Monat: August 2015

The Hunter – Daniel Nettheim

THE HUNTER
Australien 2011
Mit Willem Dafoe, Frances O’Connor, Sam Neill, Morgana Davies, Finn Woodlock, u.a.
Drehbuch: Alice Addison, nach dem gleichnamigen Roman von Julia Leigh
Regie: Daniel Nettheim
Der Film lief im deutschsprachigen Raum nicht in den Kinos – deutsche DVD-Veröffentlichung 2012 unter dem Originaltitel The Hunter
Dauer: 102 min
Im deutschsprachigen Raum ist der Film auf DVD und Blu-ray verfügbar

Vorspann:
Martin David, ein einsamer Auftrags-Jäger, reist mit dem dubiosen Auftrag, den als ausgestorben geltenden Tasmanischen Tiger zu erlegen, in die Wildnis Australiens. Den angebotenen Partner und Helfer lehnt er ab; er ist es gewohnt, allein zu arbeiten. Unterkunft findet er, getarnt als Biologe, bei einer Familie am Rand der Zivilisation. Dort schliesst er Bekanntschaft mit Sass und Bike, den beiden Kindern der Familie, die seit einem halben Jahr auf die Rückkehr ihres Vaters warten, der wie Martin ebenfalls in die Wälder gezogen ist. Sie beauftragen Martin damit, nach dem Vater Ausschau zu halten. Bald stellt er fest, dass der stumme Bike etwas über den Tasmanischen Tiger weiss. Zudem kriegt Martin bald zu spüren, dass ihm Gefahr droht – und zwar von den einheimischen Waldarbeitern. Sie brandmarken ihn als „Umweltschützer“ und schliessen sich aus Angst um ihre Arbeitsplätze gegen ihn zusammen. Und schon bald und von Martin unbemerkt taucht eine weitere Gefahr auf…

Der Film:
Es gibt Filme, die fallen durch alle Genremaschen. Ihnen steht die schubladisierungsgewohnte Werbebranche stets mit völliger Ratlosigkeit gegenüber. In den meisten Fällen wird von der Vermarktungsabteilung eine der gewohnten Schubladen gewählt und der Film dort hineingezwängt – meist mit verheerenden Folgen. Die angepeilte Zielgruppe ist enttäuscht, weil sie nicht das kriegt, was sie zu sehen gewohnt ist; der Film bekommt negative Mundpropaganda. Die Leute, denen der Film gefallen würde, schauen ihn sich gar nicht an, weil er unter einem für sie abschreckenden Label vermarktet wird. So geschehen bei Daniel Nettheims grandiosem Psychodrama The Hunter, der unglücklicherweise als „Mystery-Thriller“ angepriesen wird. So hagelt es in einschlägigen Blogs und in Foren Negativ-Wertungen von getäuschten Thriller-Fans, die statt der erwarteten groben Kost ein feinsinniges, leises Werk vorgesetzt bekommen, für welches den meisten von ihnen jegliches Sensorium abgeht.

Daniel Nettheims Film liegt ein brilliantes Drehbuch zu Grunde, das einen Grossteil seiner Spannung aus subtil gezeichneten menschlichen Zwischentönen bezieht. Nettheims Verdienst ist es nun, die Feinheiten des Drehbuchs voll und ganz zur Geltung zu bringen. Zudem kreiert er mit klug komponierten und inszenierten Bildern eine durchgängig eigentümliche Atmosphäre, die einen auch nach Ende des Films lange nicht mehr loslässt. Nettheim ist keiner jener Regisseure, deren Stil man sofort erkennt, kein Wes Anderson, kein Pedro Almodóvar. Aber wie gekonnt und einfühlsam er dieses Drehbuch umsetzt, das hat Grösse, ist eine Klasse für sich. Da stimmt von der subtilen Schauspielerführung bis zum Soundtrack alles. Den Namen Nettheim muss man sich merken. Vor und nach The Hunter hat er zwar nichts als TV-Serien gedreht (zwei Episoden der neuen Staffel von Dr. Who zum Beispiel, oder zehn von Dance Academy), aber es ist schwer zu hoffen, dass der Australier sein Talent bald wieder einem Kinofilm zur Verfügung stellt.

Alt-Star Willem Dafoe gibt dentitelgebenden Jäger ruhig, zurückhaltend, mit genau dem richtigen Mass an schauspielerischem Minimalismus, den es braucht, um die Figur in der Schwebe zu lassen und ihr so die Spannung zu verleihen, die den Film bis zum Ende durchträgt. Martin, der Hunter, ist ein „loner“, man weiss nicht, woher er kommt, wer er ist. Zu Beginn ist er dem Lohn verpflichtet; er erscheint desillusioniert genug zu sein, von einer dubiosen Biotech-Firma den Auftrag anzunehmen, den letzten der ausgestorben geglaubten, mythischen Tasmanischen Tiger zu schiessen. Aus einem nicht näher bestimmten, auf jedenfall höchst verkommenen Grund will die Firma an das Gift des Tieres herankommen. Im Lauf der Handlung findet Martin zurück in die Zivilisation, sprich in die menschliche Gesellschaft. Der Weg dorthin ist das eigentliche Thema des Films. Wie er im Lauf der Dinge sein Gewissen und somit sich selbst wiederfindet und ihm zuletzt gerade deshalb nichts anderes übrig bleibt, als das sagenumwobene Wesen, dem er tatsächlich begegnet, abzuschiessen, das ist grossartig, traurig und wunderschön. Wie er das Tier wie ein totes Kind auf den Armen trägt und mit ihm im Nebel verschwindet, das ist von einer emotionalen Kraft und Schönheit, der man sich nicht entziehen kann.

Die bislang unbekannte Drehbuchautorin Alice Addison leistet hier Aussergewöhnliches. Auch sie war vor und nach The Hunter nur fürs Fernsehen tätig. Ihre Buch-Adaption ist kompromisslos, eigenwillig und zeugt von grossem dramaturgischem Können. Ihre Adaption wurde zum Glück nicht verwässert und aufs „grosse Publikum“ zurechtgestutzt und „Mehrheitsfähig“ gemacht, wie das bei unzähligen Hollywood-Produktionen der Fall ist. Dank einem mutigen Produzententeam konnte ein Kinostück daraus werden, das singulär in der Kinolandschaft steht und für sich selbst spricht; ein Stück freilich, das sichtlich nicht alle gleich schätzen können, weil es gängigen Konventionen zuwiderläuft. Wer die Nase voll hat von den üblichen Mustern, der sollte diesem meisterhaften Film eine Chance geben!

Abspann:
Wieder ein Film, der bei uns direkt auf DVD veröffentlicht wurde – und wieder ein Glücksfall. Die “Ascot Elite” brachte das Werk hierzulande auf DVD und auf Blu-ray heraus, in sehr guter Bildqualität (ich habe die Blu-ray getestet), zudem ist sowohl eine deutsche Synchron- als auch die amerikanische Originalfassung vorhanden, ebenso deutsche Untertitel. Die Extras sind ein Making Of und der Originaltrailer. Leider fehlt der auf der amerikanischen Ausgabe vorhandene Audiokommentar des Regisseurs.

Willem Dafoes vorheriger Film war Abel Ferraras Science-Fiction-Drama 4:44 Last Day on Earth. Nach The Hunter stand Dafoe für  Andrew Stantons Fantasy-Spektakel John Carter vor der Kamera.
Sam Neill, der in jeden australischen Film mitzuspielen scheint, und der in The Hunter eine ziemlich dubiose Figur verkörpert, stanf zuvor für den australischen Fantasy-Film The Dragon Pearl vor der Kamera. Danach kam eine tragende Nebenrolle im US-Romanze The Vow.
Daniel Nettheim hat leider in nächster Zukunft kein weiteres Kinowerk in Aussicht. Sein nächstes Projekt heisst Jack Irish und ist eine australische Fernehserie.

 

 

 

Das Scheusal – Sacha Guitry

LA POISON
Frankreich 1951
Mit Michel Simon, Germaine Reuver, Jean Debucourt, Marcelle Arnold, Georges Bever, Louis de Funès u.a.
Drehbuch und Regie: Sacha Guitry
Der Film lief im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Das Scheusal.
Dauer: 87 min
Im deutschsprachigen Raum ist der Film nicht verfügbar

Vorspann:
Inhalt: Paul Braconnier hasst seine Frau – am liebsten würde er sie umbringen. Sie säuft, wäscht sich nicht und hat kein gutes Wort für ihn übrig. Als Paul im Radio einen Anwalt hört, der sich seiner wirkungsvollen Verteidigung von Verbrechern brüstet, fasst der ehemüde Gatte einen waghalsigen Plan: Er sucht den Anwalt auf und beichtet ihm den Mord an seiner Frau – den er allerdings erst auszuführen gedenkt, wenn er dem Anwalt genügend praktische Hinweise zur sicheren Durchführung entlockt hat.

Der Film:
Guitrys La poison gehört zu den irritierendsten Filmen, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Die ganze Zeit glaubt man, einer witzig geschriebenen, charmant ausgeführten schwarzen Komödie beizuwohnen. Die Rollen von gut und böse sind scheinbar klar verteilt, schon das Wortspiel im Titel, „la poison“, weist Pauls Ehefrau als „Scheusal“ aus, die Hauptfigur erscheint im Gewand des armen, gutmütigen Ehetolpatschs.
Doch plötzlich, zehn Minuten vor Schluss, zieht einem der Film den Boden unter den Füssen weg. Die Gerichtsverhandlung kurz vor Filmende lässt den guten Paul in einem ganz anderen Licht erscheinen. Plötzlich ist er kein Trottel mehr, sondern ein wortgewandter, gerissener Hund, der alles zu seinen Gunsten orchestriert und manipuliert hat – inklusive Dorfbevölkerung. Doch weil Guitry den harmlos-charmanten Ton bis zum Schluss beibehält und das Geschehen permanent mit heiter-lieblicher Musik untermalt, merkt man zunächst gar nicht, wie man ihm auf den Leim kriecht. Man ist über Pauls Freispruch am Ende sogar erleichtert und feiert mit der Dorfbevölkerung mit.

Aber Moment!
Ein Mann ersticht seine Frau mit einem Messer. Vorher trifft er kaltblütig und minuziös Vorkehrungen, die die Jury zu seinen Gunsten einnehmen sollen, Vorkehrungen, die er seinem Verteidiger vorher schlau entlockt hatte. Dann verdreht er vor Gericht seinen Anklägern mit inszenierter Bauernschläue das Wort derart im Mund, dass diese wie Trottel dastehen.
Und er wird freigesprochen. Zu Unrecht! Und wir freuen uns?
Man kriecht Guitry voll auf den Leim. La poison ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich ein Filmpublikum manipulieren lässt – bis zum dem Grad, eine ammoralische Konklusion freudig zu akzeptieren. Und das ist das Irritierende an diesem Film: Der Zynismus versteckt sich unmerklich im Gewand des Harmlos-Betulichen. Guitry entlarvt das Rechtssystem gnadenlos, und macht noch einen drauf, indem er uns, die Zuschauer als Kolaborateure des Unrechts entlarvt: Indem wir uns über den Freispruch des Mörders freuen, bezeugen wir, dass wir den Missbrauch und die Verdrehung der Rechtsprechung gutheissen. Und weil wir das tun, wird der Missbrauch erst praktikabel. Und das ist, so wage ich zu behaupten, die eigentliche Botschaft des Films.

Für einmal ist der deutsche Titel treffender als der des Originals. Das Scheusal markiert genau die Doppelbödigkeit, die dem Film immanent ist, denn die Bezeichnung kann sowohl Pauls Gattin zugeschrieben werden – als auch Paul selbst. Am Ende fragt man sich nämlich, wer denn nun das wahre „Scheusal“ ist. Es könnte geradesogut Paul sein, denn die meisten Schauergeschichten, die er jedem, der es nicht hören will über seine Frau erzählt, werden vom Regisseur nie verifiziert. Er könnte sich dabei genausogut um Lügengeschichten handeln, um Teile der Manipulation, als deren Meister sich Paul später entpuppt. Wir sehen zwar, dass Pauls Gattin Blandine säuft und ihm respektlos begegnet. Aber das könnten auch Folgeerscheinungen seiner Lieblosigkeit und seines Disrespekts sein.
Michel Simon spielt Paul meisterhaft doppeldeutig. Bis zur Gerichtsverhandlung tritt er als harmloser Biedermann auf; doch vor dem Richter zeigt er, während die Verteidigung an sich reisst, geradezu dämonische Züge.

La poison gilt als Guitrys bester Film. Der ehemalige Theatermensch hat hier, nachdem er mehrere eigene Theaterstücke verfilmt hat, ein Originaldrehbuch umgesetzt, mit einer vom unvergleichlichen Michel Simon angeführten grandiosen Schauspielertruppe. Allerdings merkt man auch diesem Film Guitrys Herkunft an: Ellenlange, schlicht abgefilmte Dialoge reihen sich aneinander, herrlich ausgefeilte Konversationen zwar, aber sie lassen La poison wie ein für die Leinwand abgefilmtes Theater aussehen. Dass der Streifen bereits nach elf Tagen im Kasten war, bestätgit seine relativ einfache ciématografische Disposition; die kurze Drehzeit ist auch der Bitte Michel Simons geschuldet, nie mehr als ein Take für eine Szene zu drehen, eine Forderung, der Guitry trotz der Aufwändigkeit ihrer Realisierung (minuziöse Vorbereitung aller Beteiligten und der Anleitung des Regisseurs) nachkam.

Abspann:
Sacha Guitry war für seine gesprochenen Credits berühmt. In La poison hält er zu Beginn eine Lobrede an Michel Simon, bevor er sämtliche anderen Beteiligten mit kurzen scherzhaften Worten vorstellt. Guitry verstarb sieben Jahre nach Fertigstellung dieses Films. Er drehte bis dahin noch sieben Werke, zwei weitere davon mit Michel Simon.
Michel Simon war ein Theatermensch durch und durch, der sich auf der Bühne zu Hause fühlte. Mit dem Film konnte er nach eigener Aussage nur wenig anfangen, da er dort seine Szenen nicht spontan entstehen lassen konnte. Deshalb wollte er jede Szene nur einmal drehen. „Beim zweiten Mal ist es eine Lüge“, pflegte er zu sagen und meinte, dass dann die Natürlichkeit seines Spiels dahin sei, wenn er eine Szene wiederholen müsse. Trotzdem trat er bis zu seinem Tod im Jahre 1975 in 11o Filmen auf. Dass La poison ein derart unterhaltsamer Film geworden ist, ist zu einem grossen Teil Simons Verdienst.

 

Versteckte Filmperlen: Phoebe im Wunderland

PHOEBE IN WONDERLAND
USA 2008
Mit Elle Fanning, Felicity Huffman, Patricia Clarkson, Bill Pullman, Campbell Scott, u.a.
Drehbuch und Regie: Daniel Barnz
Der Film lief im deutschsprachigen Raum nicht in den Kinos – DVD Premiere 2012 unter dem Titel Phoebe im Wunderland
Dauer: 96 min
Im deutschsprachigen Raum ist der Film auf DVD und Blu-ray verfügbar

Vorspann:
Inhalt: Ohne zu spoilern etwas über den Inhalt diesen Films zu erzählen, ist äusserst schwierig. Meine Inhaltsagabe bleibt also diesmal rudimentär.
Es geht um ein kleines Mädchen, Phoebe, das plötzlich immer schwieriger wird, und an deren seltsamem Verhalten seine Umwelt – vor allem ihre Familie – zu verzweifeln droht. Phoebe legt rätselhafte, zwanghafte Verhaltensweisen an den Tag und droht in den institutionalisierten Therapie-Mühlen zerrieben zu werden. Unsensible Lehrpersonen und ein opportunistischer Schulleiter verstärken das Elend. Auf der anderen Seite steht eine zwar distanzierte, dem Verhalten des Kindes gegenüber aber positiv eingestellte Theaterpädagogin. Im Theaterfreifach, wo „Alice in Wonderland“ geprobt wird, tritt Phoebes seltsames Verhalten denn auch in den Hintergrund….

Der Film:
Ich kenne viele „Erstlingsfilme“, kaum bekannte Werke, die schlichtweg grossartig sind. Jedes Mal merke ich mir den Namen des Regisseurs – und höre und sehe danach meist entweder nie wieder etwas von ihm – oder nur noch Mittelmässiges. Warum?
Erstlingsfilme kommen oft nach langen Reifungsprozessen und endlosen Fundraising-Bittgängen zustande. Die Macher haben Zeit, ausserhalb von Erfolgserwartungen, Terminzwängen und Studiopolitik an Details zu feilen und sehr gründlich zu arbeiten; oft können die Vorhaben genauso umgesetzt werden, wie sie ursprünglich gedacht waren, da kein mitsprache-phobisch veranlagtes Grossstudio beteiligt ist.
Daniel Barnz ist so ein Fall. Phoebe in Wonderland war sein Erstlingsfilm – er wurde an diversen amerikanischen Filmfestivals gefeiert. Danach drehte Barnz drei weitere Filme (sein bekanntester war Beastly), von denen dem Vernehmen nach keiner mehr die Qualität und Intensität von Phoebe erreichte.
Genau kann man die Gründe dafür natürlich auf die Schnelle nicht eruieren, doch ich bin überzeugt, dass der Faktor Zeit eine grosse Rolle spielte: Zwischen der Niederschrift des Drehbuchs zu Phoebe in Wonderland und dessen Verfilmung lagen zehn Jahre. Danach kamen die Filme des inzwischen bekannten Barnz (im Schnitt) im Zweijahrestakt in die Kinos. Die Zwänge des Marktes hatten eingesetzt.

Phoebe in Wonderland fand trotz Kritikerlob und Erfolgen an einschlägigen Festivals (u.a. am renommierten Sundance-Festival) nur mit Müh‘ und Not einen Verleiher und gelangte nur in Teilen der USA auf die Leinwand. Im Rest der Welt gar nicht. Fürs grosse Publikum ist er zu „anders“, zu tiefgründig, und das Studiopublikum liess sich von der Schublade „Familienfilm“ abschrecken, in welche der Film zu Unrecht gesteckt wurde. So ist Phoebe eine echte Trouvaille, ein filmisches Bijou, das kaum jemand kennt und das ans Licht muss.

Die Inhaltsangabe klingt wie schon erwähnt, gefährlich nach einer kitschigen US-Familienkiste. Barnz umschifft die Kitsch-Klippen mit einer fürs US-Kino verblüffend realistischen, ehrlichen Problemanalyse einer mit einem „schwierigen“ Kind belasteten Familie. Phoebe in Wonderland lotet auf höchst sensible Art schwierige Themen aus wie den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn, er untersucht das Phänomen „Kindheit“ und den hilflosen Versuch der Erwachsenen, dieses zu verstehen. Lewis Carrolls Alice in Wonderland eigent sich für diese Zwecke hervorragend, und so korrespondiert Phoebes langsames Abgleiten in die Verrücktheit mit dem bedrohlichen Irrsinn, den Alice im Buch erlebt. Und ja, es gibt sie auch in diesem Film, die unvermeidlichen Sequenzen, in denen die Welt der Fantasie in die Realität der Protagonisten einbricht; die Ver-rückungen ins Fantastische werden allerdings mit Mass eingesetzt und mit wohltuend einfachen Mitteln überzeugend umgesetzt: Beleuchtung, Kostüme, Kulissen. Keine CGI-Effekte und überzeichneten Sepcial-Effects. Das hätte das Budget nicht erlaubt. Manchmal ist Geldnot ein Segen!

Die Darstellertruppe ist wunderbar, alle Akteure sind maximal gut besetzt – eine Freude, ihnen beim Verkörpern der vielschichtigen Charaktere zuzuschauen. Schlichtweg sprachlos macht aber die kleine Elle Fanning, welche die schwierige Rolle der Haupfigur innehat. Unbegreiflich, wie ein kleines Mädchen – sie war damals 10 – eine derart reife Leistung hinbekommt, wie sie abrupte emotionale Wechsel – von fröhlich Verspieltheit zu kompletter Zerrüttung innert Sekunden – derart glaubhaft spielt, dass man eine Gänsehaut bekommt, den Tränen nahe steht oder beides. Ich sehe mir ja wirklich viele Filme an: Ich kann mich nicht erinnern, wie lange es her ist, dass mich eine schauspielerische Leistung derart umgehauen hat wie jene der Elle Fanning in diesem Film. Kinderstars wirken oft prätentiös – Elle Fanning spielt mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, dass man ihr die Phoebe und ihre Macken vollständig abnimmt. Auch Jodie Foster war von Elles Leistung überwältigt: “I was blown away by that performance — blown away. She should have been nominated for an Oscar.“ Mich würde brennend interessieren, wie Barnz mit dem Mädchen gearbeitet hat! Leider ist gerade darüber nichts zu finden.

Phoebe bringt mit ihrem langsamen Abgleiten in eine rätselhafte Verrücktheit die Institutionen Familie, Schule und Psychiatrie an ihre Grenzen. Der Schluss des Films beinhaltet eine Auf-Lösung, die man bei oberflächlicher Betrachtung für ein Happy End halten könnte. Für die oben genannten Institutionen mag es vielleicht ein glücklicher Ausgang sein. Aber für Phoebe? Das muss bezweifelt werden.
Mit dieser Doppeldeutigkeit ist der Film zu Ende. Im Kopf geht er – wie alle wirklich guten Filme – noch lange weiter.

Nachspann:
Ein Glücksfall für alle Freunde filigraner (aber nicht abgehobener) Filmkunst, dass dieser vom Publikum und den Verleihern übersehene Film bei uns überhaupt veröffentlicht wurde. Die „Best Entertainment AG“ brachte das Werk hierzulande auf DVD und auf Blu-ray heraus, leider ohne jegliche Extras, dafür mit hervorragender Bildqualität (ich habe die Blu-ray getestet), zudem ist sowohl eine deutsche Synchron- als auch die amerikanische Originalfassung vorhanden; auch Untertitel fehlen nicht, die Übersetzung ist akkurat und stimmig.

Bisherige hier vorgestellte, bei uns auf DVD / Blu-ray erhältliche versteckte Filmperlen:
Zwei in einem Stiefel
-Phoebe im Wunderland