Monat: Januar 2012

Wenig ergiebiges Kostümstück

LITTLE OLD NEW YORK
USA 1923
Mit Marion Davies, Harrison Ford, Montague Love, Louis Wolheim u.a.
Regie: Sidney Olcott
Dauer: 106 min

Manchmal hat man Pech.
Da bestellt man für teures Geld einen wenig bekannten Stummfilm bei jenem kleinen DVD-Manufakteur in den USA, der seine DVDs von 16mm-Kopien aus eigener Sammlung oder befreundeter Sammler herstellt. Da sind manchmal echte Perlen dabei, die in keinem anderen DVD-Katalog zu finden sind.
Doch eben: Manchmal hat man Pech und kriegt einen unbedeutenden oder unoriginellen Film, den man geradesogut in der Obskurität hätte belassen können.
Obwohl die Inhaltsangabe und die imdb-Bewertung vielversprechend klangen, musste ich leider feststellen: Little Old New York ist einer davon.

New York im Jahre 1806: In einer stürmischen Nacht erreicht ein Passagierboot aus Irland den Hafen. An Bord sind der alte John O’Day und sein Sohn Pat. Den Jungen erwartet die reiche Erbschaft eines vor Jahren ausgewanderten Onkels, was den verarmten O’Days gerade gelegen kommt.
Da der echte Pat, ein kränklicher, bettlägriger Junge während der Überfahrt verstarb, übernimmt seine Schwester Patricia die Rolle des Erben, damit die Familie an das Geld kommt. Allerdings muss sie sich in New York in die Obhut eines Vormundes begeben, der sich ebenfalls einen Anteil der Erbschafft erhofft hatte. Und in den verliebt sie sich im Lauf des Films, was sie wegen ihrer Aufmachung als Mann zu verstecken genötigt ist.

Marion Davies und Harrison Ford der ältere (keine Verwandtschaft mit Harrison Ford dem jüngeren) spielen Vormund und Mündel in diesem schön ausgestatteten, bisweilen etwas gar behäbigen Gesellschaftsdrama aus New Yorks Anfangszeit. Es wurde nicht an Kulissen gespart, sogar Robert Fultons erster Schaufelraddampfer wurde akkurat und in voller Grösse nachgebaut (finanziert wurde der teure Film von William Randolph Hearst), historische Figuren treten zu Hauf‘ (und in für die Handlung absolut belanglosen Szenen) in Erscheinung – trotzdem bleibt der Film in seiner ersten Hälfte zäh und mühsam.

Erst, als er sich vom ganzen historisierenden Korsett befreit und endlich zu erzählen beginnt, kommt mehr Leben in die Bude. Die Aufregung um die Geldbeschaffung für das erste Dampfboot auf dem Hudson, ein Boxkampf, der in eine Massenhysterie mündet, Pat’s Rettung vor dem Lynchmob durch ihren Vormund – das alles hat Tempo und ist gerade in den Massenszenen hervorragend inszeniert. Und mittendrin wirbelt Marion Davies als Herz des Films in ihrer ersten erfolgreichen Rolle und drückt dem burschikose Mädchen ihren eigenen komödiantischen Stempel auf.

Doch ist das Thema des Films wohl zu amerikanisch, jedenfalls erscheint der Film insgesamt belanglos und für uns Europäer eher uninteressant. Ein Kostümstück aus demselben historischen New York, dem Martin Scorsese mit The Age of Innocence 70 Jahre später ein eindringlicher gestaltetes Porträt gewidmet  hat.
Ich konnte mich nicht besonders dafür erwärmen – deshalb: Kurzer Text und weiter zu besseren Stummfilmen…
6/10

Der Film ist bei Grapevine Video in den USA zu beziehen. Die Versandkosten nach Europa veranschlagt Geschäftsinhaber Jack Hardy nicht allzu hoch.

Tonfilm-Seitensprünge

So, hier ist sie nun, nun die längste angekündigte Methode, die werte Leserschaft im Sinn eines Sehtagebuches auf meinen anderen Filmblog aufmerksam zu machen: Ein Kurzüberblick über die von mir gesehenen Tonfilme – und der Clou dabei: Die Titel weisen per Link auf den anderen Blog. Gut, gell?!
Das mache ich von jetzt an sporadisch so, bis der andere Blog im Bewusstsein der Bloggergemeinde Einzug gehalten hat.

DIALOGUE AVEC MON JARDINIER (dt.: Dialog mit meinem Gärtner; Fr 2007) 10/10
MEDUZOT
(dt.: Jellyfish… vom Meer getragen; Israel 2007) 9/10
SILENT RUNNING
(dt.: Lautlos im Weltraum; USA 1972) 4/10
BOTTLE ROCKET
(dt.: Durchgeknallt; USA 1996) 6/10

…und übermorgen kommt hier wieder ein Stummfilm – wie es sich gehört.

Die Hit-Komödie des Jahres 1920

ONE WEEK
USA 1920
Mit Buster Keaton, Sibyl Seely, Joe Roberts u.a.
Regie: Buster Keaton
Dauer: 21 min

Wie angekündigt, folgt hier die nächste Keaton-Kurzfilm-Besprechung. Nach Rezensionen von The Scarecrow, The Paleface und The Play House gehen wir heute zurück zum Anfang und werfen einen Blick auf den allerersten selbstinszenierten Film, der von Buster Keaton in die Kinos kam.
Obwohl es sich dabei nicht um sein Regiedebüt handelt, war One Week doch der Film, mit dem sich der Regisseur Keaton der Filmwelt vorstellte. Sein Erstlingswerk war genaugenommen The High Sign, Keaton und sein Produzent Joe Schenk brachten es jedoch erst ein Jahr später heraus.

One Week war damals eine Sensation – und ist es bis heute geblieben. Was Keaton da an visuellen Gags auffährt war 1920 noch nie dagewesen; heute wirkt der Film dank der ungewöhnlichen Konzeption und der Frische seiner Konstruktion und seiner Ausführung noch immer, die damalige Faszination kann mühelos nachvollzogen werden.

Der Zweiakter handelt von einem frisch vermählten Brautpaar, das ein Haus Marke Eigenbau geschenkt gekriegt hat und dieses nun zusammenbauen will. Der Film funktionierte 1920 auch als Parodie auf einen damals bekannten Dokumentarfilm zum selben Thema.
In Keatons Version gibt es allerdings einen übelwollenden Nebenbuhler, der die Nummern der einzelnen Fertigbauteile unbemerkt ändert und schadenfroh zuschaut, wie das Paar etwas zusammenzimmert, das einen Haus zwar ähnlich sieht, das aber unzählige Fehler, Tücken und Disfunktionalitäten aufweist.

Und hier erleben wir einen Keaton, der absolut in seinem Element ist: Mit schier unerschöpflicher Fantasie spielt er mit den Versatzstücken des Hauses, funktioniert sie um, löst sie aus dem ursprünglichen Kontext und führt sie neuen Zwecken zu. So wird ein Verandageländer erst zur Leiter, dann (als alle Sprossen herausgebrochen sind) zu riesenhaften Stelzen, ein Teppich zum Trampolin, das ganze Haus schliesslich – während eines Wirbelsturms – zum Karussell. Damit führt er das Prinzip, das von Charlie Chaplin im berühmten Kurzfilm The Pawnbroker ausgebaut und perfektioniert wurde, nämlich sämtliche Gegenstände konsequent zweckzuentfremden, auf die Spitze.

Keaton liess für One Week drei Häuser konstruieren: Einen Rohbau, für die Anfangssequenzen, die das Ehepaar beim Bauen zeigen, eine massive Version des fertigen Hauses, das auf eine riesige Drehscheibe gestellt wurde und
eine leichte, nicht stabile Version davon, die für das Filmende zerstört werden konnte.

Das ging ins Geld. One Week gehört zu den teuersten jemals gedrehten Zweiaktern – der immense Publikumserfolg spielte allerdings ein Mehrfaches davon wieder ein, denn One Week wurde zur erfolgreichsten Kurzkomödie des Jahres und katapultierte Buster Keaton quasi über Nacht zu Filmruhm.
Die verschwenderische, zeitweise sogar masslose Ausstattung war also von Anfang an ein Markenzeichen des Regisseurs Keaton – der unbekümmerte Umgang mit den finanziellen Mitteln sollte ihm später das Genick brechen und seinen Abstieg einläuten (Näheres siehe bei The Cameraman).

Man kann One Week etliche Male anschauen, stets wird man Neues entdecken oder zumindest stets von Neuem über die unglaublichen Schnittfolgen und Gagsequenzen staunen. Als der Sturm losbricht, wird drinnen gerade die Housewarming Party gefeiert. Die Konstruktion des Gebäudes macht es nötig, dass die Hausführung mit aufgespanntem Regenschirm abgehalten wird.

Als der Hausherr kurz vor die Tür geht, beginnt sich das Haus zu bewegen, so dass er jedes Mal, wenn er eintreten will, die Tür verfehlt und in die Wand knallt. Damit nicht genug: Das Haus wird zum Karussell, was Keatons Bemühen, einzutreten zu einer frenetischen Hetzjagd nach der Haustür gestaltet. Und ständig wird nach drinnen geschnitten, wo die Gäste von der Fliehkraft an die Wände gedrückt werden oder wie Spielzeuge durcheinanderpurzeln. Während Keaton draussen die Haustür immer knapp um einige Zentimeter verfehlt, die Wand rammt und vom Haus in den Dreck zurückkatapultiert wird, fliegen die Gäste durch die offenen Fenster ins Freie.

Immer wenn man denkt, das war’s jetzt, gibt Keaton noch einen drauf, bis einem vor Lachen buchstäblich die Luft wegbleibt. Man darf mit Fug und Recht behaupten, dass One Week zu den komischsten Kurzfilmen aller Zeiten gehört.
Damals hatte man gedacht, dass dies schwerlich zu überbieten sei. In seinen Langfilmen jedoch gelang Keaton dies, indem er seinem queren, verschrobenen Humor Spannung und cinématografische Raffinesse beifügte und damit einige unsterbliche Meisterwerke schuf.
10/10

In Deutschland ist One Week in der Sammlung Buster Keaton, Vol 2 auf DVD erhältlich. Für Keaton-Fans empfehlenswert ist allerdings die 3-DVD-Box von Kino International, Buster Keaton Short Films Collection, welche sämtliche Kurzfilme Keatons in Top-Qualität enthält.