Buster Keaton

Die drei Zeitalter – Buster Keaton

THREE AGES
USA 1923
Mit Buster Keaton, Wallace Beery, Margaret Leahy, Joe Roberts, u.a.
Regie: Buster Keaton
Drehbuch: Clyde Bruckman, Jean Havez und Joseph A. Mitchell
Deutschsprachige Kinoauswertung 1925 unter dem Titel Die drei Zeitalter, resp.: Ben Akiba hat gelogen!
Dauer: 63 min
Im deutschsprachigen Raum ab 19. Juni 2015 auf DVD verfügbar

Vorspann:
Inhalt: Ein Mann liebt eine Frau. Ein Rivale taucht auf. Die Eltern der Frau versprechen die Tochter dem Rivalen, obwohl sie eigentlich den anderen liebt. Es kommt zum Kampf zwischen den zwei Rivalen, den unser Held verliert. In einem Wettlauf gegen sie Zeit rettet er die Heldin aus den Händen des Rivalen, der sich als Schurke entpuppt hat. Und sie lebten glücklich und zufrieden…

Der Film:
Was für eine Inhaltsangabe!
Aber das ist tatsächlich alles. Three Ages handelt von der Zeitlosigkeit der Liebe und spielt seine Handlung gleich drei Mal durch, in drei Zeitaltern: In der Steinzeit, im alten Rom und im (damaligen) Heute. Die einzelnen sich wiederholenden Story-Eckpunkte – Exposé, Eifersuchtsszene, Kampf der Rivalen und Showdown – sind parallel geschnitten, jedes Handlungselement wird allerdings von Zeitalter zu Zeitalter variiert, damit’s nicht langweilig wird.

Plan B
Three Ages
war Keatons erster Langfilm. Nachdem er sich in den vorhergehenden drei Jahren in frischen und originellen Kurzfilmen ausgetobt und sich damit einen Namen gemacht hatte, sollte er nun, gemäss seinem Produzenten und Schwager Joe Schenck, den Schritt wagen, den seine beiden Konkurrenten Chaplin und Harold Lloyd bereits mit Erfolg vollzogen hatten und zur grossen Form wechseln. Ganz sicher war sich Schenck damit offenbar nicht, denn ein möglicher Misserfolg wurde einkalkuliert und ein schlauer Plan B entworfen, der im Falle eines Reinfalls doch noch genügend Geld hätte einbringen sollen: Der Film wurde so konzipiert, dass er in drei Stücke zerteilt hätte werden können; diese wären dann als Keaton-Kurzkomödien einzeln ins Kino gebracht worden.
Das wurde nicht nötig, der drollige Film kam beim Publikum sehr gut an, Keatons Weg zu seinen späteren Meisterwerken war geebnet.

Absurde Parodie
Wie in einigen seiner Kurzfilnme fällt erneut Keatons Hang zum grossen Budget auf, der ihm später finanziell das Genick brechen sollte: In den Rom-Sequenzen wurde an nichts gespart. Ein riesiges Forum Romanum wurde aufgebaut, offenbar in derselben Wüste, in der auch die Steinzeit-Episode gedreht wurde: Hinter den Papp-Tempeln lassen sich ähnliche Felsformationen erkennen. Es gibt auch die Nachbildung eines Kolosseums, in der ein Wagenrennen à la Ben-Hur stattfindet (ein Film, der notabene erst zwei Jahre nach Three Ages entstand). Die Grundidee zum Film basiert auf dem Vorhaben, D.W. Griffiths Kolossalfilm Intolerance von 1916 zu parodieren, der ein ähnliches filmisches Triptichon über drei Zeitalter darstellt. Parodiert wird aber noch vieles mehr, ja, dank der Betonung des Absurden könnte man Three Ages durchaus als „Mutter der absurden Filmparodie“ à la Airplane, Naked Gun und Co bezeichnen.

Ein glücklicher Unfall
Obwohl Three Ages nicht zu Keatons besten Werken gehört, ist er doch von Anfang bis Ende unterhaltsam und mit originellen Ideen gespickt. Es gibt Szenen, die sind unbezahlbar und gehören mit zum Besten, was Keaton je gemacht hat. Die Flucht vor der Polizei im zeitgenössischen Segment etwa: Der verhaftete Buster gelangt durch einen glücklichen Zufall und zunächst ohne es zu bemerken, aus dem Polizeiposten in die Freiheit. Kaum hat er sein Glück entdeckt, wird er auch gleich von den Polizisten gesichtet, welche seine Verfolgung aufnehmen. Die wilde Jagd gipfelt in einer Sequenz auf einem Hochhausdach. Keaton will auf das Dach des benachbarten Hauses hüpfen, springt zu kurz, verfehlt den Rand und stürzt in die Tiefe, durch eine ganze Reihe Sonnenstoren hindurch, bis ihm eine davon endlich Halt gibt. Er steigt auf die benachbarte Regenrinne, will daran herunterkletterm, doch diese knickt um, schleudert ihn durch ein offenes Fenster in einen Raum, der sich als Schlafraum eines Feuerwehrgebäudes entpuppt, rutscht durch den Raum auf die Stange zu, die in der Fahrzeugraum führt, rutscht daran herunter und landet auf seinem Allerwertesten. Erschöpft setzt er sich auf eine freie Fläche – das Trittbrett eines der Feuerwehrautos, welches genau in dem Moment mit Blauchlicht losfährt, und da es die Polizeistation ist, die bennt, landet Buster wieder am Ausgangsort seiner Flucht. Das alles in 20 Sekunden. Es heisst, die Sequenz sei so gedreht worden, weil Keaton  die Brüstung des anderen Gebäudes tatsächlich verfehlt hat. Dass dem so war, kann man deutlich sehen – das sieht nicht nach Absicht aus. Anstatt die Szene nochmals zu drehen, wurde einfach improvisiert und die Sequenz erweitert. So drehte man damals: Skript, Drehbuchanweisungen und Drehpläne wurden oftmals einfach über den Haufen geworfen und machten spontanen Einfällen und Experimenten Platz. Unfälle konnten einem Film zugute kommen, vor allem bei fantasievollen Geistern wie Keaton.
Die Wirkung der oben beschriebenen Sequenz entsteht in erster Linie durch den genau ausgeführten Schnitt, mit dessen Hilfe Keaton oft Meisterleistungen des Absurden auf die Leinwand zauberte.

Leichtes dramaturgisches Manko
Abgesehen von der oben erwähnten und einer Handvoll anderen grandiosen Sequenzen, gehört Three Ages wie bereits erwähnt, zu Keatons schwächeren Werken. Bedingt durch die Dreiteilung und die repetitive Erzählstruktur bleibt die Dramaturgie immer mal wieder hängen – kurz zwar, aber doch merklich. Allerdings muss im gleichen Atemzug erwähnt werden, dass die Wechsel der Zeitebene an anderen Stellen auch für die nötige Abwechslung sorgen. Schaut man die drei Episoden getrennt voeinander, so wie sie nach „Plan B“ in die Kinos hätten gebracht werden sollen, dann macht sich beim Zuschauer deutlich Ermüdung breit. Da erscheint die Dramaturgie richtiggehend löchrig, und man erkennt, wie geschickt der Langfilm trotz der paar Schwächen doch konzipiert ist. Er ist „am Stück“ allemal interessanter und funktioniert runder als in drei Episoden getrennt, nicht zuletzt, weil Keaton dank geschicktem Schnitt immer wieder ironische Querbezüge zwischen den Zeitaltern herstellt.
An Keatons grosse Klassiker wie The General, Sherlock, jr oder Steamboat Bill, jr reicht Three Ages nicht heran. Für einen vergnügten Stummfilmabend ist er aber allemal gut. Denn: Auch ein mittelmässiger Keaton ist allemal einen Blick wert.

Abspann:
Margaret Leahys Filmkarriere begann mit diesem Film – und endete auch mit ihm. Die schöne Engländerin gewann vor Beginn der Dreharbeiten einen Schönheitswettbewerb, der von Produzent Joseph Schenck ausgeschrieben worden war, um neue Aktricen zu finden. Leahy, eine Modedesignerin, sollte zunächst einen Film mit Regisseur Frank Lloyd drehen, doch dieser drohte mit Kündigung, falls er weiterhin mit ihr zusammenarbeiten müsse. Schenck schob sie als „leading lady“ in Keatons erstes Langfilmprojekt Three Ages ab; sie ist wohl die einzige von Keatons Partnerinnen, die beim Betrachter absolut keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie wurde danach als vollkommen untalentiert fallengelassen.
Ben Akiba, der im alternativ verwendeten deutschen Titel steht und dem heutigen Leser Rätsel aufgibt, kommt in Keatons Film gar nicht vor. Der Name Ben Akiba geht auf ein Theaterstück des deutschen Journalisten Karl Gutzkow zurück. In dessen 1826 entstandenem Drama „Uriel Acosta“ steht Ben Akiba für die Haltung: „Alles schon mal dagewesen“. Zur Zeit der deutschen Erstaufführung von Keatons erstem Langfilm schien Gutzkows Stück oder zumindest die Figur des Ben Akiba – samt seinem „Credo“ – noch sehr präsent gewesen zu sein.

 

Auf neuen Wegen – Buster Keatons „Hayseed Romance“ und „The E-Flat Man“

Buster Keaton hatte nach seiner schwierigen Zeit bei MGM schwer zu kämpfen und musste wieder Kurzfilme drehen – die sechzehn „shorts“, die er für Educational drehte, waren bis vor Kurzem nur schwer zugänglich. Seit etwa einem Jahr sind sie endlich auf DVD greifbar… Hier werden zwei der besten vorgestellt: Hayseed Romance und The E-Flat Man.

E-Flat ManBuster Keaton wurde nach seiner finanziell bedingten Trennung von seinem Mentor und Produzenten Joseph Schenck vom Film-Riesen MGM buchstäblich verheizt. Er verlor jegliche künstlerische Kontrolle über seine Filme und musste sich an enge Drehpläne und minuziöse Vorgaben halten. Das lief seiner bisherigen Arbeitsweise vollkommen zuwider. Er brauchte die Freiheit, um improvisieren zu können. Auf diese Weise waren all seine Meisterwerke entstanden – ohne Drehbuch und mit viel Erfindungsgabe.

Nachdem er bei MGM „flog“ – er mochte sich nicht anpassen, war unbequem, kämpfte für seine Filme, und trank zuviel – kam er beim kleinen Educational-Studio unter, das zur Stummfilmzeit Heimat von Al Christie und seinen Komödien gewesen war. Was Keaton dort produzierte, kann sich punkto Originalität zwar nicht mit seinen genialen Stummfilmwerken messen, doch einige (nicht alle) der dort entstandenen Kurzfilme zeigen, dass Keaton einer der grossartigsten und fähigsten Komödianten aller Zeiten war. Kein anderer hatte ein derart sicheres komödiantisches Timing wie Keaton – da sitzt jeder Gag passgenau und entfaltet seine grösstmögliche Wirkung – und eine solch traumwandlerische Körperbeherrschung, die er im Lauf der Jahre noch zu präzisieren und zu steigern vermochte.
In den Kurzfilmen für Educational beschritt er für ihn neue Wege und probierte Sachen aus, die man in seinen Stummfilmen vergeblich sucht.

In Hayseed Romance, seinem vierten Film für Educational, nimmt Buster (dessen Figur seit seinem Wechsel zu MGM „Elmer“ heisst) eine Stelle als landwirtschaftlicher Gehilfe bei einer vierschrötigen Witwe mit Heiratsabsichten an. In Wahrheit hat es Elmer deren hübsche Nichte angetan – nur ihretwegen bleibt er auf dem Hof. Der Film besteht aus einem Nichts an Handlung. Den Hauptteil von Hayseed Romance nimmt eine Nachtsequenz ein, in der Elmer versucht, in dem ihm zugewiesenen, winzigen Zimmer unterm Dach auf einem schmalen Feldbett zu schlafen. Aus dem Umstand, dass es ihm durch eine undichte Stelle im Dach direkt aufs Gesicht regnet, entsteht eine Verkettung von unglaublichen Missgeschicken und Unglücksfällen – genauso, wie man das aus den Filmen Laurels und Hardys kennt. Doch hier kommen die Gags noch verrückter und absurder daher. Im ungeschickten Versuch, die undichte Stelle im Dach zu reparieren, vergrössert Buster das Loch und fällt schliesslich hindurch. Dabei geht nicht nur das Feldbett zu Bruch, er kracht auch noch durch den Boden hindurch und fällt auf das Bett seiner Arbeitgeberin im Zimmer darunter, und zwar genau in dessen Mitte. Die Landwirtin und ihre Nichte, die jeweils am linken und rechten Rand der Matratze sitzen, werden durch den „Einschlag“ nach beiden Seiten aus den Fenstern geschleudert, wobei die ältere von beiden eine wunderbar elegante Landung in einer Schlammpfütze hinlegt.
Das geht derart schnell und ist derart geschickt choreografiert und geschnitten, dass man vor Überraschung fast vergisst, zu lachen.

Stan und Ollie lassen grüssen. Die beiden waren zur Entstehungszeit dieses Kurzfilms sehr populär. Hayseed Romance wirkt, als hätte Keaton einen Versucht unternommen, an deren Humor anzuknüpfen – ob freiwillig oder nicht, sei dahingestellt. Aber die Art, wie er dies tut, erhebt den fast stummen Hayseed Romance zum komödiantischen Kunstwerk, zum Richtwert für kunstvolle Clownerie.

Der andere Film heisst The E-Flat Man und gilt gemeinhin als misslungen. Ein Irrtum, dem man nur mit „filmhistorisch-ideologischen Scheuklappen“ aufsitzen kann, wenn man nichts neben Keatons Stummfilmen gelten lässt , den dort herrschenden Absurdismus zum Richtwert für alles Keatoneske nimmt und darob die Qualitäten der Tonfilme einfach ignoriert. Klar hat uns Keaton grossartige Stummfilme hinterlassen; daneben hat er auch ein paar ganz hervorragende Tonfilme gedreht.
Das Schöne am E-Flat Man sind auch hier wieder Keatons präzise Clownerien einerseits, andererseits und ganz entschieden auch die Gestaltung der weiblichen Partnerrolle. Waren die weiblichen „Heldinnen“ im Slapstick-Film meist dekoratives Streit- oder Verehrungsobjekt, so ist Dorothea Kent hier die „Clownin an Busters Seite“. Die beiden bilden das unwiderstehlichste Clown-Paar des gesamten mir bekannten Slapstick-Universums.

Der Film beginnt mit zwei zufällig simultan am selben Ort durchgeführten Aktionen: Einem Einbruch zweier Gangster in einen Krämerladen (ihr Boss braucht Alka-Seltzer) und einer Brautentführung aus dem Nachbarhaus (Elmer/Buster entführt seine Freundin mittels Leiter aus dem Elternhaus).
Die Polizei fährt vor dem Krämerladen vor, parkt das Auto hinter jenem von Buster und betritt den Laden. Die Gangster flüchten mit Busters Wagen, während Buster und seine Freundin just im selben Moment auftauchen und irrtümlich ins Polizeiauto einsteigen – und davonfahren. In der Nacht sind alle Katzen grau, und die beiden bemerken die Verwechslung erst, als der Polizeifunk sich einschaltet. Fortan befinden sich die beiden wirklich auf der Flucht.

Auch hier gibt es fast keine Handlung – das als Gangster verfolgte Paar steigt mal hier, mal da ab, erlebt einige Missgeschicke, dann geht die Flucht weiter.
Auf geradezu rührende Weise sorgt er sich um ihr Wohl und sie folgt ihm optimistisch in jedes Verderben, dass sie dann beide geduldig zusammen ausstehen – er mit dem bekannten ehernen Stoistizismus, sie mit einem sorglosen Lächeln.

Ganz deutlich spürbar bei diesen Werken, nach all den furchtbaren MGM-Vehikeln, Keatons Handschrift. Bei Educational genoss Keaton wieder jene Improvisationsfreiheit – jedenfalls in gewissem Mass – die er in der Stummfilmära so schätzte und brauchte. Er bekam zwar Skripts, die seiner Art scheinbar zuwiderliefen und das Buget war minimal, doch er holte aus einigen der 16 Kurzfilmen das Bestmögliche heraus, und das heisst: Keaton pur, minus Surrealismus, minus spektakuläre Sets.
Das DVD-Set Lost Keaton bietet eine lohnende und erhellende Erkundungstour des unbekannten Buster – jedenfalls für Leute ohne ideologische Scheuklappen.
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August: Osage County (2013) Immer wieder gibt es Filme, die fast grandios sind. Aber eben nur fast. Weil es an etwas fehlt. Hier fehlt es an der Regie. Man hätte sich jemand Talentierteres gewünscht für die Verfilmung von Tracy Letts‘ gefeiertem gleichnamigem Theaterstück. Jemand, der inszenatorisches Gespür mitbringt, das über das wirkungsvolle Führen von Schauspielern hinausgeht. Jemand, der auch die Bildsprache des Kinos beherrscht. Jemand anders als der Regie-Newcomer John Wells (Company Men).August_Osage_County
So ist August: Osage County „nur“ ein wirkungsvoller Ensemblefilm geworden, dem ein starkes Stück zugrunde liegt. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, denn Meryl Streep und Julia Roberts sind hier schlichtweg sensationell gut. Doch die gallige Familiengeschichte hätte mehr Sprengkraft, wenn die Bilder nicht ganz so beliebig und leer wären. Streep trumpft hier auf als greises, zeitweise debiles, von Krebs und Tabletten zerfressenes Familienoberhaupt Violet Weston, deren Familie anlässlich des Selbstmords von Vater Weston anreist und alte Wunden aufreisst. Da werden zerstörerische familiäre  Strukturen blossgelegt wie mit dem Seziermesser, die Frauen der Familie erweisen sich als streitsüchtige, giftspritzende Drachen, die ihre Männer über Generationen hinweg in die Flucht schlagen. Immerhin: Ein toller, hochspannender Schauspielerfilm ist daraus geworden – verfilmtes Theater mit Spitzenbesetzung. (Zur Zeit im Kino)
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The Grand Budapest Hotel (2013) Wes Anderson hat wieder zugeschlagen, diesmal in einem königlich-kaiserlichen Fantasiestaat der Dreissigerjahre. In gewohnt oppulenter Besetzung, ebenso üppiger Ausstattung und mit überbordendem Ideenreichtum tobt sich der Texthe-grand-budapest-hotelaner einmal mehr filmisch aus und kredenzt seinen blühenden Blödsinn mit derart irrem Tempo und mit soviel Understatement, dass man vor permanentem Überrumpeltwerden kaum zum Lachen kommt.
Der Film um den Patron des Hotels Grand Budapest, das wie eine Playmobilausgabe von Schloss Neuschwanstein mitten im abgelegenen Wald- und Bergidyll thront, ist eine wilde Räuberpistole, die aussieht, als wäre sie in den Kulissen eines Kasperltheaters gedreht worden.
Unglaublich, witzig, hoch originell, sinnfrei – und letztlich völlig belanglos. (Zur Zeit im Kino)
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Les Misérables (1935) Es gibt auch gesangsfreie Verfilmungen von Victor Hugos 1862 erschienen Romanepos, etwa diesen von Richard Boleslawski gedrehten Schwerzweissfilm mit Fredric March und Charles Laughton als Kontrahenten. Les Misérables 1935Die beiden Schauspielergiganten versprechen grosses Kino – doch der Film leidet etwas daran, dass der Stoff auf Kinolänge gekürzt werden musste, was man leider des Öfteren an Brüchen und Sprüngen in der Handlung deutlich merkt. Laugton ist phänomenal! Er spielt den Schergen Javert als innerlich zerfressenen Emporkömmling mit psychotischen Zügen. Es ist fast nicht zu glauben, dass er im selben Jahr den steifen Butler Marmaduke Ruggles in Ruggeles of Red Gap in den Kinos zu sehen war. Obwohl er kaum Maske trägt, hat man den Eindruck, einen völlig anderen Menschen vor sich zu haben.
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Der Sprung in die Leinwand – Buster Keatons „Sherlock, Jr“

Momentan bin ich auf der Suche nach einer anderen Form für diesen Blog. Auf Stummfilme mag ich mich im Moment nicht konzentrieren – zu sehr haben sich meine Film-Interessen geöffnet.
So laboriere ich nun ein wenig mit Formen und Formaten für diesen Blog herum – und hoffe, die Geduld der werten Leserschaft damit nicht allzusehr zu strapazieren.Den Stummfilm behalte ich im Titel, auch wenn’s nicht mehr ganz passt, schliesslich wird man am Titel wiedererkannt.
Ich beginne heute mal etwas Neues: In (hoffentlich) regelmässigen Abständen rezensiere ich hier Filme, die ich in dieser Zeit gesehen habe. Dabei will einen besonders wertvollen, guten oder sonst irgendwie spannenden Film jeweils hervorheben und etwas ausführlicher beschreiben, die anderen in Kurzform abhandeln. Gedacht ist das Ganze als Anregung, als Seh-Empfehlung für Kinofreunde.

Der Sprung in die Leinwand
Im Stummfilm Sherlock, Jr träumt Buster Keaton sein Leben in Ordnung und kreiert eine berückende und bis heute unübertroffene Hommage an das Kino.

Viele sehen Sherlock, Jr als Buster Keatons besten und persönlichsten Film. Es geht darin um Sein und Schein und wie das Kino und der Film unser Leben beeinflusst – und das Leben das Kino!
Keaton reflektiert darin seine Rolle als Autor-Regisseur so selbstverständlich, unverkrampft und gewitzt, dass man die Meta-Ebene des Films kaum bemerkt.

Keaton spielt darin seine übliche Loser-Figur, die hier als Operateur eines kleinen Vorstadtkinos arbeitet. Man wähnt sich zunächst in einer „typischen Komödie jener Zeit“: Es gibt eine ausgedehnte, recht konventionelle Exposition, die Keaton benötigt, um seine Figuren – sein Mädchen, ihre Familie und den betrügerischen Nebenbuhler – einzuführen. Doch dann beginnt Sherlock, Jr plötzlich, die wildesten Kapriolen zu schlagen – bezeichnenderweise genau dann, als Filmvorführer Buster im Kino den Projektor einschaltet.

Buster, der dank eines Tricks des Nebenbuhlers vom Vater seines Mädchens als Dieb bezichtigt und für immer des Hauses verwiesen wird, schläft am Arbeitsplatz ein und träumt sich in eine bessere Welt: In den Film, den er gerade vorführt. Dieser Film spielt in der noblen Gesellschaft, und die Protagonisten verwandeln sich in die soeben eingeführten Personen aus Busters Leben. Buster selbst ist im Film ein grosser Detektiv, der dem betrügerischen Dieb/Nebenbuhler das Handwerk legt und zuletzt die Gunst des Mädchens gewinnt.

Der Traum-im-Film ist gleichzeitig der Film im Film. Der Traum „Film“ wird zunächst einfach mal wörtlich genommen: Der Traum ist der Film, der Film der Traum. Und weil dem so ist, wird er für den Zuschauer real – so lange, bis Buster erwachend in seine Realität zurückkehrt – die natürlich auch nur ein Film ist.
Der Regisseur als Träumer, der sich die Realität mit Hilfe des Mediums Film so zurechtschustert, wie er sie gerne hätte. Diese Deutung lässt nicht zuletzt der Umstand zu, dass der Regisseur/Autor in der Realität ein und derselbe ist wie der Träumer im Film, nämlich Buster Keaton. Sherlock, Jr beisst sich in den Schwanz – und wenn Keaton ganz zuletzt alles nochmals umdreht und seinen Held vom gerade laufenden Film zu einer Liebesszene inspirieren lässt, der Film also die Realiät „inszeniert“, dann sind nicht nur alle möglichen Variationen zum Thema Realität und Film ausgeschöpft, dann wird auch die Aussage des Werks deutlich: Film ist Traum – und der Traum ist Lehrmeister für ein besseres Leben. Ergo…

Dass die Meta-Ebene gleichzeitig eine wilde Parodie auf das Detektiv-Genre ist, zeugt von Keatons traumwandlerischem Sinn für den Umgang mit dem Medium und dessen Wirkung.
Sämtliche Ingredienzien des Detektivfilms sind in überhöhter Form präsent – von der fiesen Intrige über den fiesen Gaunergehilfen bis zur Damsel in Distress. Der Detektiv ist allen anderen derart turmhoch überlegen, dass seine Taten schon an Magie grenzen, und es gibt Verfolgungsjagden, die in ihrem rasanten Wahnwitz kaum mehr übertroffen werden können. Der Ritt Keatons auf dem Lenker eines Motorrades hat jedenfalls Filmgeschichte geschrieben.
Zudem gibt es Sequenzen, die eine unbändige, fast kindliche Experimentierlust mit dem Medium bezeugen. Der Sprung des Helden in die Leinwand ist berühmt, der Keaton zu einem verrückten Spiel mit dem Filmschnitt motiviert: Die Handlungen des in die Leinwand gehüpften Helden werden in einer wunderbar surrealen, tricktechnisch ausgetüftelten Sequenz dauernd durch abrupte und völig unmotivierte Filmschnitte gestört.

Das Kino als Traum-Fabrik – Buster Keaton widmet sich diesem Thema mit parodistischem Ansatz und traumwandlerischer Metaphorik. Sherlock, Jr ist dabei wohl jener Film Keatons, der das heute inflationär gebrauchte Attribut genial verdient. Denn was er da inszenierte war zu jener Zeit beispiellos – nachfolgende Generationen von Filmemachern orientierten sich an Keaton, wenn sie den Film im Film, das wilde Durcheinanderpurzeln verschiedener Realitäts – und Irrealitätsebenen thematisierten. Natürlich gab Keaton in Interviews später stets zu Protokoll, es sei ihm nur darum gegangen, die Leute zum Lachen zu bringen. Und wenn dem so wäre: Auch dies ist ihm mit Sherlock, Jr aufs Trefflichste gelungen!
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Weitere Filmempfehlungen (sämtliche Filme sind auf DVD erhältlich, sofern nicht anders vermerkt):

Judgement Day At Nuremberg (Das Urteil von Nürnberg – 1961) – Wenn man den Film heute sieht – aus einer Distanz von 53 Jahren – dann staunt man, wie differenziert hier die Verhältnisse dargestellt werden. “Die Deutschen”, im damaligen US-Kino generell die Bösewichte, werden hier nicht einfach als Monster hingestellt. Die Frage nach der Schuld “der Deutschen” an den Gräueln des dritten Reiches wird hier überraschend differenziert abgehandelt. Damit war der Film dem damaligen Zeitgeist weit voraus, und so man sich für dessen Thematik interessiert, ist er auch heute noch aktuell. 
Darüberhinaus ist Judgement Day At Nuremberg einer der besten und spannendsten Gerichtsfilme aller Zeiten, einige der grössten Stars von damals haben darin die beste Leistung ihrer gesamten Laufbahn hingelegt (Spencer Tracy etwa sagte, nach diesem Film könne er sich getrost in den Ruhestand begeben).
Obwohl er drei Stunden dauert, langweilt Judgement Day At Nuremberg keinen Moment. Die Thematik wird derart interessant aufbereitet und die Darstellerinnen und Darsteller geben derart packende Vorstellungen, dass man gebannt sitzenbleibt.
Regisseur Stanley Kramer zählt zu den wenigen US-Regisseuren, die brisante und ethische Themen gegen den Zeitgeist mutig aufgriffen und sie filmisch packend aufzubereiten wussten. (DVD vergriffen, aber noch gebraucht erhältlich)
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Up In The Air (2009) – Ryan Bingham (George Clooney) entlässt Leute. Er arbeitet für eine Firma, deren Mitarbeiter dafür trainiert sind, anstelle der Firmenverantwortlichen Entlassungsgespräche zu führen. Bingham ist ein gefragter Mann und führt ein “ungebundenes” Leben: Er fliegt von Staat zu Staat, lebt in Hotels und hält Vorträge über das Abwerfen von “Lebens-Ballast”. Mit zunehmender Filmdauer wird deutlich: Der Mann, der von Berufs wegen Leute “entwurzelt”, ist selbst ein “Entwurzelter”.
Als er eine junge Assistentin zur Seite gestellt bekommt, beginnt sein Leben langsam aber sicher eine neue Wendung zu nehmen…
Der Film, eine Tragikomödie, hat die Ent-Menschlichung eines Systems – des Kapitalismus – zum Thema und spielt in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise. Ryan hat sich angepasst, um in diesem System und in dieser Zeit überleben zu können. Aber zu welchem Preis?
Es gibt in diesem Film eine Figur die noch isolierter, noch ferner von allem Zwischenmenschlichen scheint, nämlich Binghams junge Assistentin Nathalie – die “nachrückende Generation” in diesem immer schneller sich drehenden Karussell von Innovation und Verbesserung. Ihre Kontakte sind im Film optisch nicht präsent – sie finden ausschliesslich in Handygesprächen und durch SMS-Botschaften statt. So macht etwa ihr Freund per SMS mit ihr Schluss.
Der Film bringt seine Kritik unaufdringlich und ohne Moralpredigten an. Es braucht sensible Aufmerksamkeit, um die “Botschaft” mitzubekommen. Up In The Air ist ein zu Beginn oberflächlich wirkender Film, der mit zunehmender Filmdauer tief blicken lässt.
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The Party (Der Partyschreck – 1968)- Die bekanntesten Filme, die Blake Edwards und Peter Sellers zusammen gemacht hatten, gehörten zur Pink Panther-Serie, wo Sellers als tollpatschiger Inspecteur Clouzot auftrat.
The Party entstand acht Jahre nach dem zweiten Pink Panther-Film und spielt qualitativ in einer ganz anderen Liga! Obwohl der Film zahllose köstliche Slapstick-Einlagen bietet, wirkte er auf das damalige Publikum wie ein Experimentalfilm. Tatsächlich fällt die Parallele mit Jacques Tatis ein Jahr zuvor entstandenem Meisterwerk Playtime ins Auge. Hier wie dort gibt es keine eigentliche Handlung, kaum Dialog und der Hauptfigur passiert ein Missgeschick nach dem anderen.
Hrundi V. Bakshi (Sellers), ein gefeuerter indischer Film-Komparse wird versehentlich zur Party eines wichtigen Hollywood-Produzenten eingeladen, die er mit seiner unbeholfenen Art sukkszessive ruiniert. Am Schluss bricht die pure Anarchie aus, was Regisseur Edwards für zahlreiche Laurel & Hardy-Zitate nutzt.
Ein unglaublich komischer Film, dessen komisches timing bewundernswert ist.
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Frozen (Die Eiskönigin – 2012) – Nachdem der letzte von Disney im konventionellen (sprich: handgezeichneten) Stil produzierte Trickfilm Küss den Frosch an der Kinokasse floppte, setzt der traditionsreiche Konzern auf CGI. Zeichentrickfilme will offenbar keiner mehr sehen. Das ist zwar schade, kann sich aber durchaus wieder ändern. Frozen, nach Rapunzel der nächste CGI-Streich von Walt Disneys Erben, kann sich jedenfalls durchaus sehen lassen. Er weiss vor allem durch schöne Bilder zu bezaubern. Und die computergenerierten Menschenfiguren überzeugen – nach langen, mehr oder weniger fehlgeschlagenen Versuchen anderer Filmstudios. Zudem wartet der Film mit einer spannenden Handlung und erstaunlich vielschichtigen Hauptfiguren auf. Der Rest ist Hollywood-Konvention, was aber dank dem gut durchdachten und schön konzipierten Rest nicht so negativ ins Gewicht fällt. (z.Zt. im Kino)
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