Warner Archive Collection

Der grosse Garrick

THE GREAT GARRICK
USA 1937
Regie: James Whale
Darsteller: Brian Aherne, Olivia de Havilland, Edward Everett Horton, Melville Cooper, Lionel Atwill, Lana Turner, u.a.
Drehbuch: Ernest Vajda
Studio: Warner Bros
Deutschsprachige Kino- oder TV-Auswertung: keine
Dauer: 89 min

DER FILM:
Theaterverfilmungen gibt es viele: Ein Theaterstück wird mit filmischen Mitteln zu filmischer „Realität“ verarbeitet. Der Bühnenraum wird geöffnet, er weitet sich, wird zur Welt in Leinwandformat – im besten Fall; manchmal gelingt es nicht, die Einheit des Ortes aufzubrechen, dann bleibt der Bühnenraum als solcher auf der Leinwand sicht- oder spürbar.
Dann gibt es Filme über das Theater. Die Theaterwelt wird zum Thema, die Kamera taucht in die Welt der Bühne ein. In der Regel weitet sich der Raum auch hier – zumindest auf einen Blick hinter die Kulissen.
Und es gibt Filme – wenige – da übernimmt das Theater die Rolle der „Realität“ und täuscht – den Zuschauer und / oder die Protagonisten, indem es „Realität“ vorspielt. George Roy Hills Klassiker The Sting (dt.: Der Clou) ist wohl das Paradebeispiel für diese Art Film. The Great Garrick, ein heute vollkommen vergessener Film, gehört auch zu letzterer Sorte. Hier täuscht eine Truppe französischer Schauspieler einem englischen Kollegen eine falsche Realität vor, um ihn zu blamieren. Drehbuchautor Ernest Vajda baute aber noch einen zusätzliche Wendung ein: Das Opfer weiss um die Täuschung und spielt mit.
Leider wurde der wunderbare Film ein Flop und ist deshalb heute vergessen.
„A play for the screen by Ernest Vajda“ – diese Formulierung in den Anfangstiteln weist schon augenzwinkernd auf die Theaterwelt hin, bevor die Handlung beginnt. Vajda, ein talentierter ungarischer Autor, der als Drehbuchautor in Hollywood in den Dreissiger- und Vierzigerjahren erfolgreich war, nannte sein Drehbuch hier „Theaterstück für die Leinwand“. Er adaptierte ein eigenes Stück namens „Ladies and Gentlemen“. Ebenfalls ironisch gemeint dürfte der Credit „personally supervised by Mervyn LeRoy“ sein; hier wird der Produzent (LeRoy) für einmal zum Intendanten.

DIE HANDLUNG:
David Garrick hat tatsächlich existiert. Er galt als der grösste englische Schauspieler seiner Zeit (1717 bis 1779). Im Film wird er vom Engländer Brian Aherne verkörpert.
Der „grosse Garrick“ hat eine Einladung der Comédie-Française nach Paris erhalten und verabschiedet sich vom englischen Publikum nach einer Hamlet-Aufführung. Ein betrunkener Zuschauer versteigt sich zur Bemerkung, Garrick gehe den Franzosen das Theaterspielen beibringen.
Bei den Schauspielern der Comédie-Française kommt dieser Spruch als „Beleidigung aus Garricks Mund“ an, man schwört auf Rache und beschliesst, dem „aufgeblasenen Typen“ eine Lektion zu erteilen. Zu diesem Zweck mietet die französische Theatertruppe die Herberge, in der Garrick auf seiner Reise nach Paris nächtigen wird. Man verkleidet sich als Herbergen-Personal und bereitet sich darauf vor, ihm ein Theater vorzuspielen und ihn mittels schauerlicher Ereignisse und verrückter Charaktere das Fürchten zu lehren.
Garrick weiss allerdings bereits von dem Plan, als er in der Raststätte ankommt, lässt sich aber nichts anmerken. Er spielt seinen französischen Kollegen seinerseits ein Theater vor. Mitten in den entstehenden Trubel platzt ein unvorhergesehener Gast: Die Contesse de la Corbe (Olivia De Havilland), auf der Flucht vor ihrem Vater. Sie ist die einzige, die „echt“ ist in dem ganzen Theater, wird aber von Garrick auch für eine Schauspielerin gehalten – für eine schlechte. So umschleichen sich die beiden Parteien gegenseitig, und vor lauter Theater merkt keiner, dass in der Mitte reale Liebe keimt.
Vajda gelang hier nicht nur ein hervorragender Handlungsaufbau, seine Dialoge glänzen zudem mit feiner Ironie.

DIE REGIE:
James Whale ist heute ausschliesslich für seine Verdienste im Horror-Genre bekannt – für vier Filme, um genau zu sein (Frankenstein, The Old, Dark House, The Invisible Man, Bride of Frankenstein). Er zählt zu den wenigen Regisseuren, dessen berühmteste Werke innerhalb von vier Jahren entstanden, und von dessen anderen 19 Werken heute kaum jemand auch nur einen Titel nennen kann.
Whale, dessen gesamtes Werk in den wenigen Jahren zwischen 1929 und 1941 entstand, soll also Komödien gedreht haben, fragt der Filmkenner ungläubig? Doch, er hat! Wer den überkandidelten Bride of Frankenstein oder The Invisible Man mit seinen Slapstick-Einlagen kennt, kann sich das sogar vorstellen. The Great Garrick, Whales siebentletzter abendfüllender Film zeigt: Der Mann war sogar ein Komödienregisseur par excellence!
Er versteht es meisterhaft, die Figuren in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu zeigen, indem er sämtliche Schauspieler, die Schauspieler spielen, die harmlosesten Dialoge in schwülstigem Pathos deklamieren lässt. „Ham“ nennt man das in England, „schmieren“ auf Deutsch. (Der eingangs gezeigte Hamlet ist voll beabsichtigt!) Damit erscheinen sämtliche Vertreter dieser Zunft als überkandidelte Egomanen. Und trotzdem bleiben sie liebenswert. Whale leitet seine Akteure und Aktricen mit sicherer Hand zu einem Übertreiben an, das zwar pompös und somit komisch ist, aber er findet das genau richtige Mass, um ein Kippen ins Nervig-Bemühende zu vermeiden. Unterstützt wird er dabei von einem hervorragenden Drehbuch, das mit immer neuen Wendungen und Dialogperlen geistreich sprüht.
Es gelingt Whale, dessen Stärken zu maximaler Geltung zu bringen – indem er auf inszenatorischen Extravaganzen und exzentrische Bildeinstellungen, wie man sie aus seinen Horrofilmen kennt (und die dort absolut passend sind), weitgehend verzichtet und ein perfektes inszenatorisches Timing enthüllt, das sich vollkommen in den Dienst der Komödie stellt.
Whale führt die Schauspieler als gleichberechtigte Mitglieder von Gruppen – auf der einen Seite „die Franzosen“ (sehr zahlreich), auf der anderen „die Engländer“ (zu zweit). Und gerade in den Gruppenszenen vollbringt er Grossartiges! Es gibt sehr viele Sequenzen in diesem Film, in der Massen von Menschen sich durch die Räume des Gasthauses bewegen – schreitend, schleichend, wuselnd. Diese Sequenzen sind von ausserordentlicher Lebendigkeit, weil jeder Einzelne in der Masse als Individuum verbleibt und als solches jederzeit erkennbar ist. Zudem sind diese Sequenzen von verblüffend tänzerischer Leichtigkeit. Whale muss sie genaustens choreografiert haben, und jeder einzelne Akteur muss detaillierte Regieanweisungen bekommen haben, was er mit seinem Charakter während dieser Gruppenszenen zu tun hat. Ein Filmkritiker verglich diese Massenszenen gar mit jenen in Tatis Meisterwerk Playtime – und man muss dem eine gewisse Berechtigung attestieren! Jedenfalls erreicht The Great Garrick dadurch eine Lebendigkeit und eine Leichtigkeit, die einen für 90 Minuten vollkommen in den Bann schlägt!

DIE SCHAUSPIELER:
James Whale hat mit The Great Garrick einen Ensemblefilm im besten Sinn gedreht – von den Akteuren und Aktricen sticht keine(r) heraus – ausser vielleicht Olivia De Havilland, aber nur, weil sie die einzige Figur spielen muss, die nicht zum Theater gehört. Jede(r) ist aber perfekt besetzt und das Ensemble funktioniert erstklassig. Es ist eine Freude, ihm „bei der Arbeit“ zuzusehen!

FAZIT:
The Great Garrick beweist eindrücklich, dass ein vergessener Film nicht automatisch schlecht sein muss. Und dass es berühmte Regisseure gibt, die man zu kennen glaubt, deren verborgenes Werk einen überrascht. The Great Garrick zeigt Aspekte, die ich nie mit Whale in Verbindung gebracht hätte, allen voran die meisterhafte und leichthändige Handhabung von Massenszenen.
Der Film ist „a fluff“, leicht wie ein Souflée, ohne tieferen Sinn, aber mit hoher Meisterschaft gebacken, ein Glücklichmacher, der dem Zuseher ein Dauergrinsen ins Gesicht zaubert.
Das schreit nach mehr – aber leider sind die allermeisten Filme von Whale nicht auf DVD greifbar.
9/10

DIE DVD:
Audio: Englischsprachige Originalfassung
Untertitel: keine
Extras: der Original-Kinotrailer zum Film
Im deutschsprachigen Raum ist der Film leider nicht auf DVD erschienen. In den USA gibt es ihn als „video on demand“ auf einer DVD-R der Serie Warner Archive Collection. Die Bild- und Tonqualität ist leider nicht ganz auf der Höhe der Serie, die Bildauflösung ist nicht ganz befriedigend und der Ton ist stellenweise etwas verrauscht; aber das Ganze hält sich in durchaus annehmbaren Grenzen!
Die besprochene DVD kann über amazon.de als Neuware bestellt werden.

VORHER-NACHHER:
James Whale führte im selben Jahr Regie in der Remarque-Verfilmung The Road Back (dt.: Der Weg zurück); im Jahr darauf folgte das Plane-Crash-Drama Sinners in Paradise.
Ernest Vajdas Drehbuch zu Personal Property (dt.: Der Mann mit dem Kuckuck) wurde vor The Great Garrick von W.S. Van Dyke verfilmt, danach schrieb er mit Preston Sturges zusammen Port of Seven Seas (1938), eine Pagnol-Verfilmung, die ebenfalls von James Whale inszeniert wurde.
Brian Aherne war im Vorjahr in einer Hauptrolle in H.C. Potters Beloved Enemy (dt.: Geliebter Rebell) zu sehen, im Folgejahr in Norman Z. McLeods romantischer Komödie Merrily We Live (dt.: Uns geht’s ja prächtig!).
Olivia de Havilland war zur Zeit von The Great Garrick gerade mal 21 Jahre alt. Ihr Vorgängerfilm war Archie Mayos It’s Love I’m After (1937), zufälligerweise ebenfalls eine Theaterkomödie, wo sie neben Bette Davis die weibliche Hauptrolle inne hatte. („Hauptsache (Stumm) Film“ wird sich diesem Film demnächst annehmen.) Im Jahr drauf trat sie als leading Lady in Michael Curtiz‘ Western Gold Is Where You Find It (dt.: Goldene Erde Kalifornien) auf.
Edward Everett Horton war im Jahr 1937 in nicht weniger als zehn Filmen zu sehen. Vor The Great Garrick in Michael Curtz‘ The Perfect Specimen (dt.: Ein Kerl zum Verlieben), einer Komödie mit Errol Flynn, danach in Raoul Walshs Musical Hitting a New High.

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Das Mädchen aus der Unterwelt

PARTY GIRL
USA 1958
Regie: Nicholas Ray
Darsteller: Robert Taylor, Cyd Charisse, Lee J. Cobb, John Ireland, Corey Allen u.a.
Drehbuch: George Wells
Studio: MGM
Deutschsprachige Kino-Auswertung 1959 unter dem Titel Das Mädchen aus der Unterwelt
Dauer: 99 min

DER FILM:
Heute stelle ich einen weiteren „vergessenen“ Film vor, diesmal von Nicholas Ray (Denn sie wissen nicht, was sie tun, Johnny Guitar). Angesichts der hohen Qualität von Party Girl stellt sich mir zunächst erneut die Frage: Wie werden die einen Filme zu gefeierten Klassikern, während andere als „zweitrangig“ abgestuft werden und in den Archiven verschwinden? Seit ich mich mit der „Warner Archive Collection“ beschäftige, lässt mich diese Frage nicht mehr los, und bevor ich auf Party Girl eingehe, sei mir dazu ein wenig „lautes“…, oder besser, „öffentliches Denken“ erlaubt.

An erster Stelle der Gründe steht wahrschenlich „der Kassenflop“, und er scheint mir der einleuchtendste; er hat schon viele Filme dauerhaft „versenkt“, man lässt danach die Finger davon, redet lieber nicht mehr drüber und vergisst das Debakel.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die „Gunst der Kritiker“. Und die möchte ich genauer unter die Lupe nehmen. Ich meine, dass immer wieder grandiose Filme, oder zumindest deren Ruf, durch Kritker-Irrtümer vernichtet werden. Wenn man sich einen Überblick über die Rezensionen zu Party Girl verschafft, zeitgenössische wie aktuelle, dann sticht einem regelrecht ins Auge, dass fast alle Rezensenten dasselbe schreiben: Schwaches Drehbuch, minderwertige Auftragsarbeit. Zumindest ersters ist ein grobes Fehlurteil.
Schreiben die Leute voneinander ab? Ich hatte in meiner Zeit als Filmkritiker immer gegen den Effekt oder Reflex anzukämpfen, die Meinung des gerade aktuellen Kritikerpabstes als richtig anzusehen und sie zumindest in wichtigen Teilen zu übernehmen, um mich vor den anderen (die genau das taten?)  nicht „lächerlich“ zu machen. Dass das nicht nur mir so ging, weiss ich. Stillschweigend und unbewusst einigt sich das Gros der Kritik auf einen gemeinsamen Nenner. Wer am besten oder aggressivsten argumentieren kann, hat Recht. Dabei lässt sich mit gewandten Worten beinahe alles untermauern, sprich zurechtbiegen.
Party Girl und schlechtes Drehbuch? Dieses Verdikt ist ausgemachter Blödsinn! Zudem wird es in keinem der Artikel begründet, es bleibt Behauptung. Wenn ich vorsichtig sein wollte, würde ich das Drehbuch als „gut“ bezeichnen – aber ich will nicht vorsichtig sein und behaupte: Es ist hervorragend! Doch davon später. Wenn schon Exkurs, dann gleich kräftig!
Im Zuge obiger Überlegungen kommt mir unweigerlich die Frage in die Quere, was eigentlich ein „grosser Film“ sei. Auch hier gibt es eine Art Kanon, gewisse Filmtitel fallen bei diesem Stichwort unweigerlich, sie tauchen auf jeder Liste („die 100 Besten“, „die grössten Filme aller Zeiten“, etc.) auf. Und was ständig wiederholt – oder ausgelassen – wird, muss ja stimmen. Doch was sind die Kriterien der Listenmacher? Es gäbe wohl hunderte, tausende. Aber nein, jeder Filmkritiker benützt dieselben – wenn er überhaupt welche benützt. Einen Film nach seinem Innovationsgrad zu bewerten, erscheint mir für Filmhistoriker angemessen: Welcher Film war wichtig für die Entwicklung des Kinos? Mich (und den Grossteil der Filmbegeisterten) interessiert sowas vielleicht periphär, wirklich wichtig ist mir anderes. Wie gut beherrschen die Beteiligten ihr Handwerk? Wenn alle wichtigen Beteiligten eines Films, vom Regisseur über den Drehbuchautor, die Schauspieler, den Ausstatter bis zum Komponisten, ihre Sache wirklich gut machen, dann kommt ein beglückendes Erlebnis zustande. So wie bei Party Girl. Und wenn dann das Ganze nicht an der schönen Oberfläche kleben bleibt sondern auch noch ein gewisses Mass an Tiefgang aufweist, an Menschlichkeit, zum Nachdenken anregt, festgefahrere Denkweisen aufbricht, dann ist ein guter Film für mich wirklich gross.
Ich sage sicher nicht: Mein Lieblingsfilm ist xy, weil der die subjektive Kamera um drei Jahre vorweggenommen hat. Sondern weil er mich tief berührt und bewegt hat. Ist alles andere nicht nebensächlich?
Sollen Filmkritiker gleich auch noch Filmhistoriker sein / spielen? Natürlich kann es interessant sein und interessieren, einen Film auf seinen historischen Kontext hin zu untersuchen. Aber es gibt noch andere Kriterien. Die Bestenliste der Kritiker deckt sich oft eklatant nicht mit jener der Filmbegeisterten „Laien“ – und es ist nicht das Problem der „Laien“.
Party Girl ist kein „grosser Film“, soweit will ich denn doch nicht gehen. Aber es ist ein unglaublich guter Film! Regie, Schauspieler, Drehbuch, Dekor – alles ist auf höchstem Niveau, die reine Freude. Es wird ein menschliches Drama und ein moralisches Dilemma auf hohem Niveau abgewickelt, die Beziehung der drei Hauptfiguren ist plastisch und einsichtig herausgearbeitet – in einer stimmigen, absolut spannenden psychologischen Studie, die auch in den zahlreichen Momenten packt, wo die Handlung keine Spannungselemente aufweist. Und das ist die „Schuld“ des angeblich schwachen Drehbuchs! Und somit sind wir beim

INHALT:
Im Zentrum von Party Girl steht ein Anwalt – der Titel führt somit etwas in die Irre. Das Titelgebende Party Girl (eine nette Umschreibung für „Edelprostituierte“) spielt zwar auch eine wichtige Rolle, doch der Anwalt ist die Schlüssel- und Identifikationsfigur.
Er heisst Tommy Farell (Robert Taylor), gehört zu den besten seiner Zunft und arbeitet für den Gangsterboss Rico Angelo (Lee J. Cobb). Auch Farell prostituiert sich, denn er bewahrt Angelos übelste Killer vor Gericht vor der Verurteilung. Während einer von Angelos Party trifft er auf Vicky Gaye (Cyd Charisse), die sich zusammen mit anderen Tänzerinnen dem Mob zur Verfügung stellt. Der Selbstmord ihrer Zimmergenossin bewirkt, dass sich der Anwalt und das „Party Girl“ näher kommen. Beide fassen den Entschluss, aus dem Dreckgeschäft auszusteigen, um sogenannt „bessere Menschen“ zu werden (ein Ausdruck, der im Film nie benützt wird). Dass dies wird nicht einfach werden wird, ahnt man von Beginn weg…

DIE REGIE:
Nicholas Ray bettet die Protagonisten in kunstvoll arrangierte Tableaus von enormem Schauwert ein! Jede Einstellung wäre es wert, gerahmt zu werden. Dabei bleiben die Bilder aber nicht leer, sie werden dank ihrer Aussagekraft zu Handlungsträgern und / oder zu Abbildern innerer Vorgänge. Obwohl Ray kein Mitspracherecht bezüglich Drehbuchänderungen hatte, prägt er Party Girl mit seinem Gestaltungswillen, macht ihn zu seinem Film. Kameraführung, Cadrage und nicht zuletzt die stupende Farbdramaturgie machen Party Girl zu einem aufregenden Schaustück. Und dank der starken Figurendramaturgie wird das Schaustück nicht zum Selbstzweck, es „lebt“ auch. Mit seiner stringenten Schauspielerführung weist sich Ray als Regisseur aus, der die Fäden in den Händen hält und alle Beteiligten zu Höchstleistungen anzuspornen vermag. Robert Taylor und Lee J. Cobb sind hervorragend in ihren Rollen, und Cyd Charisse überrascht in einer dramatischen Rolle, die zumindest ich ihr nicht zugetraut hätte. Und damit ist schon einiges gesagt über

DIE SCHAUSPIELERINNEN und SCHAUSPIELER:
Cyd Charisse spielt das aussteigewillige Party Girl glaubhaft und engagiert. Die beiden Stars des Films – in jeder Hinsicht – sind aber Robert Taylor und Lee J. Cobb. Während ersterer die Zuschauer mit sparsamem Spiel und kleinsten Nuancen richtiggehend fesselt, überzeugt Cobb (einmal mehr) durch grosse Gesten und lauten Auftritt (was er beides perfekt beherrscht), er zeigt aber auch immer wieder, dass es auch bei ihm subtiler geht. Zudem sind sämtliche Nebenrollen perfekt und absolut überzeugend besetzt.

DEKORS UND KOSTÜME:
Die Art Direction lag bei Randall Duell und William A. Horning, Helen Rose entwarf die Kostüme. Obwohl die Geschichte in den Dreissigerjahren spielt, fühlt man sich in die Fünfziger versetzt, wenn man ihn heute ansieht. Ob das Absicht ist oder nicht, war nicht eruierbar.
Gefilmt wurde das Ganze ausnahmslos in den hauseigenen MGM-Studios.

DIE DVD:
Die DVD erschien in der Reihe Warner Archive Collection, welche vergessene Filme als DVD on demand herausbringt. Die Bildqualität ist sehr gut.
Im deutschsprachigen Raum ist der Film nicht auf DVD erhältlich.

FAZIT:
Es ist eine reine Freude, Party Girl zu sehen – da stimmt einfach alles! Dieser Film wurde und wird völlig unterschätzt und hätte ein Revival definitv verdient!
9/10

VORHER-NACHHER:
Nicholas Ray drehte zuvor, im selben Jahr, Wind Across The Everglades (dt.: Sumpf unter den Füssen) mit Burl Ives und Christopher Plummer, danach kehrte er den grossen Hollywood-Studios vorerst den Rücken und inszenierte eine Folge der TV-Serie On Trial, die letzte Episode der ersten Season; sie trug den Titel High Green Wall.
Robert Taylor drehte im selben Jahr wie Party Girl unter der Regie von John Sturges den Western The Law And Jake Wade (dt.: Der Schatz des Gehenkten), danach, im Folgejahr für Michael Curtiz den Film The Hangman (dt.: Der Henker). Taylor gehörte mit Cyd Charisse zusammen zu den letzten Stars, die bei der MGM noch fest unter Vertrag stand; mit dem Film Party Girl wurden beider Verträge aufgelöst.
Cyd Charisse war zuvor mit Rock Hudson in Twilight For The Gods zu sehen (dt.: Hart am Wind, Joseph Pevney, 1958); danach trat sie erst 1961 wieder in einem Film auf, in der englischen Produktion Five Golden Hours (dt.: Schöne Witwen sind gefährlich) unter der Regie von Mario Zampi. Auch sie kehrte dem US-Studiosystem vorerst den Rücken und kam erst 1962 nach Hollywood zurück. Charisse ist vor allem als Tänzerin aus den MGM-Musicals Singin‘ in the Rain, The Band Wagon und Silk Stockings bekannt.
Lee J. Cobb trat vorher (auch im Jahr 1958) im Western Man of the West (dt.: Der Mann aus dem Westen)  von Anthony Mann auf, danach folgten einige TV-Engagements. Sein nächster Kinofilm war The Trap (dt.: Die Falle von Tula; Norman Panama, 1959). Cobbs wohl bekannteste Rolle ist die des „Johnny Friendly“ in Elia Kazans Klassiker On the Waterfront (dt.: Die Faust im Nacken). Cobbs richtiger Name war Leo Jacoby.
George Wells (Drehbuch) schrieb zuvor, als Co-Autor Don’t go Near the Water (dt.: Geh nicht zu nah ans Wasser; Charles Walter, 1958), danach Ask Any Girl (dt.:Immer die verflixten Frauen; Charles Walters, 1959). Wells‘ bekannteste Arbeiten sind die Drehbücher für Designing Woman (dt.: Warum hab‘ ich ja gesagt!; Vincente Minelli, 1957) und The Gazebo (dt.: Die Nervensäge; George Marshall, 1959). Wells war auf Komödien spezialisiert; Party Girl war einer seiner ganz seltenen ernsten Arbeiten und sein einziger Ausflug ins Gangster-Genre.

Das Wunder in der Wüste

THREE GODFATHERS
USA 1936
Regie: Richard Boleslawski
Darsteller: Chester Morris, Lewis Stone, Walter Brennan, Irene Hervey, Sidney Toler, u.a.
Drehbuch: Edward E. Paramore Jr. und Manuel Seff
Studio: MGM
Deutschsprachige TV-Auswertung 1986 unter dem Titel Das Wunder in der Wüste
Dauer: 86 min

DER FILM:
Three Godfathers ist eine Verfilmung von Peter B. Keynes gleichnamigem Roman von 1913. Es gibt einen weiteren Film mit diesem Titel, er stammt aus dem Jahr 1948 und wurde von John Ford realisiert – und dieser hatte den Stoff bereits 1919 einmal verfilmt. Streng genommen ist nur Fords zweiter Film ein Remake, während es sich bei allen anderen Werke um Adaptionen handelt.
William Wylers Version, Hell’s Heroes von 1929, wurde in diesem Blog bereits behandelt – siehe hier. In der folgenden Rezension wird darauf Bezug genommen.

INHALT:
Zur Adventszeit besuchen drei Reiter das friedliche Western-Städtchen New Jerusalem. Der eine, Bob, ein übler Geselle, ist hier aufgewachsen. Er und seine zwei Kumpels mischen sich unter die Gäste einer Vorweihnachtsfeier – am nächsten Tag rauben sie die örtliche Bank aus und verschwinden in der Wüste. Dort finden sie in einem verlassenen Planwagen eine sterbende Frau und ein Baby. Bobs beiden Kumpane beschliessen gegen den Willen ihres Anführers, das Kind mitzunehmen und zu versorgen. Den mörderischen Weg durch die Wüste überlebt nur Bob – und das Kind. Am Ende seines Lebens rafft sich der Ganove auf und wird zum Märtyrer.

Richard Boleslawski (links) am Set von „Three Godfathers“ mit zwei Baby-Darstellern und Kameramann Joseph Ruttenberg

REGIE:
Richard Boleslawski gehört zu den heute kaum mehr bekannten Filmregisseuren. Er drehte in den USA nur gerade 16 Filme, davon sind heute den Filmkennern höchstens The Painted Veil (dt.: Der bunte Schleier, 1934) mit Greta Garbo  und The Garden of Allah (dt.: Der Garten Allahs, 1937) mit Marlene Dietrich bekannt. In der Theaterwelt Amerikas allerdings spielte Boleslawski eine sehr grosse Rolle; sein Wirken beeinflusste Generationen von Schauspielern – bis heute.
Richard Boleslawski (eig. Boleslaw Ryszard Srzednicki) stammte aus Polen und absolvierte die Schauspielschule in Moskau unter Konstantin Stanislawski (ja, der mit der Stanislawski-Methode!). Nachdem Boleslawski in drei russischen Filmen mitspielte und in drei weiteren Regie führte, war er im deutschen Stummfilm Die Gezeichneten von Carl Theodor Dreyer letztmals als Schauspieler zu sehen. Danach ging er nach Amerika, wo er zusammen mit Maria Ouspenskaya zum Wegbereiter der Stanislawski-Methode wurde (in den USA bald in „method acting“ umbenannt). Er gründete die Theaterschule American Laboratory Theater. Lee Strasberg, Stella Adler und Harold Clurman gehörten zu seinen Schülern – alles Mitglieder des späteren Group Theater, welches das erste Ensemble war, das in den USA Stanislawskis Techniken anwendete.
Boleslawski verfasste auch zwei damals vielbeachtete Bücher über das Schauspielen (Acting. The First Six Lessons, USA 1933, deutsch 2001 im Verlag Eigene Werte unter dem Titel Acting. Die ersten sechs Schritte. Das zweite war New Features In Acting, USA 1935).
Als er 1930 angefragt wurde, im Tonfilm Regie zu führen, begann damit für ihn eine zweite Karriere. Er drehte damals vielbeachtete Prestigeprojekte mit den grössten Stars jener Zeit, verstarb aber zu früh, um zu dauerhaftem Ruhm als Filmregisseur zu gelangen. Während der Dreharbeiten zu seinem letzten Film (The Last Of Mrs. Cheyney, 1937, mit Joan Crawford) und kurz vor seinem 48. Geburtstag verstarb er plötzlich und ohne Vorzeichen unter ungeklärten Umständen.Three Godfathers war sein viertletzter Film.
Weiss man um seinen Werdegang und schaut sich diesen Film an, dann überrascht einen die Erkenntnis, dass Boleslawskis Hauptaugenmerk den Schauspielern gilt, nicht. Immer wieder zeigt er ihre Gesichter in – manchmal extremen – Nahaufnahmen, um ihre Gefühle hautnah einzufangen; auch in Halbtotalen verweilt er oft lange auf ihren Gesichtern, lässt sie längere Monologe vor der Kamera durchziehen. Der Landschaft widmet er nicht halb so viel Zeit, auch nicht gelungenen Cadragen. Die Bildsprache scheint den Bühnenmenschen Boleslawski weniger zu interessieren als die Akteure – sie weiss er dafür besonders gut in Szene zu setzen. Er hält sich genau ans Drehbuch und nimmt dabei – anders als Wyler – Sentimentalitäten und Pathetismen in Kauf.

DIE SCHAUSPIELER:
Von den drei Desperados vermag in diesem Film nur gerade Walter Brennan restlos zu überzeugen. Die anderen beiden sind fehlbesetzt, sie wirken deplatziert: Chester Morris ist ein derart schändlicher Bösewicht, dass man ihm die Wandlung zum Guten am Schluss nicht abnimmt. Doch ausgerechnet damit steht oder fällt der Film! Man kann nicht mal sagen, Morris mache seine Sache schlecht; es ist das Drehbuch, das hier nicht das richtige Mass findet, und da Boleslawski zu sklavisch dran klebt, läge es an Morris, wenigstens mimisch Gegensteuer zu geben. Doch Subtilitäten scheinen dessen Sache nicht, und so verkommt seine Figur zum eindimensionalen Abziehbild.
Lewis Stone und Walter Brennan fällt die dankbarere Aufgabe zu – ihre Charaktere sind vielschichtiger. Allerdings erscheint gerade der von Stone gespielte Doc gar kein Desperado, geschweige denn ein Bankräuber zu sein, so kultiviert, belesen und sanft wie er ist. Nur gerade Walter Brennan, der den simplen Analphabethen Gus gibt, nimmt man seine Rolle und seine Funktion im Ganzen ab. Brennan spielt Gus mit komischem Touch und findet genau die Balance zwischen Komik und Tragik; er hat mehrere anrührende Momente im Film, die dank seiner Fähigkeit, ganz in der Rolle aufzugehen, nicht kitschig oder aufgesetzt wirken. So stehen dem beinharten Killer Bob zwei „Softies“ gegenüber – man fragt sich ständig, was dieses Trio zusammengeführt hat.
Jean Kircher, die Darstellerin des angeblich neugeborenen Babys notabene, war bei den Dreharbeiten bereits ein Jahr und einen Monat alt. Das sieht man deutlich, was dem Realismus der Sache weiter abträglich ist.

DEKOR & KOSTUEME:
Die Kostüme irritieren: Chester Morris sieht mit seinem schwarzen, deutlich auf Bösewicht getrimmten Outfit aus, als käme er direkt aus einem Western-Comic. Lewis Stone wirkt die meiste Zeit über so, als hätte er seine Klamotten zwischen den Takes reinigen lassen. Keine Spur mehr von Wylers schmutzigem Realismus sieben Jahre zuvor.
Gedreht wurde, wie bereits bei Hell’s Heroes, in der kalifornischen Mojave-Wüste. Teile des Film wurden zudem im Red Rock Canyon State Park in Kalifornien gedreht.

FAZIT:
Three Godfathers 1936 wirkt heute – nicht nur im Vergleich mit der sieben Jahre älteren Version von William Wyler – etwas veraltet und angestaubt. Er legt deutlich mehr Gewicht auf auf die Sentimentalität der Geschichte und die Niedlichkeit des Babys (das immer wieder unmotiviert in Nahaufnahme zu sehen ist) als Wylers Film, der diesen Stolperfallen klug und wohltuend ausgewichen ist.
7/10

VORHER-NACHHER:
Richard Boleslawski dreht vor Three Godfathers im Jahr 1935 den Opernfilm Metropolitan mit dem Sänger Lawrence Tibbett, danach (auch 1936) The Garden of Allah (dt.: Der Garten Allahs) mit Marlene Dietrich und Charles Boyer.
Chester Morris gelangte nie zu grossem Ruhm. Vor Three Godfathers trat er in einer Minirolle als Piratenkäpten in Pirate Party On Catalina Isle von Gene Burdette auf, zusammen mit einem riesigen Aufgebot anderer Hollywood-Stars, danach war er im Mystery-Thriller Moonlight Murderer (Edwin L. Marin) zu sehen. Beide Filme wurden im Jahr 1936 gedreht. Bekannt wurde Morris in der Rolle des Detektivs Boston Blackie in der gleichnamigen Spielfilmserie aus den Vierzigerjahren. Seinen letzten Filmauftritt hatte Morris als Pop Weaver in Martin Ritts Film The Great Withe Hope (dt.: Die grosse weisse Hoffnung, 1970). Noch vor der Fertigstellung dieses Films verstarb er an einer Ueberdosis Schlaftabletten.
Lewis Stone hat vor Three Godfathers im Film Tough Guy (1935) von Chester M. Franklin gespielt, war aber darin nicht zu sehen, weil die Szenen mit ihm aus dem fertigen Film herausgeschnitten wurden; im Film nach Three Godfathers war er wieder zu sehen, und zwar im Sam Wood-Film The Unguarded Hour (1936). Stones trat in vielen Hollywoodfilmen als prominenter Nebendarsteller auf – zuletzt vor allem als Richter oder Anwalt – heute ist er aber praktisch vergessen.
Anders Walter Brennan, dessen Gesicht den amerikanischen Western vom Anfang der Tonfilmzeit bis in die Siebzigerjahre prägte. Er spielt in unzähligen Filmen eingängige Nebenrollen und gewann mehrere Oscars. Brennan arbeitete unter namhaften Regisseuren wie Fritz Lang, John Ford, Howard Hawks, Anthony Mann oder Frank Capra. Vor Three Godfathers war er im Mystery-Drama Seven Keys to Baldpate (William Hamilton & Edward Killy, 1935) in einer kleinen Rolle zu sehen, danach 1936 in William Wylers These Three (dt.: Infame Lügen).




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