Monat: Januar 2011

D.W. Griffith inszeniert die französische Revolution

ORPHANS OF THE STORM
(USA 1921)
Mit Lillian Gish, Dorothy Gish, Joseph Schildkraut,
Regie: D.W. Griffith
Dauer: 150 min

Zwei Schwestern, Henriette und Louise, durchleben die Wirren der französischen Revolution.
Eigentlich sind Henriette und Louise nicht wirklich Schwestern. Louise, eine Aristokratentochter, (Dorothy Gish) wurde vor den Toren Notre-Dames ausgesetzt und von einem armen Handwerker, Henriettes Vater, adoptiert. Die beiden wachsen wie Schwestern auf, und als Louise erblindet, kümmert sich Henriette (Lillian Gish) mütterlich um sie. Kurz nachdem sie zu Verwandten nach Paris gereist sind, werden sie gewaltsam getrennt: Louise wird von Bettlern gekidnappt und muss fortan auf der Strasse um Almosen bitten, um die Kasse ihrer Entführer aufzubessern.
Henriette indessen erregt das Interesse eines noblen Adligen, Chevalier de Vaudray (Joseph Schildkraut) – zarte Liebe keimt zwischen den beiden auf. In den Wirren der französischen Revolution finden sich die Schwestern wieder, doch da der Adel inzwischen verfehmt ist, bringt Henriettes Verbindung mit dem Chevalier sie aufs Schafott.

Der Regisseur von Orphans of the Storm, D.W. Griffith, ist heute vor allem für seine grandiosen und ausufernden Epen Birth of a Nation (1915) und Intolerance (1916) bekannt , aber auch für seine innovativen Kurzfilme (1909 bis 1914). Mit den rund 400 Kurzfilmen erprobte er ein Feld, welches er massgeblich weiterentwickelte und in den beiden oben genannten Langfilmen zur Perfektion brachte: die filmische Spannungsdramaturgie. Instrumente wie Einstellungswechsel und Parallelmontagen, finden, so wie Griffith sie entwickelt hatte, zwecks Spannungssteigerung noch im heutigen Kino Verwendung. Birth of a Nation und Intolerance sind seine Meisterwerke, sie gelten als Meilensteine der Filmgeschichte.

Orphans of the Storm macht dagegen einen etwas angestaubten Eindruck, er fällt in seiner Machart hinter die beiden oben genannten Griffith-Meisterwerke, aber auch hinter Filme anderer Regisseure aus demselben Entstehungsjahr zurück. Weshalb?

Nachdem Griffith die Spannungsdramaturgie zu früher Perfektion gebracht hatte, blieb er stehen. Weitere cinéastische Neuerungen überliess er anderen Regisseuren, ja er schien diese sogar zu ignorieren – jedenfalls übernahm er sie nicht oder nur zögerlich ins eigene Repertoire. Die Gründe dafür sind rätselhaft – jedenfalls brachte ihm dieser Umstand bei seinen Zeitgenossen schon bald den Ruf ein, altbacken zu sein. Nach Orphans of the Storm, seinem letzten grossen Erfolg, sank sein Stern rapide.
Bereits in diesem Film bemerkt man, in Kenntnis früherer Griffith-Werke, etwas Formelhaftes. Die Spannungssequenzen von Orphans of the Storm ähneln auffällig jenen aus Intolerance. Man könnte Orphans mit etwas bösem Willen als Aufguss von Intolerance bezeichnen.

Ein Vergleich beider Filme in Bezug auf die Massenszenen bringt allerdings ein ernüchterndes Resultat: Während sie in Intolerance eine unglaubliche Sogkraft entwickeln, wirken sie hier dank überspanntem Gehampel teilweise hilflos und lächerlich. Es scheint, als würde die ordnende Hand des Regisseurs fehlen. Zudem machen sich in diesem Film auffällig häufig grobe Schnitt- und Anschlussfehler bemerkbar, die den Handlungsfluss immer wieder stören. Die sichtbar mangelnde Sorgfalt lässt den Verdacht aufkeimen, Orphans sei in grosser Eile fertiggestellt worden.
Die Handlung wurde zu grossen Teilen einfach in der Totalen abgefilmt; so wirkt der Film teilweise wie eine Theateraufführung. Betrachtet man andere Stummfilme aus demselben Produktionsjahr, so wirken die meisten davon moderner und handwerklich sauberer als Orphans of the Storm.

Trotzdem bleibt der Film haften. Er hat seine unbestreitbaren Stärken, die auf jene umso mehr wirken, die weder Birth of a Nation noch Intolerance kennen, denn an diesen beiden frühen Werken Griffiths misst man automatisch seine anderen. In den meisten Fällen zu deren Nachteil.
Es ist trotz aller Imperfektion der Schnitt, der das Ganze rettet, Spannung aufbaut und Orphans trotz allem zu einem unvergesslichen Filmerlebnis macht.
Den ganzen Film über werden Handlungen parallel geführt und miteinander verknüpft, geschickt werden Spannungsbögen im Auge behalten und in die Länge gezogen – Griffith hatte im Lauf der Jahre ein ganzes Arsenal an Tricks und ein feines Gespür für effektiven Handlungsaufbau entwickelt, welche ihm erlaubten, die Spannung auf mehreren Ebenen zweieinhalb Stunden am köcheln zu halten.
Auch wenn der Rest von Griffiths Cinématografie hier nicht mehr dem Stand der Zeit entsprach, auf dem Gebiet der Spannungsdramaturgie kann der Film als Lehrstück gelten.

Natürlich fallen diesem Zweck die historischen Fakten zum Opfer. Obwohl für jene Zeit vorbildliche Authentizitätsbemühungen spürbar sind, ist Orphans of the Strom bezüglich historischer Korrektheit auf einem Stand, der heute nicht mehr akzeptiert werden könnte. Zur Spannungssteigerung werden sämtliche Figuren in ein Schwarzweiss-Schema gepresst, was einerseits zu lächerlicher Versimplung führt (Danton = gut, Robespierre = bös), bei einigen der erfundenen Charakteren andererseits einleuchtend und schlüssig  wirkt (zu beobachten etwa an der Figur des Jacques Forget-Not, der für die ausser Kontrolle geratene und mit der neuen politischen Macht überforderte Masse der „kleinen Leute“ steht, die sich plötzlich als Richter gebärden dürfen).

Absolut wirkungsvoll sind auch die überaus aufwendigen und bisweilen täuschenden Kulissen eingesetzt: Bisweilen gewinnt man den Eindruck, der Film sei tatsächlich in einer alten französischen Stadt gedreht worden. Leider ist nicht ganz klar zu eruieren, wer für das Produktionsdesign verantwortlich ist. Es ist ein art director angegeben, aber kein production designer; möglicherweise war dies zu jener Zeit noch ein und derselbe Mann, weshalb ich hier, mit Vorbehalt Charles M. Kirk für die Sets verantwortlich mache.
In den grosszügig ausgebauten Kulissen – ganze Strassenzüge und Häuserzeilen wurden nachgebaut – wirken die Akteure oft klein wie Ameisen.

Orphans of the Storm ist ein ambivalentes Werk; es hat seine Meriten, denen aber ebensoviele „filmische Sünden“ gegenüberstehen.
Auf jeden Fall handelt es sich dabei als ein saftiges Stück Unterhaltungskino, das seine Absicht immer mal wieder hinter historisierendem Gebaren zu verbergen versucht.
7/10

Die DVD: Die Bildschärfe ist ganz gut, der Kontrast vermochte mich nicht zur Gänze zu befriedigen. Das Bild scheint mir bisweilen etwas matt. Ich vermute, die DVD wurde von einem Videoband gemastert.

Die Musikbegleitung stammt von Louis F. Gottschalk und William Frederick Peters; es handelt sich um die Originalmusik, welche zur Uraufführung des Films damals erklang. Sie wurde von Brian Benison arrangiert und wird von ihm auf einem elektronischen Instrument wiedergegeben – eine Lösung, mich eigentlich nie zu befriedigen vermag.

Extras: Eine Einleitung von Orson Welles; der Kurzfilm Rescued From the Eagles Nest (1908), der D.W. Griffith als Schauspieler zeigt; Filmmaterial von Griffiths Beerdigung; Radio-Nachruf an D.W. Griffith durch Erich von Stroheim; Nachdruck eines Artikels von 1916: The Story of David Wark Griffith; Portfolio mit seltenen Griffith-Fotos.

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Nicht verfügbar.
USA: Der Film wird von Kino on Video angeboten. Man bekommt ihn direkt bei Kino, oder bei amazon.com (dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld).
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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Die schlafende Stadt

PARIS QUI DORT
Frankreich 1925
Mit Albert Préjean, Marcel Vallée, Charles Martinelli u.a.
Regie René Clair
Dauer: 35 min

Faulheit lass nach: Diese Woche verliere ich nicht viele Worte über den zu präsentierenden Stummfilm. Ein Hexenschuss und ein Krankenhausaufenthalt meiner Gattin (inkl. Operation) haben meinen Filmkonsum und meine Schreibtätigkeit erheblich gebremst. So wähle ich diesen kleinen Film, weil die geneigte Leserschaft ihn sich selbst angucken kann, denn er ist vollständig auf youtube verfügbar und ich muss für einmal nicht allzuviel erklären und versprachlichen.

Im Gegensatz zum letzten hier besprochenen Film René Clairs, seinem Erstling Entr’acte, schaut sein Zweitlingswerk schon fast „normal“ aus: Keine kippenden Bilder, keine seltsamen Schnitte, keine zusammenhangslosen Szenen. Die Handlung ist durchgehend verständlich und folgt einem sinnvollen Ablauf. Trotzdem wird Paris qui dort dank seinem absurden Inhalt und seiner surrealen Grundstimmung dem Avantgardefilm zugeordnet.
Clair setzt hier eine absolut schräge Geschichte um, diesmal nach eigenem Drehbuch: Als der Wärter auf dem Eifelturm eines Morgens aufwacht und von seiner Plattform auf die Stadt hinunterblickt, kommt ihm etwas seltsam vor: Nichts rührt sich dort unten. Ein Augenschein bestätigt: Die Stadt ist ausgestorben. So leer, wie sie zunächst erscheint, ist sie denn doch nicht. Der Wärter trifft in den Strassen auf Menschen, doch die verharren reglos, als wären sie mitten in der Bewegung eingefroren.

Auf dem Flughafen landet indessen ein kleines Flugzeug, dem eine Schar bunt zusammengewürfelter Individuen entsteigt, die bald auf den Wärter treffen, sich mit ihm zusammentun und in der reglosen Stadt allerhand Allotria treiben. Nach einigen waghalsigen Kletterpartien auf dem Eifelturm, macht man sich aus lauter Langeweile auf, die Lösung für die „schlafenden Stadt“ zu finden.

Der Film zeigt bereits deutliche Ansätze von Clairs nonchalantem Humor, der den Charakteren der Figuren entspringt. Die Sprunghaftigkeit der vorliegenden Fassung (die Schnitte wirken oftmals abrupt und unharmonisch) könnte auf mangelndes Ausgangsmaterial (alte, oft gespielte Kopie mit vielen Klebestellen) zurückzuführen sein. Ich besitze den Film in einer Super8-Fassung, und die sieht genauso aus – obwohl sie mit der hier gezeigten youtube-Fassung ganz klar nicht identisch ist. Möglicherweise existiert von Paris qui dort keine vollständige Fassung mehr; dass die schlechten Schnitte auf den Regisseur zurückgehen (denn er selbst war für den Filmschnitt besorgt), wage ich zu bezweifeln, denn im selben Film sind durchaus harmonischere und sinvolle Schnittfolgen zu sehen.

Ein sehr amüsantes Frühwerk des grossen französischen Filmpoeten, das einen erstaunlichen Spagat zwischen seinem experimentellen Erstling hin zu seinen späteren Werken darstellt. Viel Spass beim Betrachten!
7,5/10

Tonfilm-Seitensprung: Der Buster Keaton des Tipp-Kick

AUS DER TIEFE DES RAUMES
Deutschland 2004
Mit Arndt Schwering-Sohnrey, Eckhard Preuss, Mira Bartuschek, Christoph Maria Herbst u.a.
Regie: Gil Mehmert

Deutschland, die 60er-Jahre: Das Steckenpferd des jungen Mechanikers Hans-Günter heisst Tipp-Kick. Sein Traum: Die regionale Tipp-Kick-Meisterschaft zu gewinnen. Während des Turniers schliesst er Bekanntschaft mit der Fotografin Marion, landet bei ihr zu Hause, und dort passiert’s: Sein selbstgebasteltes Tipp-Kick-Männchen landet zusammen mit einem eingeschalteten Haartrockner und Fotochemikalien in der vollen Badewanne. Das kriegen Hans-Günter und Marion allerdings nicht mit, denn sie sind gerade im Schlafzimmer zugange, als es passiert. Danach ist das Männchen unauffindbar.

Nur das Kinopublikum weiss zunächst, dass die „Ursuppe“ in der Badewanne das Männchen in einen ausgewachsenen Menschen mit rotem Druckknopf auf dem Kopf verwandelt hat.
Wie Frankensteins Monster wankt „Nummer 10“, wie er mangels Namen zunächst genannt wird, durch die Stadt (später nennt er sich Hans-Günter, nach seinem „Vater“, danach nur noch Günter und zuletzt… nein, das soll hier nicht verraten werden).
Dann wird er von seinen Erzeuger entdeckt, worauf dessen Leben gehörig durcheinandergerüttelt wird.

Aus der Tiefe des Raums hätte leicht zur peinlichen Farce werden können. Doch Theatermann Gil Mehmert, der für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, wusste das Beste aus seinem verrückten Stoff zu machen. Mit grösstmöglichem Understatement wird die Story aufgetischt, als handle es sich um eine griechische Tragödie – oder einen Film von Aki Kaurismäki.
Der Humor bleibt leise, verhalten, versteckt sich oft im Hintergrund, in der Inszenierung, in den Bildern. Die Story ist zwar höherer Blödsinn, sie wird aber von allen Beteiligten jederzeit ernst genommen. Und genau deshalb funktioniert dieser Film, der einen sehr schnell völlig in seinen Bann zieht.

Eckhard Preuss als Fleisch gewordener Tipp-Kicker stiehlt dabei dem Rest der ausgezeichneten Besetzung die Schau, nicht nur dank der wunderbar albernen Perücken, die er für den Film tragen darf. Er spielt seinen Part mit derselben stoischen Mine und ähnlicher alienhafter Fremdheit die man von Buster Keaton kennt.

Aus der Tiefe des Raumes ist Gil Mehmerts bislang einziger Kinofilm geblieben – er ist ein echter Geheimtipp. Als Vorbereitung zu diesem dreht Mehmert 2001 fürs Fernsehen Aki Kaurismäkis I Hired A Contract Killer nach, ebenfalls mit Eckhard Preuss in der Rolle von Jean-Pierre Léaud, der dort ja ebenfalls an Buster Keaton gemahnte.
Mehmert macht vorwiegend Theater und inszeniert neben klassischen Theaterstücken Bühnenfasungen von Filmen, ebenso Musicals und Opern.
Den Film habe er gemacht, weil der Stoff nicht auf die Bühne gepasst hätte, sagt er. Hoffentlich findet er bald wieder so einen!
7,5/10

Der Film ist z. Bsp. bei amazon.de bestellbar.