Dokumentarfilm

Ein unbekannter deutscher Stummfilm

VOM REICHE DER SECHS PUNKTE
Deutschland 1927
Mit Lotte Kleinschmidt, Robert Wirz, Hubert Horbach u.a.
Regie: Hugo Rütters
Dauer: 95 min

Im Zuge meiner Bemühungen um Filme zur Aktion Zeit für DÖS bin ich auf ein filmgeschichtlich unbekanntes Stummfilmwerk, das abseits der deutschen Filmmetropolen entstand, gestossen. Es handelt sich dabei um keinen Spielfilm im herkömmlichen Sinn, sondern um einen Dokumentarfilm mit Rahmenhandlung – um einen sogenannten „Aufklärungsfilm“.
Vom Reiche der sechs Punkte ist ein Film, über dessen Entstehung wenige bis gar keine keine Informationen mehr vorliegen; auch Kritiken oder Pressehinweise wurden keine gefunden. Man vermutet daher, dass der vom Rheinischen Blindenfürsorgeverein gesponsorte Film damals nicht im regulären Kinoprogramm, sondern nur vor „interessiertem Publikum“ gezeigt wurde.

Aufgeklärt wird hier das Publikum von 1927 über den „Blindenfürsorgeverein“ Düren und dessen Errungenschaften auf dem Gebiet der Blindenbetreuung. Doktor Hugo Rütters, dessen einziges cinématografisches Werk dies ist, zog mit einem Kamerateam und einer Schauspielerin nach Düren und filmte dort den Heimalltag, der dann mit einer Spielhandlung in eine Form geschnitten wurde: Einem erblindenden Architekten, dem keinerlei Aussicht auf Heilung attestiert wird, kommt nach Düren und lernt sich dort in die Gemeinschaft der Blinden einzufügen, wobei er zum Korbflechter ausgebildet wird. Seine Freundin begleitet ihn durch die verschiedenen Stationen seines Leidenswegs, mit ihr zusammen gründet er am Ende eine Familie und eine kleine Korbmanufaktur.

Von Reiche der sechs Punkte – der Titel bezieht sich auf die Braille-Schrift – ist ein Film, der ohne grosse künstlerische Amitionen entstand.
Die Bilder bleiben auf der funktionalen Ebene und geben dokumentarische Einblicke in die Institution des Blindenfürsorgevereins. Somit haben sie heute vor allen Dingen historischen Wert, denn sie geben das Leben und den Geist der damaligen Zeit exakt wieder. Der damalige Stand der Medizin und der Pädagogik wird detailliert gespiegelt – diese Sequenzen sind auch für den jeweiligen Laien interessant. Der gönnerhafte Ton, mit welchem da von „unseren Blinden“ gesprochen wird, lässt den Geist jener Zeit genauso erahnen wie die Bilder von grob zupackenden Ärzten, welche „unsere Blinden“ und ihre Gebrechen für den interessierten Zuschauer mitleidlos vor das Auge der Kamera zerren.

Insgesamt ist der Film zu lang und zu gleichförmig, um das Interesse eines heutigen Publikums über seine gesamte Spiellänge aufrechterhalten zu können. Zu vieles wiederholt sich und scheint für heutige Sehgewohnheiten zu sehr und zu unnötig in die Länge gezogen.
Auch das Klavierspiel Joachim Bärenz’, der sonst für seine höchst interessanten und abwechslungsreichen  Stummfilmbegleitungen bekannt ist, bezieht aus den Bildern hörbar weniger Inspiration als üblich.

So bleibt, diesen Film für historisch Interessierte zu empfehlen; wer Handlung vorzieht, dem sei vom Kauf dieser DVD eher abgeraten.
5/10


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

http://www.amazon.de/Reiche-sechs-Punkte-Lotte-Kleinschmidt/dp/B001B3IM64/ref=sr_1_1?s=dvd&ie=UTF8&qid=1321012869&sr=1-1

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SOUTH (1919)

England 1919
Mit Sir Ernest Shackleton u.a.
Regie: Frank Hurley
Dauer: 80 min

Während der erste Weltkrieg tobte und die westliche Zivilisationen langsam aus den Angeln hob, gab es eine Gruppe von 28 Männern, die davon rein gar nichts mitkriegten. Sie befanden sich mit einem kleinen Forschungsschiff namens Endurance auf einer Expedition quer durch die Antarktis. Die Rückkehr, die eigentlich wenige Monate nach der Abfahrt (im Sommer 1914) hätte erfolgen sollen, wurde durch unglaubliche Strapazen und Gefahren immer weiter hinausgezögert. Schliesslich kehrte die Truppe vollzählig, aber am Ende ihrer Kräfte erst im Jahr 1917 nach England zurück.

Die von Sir Ernest Shackleton geleitete Pol-Expedition ist berühmt, noch berümter ist deren spektakuläres Scheitern. Es gibt mehrere Romane und Spielfilme darüber, der bekannteste davon ist wohl der TV-Mehrteiler Shackleton mit Kenneth Branagh in der Titelrolle.
Weniger bekannt ist heute, dass ein Dokumentarfilm von der Expedition existiert, ein Zeitzeugnis aus erster Hand, denn auf der Endurance fuhr der Kameramann Frank Hurley mit.

Sein Film South wurde zunächst als Illustration für Shackletons Vorträge benützt, kam aber im Jahre 1919 als eigenständiges Filmdokument in die Kinos. Das National Film and Television Archive in London hat den Film nun rekonstruiert und viragiert, die DVD von South gibt es auch im deutschsprachigen Raum zu kaufen.

South zeichnet Shackletons Expedition mit grandiosen Bildern nach. Frank Hurley hat zum Teil erhebliche Strapazen auf sich genommen, um die Bilder zu bekommen, die er wollte. So ist South nicht bloss eine Bebilderung der Reise geworden, sondern ein Dokumentarfilm mit künstlerischem Anspruch. Die Bilder lassen das Staunen und die Ehrfurcht der damaligen Teilnehmer wieder lebendig werden.

Hurleys Film ist eindrücklich, da er eine Legende zum Leben erweckt. Was die Meisten aus zeitlich entrückten Artikeln oder gedruckten Berichten kennen, erwacht hier zum Leben: Das Steckenbleiben im Eis;  die monatelange Stagnation; der Versuch, sich im ewigen Eis einzurichten; der Untergang der vom Eis eingeschlossenen und zerdrückten Endurance. All das hat Huleys Kamera nicht nur festgehalten, sondern mittels besonderen Bildkompositionen auch kommentiert.

Doch dann bricht der filmische Bericht leider ab. Erst was dann folgte, war für die Endurance-Männer der blanke Horror: Das Schleppen der Beiboote übers ewige Eis; der Versuch, in den Beibooten übers Eismeer Land zu Erreichen; die zermürbenden Stürme auf hoher See; der Versuch einiger Freiwilliger, nach South Georgia zu gelangen, um Hilfe zu holen; der Schrecken, der die Männer dort erwartete.
All das bleibt Legende, da ein Weiterfilmen unter den hereinbrechenden Katastrophen offensichtlich unmöglich wurde.

Statt dessen präsentiert uns Hurley Szenen aus dem Tierleben. Nach der Rückkehr reiste er nochmals nach South Georgia, um die dort lebende Tierwelt zu filmen – nicht zuletzt als Publikumsmagnet; Tieraufnahmen waren damals beim Publikum offenbar sehr beliebt.

Heute wirkt das seltsam. Der dramatische Bericht bricht plötzlich ab – um harmlosen Tiersequenzen Platz zu machen. Die Zwischentitel versuchen zwar immer wieder, die Brücke zur Shackleton-Expedition zu schlagen, aber deren Schicksal bleibt doch weitgehend im Dunkeln. Dazu muss man den Audiokommentar einschalten (leider nur auf Englisch, ohne Untertitel) oder das Booklet lesen…

… oder sich die DVD mit dem Branagh-Film besorgen.

Die DVD: Die Bildqualität ist gut bis sehr gut, das Bild ist in der Regel klar und scharf. Öfter tritt das Problem der Überbelichtung zutage, was aber bestimmt mit den widrigen Umständen vor Ort zu tun hat; die Einfärbungen (blau, gelb und orange) leuchteten mir nicht immer ein, stören aber nicht wirklich.

Die Musikbegleitung hat Neil Brand am Klavier besorgt. Sie ist sehr stimmig und sensibel. Besonders die Passage, in welcher das Schiff langsam zerstört wird, gewinnt durch die Musik enorm an zusätzlicher Tiefe und Dramatik.

Extras: Zusätzliches, kürzlich entdecktes Filmmaterial; Audiokommentar (nur in Englisch); Original-Tonaufnahme von Sir Ernest Shackleton; Fotogalerie; Film von Shackletons Begräbnis; kommentierte Expeditionskarte; informatives Booklet von Rainer Niehoff.

Reginalcode: 2

Bestellung: Der Film ist in Deutschland erschienen, wird von absolut medien vertrieben und ist auch dort zu bestellen. Auch bei amazon.de ist er, u.U etwas günstiger, erhältlich.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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