Monat: Oktober 2018

In eigener Sache

Den folgenden Text habe ich für die Rubrik „Ueber diesen Blog“ verfasst. Da er dort eher untergeht, stelle ich ihn nun, da er fertig ist, auch auf der Hauptseite ein. Ich versuche darin, meine Position im Bloggerdschungel zu deklarieren…

Einmal mehr habe ich mein Blog-Konzept etwas geändert: Die Beiträge erscheinen in lockerer Folge. Zudem habe ich vor längerer Zeit das Konzept geöffnet: Es werden nicht mehr nur Stummfilme besprochen, wie dies der Blogtitel impliziert, sondern generell Filme von 1910 bis heute. Dabei liegt mein Interessenschwerpunkt auf dem englischsprachigen Filmschaffen, zuvorderst steht das vom Feuilleton ach so verpönte amerikanische Kino.

Mit meinen Texten versuche ich, gegen die einseitige Sicht von Links anzuschreiben. Jahrzehntelang wurde uns die Sicht der fast ausschliesslich linkslastigen Filmkritik unterbreitet. Auch heute noch sagen uns vor allem die Linken, welche Filme wertvoll seien und welche nicht; dabei standen und stehen allzu oft deren politische oder gar ideologische Kriterien im Vordergrund. Der Kanon der „grossen und wertvollen Filmwerke“ geht auf eine zumeist linke Rezeption ab den Sechzigerjahren zurück.
Das ergibt folglich für Leute, die nicht links denken, ein schiefes Bild der Filmgeschichte. So hat etwa das noch heute gültige, vielfach gedankenlos übernommene, in seiner Undifferenziertheit und Pauschalität nichtssagende Verdikt, das amerikanische Kino sei „imperialistisch“ und deshalb abzulehnen, rein gar nichts mit der handwerklichen Qualität von dessen Erzeugnissen zu tun. Leider ist diese gerade im US-Film überdurchschnittlich hoch, höher als im europäischen Film, der sich bis heute vor allem anderen um (politisch) wertvolle Botschaften be-müht, um bei der Kritik punkten zu können; der handwerkliche Aspekt wird von den europäischen Filmschulen sichtlich vernachlässigt.

Das Publikum, zu dem ich mich auch zähle und das von der linken Kritik gern für dumm erklärt wird, tendiert klar zum US-Kino – das geht jeweils klar aus den wöchentlichen Kinoeintritts-Statistiken hervor. Wir Dummen lassen uns halt gerne Geschichten erzählen, und das können die Amis hervorragend. „If you got a message, send it by Western Union“ – diese im US-Kino etablierte Haltung sagt alles über den Unterschied zum europäischen Film.
An der sozialen Ungerechtigkeit im Liverpool der Sechzigerjahre interessiert mich heute höchstens der historische Aspekt; über diverse Ungerechtigkeiten in der Welt bin ich durchaus im Bilde; ich muss mich weder als engagierten Zeitgenossen öffentlich präsentieren, noch muss ich mich selbst meines Engagements versichern oder ins Kino gehen, um im Wir-Gefühl des Gutmenschentums zu baden. Das Kino ist für mich kein Ort der Selbstbestätigung, sondern des Staunens, der unbegrenzten Möglichkeiten und Geschichten.

Trotzdem wird es auf diesem Blog selten zu Neubeurteilungen von arrivierten Filmklassikern kommen. Ich finde zwar, der Status vieler hochgelobter Filme müsste im Sinne einer Neubeurteilung hinterfragt werden, während in Vergessenheit geratene Werke wieder aus der politisch motivierten Versenkung gehoben und neu bewertet werden sollten. Doch ich habe mich in der Vergangenheit durch zu viele „grosse Werke des internationalen Films“ hindurchgelangweilt, als dass ich nun, in meiner Freizeit, weiter Lust dazu fände.
Weil ich aber den amerikanischen Film nicht imperialistisch und verlogen finde, sondern im Gegenteil in meinem ganzen Leben und bis heute darin mehr Perlen entdecken konnte als im europäischen Filmschaffen, wird er hier bevorzugt behandelt. Er wurde von der offiziellen Kritik lange genug ideologisch abgestraft, zu Unrecht missachtet und verlacht.

Obwohl ich früher als Filmkritiker tätig war, schreibe ich meine Rezensionen nicht für ein Fachpublikum, wie viele Kollegen dies tun. Fast immer habe ich beim Lesen von Filmkritiken das Gefühl, diese seien für andere Filmkritiker oder für Filmhistoriker geschrieben worden. Ich möchte mit meinen Texten den „Otto Normalfilmegucker“ ansprechen, freilich nicht ohne auf filmhistorische und filmtechnische Aspekte aufmerksam zu machen.

Gute Unterhaltung nun also beim Lesen und Stöbern.
Rückmeldungen sind natürlich sehr erwünscht…!

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Labor Day (2013)

USA 2013
Mit Kate Winslet, Josh Brolin, Gattlin Griffith, Brooke Smith, Maika Monroe u.a.
Drehbuch: Jason Reitman nach dem Roman von Joyce Maynard
Regie: Jason Reitman
Dauer: 111 min

Die verbitterte Witwe Adele (Kate Winslet) lebt mit ihrem Sohn Henry (Gattlin Griffith) allein in einem grossen Haus am Rande eines Städtchens des Bundesstaates Massachusetts. Adele, die vor Jahren von ihrem Ehemann verlassen wurde, sehnt sich nach Liebe, verlässt aber, von schweren Depressionen gelähmt, kaum mehr ihr Haus. Einmal in der Woche fährt sie mit Henry zum Supermarkt.
Auf einem dieser Ausflüge tritt plötzlich ein Fremder auf Henry zu und bittet ihn um Hilfe. Er blutet und bittet darum, versorgt zu werden. Als Adele misstrauisch ablehnt, sagt er: „Ich fürchte, sie haben keine Wahl“.
So nimmt eine Geschichte ihren Lauf, der man als Zuschauer, obwohl sie in ruhigen Bildern, langen Einstellung und ohne jegliche Action erzählt wird, beinahe atemlos folgt.

Der Fremde (Josh Brolin), der sich sich Frank nennt, entpuppt sich schnell als entlaufener Sträfling. Er ist aus der Krankenabteilung des benachbarten Gefängnisses mit einem Sprung aus dem Fenster geflüchtet, bei dem er sich verletzt hatte. Seither wird fieberhaft nach ihm gefahndet. Frank will von der Witwe lediglich verarztet werden, etwas essen, schlafen und am nächsten Morgen wieder verschwinden.
Der Film portraitiert Frank zu Beginn weg und ohne viel Aufhebens als im Grunde anständigen Kerl. Seiner bedrohlichen Aura entgegen stehen höfliche Manieren und die auffallende Rücksichtnahme, die er Adele und Henry entgegenbringt. Nach dem anfänglichem Schrecken fühlt sich die einsame Witwe immer mehr zu dem sanften Fremdling hingezogen. Dieser bleibt aufgrund ihres Drängens und wegen der Wunde schliesslich doch etwas länger. Derweil geht draussen die Suche nach ihm weiter…

Was sich in der Nacherzählung schnulzig anhört, ist in der filmischen Umsetzung frei von Kitsch und Sentimentalitäten. Regisseur/Drehbuchautor Reitman und seine beiden Hauptdarsteller fesseln den Zuschauer mit einer Dramaturgie, welche das jähe Ende der zögerlich aufkeimenden Liebe ständig impliziert. Der Film ist deshalb streckenweise spannend wie ein Krimi. Die Suspense ergibt sich zunächst aus der Frage, ob Frank nicht vielleicht doch gefährlich ist, später aus der Möglichkeit, dass er entdeckt wird. Der nette Nachbar, der klingelt, um Adele ein paar Pfirsiche abzugeben, stellt bereits eine Bedrohung dar. Ebenso die Freundin, welche ihren geistig behinderten Sohn für ein paar Stunden beaufsichtigt haben will.
Die Liebe zwischen Adele und Frank erscheint etwas derart Fragiles und Kostbares, dass deren Zerstörung je länger je unerträglicher erscheint. Die filmische Umzusetzung einer solch verhaltenen Liebesgeschichte gehört zu den schwierigsten Herausforderungen für einen Regisseurs. Jason Reitman ist dies meisterhaft gelungen.

Labor Day ist thematisch kein Schwergewicht, die zugrunde liegende Geschichte hat im Grunde nicht mehr als Groschenromanformat; vielleicht gibt die Romanvorlage ja auf literarischer Ebene etwas her – das kann ich mangels Unkenntnis nicht beurteilen. Doch ich sehe, was der Regisseur / Drehbuchautor daraus macht, und das ist sensibles, feinsinniges Kino auf höchstem Niveau.

Weil ich diesen Film wärmstens empfehle, verrate ich nun auch, dass er gut ausgeht – sonst guckt ihn ja doch wieder niemand. Aber: Das Happy End kommt nicht so, wie Sie jetzt denken. Und darüber schweige ich mich aus.

Die Regie: 10 / 10 
Das Drehbuch: 9 / 10 
Die Schauspieler: 10 / 10 
Gesamtnote: 10 / 10

Verfügbarkeit:
Labor Day ist im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray erhältlich (deutsche Synchro / englische Originalfassung mit deutschen UT).
Im Stream zu finden ist er bei amazon prime und iTunes (Deutsch/Englisch mit dt. Untertiteln), Rakuten TV, Videoload und CHILI (Deutsch und Englisch ohne dt. Untertitel), maxdome, Google Play, Microsoft und Sony (nur Deutsch).

Der Engel mit der Mörderhand (1968)

USA 1968
Mit Anthony Perkins, Tuesday Weld, John Randolph, Beverly Garland, Dick O’Neill u.a.
Drehbuch: Lorenzo Semple Jr. nach einem Roman von Stephen Geller
Regie: Noel Black
Dauer: 89 min

Achtung: Dieser Text enthält Spoiler – ebenso der Blick auf den deutschen Verleihtitel und das amerikanische Filmplakat! Am besten lesen Sie diese Rezension mit geschlossenen Augen.

Im Ernst: Ich weiss wirklich nicht, wie ich den Twist dieses Films verstecken soll, wenn dieser schon vom Filmtitel verraten wird. Andererseits: Wer liest die Rezension und schaut gleich danach den Film? Bis Sie ihn sich (wenn überhaupt) ansehen, haben Sie all das Geschreibsel wieder vergessen.

Acht Jahre vor Erscheinen dieses Films gab Anthony Perkins in Hitchcocks Psycho den Norman Bates. Seither war er auf psychisch zumindest labile Charaktere abonniert. Pretty Poison macht – unter anderen – deutlich, weshalb: Er konnte das wirklich ganz hervorragend. Perkins erscheint zum ersten Mal im Bild und schon beschleicht den Zuschauer ein leichts Unwohlsein: Was stimmt mit dem nicht? Ein leichtes, unmotiviertes Zucken des Mundes, kurze, abschweifende Seitenblicke – und schon ist der gewünschte Effekt da. Perkins setzt seine schauspielerischen Mittel sparsam, aber höchst effektiv ein.

In Pretty Poison ist sein Verrückter allerdings vergleichsweise harmlos – verglichen mit anderen Charakteren, die Perkins in anderen Filmen gespielt hat, verglichen aber auch mit der weiblichen Hauptfigur in diesem Film. Sue Ann heisst die junge Frau (Tuesday Weld), in die sich der auf Bewährung freie Straftäter Dennis (Perkins) verguckt hat. Dennis probt die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, arbeitet in einer Chemiefabrik und steht unter der Beobachtung seines Mentors Azenauer (John Randolph). Um die junge Dame auf sich aufmerksam zu machen, gibt er sich geheimnissvoll und mimt am Würstchenstand den CIA-Agenten. Das hat zunächst durchaus seinen komischen Reiz, vor allem, weil sie auf seine Albernheiten hereinfällt und sich davon mächtig beeindrucken lässt. Bis man so langsam erkennt, dass Sue Ann selbst einen an der Klatsche hat…

Bis das soweit ist, zieht sich der Film leider etwas in die Länge – weil die Charaktere zu lange in ihrer Naivität, in ihren kindischen Spielereien verharren.Etwa in der Hälfte kommt die Wende, als Dennis eines Nachts mit Sue Anns Hilfe einen lange gehegten Plan in Tat umsetzt: Er will den Abfluss der Chemiefabrik, der giftige Substanzen in den benachbarten Fluss leitet, mittels Entfernens zweier Schrauben zerstören. Dummerweise werden die beiden „Geheimagenten“ vom Nachtwächter überrascht…
Wie ein Paukenschlag offenbart der Zwischenfall Sue Anns psychische Störung – und von da weg kommt Bewegung in die Geschichte. Aus dem Spiel wird Ernst – die beiden Jugendlichen müssen einen Mord vertuschen, geraten aber dank Sue Anns Wahnsinn immer tiefer in den Schlamassel.

Die Macher dieses kleinen, aber feinen Psychothrillers sind heute vergessen. Das Drehbuch stammt von Lorenzo Semple jr. , einem heute kaum mehr bekannten Autor, der zuerst fürs Fernsehen arbeitete, mit Pretty Poison sein erstes Filmdrehbuch verfasste und dann eine ganze Serie beachtlichter Vorlagen für Klassiker wie Papillon, The Parallax View, Three Days of the Condor und den kürzlich hier besprochenen King Kong entweder mitverfasste oder im Alleingang schuf.
Beim Regisseur verhält es sich fast genau umgekehrt: Noel Black drehte zwischen 1968 und 1983 fünf grosse, aber kaum erfolgreiche Kinofilme; danach arbeitete er nur noch fürs Fernsehen, wo er einige beachtliche TV-Filme schuf.
Pretty Poison ist ein Glücksfall, denn ein Film mit dieser Thematik hätte peinlich ins Auge gehen können. Der Glücksfall liegt im sensiblen Zusammenspiel zwischen dem Regisseur und den herausragenden Hauptdarstellern. Diesmal ist es nicht Anthony Perkins, sondern Tuesday Weld, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch:  7 / 10 
Die Schauspieler: 9 / 10 
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit:
Pretty Poison gab es im deutschsprachigen Raum einst auf DVD (deutsche Synchro / englische Originalfassung, allerdings ohne deutsche Untertitel). Sie ist inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich (z.Bsp. über amazon)
Im Stream findet er sich aktuell bei keinem Anbieter.