Monat: März 2014

Auf neuen Wegen – Buster Keatons „Hayseed Romance“ und „The E-Flat Man“

Buster Keaton hatte nach seiner schwierigen Zeit bei MGM schwer zu kämpfen und musste wieder Kurzfilme drehen – die sechzehn „shorts“, die er für Educational drehte, waren bis vor Kurzem nur schwer zugänglich. Seit etwa einem Jahr sind sie endlich auf DVD greifbar… Hier werden zwei der besten vorgestellt: Hayseed Romance und The E-Flat Man.

E-Flat ManBuster Keaton wurde nach seiner finanziell bedingten Trennung von seinem Mentor und Produzenten Joseph Schenck vom Film-Riesen MGM buchstäblich verheizt. Er verlor jegliche künstlerische Kontrolle über seine Filme und musste sich an enge Drehpläne und minuziöse Vorgaben halten. Das lief seiner bisherigen Arbeitsweise vollkommen zuwider. Er brauchte die Freiheit, um improvisieren zu können. Auf diese Weise waren all seine Meisterwerke entstanden – ohne Drehbuch und mit viel Erfindungsgabe.

Nachdem er bei MGM „flog“ – er mochte sich nicht anpassen, war unbequem, kämpfte für seine Filme, und trank zuviel – kam er beim kleinen Educational-Studio unter, das zur Stummfilmzeit Heimat von Al Christie und seinen Komödien gewesen war. Was Keaton dort produzierte, kann sich punkto Originalität zwar nicht mit seinen genialen Stummfilmwerken messen, doch einige (nicht alle) der dort entstandenen Kurzfilme zeigen, dass Keaton einer der grossartigsten und fähigsten Komödianten aller Zeiten war. Kein anderer hatte ein derart sicheres komödiantisches Timing wie Keaton – da sitzt jeder Gag passgenau und entfaltet seine grösstmögliche Wirkung – und eine solch traumwandlerische Körperbeherrschung, die er im Lauf der Jahre noch zu präzisieren und zu steigern vermochte.
In den Kurzfilmen für Educational beschritt er für ihn neue Wege und probierte Sachen aus, die man in seinen Stummfilmen vergeblich sucht.

In Hayseed Romance, seinem vierten Film für Educational, nimmt Buster (dessen Figur seit seinem Wechsel zu MGM „Elmer“ heisst) eine Stelle als landwirtschaftlicher Gehilfe bei einer vierschrötigen Witwe mit Heiratsabsichten an. In Wahrheit hat es Elmer deren hübsche Nichte angetan – nur ihretwegen bleibt er auf dem Hof. Der Film besteht aus einem Nichts an Handlung. Den Hauptteil von Hayseed Romance nimmt eine Nachtsequenz ein, in der Elmer versucht, in dem ihm zugewiesenen, winzigen Zimmer unterm Dach auf einem schmalen Feldbett zu schlafen. Aus dem Umstand, dass es ihm durch eine undichte Stelle im Dach direkt aufs Gesicht regnet, entsteht eine Verkettung von unglaublichen Missgeschicken und Unglücksfällen – genauso, wie man das aus den Filmen Laurels und Hardys kennt. Doch hier kommen die Gags noch verrückter und absurder daher. Im ungeschickten Versuch, die undichte Stelle im Dach zu reparieren, vergrössert Buster das Loch und fällt schliesslich hindurch. Dabei geht nicht nur das Feldbett zu Bruch, er kracht auch noch durch den Boden hindurch und fällt auf das Bett seiner Arbeitgeberin im Zimmer darunter, und zwar genau in dessen Mitte. Die Landwirtin und ihre Nichte, die jeweils am linken und rechten Rand der Matratze sitzen, werden durch den „Einschlag“ nach beiden Seiten aus den Fenstern geschleudert, wobei die ältere von beiden eine wunderbar elegante Landung in einer Schlammpfütze hinlegt.
Das geht derart schnell und ist derart geschickt choreografiert und geschnitten, dass man vor Überraschung fast vergisst, zu lachen.

Stan und Ollie lassen grüssen. Die beiden waren zur Entstehungszeit dieses Kurzfilms sehr populär. Hayseed Romance wirkt, als hätte Keaton einen Versucht unternommen, an deren Humor anzuknüpfen – ob freiwillig oder nicht, sei dahingestellt. Aber die Art, wie er dies tut, erhebt den fast stummen Hayseed Romance zum komödiantischen Kunstwerk, zum Richtwert für kunstvolle Clownerie.

Der andere Film heisst The E-Flat Man und gilt gemeinhin als misslungen. Ein Irrtum, dem man nur mit „filmhistorisch-ideologischen Scheuklappen“ aufsitzen kann, wenn man nichts neben Keatons Stummfilmen gelten lässt , den dort herrschenden Absurdismus zum Richtwert für alles Keatoneske nimmt und darob die Qualitäten der Tonfilme einfach ignoriert. Klar hat uns Keaton grossartige Stummfilme hinterlassen; daneben hat er auch ein paar ganz hervorragende Tonfilme gedreht.
Das Schöne am E-Flat Man sind auch hier wieder Keatons präzise Clownerien einerseits, andererseits und ganz entschieden auch die Gestaltung der weiblichen Partnerrolle. Waren die weiblichen „Heldinnen“ im Slapstick-Film meist dekoratives Streit- oder Verehrungsobjekt, so ist Dorothea Kent hier die „Clownin an Busters Seite“. Die beiden bilden das unwiderstehlichste Clown-Paar des gesamten mir bekannten Slapstick-Universums.

Der Film beginnt mit zwei zufällig simultan am selben Ort durchgeführten Aktionen: Einem Einbruch zweier Gangster in einen Krämerladen (ihr Boss braucht Alka-Seltzer) und einer Brautentführung aus dem Nachbarhaus (Elmer/Buster entführt seine Freundin mittels Leiter aus dem Elternhaus).
Die Polizei fährt vor dem Krämerladen vor, parkt das Auto hinter jenem von Buster und betritt den Laden. Die Gangster flüchten mit Busters Wagen, während Buster und seine Freundin just im selben Moment auftauchen und irrtümlich ins Polizeiauto einsteigen – und davonfahren. In der Nacht sind alle Katzen grau, und die beiden bemerken die Verwechslung erst, als der Polizeifunk sich einschaltet. Fortan befinden sich die beiden wirklich auf der Flucht.

Auch hier gibt es fast keine Handlung – das als Gangster verfolgte Paar steigt mal hier, mal da ab, erlebt einige Missgeschicke, dann geht die Flucht weiter.
Auf geradezu rührende Weise sorgt er sich um ihr Wohl und sie folgt ihm optimistisch in jedes Verderben, dass sie dann beide geduldig zusammen ausstehen – er mit dem bekannten ehernen Stoistizismus, sie mit einem sorglosen Lächeln.

Ganz deutlich spürbar bei diesen Werken, nach all den furchtbaren MGM-Vehikeln, Keatons Handschrift. Bei Educational genoss Keaton wieder jene Improvisationsfreiheit – jedenfalls in gewissem Mass – die er in der Stummfilmära so schätzte und brauchte. Er bekam zwar Skripts, die seiner Art scheinbar zuwiderliefen und das Buget war minimal, doch er holte aus einigen der 16 Kurzfilmen das Bestmögliche heraus, und das heisst: Keaton pur, minus Surrealismus, minus spektakuläre Sets.
Das DVD-Set Lost Keaton bietet eine lohnende und erhellende Erkundungstour des unbekannten Buster – jedenfalls für Leute ohne ideologische Scheuklappen.
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August: Osage County (2013) Immer wieder gibt es Filme, die fast grandios sind. Aber eben nur fast. Weil es an etwas fehlt. Hier fehlt es an der Regie. Man hätte sich jemand Talentierteres gewünscht für die Verfilmung von Tracy Letts‘ gefeiertem gleichnamigem Theaterstück. Jemand, der inszenatorisches Gespür mitbringt, das über das wirkungsvolle Führen von Schauspielern hinausgeht. Jemand, der auch die Bildsprache des Kinos beherrscht. Jemand anders als der Regie-Newcomer John Wells (Company Men).August_Osage_County
So ist August: Osage County „nur“ ein wirkungsvoller Ensemblefilm geworden, dem ein starkes Stück zugrunde liegt. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, denn Meryl Streep und Julia Roberts sind hier schlichtweg sensationell gut. Doch die gallige Familiengeschichte hätte mehr Sprengkraft, wenn die Bilder nicht ganz so beliebig und leer wären. Streep trumpft hier auf als greises, zeitweise debiles, von Krebs und Tabletten zerfressenes Familienoberhaupt Violet Weston, deren Familie anlässlich des Selbstmords von Vater Weston anreist und alte Wunden aufreisst. Da werden zerstörerische familiäre  Strukturen blossgelegt wie mit dem Seziermesser, die Frauen der Familie erweisen sich als streitsüchtige, giftspritzende Drachen, die ihre Männer über Generationen hinweg in die Flucht schlagen. Immerhin: Ein toller, hochspannender Schauspielerfilm ist daraus geworden – verfilmtes Theater mit Spitzenbesetzung. (Zur Zeit im Kino)
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The Grand Budapest Hotel (2013) Wes Anderson hat wieder zugeschlagen, diesmal in einem königlich-kaiserlichen Fantasiestaat der Dreissigerjahre. In gewohnt oppulenter Besetzung, ebenso üppiger Ausstattung und mit überbordendem Ideenreichtum tobt sich der Texthe-grand-budapest-hotelaner einmal mehr filmisch aus und kredenzt seinen blühenden Blödsinn mit derart irrem Tempo und mit soviel Understatement, dass man vor permanentem Überrumpeltwerden kaum zum Lachen kommt.
Der Film um den Patron des Hotels Grand Budapest, das wie eine Playmobilausgabe von Schloss Neuschwanstein mitten im abgelegenen Wald- und Bergidyll thront, ist eine wilde Räuberpistole, die aussieht, als wäre sie in den Kulissen eines Kasperltheaters gedreht worden.
Unglaublich, witzig, hoch originell, sinnfrei – und letztlich völlig belanglos. (Zur Zeit im Kino)
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Les Misérables (1935) Es gibt auch gesangsfreie Verfilmungen von Victor Hugos 1862 erschienen Romanepos, etwa diesen von Richard Boleslawski gedrehten Schwerzweissfilm mit Fredric March und Charles Laughton als Kontrahenten. Les Misérables 1935Die beiden Schauspielergiganten versprechen grosses Kino – doch der Film leidet etwas daran, dass der Stoff auf Kinolänge gekürzt werden musste, was man leider des Öfteren an Brüchen und Sprüngen in der Handlung deutlich merkt. Laugton ist phänomenal! Er spielt den Schergen Javert als innerlich zerfressenen Emporkömmling mit psychotischen Zügen. Es ist fast nicht zu glauben, dass er im selben Jahr den steifen Butler Marmaduke Ruggles in Ruggeles of Red Gap in den Kinos zu sehen war. Obwohl er kaum Maske trägt, hat man den Eindruck, einen völlig anderen Menschen vor sich zu haben.
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Religiöse Wahrhaftigkeit im Hollywoodfilm

THE WHITE SISTER
USA 1923
Mit Lillian Gish, Ronald Colman,
Drehbuch: George V. Hobart
Regie: Henry King

Eine Liebesgeschichte ohne happy ending – das gab’s tatsächlich mal in Hollywood! Die Liebenden, die im Stummfilmklassiker The White Sister im Mittelpunkt stehen, werden vom Schicksal getrennt – und finden nicht mehr zueinander. Trotzdem war der Film ein Riesenerfolg…

Zuerst aber etwas Geschichte: The White Sister war Lillian Gishs erster Film ohne D.W. Griffith – er markiert den Schritt in ihre künstlerische Unabhängigkeit. The White Sister war zudem Ronald Colmans erste Film-Hauptrolle als jugendlicher Liebhaber. Und was den Regisseur Henry King angeht: The White Sister ist so etwas wie der thematische Schwesterfilm seines späteren, wohl besten Werkes, The Song Of Bernadette (1943).

The White Sister ist die zweite Verfilmung von Francis Marion Crawfords erfolgreichem gleichnamigem Roman; die erste Leinwandadaption entstand 1915, zwei weitere folgten: eine weitere amerikanische von 1933, mit Joan Allen und Clark Gable (ich werde demnächst darüber berichten) und eine mexikanische aus dem Jahr 1960, mit Yolanda Varela und Jorge Mistral.

Das hier in der Reihe Warner Archive Collection – vergessene Filme vorgestellte Werk dauert zweieinhalb Stunden und überrascht erstmal durch seinen „europäischen Look“. King und seine Crew reisten nach Italien, wo in und um Napoli zum grossen Teil an Originalschauplätzen gedreht wurde. Das, und die Tatsache, dass einheimische Darsteller für Nebenrollen rekrutiert wurden, gibt dem Film eine Authentizität, die einen grossen Teil seiner Faszination ausmacht.

Erzählt wird die Geschichte der Prinzentochter Angela Chiaromonte (Lillian Gish), die nach dem Tod des Vaters von dessen anderer Tochter um das Erbe gebracht wird und fortan  – durchaus glücklich – ein bürgerliches Leben führen muss. Ihr Geliebter, der Capitano Giovanni Severini (Ronald Colman) will sie bald heiraten, beide sind ein schönes, glückliches Paar – bis das Schicksal zuschlägt: Giovanni wird militärisch nach Algerien abberufen und gerät dort in Gefangenschaft. Schon bald trifft die Nachricht seines Todes ein.
Angela beschliesst nach dem ersten Schock ihr Leben der Kirche zu widmen und wird Nonne. In einer unglaublich berührenden, langen Sequenz – dem Herzstück des Films – wird die feierliche Zeremonie, die Profess, in deren Zug Angela zur Nonne berufen wird, minuziös nachgestellt. Auch sie wirkt authentisch und entwickelt dadurch eine religiöse Wahrhaftigkeit, die man so von Hollywood nicht kennt. Dieser Sequenz parallelgeschnitten wird Giovannis Befreiung aus der Gefangenschaft und dessen beschwerlicher Heimreise nach Neapel.

The White Sister mag zu lange dauern (zweieinhalb Stunden), viele Szenen stellen die Geduld heutiger Betrachter auf die Probe, aber es gibt immer wieder Sequenzen wie die eben beschriebene, wo der Film ein derart hohes Mass an „Echtheit“ erreicht, dass er ehrlich und empfunden wirkt. Und genau diese Qualität vermochte Regisseur King zu bewahren, denn der genau zwanzig Jahre später entstandene Song of Bernadette bezieht seine hypnotische Kraft und seine Glaubwürdigkeit aus genau dieser Fähigkeit des Regisseurs, eine Atmosphäre der religiösen „Wahrheit“ zu schaffen.
Genau wie jener atmet The White Sister eine offenbar empfundene, nicht nur eine behauptete Religiosität. Und das rettet ihn über seine Längen hinweg.

Mit das Ungewöhnlichste an dem Film ist aus heutiger Sicht sein Schluss. Angela bleibt ihrem Gelübde treu – auch als Giovanni zu ihr zurückkehrt und verzweifelt um sie kämpft. Er findet seine Bestimmung und sein Ende schliesslich im heroischen Akt der Selbstaufopferung während eines Ausbruchs des Aethna, welcher den Höhepunkt des Films bildet.

Lillian Gish erscheint hier erstmals weniger als aetherisches Pflänzchen, sondern mit zunehmender Dauer als selbstbestimmte junge Frau, die sich vom Schicksal nicht so leicht brechen lässt. Damit vollzog sie einen wichtigen Schritt in die eigene Unabhängigkeit, weg vom Diktat ihres Mentors Griffith, der sie stets als zerbrechliches, puppenhaftes Wesen in Szene gesetzt hatte.

Ich bin nun gespannt auf die zehn Jahre später entstandene Tonfilmversion. Sie ist in dieser Ausgabe der Warner Archive Collection mit enthalten, einem direkten Vergleich steht also nichts im Wege. Er erfolgt – demnächst auf diesem Blog…
7/10

Kampf der Welten – John Lee Hancocks „Saving Mr Banks“

Tom Hanks spielt Walt Disney – doch Saving Mr. Banks, der jetzt in den Kinos läuft, ist aber viel mehr als ein weiteres Biopic. Es geht darin um das Verarbeiten traumatischer Erlebnisse.

Saving Mr Banks

Walt Disneys Mary Poppins gehört zu meinen Lieblingsfilmen – Ehrensache, dass ich mir Saving Mr. Banks gleich zum Kinostart anschauen ging, denn John Lee Hancocks neues Kinowerk behandelt die Entstehungsgeschichte dieses Films. Das impliziert jedenfalls der Trailer. Doch das thematische Hauptschwergewicht liegt woanders.

Im Zentrum von Saving Mr. Banks steht die Mary Poppins-Autorin P. L.Travers. Diese verliess 1961 ihr geliebtes Haus in London, um in Kalifornien die Adaption ihres Romans zu überwachen. Walt Disney räumte ihr das Vetorecht ein – zum ersten Mal in seiner Karriere, denn die resolute Dame war erst nach zwanzigjährigen Verhandlungen bereit, dem Studio eventuell die Rechte an ihrem Roman abzutreten – unter der Bedingung, dass die Adaption ihr zusage. Andernfalls hatte sie das Recht, einen Rückzieher zu machen. „Es wird keine von ihren albernen Trickfilmadaptionen!“, sagte sie dem Micky-Maus-Erfinder ins Gesicht. Zudem wollte sie kein Musical, Dick van Dyke war ihr für die Rolle des Bert nicht genehm und die Farbe rot durfte im Film nicht vorkommen – weil sie diese satt hatte.

Saving Mr Banks zeigt in teils amüsanten, teils erhellenden Sequenzen die äusserst schwierigen Drehbuchsitzungen mit Miss Travers. Ganz klar im Zentrum steht aber die Lebensgeschichte der Autorin, genauer: Deren traumatische Kindheit. Durch zahlreichen Rückblenden, die sich immer wieder mit den Ereignissen im fröhlichen Disney-Studio verweben und diese konterkarieren, gewinnt der Film an Spannung. Der niedlichen Poppins-Filmhandlung, die im Studio entwickelt wird, stehen die schrecklichen Kindheitserinnerungen der Autorin gegenüber. Da Miss Travers Elemente und Personen ihrer Lebensgeschichte in den Roman um die zauberhafte Nanny hat einfliessen lassen, ergibt dies in Hancocks neuem eine zusätzliche dritte Ebene. So entsteht ein Spannungsfeld, das Saving Mr. Banks eine Dynamik und Sprengkraft verleiht, die der schwache Trailer nicht vermuten lässt.

Wie Mr. Banks, der Vater der beiden Kinder im Buch, arbeitete der Vater der Autorin als Bankangesteller. Der äusserst fantasiebegabte junge Mann litt unter der Stumpfsinnigkeit des Berufs und unter der Borniertheit seiner Vorgesetzten. Er begann zu trinken und entfremdete sich dadurch mehr und mehr von seiner Familie. Für die kleine, „Ginty“ war dies besonders schmerzlich, da sie ihm sehr nahe stand – ihr ganzes Erzähltalent und ihre Fantasie geht auf den geliebten Vater zurück. In eindringlichen Sequenzen wird ohne Worte deutlich, wie sehr das kleine Mädchen darunter leidet, den Vater am qualvollen Abstieg in seine private Hölle nicht hindern, ihm darin nicht beistehen zu können. Sie muss hilflos zuschauen, wie er sich langsam zu Tode säuft.
Auch den Filmmogul Walt Disney verbinden schlimme Erlebnisse in seiner Jugendzeit mit dem Vater. So unterschiedlich die beiden Protagonisten sind, so nahe stehen sie sich in ihren Jugendtraumata. Mr Banks wird für beide die wichtigste Figur in Mary Poppins. Ihn gilt es zu retten, ja: zu heilen!

In Kritiken wird Hancocks Film nun angekreidet, er würde am Schluss nicht den Tatsachen folgen, das Ende sei  „beschönigend“. Diese Sichtweise zielt m.E. am Anspruch des Films vorbei. Wer Saving Mr. Banks nur als „Chronik der Entstehung von Disneys Mary Poppins“ sieht, dem mag das so vorkommen – dem entgeht allerdings das Wesentliche des Films. Abgesehen davon, dass die Behauptung, das Ende sei „falsch“ unbegründet bleibt (wie die Autorin unmittelbar auf den fertigen Film reagiert hat, ist nicht verbürgt), zielt sie am Wesen des Films vorbei. Dieser stellt nämlich die Frage ins Zentrum, wie der Mensch traumatische Erlebnisse verarbeitet – und das Zusammentreffen von Walt Disney und P.L. Travers ist ein Modell, eine „Versuchsanordnung“, die Antworten zur Diskussion stellt. Und der Schluss, so, wie er sich in Saving Mr Banks präsentiert, beinhaltet eine der Antworten. Er rührt zu Tränen, das stimmt, ist aber nicht verlogen, sondern einfach tröstlich. Von einem happy ending zu sprechen, erscheint mir vermessen: Für die Autorin ist nach dem Filmende längst nicht „alles wieder gut“. Aber sie erlebt eine Katharsis. Wie tief diese geht, lässt der Film offen.

Das Treffen Disney-Travers inszeniert Hancock als einen ungleichen „Kampf der Giganten“, bei dem der charismatische Disney von Anfang an der Unterlegene ist. Frau Travers ist zu keinerlei Konzessionen bereit, weil sie eigentlich möglichst schnell die Vertrags-Hintertür benützen und sich aus dem Projekt verabschieden möchte. „Uncle Walt“ jedoch schafft es mit unglaublichem psychologischem Feingefühl, sie „im Boot“ zu halten. Aus diesem „Clash of the Titans“ und der Intensität, mit der die beiden Hauptdarsteller ihre Rollen spielen, bezieht Saving Mr. Banks zusätzliche Spannungsenergie. Ebenso aus der liebevollen Zeichnung sämtlicher Nebenfiguren und deren perfekter Besetzung: Colin Farrell als Vater, Paul Giamatti als Chauffeur, Jason Schwarzman und B.J. Novak als Komponistenduo Sherman & Sherman, Lily Bigham als Sekretärin und Bradley Withford als Drehbuchautor – sie sind allesamt hervorragend.

Saving Mr. Banks ist aber noch eins – und das vor allem: Ein zutiefst menschlicher und warmherziger Film. Da ich befürchte, dass sich dieser Film nicht lange in den Kinos halten wird, rufe ich zum Hingehen auf. Let’s save Saving Mr. Banks!
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Orphée (1949) OrpheeJean Cocteaus Interpretation des Orpheus-Mythos – einer der grossen Filmklassiker. In zum Teil grossartigen Bildern und mit raffinierten Filmtricks transferiert Cocteau den Stoff von Orpheus und Eurydike ins damalige „Heute“. Entstanden ist ein filmisches Poem, ein surrealistischer Bilderreigen, der auf der Bildebene absolut überzeugt. Die Visionierung ist spannend und oft amüsant. Ich fand den Film interessant – zumal Cocteau einen ganz eigenständigen Bilderkosmos kreierte. Berührt hat mich Orphée allerdings nicht. Die Figuren bleiben papieren, blutleer, der Stoff bleibt zu sehr der Idee verhaftet, ist abgehoben durch die künstlerische Vision, die er transportiert.
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Einfach Blumen aufs Dach (1979) ist eine deutsche Komödie. Sie entstand im Jahre 1979 und wurde damals ein grosser Publikumserfolg. Einfach Blumen aufs DachIn der DDR! Zu einer Zeit, in der Westdeutschland Didi Hallervorden, Thomas Gottschalk und Mike Krüger mit plattem Klamauk durch die Kinos blödelten, wo Eis am Steil Triumphe feierte, wagten „die Ossis“ mit diesem Film satirische Töne gegen staatliche Willkür und Obrigkeitsgläubigkeit. Herausgekommen ist ein eher leiser Film, dessen verschmitzter Witz und liebevolle Verballhornung noch heute wirkt – und dies nicht nur dank der „Ostalgie“! Obwohl er natürlich auch ein Stück Zeitgeschichte ist (er wurde „auf der Strasse“ gedreht und führt dem heutigen Betrachter eine untergegangene Welt inmitten der Mauern Berlins vor Augen) bleibt er universell gültig: Als Satire auf Bürokratie und Obrigkeitsgläubigkeit. Durch die Entscheidungsunfähigkeit eines hohen Funktionärs bekommt die Arbeiterfamilie Blaschke einen Tschaika zugeteilt. Dessen Garage wird grösser als die familieneigene Datsche – und die Parteioberen halten Hannes Blaschke fortan für einen der ihren, was zu köstlichen Komplikationen führt.
Wenn man den Film heute sieht, staunt man, was da alles die Zensur passiert hat. In erster Linie macht dieser Ausflug in eine vergangene Epoche aber einfach richtig Spass! Ein echter Geheimtipp!
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The Adventures Of Tintin (2011) Spielberg verfilmt Hergé – mit den Mitteln der Computeranimation. Das allein ist schon ein Widerspruch in sich, der den Film aber nicht schlechter (auch nicht besser!) macht. Tintin-hi-res-movie-imageTintin, ein lang gehegtes Lieblingsprojekt Spielbergs, hat mehr mit Indiana Jones zu tun als mit den ursprünglichen Comics um Tim & Struppi: Die Action kommt derart knüppeldick, dass man kaum zu Atem kommt – und dass kaum Raum bleibt für die von Hergé liebevoll entworfenen Charaktere. So ist The Adventures Of Tintin ein rasendes Action-Vehikel geworden, das nicht nur mit Versatzstücken von Hergé auftrumpft – auch Carl Barks wird zünftig Reverenz erwiesen und der Regisseur zitiert sich mehrmals selbst. Als Grundlage für die Filmhandlung dienten die beiden Tim & Struppi-Alben Das Geheimnis der Einhorn und Die Krabbe mit den goldenen Scheren. Das inzwischen gereifte motion capture-Verfahren (die Bewegungen echter Schauspieler werden direkt vom Computer bearbeitet und in die Animation übertragen) ergibt verblüffende Effekte, die den Spektakelcharakter des Films noch unterstreichen. Trotzdem ist das Aussehen der Figuren zunächst einmal fremd und gewöhnungsbedürftig.
Zusammenfassend darf man wohl sagen, The Adventures Of Tintin sei ein Muss für Spielberg-Fans und ein Graus für Hergé-Anhänger.
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Carmen (1984) Letzte Woche hatte ich eine Musical-Verfilmung verrissen, jetzt kommt die Oper dran! Francesco Rosis Carmen folgt Bizets Vorlage aufs Wort (was an sich schon problematisch ist) und versetzt sie in eine naturalistische Kulisse. Dadurch entsteht eine störende Diskrepanz zwischen überhöhtem Bühneneffekt und realistischem Gebahren. Rosi verschlimmert diese Diskrepanz durch eine foIkloristische Inszenierung, die Spanien so zeigt, wie sich Kurtli Müller dies vorstellt. Carmen RosiErschwerend kommt dazu, dass sich die Dramaturgie der Oper und die Funktionsweise des Kinos praktisch ausschliessen: Wo die Oper die Wiederholung um der Musik Willen erlaubt, ja verlangt, drängt das Kino vorwärts. So kommt es ständig zu stockendem Kolonnenverkehr, weil die Arien immer viel länger dauern, als der Verstand des Zuschauers arbeitet: Man weiss um den Fortgang der Handlung, muss aber ewig auf das Ende der Arie warten, bevor es endlich weitergeht. Natürlich ist die Musik toll, die Sängerinnen und Sänger erstklassig, doch im Kino kann das nicht funktionieren. Das Ambiente fehlt, dieses durch Folklore zu ersetzen, funktioniert nicht. Julia Migenes hat eine tolle Leinwandpräsenz, der Rest der Besetzung leider nicht. Sowohl Placido Domingo als auch Roggero Raimondi fehlt es an Ausstrahlung. Und somit fällt die ganze Verfilmung flach. Wer Opern nicht mag, wird durch Rosis Film eher bestätigt als eines Besseren belehrt. Ein fataler Effekt.
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