Alfred Hitchcock

Der unsichtbare Dritte (1959)

USA 1959
Mit Cary Grant, Eva Maria Saint, James Mason, Leo C. Caroll, Martin Landau u.a.
Drehbuch: Ernest Lehman
Regie: Alfred Hitchcock
Dauer: 136min

Über diesen Film verliere ich nicht viele Worte. Nicht weil er es nicht Wert ist, sondern weil über ihn schon längst alles – und mehr – geschrieben worden ist; er wurde bis in den hintersten Kamerawinkel ausgeleuchtet, jede Wendung in der Handlung wurde ausgelotet, ja, alleine über Bernard Herrmanns Filmmusik sind wohl schon Bände gefüllt worden. Unnötig, zu sagen, dass dabei kaum mit Superlativen gegeizt wurde.

Zum Inhalt: Der unbescholtene Werbefachmann Roger Thornhill (Cary Grant) gerät zufällig in ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem FBI und einer skrupellosen internationalen Verbrecherbande – nur wegen einer achtlosen Handbewegung. Eh‘ er sich’s versieht wird er aufgrund einer Verwechslung von zwei Gangstern abgeschleppt und zu ihrem Boss (James Mason) gebracht, der seinen Schergen kurzum den Befehl erteilt, Thornhill unverzüglich ins Jenseits zu befördern.
Doch das klappt nicht wie geplant, Thornhill kommt mit dem Leben davon und es entwickelt sich eine Verfolgungsjagd, bei der man nicht recht weiss, wer hier eigentlich wen nicht los wird: Immer, wenn die Gangster glauben, sich Thornhills entledigt zu haben, taucht er wieder auf, immer, wenn Thornhill sich in Sicherheit wähnt, hat der die Bande wieder am Hals. Mit der Zeit gelingt es Thornhill, immer gewitzter zu agieren. Eine hübsche Zugbekanntschaft (Eva Maria Saint) bringt zusätzliche Verunsicherung in die verworrene Geschichte…

North by Northwest ist wohl der Prototyp und der gleichzeitig der Höhepunkt des Spannungsfilm-Subgenres „Unschuldiger-wird-in-ein-schreckliches-Verbrechen-hineingezogen“. Der Film half mit, den Mythos von Hitchcocks angeblicher Besessenheit mit dem Thema zu untermauern. Daneben zählt der Streifen zu den besten Agentenfilmen aller Zeiten, obwohl echte Geheimagenten darin nur am Rande vorkommen. Und das Drehbuch ist so wasserdicht wie wenige andere, die „Hitch“ verfilmt hat: Hier ist alles, trotz gehörigen Übertreibungen, schlüssig, auch unlogische scheinende Sequenzen werden im Nachhinein ins rechte Lot gerückt.

Über den Film ist, wie erwähnt, schon so viel geschrieben worden, dass ich es bei diesen Zeilen bewenden lasse, und abschliessend festhalte, dass sogar ich seinen Status als einer der unvergänglichen, staublosen Filmklassiker bestätigen kann; North by Northwest ist einer, den man gesehen haben sollte.

Die Regie: 10 / 10 
Das Drehbuch: 10 / 10 
Die Schauspieler: 10 / 10 
Gesamtnote: 10 / 10

Verfügbarkeit:
North by Northwest ist im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray erhältlich (deutsche Synchro / englische Originalfassung mit deutschen UT).
Im Stream zu finden ist er bei amazon prime (Deutsch/Englisch mit dt. Untertiteln), Videobuster, Rakuten TV und Videoload (Deutsch und Englisch ohne dt. Untertitel), iTunes, maxdome, Google Play, Microsoft, videociety, Freenet Video und CHILI (nur Deutsch).

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Der fasche Mann (1956)

USA 1956
Mit Henry Fonda, Vera Miles, Harold J. Stone, Charles Cooper, Anthony Quayle u.a.
Drehbuch: Maxwell Anderson und Angus MacPhail nach einer Story von Maxwell Anderson
Regie: Alfred Hitchcock
Dauer: 105 min

Ich weiss nicht, wer die Fehlinformation in die Welt gesetzt hat, jedenfalls hält sie sich seit Jahrzehnten hartnäckig: Sie betrifft Alfred Hitchcocks angebliche thematische Spezialität. Sein Lieblingsthema heisst es immer wieder, sei jenes des Unschuldigen gewesen, der in ein Verbrechen hineingezogen wird. Schliesslich stünde ein solcher in fast allen seinen Filme im Zentrum. Der Meister selbst unterstützte diese Legende – wahrscheinlich mit einem heimlichen Grinsen über die Gutgläubigkeit der Filmjournalisten.
Betrachtet man die Inhaltsangaben anderer Thriller, Noirs und Krimis, fällt auf, dass besagter Unschudiger im Genre praktisch zum Standard gehört – auch wenn die untersuchten Filme nicht von Hitchcock stammen. Der unschuldige, unbescholtene Bürger dient im Krimigenre unabhängig vom Regisseur seit jeher als Identifikationsfigur, durch welche sich die Spannung gut auf den Zuschauer übertragen lässt.
Obwohl The Wrong Man oft als Höhepunkt von Hitchcocks Beschäftigung mit „dem Unschuldigen“ gilt, funktioniert er gänzlich anders als seine bekannten Thriller, ist somit kein typischer „Hitchcock“. Stilistisch lässt er sich eher dem Film Noir zuordnen.

Im Mittelpunkt steht der von Henry Fonda mit stoischer Gleichförmigkeit verkörperte Musiker Manny Balestrero, der eines Tages im Büro einer Versicherungsgesellschaft eine Auskunft einholen möchte und dort als Geldräuber identifiziert wird. Als ihn im Zug einer polizeilichen Untersuchung weitere Zeugen belasten, wird Manny eingebuchtet.
Schon der Titel und die Wahl des Hauptdarstellers stellen klar, dass Manny der „falsche Mann“ ist und es sich um eine fatale Verwechslung handelt. Der Film dreht sich also nicht um die Frage, ob Manny nicht vielleicht doch als Dieb unterwegs war (er kann seine Familie mit dem kargen Musikerlohn kaum ernähren), sondern er zeigt minuziös und in quälender Langsamkeit und Detailliertheit, wie ein Unschuldiger in die Mühlen der Justiz gerät.
Dass dies auf plakative und oberflächliche Art geschieht, ist der Zeit oder dem eher schwachen Drehbuch zuzuschreiben. Der Film vermag heute kaum mehr zu fesseln; was damals vielleicht noch neu und aufrüttelnd war – vor allem die erste Hälfte, wo der Gang der Ereignisse konsequent aus der Perspektive des Opfers zu sehen ist – das wirkt heute antiquiert, überholt und – ja, langweilig. Wobei die Langeweile in erster Linie dem distanzierten Spiel sämtlicher Darsteller und der mangelnden Tiefe der Figuren zu verdanken ist.

Hitchcock macht zwar mit seiner virtuosen und fantasievollen Inszenierung das denkbar Beste aus der Sache, doch auf Dauer vermag er das Interesse damit nicht am Leben zu erhalten. Als Studienobjekt für Filmschüler eigent sich The Wrong Man hervorragend. Den durchschnittlichen Filme-Gucker dürfte er aber eher kalt lassen.

Die Regie: 9 / 10 
Das Drehbuch:  6 / 10 
Die Schauspieler: 7 / 10 
Gesamtnote: 7 / 10

Für Bewohner der Schweiz: (Die vorgängige Installation eines Adblockers ist zu empfehlen)
Englische Orginalfassung  (rechts auf „Mirror 4“ klicken)
deutsch synchronisierte Fassung (leider nicht verfügbar)

Für EU-Bewohner:
Der falsche Mann gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD (deutsche Synchro und englische Originalfassung mit dt. Untertiteln). Gestreamt werden kann er bei iTunes (Deutsch/Englisch mit dt. UT) und maxdome (nur Deutsch).

Hitchcock, stumm

BLACKMAIL
(GB 1929)
(dt.: Erpressung)
Mit Anni Ondra, John Longden, Sara Allgood, u.a.
Regie: Alfred Hitchcock
Dauer: 85 min

Alfred Hitchcock und der Stummfilm – dieses Thema dürfte der filminteressierten Allgemeinheit nicht allzu geläufig sein. Und das, obwohl „Hitch“ mindestens zehn „silents“ fabriziert hat, bevor er dann im aufkommenden Tonfilm langsam zu dem wurde, was er heute ist, zum „Master of Suspense“.

Trotz des grauen Nebels, der über seinem Stummfilmschaffen wabert, gibt es auf dem deutschsprachigen Markt meines Wissens zumindest eine DVD mit einem Werk aus dieser ganz frühen Schaffensphase des Meisters. Aber eigentlich wirbt das Cover mit einem Tonfilm – den Stummfilm gibt’s als Extra obendrauf. Interessanterweise handelt es sich um ein und denselben Titel, um Blackmail von 1929.

Hitchcock drehte ihn in der Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm zunächst ohne Ton. Die Entwicklung und vor allem der Erfolg der neuen Technik kam derart schnell, dass Produzent Michael Balcon forderte, von Blackmail sei zusätzlich eine Tonfassung herzustellen; Hitchcock liess dafür einige Schlüsselsequenzen nachdrehen. Beide Fassungen wurden parallel in die Kinos geschickt: Der Tonfilm in die städtischen Kinos, welche bereits mit dem teuren neuen Tonsystem ausgestattet waren, während die stumme Fassung in den ländlichen Filmtheatern lief, die für die „neue Mode“ noch nicht gerüstet waren.
So wurde Blackmail gleichzeitig zu Hitchcocks letztem Stumm- und zu seinem ersten Tonfilm.

„Ein ganz anderer Film“ ist die Tonfassung beileibe nicht; diese Behauptung soll lediglich kaschieren, dass derselbe Film doppelt auf der DVD vorhanden ist – jedenfalls für den „Durchschnittskunden“. Für Filminteressierte ist das Vorhandensein beider Fassungen durchaus interessant, weil hier mitverfolgt werden kann, wie bewusst sich Hitchcock der Wirkungen der verschiedenen Formate (stumm und klingend) war und wie geschickt er beide für seine erzählerischen und dramaturgischen Zwecke einzuspannen wusste. Verblüffend, welche Reife und welche Eigenständigkeit er bereits mit diesem Frühwerk erreicht hatte.

Hitchcock drehte genau jene Sequenz neu, welche am meisten Dialog beinhaltet, nämlich jene, in welcher sich die Mörderin, ihr Boyfriend von Scotland Yard und der Erpresser in einem Zimmer gegenübersitzen, während im Nebenzimmer das häusliche Leben gemütlich seinen Lauf nimmt. In der stummen Version bleibt das Leben im Nebenraum weitgehend ausgesperrt; der Film konzentriert sich ganz auf die drei Hauptpersonen, die Aufnahmen sind mehrheitlich in der Halbtotalen gehalten, die Spannung entsteht durch die psychologisch geschickte Aufstellung der drei Figuren im Raum; Hitch verlässt sich für die Spannungssteigerung zudem auf den Schnitt  und die Musikbegleitung (auf der DVD meisterhaft ausgeführt von Joachim Bärenz).
In der Tonversion wird die akustische Ebene des Nebenraums miteinbezogen (harmlose Gespräche, gemütlich-freundlicher Tonfall); ja, Hitchcock erfindet sogar ein akustische Methode zur Spannungssteigerung, indem er eine klatschsüchtige Nachbarin in atemlosem Tempo von dem Mord erzählen lässt und dabei den Ton langsam bis zur Unverständlichkeit verfremdet, dabei aber ein einziges Wort klar und verständlich immer und immer wieder aus dem Wortbrei herausblitzen lässt: Knife (die Mörderin, auf deren Gesicht die Kamera während der Sequenz ruht, hat den Mord mit einem Messer begangen).

In diesem frühen Werk blitzt bereits Hitchcocks „Lieblingsthema“ auf, die Verfolgung eines Unschuldigen. Der Erpresser, welcher die Mörderin kennt, wird gegen Ende des Films zum Gejagten, weil er als ehemaliger Knastbruder identifiziert wird, und weil beim Ermordeten ein Erpresserbrief aus seiner Hand gefunden wurde. Aber auch die Schuld der wahren Mörderin kann in diesem Film hinterfragt werden, handelte sie doch in Notwehr. Betty, die Freundin unseres Helden von Scotland Yard, lässt sich mit einem Maler ein, der sie nächtens in sein Atelier holt und sie dort sexuell bedrängt. Er zügelt seine leidenschaftlichen Avancen auch nicht, nachdem sie ihm klar zu verstehen gegeben hat, dass sie nicht will. Die darauf folgende, hinter einem Vorhang vor dem Publikum notdürftig kaschierte Vergewaltigung, ein für die damalige Zeit äusserst heikles Thema, lässt Betty zum einzigen handfesten Gegenstand greifen, der sich zufällig in greifbarer Nähe befindet. Ein Messer.
Sie ersticht den Maler im Handgemenge.

Nun ist sie schuldig. Ist sie schuldig? Ihr Freund kommt sofort dahinter. Und diese Konstellation stürzt den Zuschauer mitten ins moralische Dilemma, das durch keinerlei Konzessionen oder Tricks abgemildert wird – im Gegenteil: Durch den Auftritt des Erpressers und dessen Beschuldigung wird es noch verschärft, denn auf diesen wird nun eine regelrechte Menschenjagd veranstaltet an deren Ende Betty zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat. Zudem findet sich in diesem Frühwerk bereits ein Markenzeichen des Meisters: Das Publikum kennt den Mörder, nach dem gefahndet wird, längst.
Und gnadenlos und ohne Zugeständnisse lässt Hitchcock das Rad des Gesetzes, das den Film eröffnet hatte, sich drehen und Betty als Mörderin verhaften.

Das in Grossaufnahme drehende „Rad des Gesetzes“ ist nur eines der Objekte, denen Hitchcock Bedeutung beimisst, indem er es durch extreme Grossaufnahme ins Zentrum des Bildes und des Geschehens stellt. Der Film ist voll von solchen Fokussierungen auf das Objekt, das plötzlich eine tragende Rolle spielt oder eine Vorahnung auf kommendes Unheil vermittelt. Das Gemälde eines Clowns wird zum stummen Zeugendes Mordes und zum Kommentator des Geschehens. Im Treppenhaus des Malers gibt es eine Aufnahme von schräg unten hoch, welche seine Wohnungstür in derart seltsamem Winkel zeigt, dass man das Unheil vorausahnt, das gleich dort drinnen seinen Lauf nehmen wird. Hier kann man zusehen, wie ein Meister seine Filmsprache entwickelt und woraus er sie entwickelt. Hitchs Markenzeichen, die besagte narrative Funktion des Objekts, die er in all seinen späteren Filmen kultiviert hat, ist nichts anderes als seine persönliche künstlerische Weiterentwicklung der Stummfilmästhetik des sprechenden Bildes.
9/10

Blackmail ist bei Arthouse erschienen.

http://www.amazon.de/Blackmail-Erpressung-Anny-Ondra/dp/B00005UE71/