreunds Spangler. Einzig „good old“ Frank Morgan überzeugt. Für die Rolle des alternden Telegrafisten Willie Grogan hatte der Autor zwar an Lionel Barrymore gedacht, doch auch Morgan gelingt, was sich Saroyan von Barrymore erhoffte: die Figur unvergesslich zu machen. Ihm allein ist es zu verdanken, dass die Qualität der Vorlage immer wieder aufscheint.

Bleibt zu erwähnen, dass The Human Comedy – der Film – immer wieder unangenehm propagandistisch und patriotisch wird. Nicht nur wenn die Nationalhymne zum x-ten Mal von der Filmmusik zitiert wird spürt man überdeutlich, dass The Human Comedy in erster Linie als Durchhaltefilm für „die Jungs“ an der Front produziert wurde. Obwohl der Krieg und Amerika auch im Buch stets präsent sind, bleibt dort stets das spezifisch Menschliche, das Verbindende im Vordergrund. Deshalb kann es noch heute gelesen werden, während der Film inzwischen verstaubt wirkt.

Abspann
Clarence Brown war als „Garbos Regisseur“ zu Berühmtheit gelangt. Vor The Human Comedy führte er Regie im Abenteuerfilm They Met in Bombay („Fluchtweg unbekannt“) mit Clark Gable, Rosalind Russell und Peter Lorre. Danach kam das Kriegsdrama The White Cliffs of Dover mit Irene Dunn und Alan Marshall.
– Für den Kinderstar Mickey Rooney war The Human Comedy ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum ernstzunehmenden Schauspieler. Vorher – und auch nachher – war er als Hauptprotagonist der Andy Hardy-Serie auf der Leinwand zu sehen. Und noch eine weitere Serie hatte er vor und nach seiner Rolle in The Human Comedy am laufen: Jene der von Busby Berkeley inszenierten Musicals mit Judy Garland als Partnerin.
Frank Morgan – der eigentlich Francis Philip Wuppermann hiess – war zuvor 1942 im Kino zu sehen: An der Seite von Hedy Lamarr und Walter Pidgeon in Richard Thorpes White Cargo. Danach spielt er die Hauptrolle in Roy Rowlands A Stranger in Town. Beide Filme gab es bei uns nicht zu sehen.
James Craig war zuvor in Edward Dmytryks  Actionfilm Seven Miles from Alcatraz zu sehen. Danach in der Komödie Swing Shift Maisie von Norman Z. McLeod. Beide Filme entstanden 1943, beide sind hierzulande nie gezeigt worden. Morgans bekannteste Rolle ist die des „Zauberers“ in The Wizard of Oz.
– Der bekannteste Film nach einen Drehbuch von Howard Estabrook ist wohl The Bridge of San Luis Rey („Die Brücke von San Luis Rey“, Regie: Rowland V. Lee); das war auch Estabrooks „nächster Film“ nach The Human Comedy. Der „Vorgänger“ hiess The Corsican Brothers  („Blutrache“/“Die korsischen Brüder“, Regie: Gregory Ratoff); Estabrook schrieb dafür die Adaption nach Alexandre Dumas, das Drehbuch verfasste dann George Bruce.

Im deutschsprachigen Raum ist The Human Comedy nicht auf Blu-ray oder DVD verfügbar. Auch auf VHS ist er hierzulande nie erschienen. In den USA ist er als “DVD on demand” verfügbar; er ist dort innerhalb der Reihe Warner Archive Collection erschienen.

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Forgotten Films: Golden Dawn

GOLDEN DAWN
USA 1930
Mit Walter Woolf King, Vivienne Segal, Noah Beery, Alice Gentle, Marion Byron, Lupino Lane, Lee Moran, u.a.
Drehbuch: Walter Anthony nach der gleichnamigen Operette von Oscar Hammerstein II und Otto A. Harbach, Musik: Emmerich Kalman und Herbert Stothart
Regie: Ray Enright
Der Film soll laut imdb.com in Oesterreich und Schweiz unter dem Titel Die Zirkusprinzessin zu sehen gewesen sein
Dauer: 81 min

Vorspann:
Inhalt: Während des ersten Weltkrieges, in einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Afrika. Dawn, eine Weisse, die als kleines Kind in Afrika entführt und von einer Schwarzen aufgezogen wurde, verliebt sich in den englischen Kriegsgefangenen Tom Allen. Sie wurde von ihrer Ersatzmutter im Glauben erogen, eine hellhäutige Schwarzafrikanerin zu sein; wegen ihrer hellen Haut ist sie dazu prädestiniert, mit einem afrikanischen Gott vermählt zu werden. Das Camp wird vom peitschenschwingenden Bösewicht Shep beaufsichtigt, der in Sachen Dawn und Allen kräftig intrigiert…

Der Film:
Man ahnt es schon anhand der Inhaltsangabe: Golden Dawn ist kein guter Film. Er hat den Ruf, in vielerlei Hinsicht miserabel zu sein, und das stimmt auch: Streckenweise ist Golden Dawn so richtig schlecht. Doch darum geht es hier für einmal nicht. Ray Enrights Musical-Adaption ist vom filmhistorischen Gesichtspunkt aus hochinteressant – vor allem was die Frühzeit des Tonfilms betrifft.

Als Ende der Zwanzigerjahre der Tonfilm aufkam – eine wegen des immensen Erfolgs rasend fortschreitende Entwicklung, die in den USA bereits 1930 mit der Umrüstung der Kinos praktisch abgeschlossen war – wurden Musicals nur so auf den Markt geworfen. Hunderte davon wurden in den späten Zwanziger- und frühen Dreissigerjahren innert kürzester Zeit heruntergekurbelt. Golden Dawn ist eines davon, im Folgenden soll es als typisches Beispiel für Hollywoods frühe Musicals herhalten.

Die meisten meiner Leserinnen und Leser kennen Gene Kellys / Stanley Donens Film Singin‘ in the Rain. Dort wird vorgeführt, wie ein Filmstudio auf Tonfilm umrüstet, und in einer höchst amüsanten Sequenz werden die Probleme beim Dreh aufgezeigt, welche durch die sperrigen Mikrofone entstanden, die noch vollkommen immobil waren und die Darsteller zu statischen sprechenden Schaufensterpuppen degradierten.
Guckt man sich Golden Dawn an, kommt einem ständig diese oben erwähnte, nur leicht übertriebene Sequenz in den Sinn: Die Kamera bleibt fast ständig an Ort, die Schauspielerinnen und Schauspieler singen ihre Lieder starr in die Kamera, die einfach draufhält und filmt. Irgendwo vor dem Akteur musste das Mikro befestigt sein – in einem Busch oder hinter einem Zaun. Gelegentlich erlauben sich die Macher während eines Songs einen Schnitt auf die andächtig zuhörenden Camp-Insassen, doch das ist dann schon das Maximum an Abwechslung.
Gegenüber der gegen Ende Zwanzigerjahre gewonnenen Bewegungsfreiheit der Kamera war das Gros der frühen Tonfilme ein eklatanter Rückfall in die cinématografische Steinzeit, den aber kaum ein Kinogänger bemängelte, weil die halbe Welt Ton-besoffen war. Aus genau diesem Grund wehrte sich etwa F.W. Murnau gegen das Nachdrehen einzelner Sequenzen seines Stummfilms City Girl mit Ton (ausführlicher Artikel dazu siehe hier).
Auch eine vernünftig sich entwickelnde oder zusammenhängende Handlung war – zumindes in den frühen Musicals – kaum mehr von Bedeutung. Musiknummern wurden, zusammengehalten von notdürftig motivierten Handlungsversatzstücken, oft ziemlich plump aneinandergereiht. Hauptsache, es klang und sang von der Leinwand.

Die Sängerinnen und Sänger trällerten ihre Arien mit gewöhnungsbedürftigen Vibrati und aus heutiger Sicht geradezu unanstängigen Glissandi. Das war damals en vogue, genauso wie die lächerlich deklamatorisch vorgetragenen Texte. Heute kratzt man sich darüber verwundert den Kopf, zu jener Zeit aber war gut, was mit Ton über die Leinwand ging.
Schaut man sich das nur drei Jahre später entstandene Warner-Musical 42nd Street (Lloyd Bacon, Busby Berkeley) an, dann wird einem das rasende Tempo bewusst, mit dem die Filmindustrie in jenen Kindertagen des Tonfilms in die Zukunft schritt. Hier ist die Kamera bereits wieder entfesselt. Es gibt äusserst ausgeklügelte Choreografien, sowohl bezüglich der Kamerabewegungen als auch der Tanzgruppen, ebenso im Schnitt, der harmonisch zur Musik ausgeführt ist. Das Problem des starren Mikrofons ist gelöst, man besinnt sich wieder auf die kamera- und aufnahmetechnischen Errungenschaften der Stummfilmzeit zurück. Golden Dawn-Regisseur Ray Enright drehte ab 1934 etliche Erfolgs-Musicals mit dem damaligen Star-Choreograf Busby Berkeley, u.a. Dames und We’re in the Money; auch sie lassen denselben unglaublichen Fortschritt erkennen. Allerdings ist nach der anfänglichen Kreativitäts-Explosion der im Lauf der Jahre eine gewisse Stagnation zu erkennen.
Diese sollte dann von Fred Astaire aufgebrochen werden, der zur gleichen Zeit bei MGM daran ging, die Musical-Konvention in eine andere Richtung zu verfeinern und auszuweiten. Seine ausgefeilten, auf seine Person zentrierten Choreografien wurden zwar zunächst auch grösstenteils abgefilmt, deren elegante Anmut und fliessende tänzerische Abgehobenheit bereicherte den tönenden Film aber um ein Vielfaches punkto harmonischer Bewegtheit.

Zurück zu Golden Dawn: Der Film ist noch aus einem weiteren Grund interessant – vor allem für Operettenfreunde. Die zugrundeliegende Bühnenfassung stammt nämlich aus der Feder des ungarisch-deutschen Operettenkomponisten Emmerich Kálmán („Die Csardasfürstin“); die gleichnamige Operette feierte 1927 am Broadway recht grossen Erfolg und gehört zu Kálmáns wenigen in den USA entstandenen Werken. Das Libretto stammt von Oscar Hammerstein III (zusammen mit Otto A. Harbach), von dem so bekannte Musicals Showboat und Oklahoma! stammen.
Hammerstein hatte schon bessere Libretti verfasst. Die Verfilmung setzt noch einen drauf und behandelt die afrikanische Kultur mit an Beleidigung grenzender Naivität. Das fängt mit den schwarz bemalten Gesichter der als Afrikaner auftretenden weissen Akteure an, geht über die Darstellung der Eingeborenen als augenrollende Hottentotten-Verschnitte bis zum Song „My Bwana“, mit dem die vermeintlich Schwarze hellhäutige Hauptfigur ihren weissen Helden anschmachtet.

Ausser Noah Beery (dem Bruder des ungleich bekannteren Wallace Beery) ist heute keiner der Akteure und der Aktricen mehr bekannt. Vielleicht noch der Akrobat und Stummfilmkomiker Lupino Lane (der Onkel von Ida Lupino), aber der dürfte nur eingefleischen Slapstick-Liebhabern ein Begriff sein. Hier hat er leider eine enttäuschend kleine Rolle inne. Und Beery ist, kahlrasiert und unter Tonnen von schwarzer Schminke kaum mehr zu erkennen. Die anderen, Vivienne Segal, Walter Woolf King oder Alice Gentle kennt heute keiner mehr. King hatte in Golden Dawn seine ersten Filmauftritt, danach war nur noch in Nebenrollen zu sehen – kein Wunder, bei dem Talent…. (hüstel). Vivienne Segals Stern verblasste nach einigen Musical-Hauptrollen; 1934 zog sie sich vom Film zurück, feierte dann allerdings auf der Bühne ein glorioses Comeback. Alice Gentle hörte nach nur drei Filmen wieder auf. Die bemerkenswerteste „Unbekannte“ in diesem Film ist aber Marion Byron. Auch sie zog sich 1938 vom Film zurück. Ihr Debüt hatte sie als leading lady in Buster Keatons Steamboat Bill jr. Offensichtlich besass sie ein grosses komödiantisches Talent, mit dem sie Golden Dawn erheblich aufwertet. Die drei Sequenzen mit ihr sind sehenswerte komische Kabinettstückchen, in denen sie derart lebhaft komisch und überdreht sexy agiert, dass es eine Freude ist und ich nun unbedingt weitere Filme mit ihr sehen möchte. Leider trat sie stets nur in Nebenrollen auf, die mit der Zeit immer kleiner wurden. Erstaunlich, denn sie ist für mich die Entdeckung dieses Films!

Golden Dawn ist ein interessanter Blick auf ein Hollywood, das sich beinahe über Nacht im totalen Umbruch befand, ein Film aus jener kurzen Zwischenzeit, die heute als blinder Fleck zwischen der Hoch-Zeit des Stummfilms und den ersten grossen tonfilmen steht. Ein Zeuge aus der Zeit, als der Film plötzlich wieder in Kinderschuhen steckte, denen er dann in unglaublichem Tempo entwuchs.

Abspann:
-Ray Enright
drehte vor Golden Dawn das Western-Musical Song of the West, in welchem ebenfalls Vivienne Segal die Hauptrolle und Marion Byron eine komische Nebenrolle spielte. Danach führte er regie in der Komödie Dancing Sweeties.
Ursprünglich wurde Golden Dawn mittels eines frühen, rudimentären Technicolor-Verfahrens in Farbe gedreht – wie andere dieser „musikalischen Sentationsfilme“ jener Zeit auch. Heute existiert leider nur noch eine (schlechte) schwarzweiss-Kopie davon.
Die Zirkusprinzessin ist der Titel einer Operette, die Emmerich Kálmán 1926 noch in Deutschland geschrieben hatte. imdb.com gibt diesen Titel als deutschen Verleihtitel von Golden Dawn an, mit dem Hinweis, dass er in Oesterreich und der Schweiz in den Dreissigerjahren unter diesem Titel gezeigt worden sein soll. Die Seite operetta-research-center.org vermerkt dagegen, der Film sei im deutschsprachigen Raum nie gezeigt worden. Obwohl es denkbar wäre, dass man mit Bezug auf eine bekannte Operette des Komponisten Publikum zu gewinnen hoffte, tendiere ich dazu, imdb.com eines Fehlers zu bezichtigen.
Weitere frühe Musicals sollen hier demnächst in lockerer Folge vorgestellt werden; die rasante Entwicklung gerade dieses Genres ist einzigartig und strahlte auf alle anderen Filmgenres des US-Kinos aus. Das nächste Musical auf meiner Liste ist Rouben Mamoulians Love Me Tonight – ein cinématorafischer Meilenstein aus dem Jahr 1932, der heute kaum mehr bekannt ist. Danach wird wohl auch der bereits erwähnte 42nd Street zu Ehren kommen.

 

Forgotten Films: Kavalier nach Mitternacht

IT’S LOVE I’M AFTER
USA 1937
Mit Leslie Howard, Bette Davis, Olivia de Havilland, Eric Blore, Patric Knowles, George Barbier, Bonita Granville u.a.
Drehbuch: Casey Robinson, nach der Story „Gentlemen After Midnight“ von Maurice Hanline
Regie: Archie Mayo
Deutschsprachige Erstaufführung gemäss imdb.com nur in Österreich (wahrscheinlich im TV); imdb.com führt zwei deutschsprachige Titel auf: Kavalier nach Mitternacht und Romeo – privat
Dauer: 90 min

Vorspann:
Hiermit nehme ich einen schon vor längerer Zeit verlorenen Faden wieder auf und setze meine Besprechungen vergessener Filme, meist aus „good old Hollywood“, fort. Als Grundlage dafür dient mir die in den USA erscheinende Warner Archive Collection, welche Hollywoods Archive durchforstet und die Werke auf gebrannten DVDs „on demand“ verkauft. Inzwischen sind es über 1800 Titel! Diesmal ist eine Screwball-Komödie an der Reihe, die sich zwar nicht mit den Grossen des Genres messen kann, die aber doch von Anfang bis Ende restlos überzeugt und noch heute zu begeistern weiss.
Inhalt: Basil (Leslie Howard) und Joyce (Bette Davis) sind ein Paar – auf den Brettern, die die Welt bedeuten feiern sie mit Shakespeare Erfolge, im Privatleben herrscht Krieg und Frieden, Streit und Versöhnung. Immer wieder versprechen die beiden Egomanen sich, zu heiraten, bislang wurde nie etwas draus.  Als eines Abends die junge Marcia West (Olivia de Havilland), Tochter aus neureichem Haus und dem gutaussehenden Henry Grant (Patric Knowles) versprochen, Basil als Romeo auf der Bühne sieht, ist sie hin und weg. Sie dringt in seine Garderobe ein und überhäuft ihn mit Liebesbezeugungen – was dem Ego des Mimen gehörig schmeichelt. Nachdem ihm seine Partnerin darob die Hölle heiss gemacht hat, fasst er, zusammen mit Miss Wests Verlobtem, den Plan, anlässlicher eines Dinners im Haus ihrer Eltern als Ekel aufzutreten und sie so von ihrer Verliebtheit zu kurieren…

Der Film:
Ich kann immer wieder nur staunen, welche Filmperlen völlig von der cinéastischen Bildfläche verschwunden sind. Auch It’s Love I’m After gehört dazu, eine vor Dialogwitz und Spielfreude überbordende Screwball-Komödie aus der Frühzeit Hollywoods. Sie mag vielleicht nicht so elegant sein wie vergleichbare Filme George Cukors oder Howard Hawks‘, aber allein schon das Zusammenspiel der vier Hauptdarsteller ist unbezahlbar, vom pointiert-treffenden, rasanten Dialogwitz ganz zu schweigen!

Zur Abwechslung Komödie
Treibende Kraft hinter dem Film war der damals in den USA gefeierte britische Schauspieler-Star Leslie Howard. Nach dramatischen Filmen wie Of Human Bondage und The Petrified Forest (beide ebenfalls mit Bette Davis) wollte er Hollywood auch sein komödiantisches Talent beweisen. Dem Produzenten Hal Wallis gefiel die Idee, und Howard schlug die Story „Gentlemen After Midnight“ des heute kaum mehr bekannten Autors Maurice Hanline vor. Als weiblichen Co-Star wollte Howard ursprünglich die komödienerprobte Bühnenaktrice Gertrude Lawrence, die aber im Film keine besonders gute Figur machte. Wallis engagierte Bette Davis, weil er fand, auch ihr würde eine Image-Erweiterung ins Komödienfach gut tun. Nach einigem Kaprizieren (u.a. passte es der Davis nicht, dass ihr Name an zweiter Stelle neben Howards stehen sollte) sagte sie trotz Arbeitsüberlastung zu (es war ihr viertes Filmprojekt 1937). Die Zusage war ein Glück für die Filmwelt – denn die komödiantische Chemie zwischen Howard und ihr ist in diesem Film geradezu elektrisierend! Sowohl Howard als auch die Davis entpuppten sich als hervorragende Komödianten – und Olivia de Havilland, deren Stern gerade am steigen war, fügte sich ihrerseits wunderbar ein.

Grandiose Schauspielkunst
Howard brilliert als egomanischer Tragöde mit Hang zum Schmierentheater, Davis als egomane Tragödin mit Hang zu bissigem Sarkasmen. Eric Blore, der „ewige Butler“ Hollywoods, stiehlt als Vogelstimmen imitierender „Sidekick“ Howards den beiden fast die Show. Und Olivia de Havilland spielt – sofern das bei so viel grosser Schauspielkunst überhaupt noch möglich ist – den Rest der Crew glattweg an die Wand; sie verblüfft als hyperaktiver, im Furor der Verehrung richtiggehend hysterischer Fan, der seine Sätze in der schieren backfischhaften Aufregung wie Maschinengewehrsalven von sich gibt. Alle vier Mimen scheinen grossen Spass an ihren Rollen zu haben. Kommt dazu, dass jede Nebenrolle perfekt besetzt ist – der Film ist ein Fest für Freunde der Schauspielkunst. Blore notabene ist der einzige Schauspieler in diesem Film, der eine echte „ham performance“ abgibt („ham“ = eine Rolle schauspielerisch übertreiben, overacting). Die anderen spielen ihr „ham acting“ nur. Blore geht in seiner Rolle aber erstens mit soviel Gusto und Witz auf, dass es eine Freude ist; zudem lässt das Drehbuch den Schluss zu – und die Regie unterstützt dies mit subtilen Mitteln – dass all die Jahre im Dienst eines „ham actors“ auf den Butler abgefärbt haben.

Der Regisseur
Hinter der Kamera stand Archie Mayo, unter dessen 87 Filme zählendem Lebenswerk sich einige sehr solide und bemerkenswerte Streifen befinden. Heute ist er vielleicht noch bekannt für The Petrified Forest, in dem Humphrey Bogart erstmals Gelegenheit hatte, als Gangster zu zeigen, was wirklich in ihm steckte, und A Night in Casablanca mit den Marx Brothers. Mayo war ein solider Handwerker, der gute Drehbücher zum glänzen bringen und Schauspieler zu Bestleistungen antreiben konnte, als Künstler aber durch keine persönliche Handschrift auffiel. Er muss gegen Ende seiner Karriere (er hörte 1946 mit der Filmerei auf) ein ziemlicher Despot gewesen sein. Seine zunehmende Ungeduld mit den Schauspielern scheint ihn zur Konsequenz des Ausstiegs geführt zu haben.

Abspann:
Leslie Howard war im Jahr zuvor in George Cukors Version von Shakespeares Romeo and Juliet zu sehen – eine freche Parodie darauf wurde in It’s Love I’m After eingebaut. Danach spielte er in Tay Garnetts Komödie Stand-In, erneut an Humphrey Bogarts Seite. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges kehrte Howard nach England zurück und führte dort in drei Filmen Regie. 1943 kam er ums Leben, als ein deutscher Bomber das Passagierflugzeug, in welchem Howard und 17 andere Zivilisten von Lissabon nach Bristol flogen, abschoss.
Bette Davis‚ Vorgängerfilm war Edmund Gouldings That Certain Woman, danach kam (1938) Jezebel von William Wyler. In beiden war ihr männlicher Partner Henry Fonda.
Olivia de Havilland war zuvor in Call it a Day zu sehen (ebenfalls unter der Regie von Archie Mayo), danach in James Whales The Great Garrick (Besprechung in diesem Blog > hier). Alle drei Filme entstanden 1937.
-Der deutsche Titel „Kavalier nach Mitternacht“ gibt Rätsel auf. Er ist eine fast wörtliche – und ziemlich ungeschickte – Übersetzung der Buchvorlage. War das Buch also hierzulande so bekannt, dass der Filmtitel Assoziationen hätte hervorrufen sollen – sofern er überhaupt in den Kinos lief? Eine Internet-Suche führt allerdings zum Schluss, dass im deutschsprachigen Raum nie ein Buch aus Hanlines Feder erschien.