Monat: Juli 2016

Movie-Magazin 7: Auf der Kugel stand kein Name – 1959

NO NAME ON THE BULLETT
USA 1959
Mit Audie Murphy, Charles Drake, Joan Evans, Willis Bouchey, Warren Stevens, Edgar Stehli, u.a.
Drehbuch: Gene L. Coon nach einer Story von Howard Amacker
Regie: Jack Arnold
Dauer: 77 min
Der Film kam 1959 auch im deutschsprachigen Raum in die Kinos – unter dem Titel Auf der Kugel stand kein Name

Vorspann:
„John Gant“ – als die Bewohner des Städtchens Lordsburg den Namen hören, zucken sie angstvoll zusammen. Niemand weiss, was der berüchtigte Kontrakt-Killer im Städtchen will, und auf wen er es abgesehen hat. Hektische Nervosität bricht aus, denn John Gant (Audie Murphy) ist dafür bekannt, seinen Job sauber zu erledigen. Niemand konnte ihm bislang einen Mord nachweisen.
Der Dorfarzt Canfield (Charles Drake) begegnet dem Killer zunächst offen, nicht ahnend, wen er da vor sich hat, und es entwickelt sich sowas wie eine Freundschaft. Doch diese wird jäh zerstört, als Canfield feststellt, dass Lordsburg unter dem Druck und der Angst, die mit John Gant im Städtchen Einzug gehalten haben, auseinanderzufallen droht.

Der Film:
Regisseur Jack Arnold ist bei uns in den 80er-Jahren so richtig bekannt geworden, als die ARD eine umfangreiche Science-Fiction-Filmreihe ausstrahlte. Darunter Arnolds Klassiker Tarantula und The Incredible Shrinking Man (dt.: Die unglaubliche Geschichte des Mister C). Doch Arnolds Schaffen umfasst die ganze Bandbreite der Filmgenres – von der Bob Hope-Komödie bis zum Film Noir. Zu Beginn seiner Karriere drehte der frühere Assistent Robert J. Flahertys eine Reihe von Dokumentarfilmen, einer davon (With These Hands, 1950) brachte ihm seine einzige Oscar-Nominierung ein. In späteren Jahren arbeitete Arnold, wie viele seiner Kollegen, fürs Fernsehen. So drehte er zum Besispiel sechs Episoden der von Blake Edwards kreierten Krimi-Serie Peter Gunn (1959) oder 26 episoden der Comedy-Serie Gilligan’s Island (1964-1967).
Am meisten taucht der Western in seiner Filmografie auf.
No Name on the Bullett ist, wie die meisten von Arnolds Filmen, eine sogenannte B-Produktion.

Audie Murphys Karriere begann als Kriegsheld. Nach Ende des zweiten Weltkrieges erlangte Murphy Heldenruhm als meistdekorierter Soldat der US-Armee. Unter seinen 33 Auszeichnungen befand sich auch die Ehernmedallie, und auf seinem Ruhmesblatt stand unter anderen auch, dass er 250 Deutsche während Kriegshandlungen getötet hatte. Von Verwundeten und Gefangenen ganz zu schweigen. Murphys Heldentaten klingen so verwegen und todesmutig als stammten sie aus einem überkandidelten Hollywood-Blockbuster. Kein Wunder also, dass ihn James Cagney, dessen Filmfiguren mit Murphys real existierendem Charakter korrespondierten, zum Film holen wollte. Murphy, der mit einem gefälschen Pass mit 16 in die Armee eintrat, hatte zuvor keinen Beruf gelernt – und sagte Cagney zu. Die Sache mit der Schauspielerei sah zunächst allerdings nicht erfolgversprechend aus, die Schwierigkeiten begannen schon in der Ausbildung: Murphy musste u.a. lernen, zu singen und zu tanzen. Danach hielt sich der Kriegsheld A.D. mit kleinen Rollen über Wasser.
Erst die Hauptrollen in Kurt Neumanns Adoleszenten-Drama Bad Boy (dt.: Gefängnis ohne Gitter, 1949) und John Hustons Kriegsepos The Red Badge of Courage (dt.: Die rote Tapferkeitsmedallie, 1951) brachten den Durchbruch als Hauptdarsteller, obwohl letzterer an den Kinokassen floppte. Die Verfilmung von Murphys eigener Kriegsabenteuer, To Hell and Back (dt.: Zur Hölle und zurück, Jesse Hibbs, 1955) mit ihm selbst in der Hauptrolle, entwickelte sich dagegen zum grössten US-Box-Office-Hit für die nächsten 20 Jahre; dessen Einnahmen-Erfolge wurde erst von Spielbergs Jaws (1975) übertroffen. Nach 1955 spezialisierte sich Murphy auf Western. Insgesamt wirkte er in 44 Filmen mit.
Neben der Schauspielerei war Murphy als Geschäftsmann (Vieh und Landwirtschaft) und als Songwriter (u.a. für Dean Martin) tätig. Privat galt er als eher unangenehmer Zeitgenosse; seine Nerven waren – eine Folge des Krieges – stets zum Zerreissen gespannt und es war nicht vorherzusehen, wann er in die Luft ging. Er trug – auch am Filmset – stets eine geladene Waffe mit sich herum, weshalb niemand wirklich gerne mit ihm arbeitete. Während des Vietnamkriegs wies er als prominente Stimme auf die Probleme der Heimkehrer hin und setzte sich bei der Regierung für deren Betreuung ein – er wusste, wovon er sprach. In dem er seine eigenen Kriegstraumata öffentlich machte, brachte er ein Tabuthema auf dem Tisch und half so unzähligen psychisch Geschädigten. Audie Murphy kam 1971 bei einem Flugzeugunglück ums Leben.

Der Kriegsheld war bestimmt kein grandioser Schauspieler. Doch führt man sich No Name on the Bullett vor Augen, kann man sich keinen besseren Darsteller in der Rolle des Killers vorstellen als Audie Murphy. Obwohl er gar nicht viel tut, evoziert er ein permanentes Gefühl von Gefahr und Unbehagen. Man glaubt sofort, dass dieser leise sprechende, kultivierte, permanent lächelnde Mann von einem Moment zum nächsten gefährlich werden kann. Es liegt in seinen Augen und in seiner permanent gespannten Haltung. Tatsächlich fühlt man sich immer wieder an den jungen James Cagney in seinen Gangsterrollen, dieses psychisch zerrüttete Nervenbündel, erinnert – kein Wunder, dass gerade jener Murphy zum Film holte. Im Gegensatz zu Cagney, der den Typus spielte, verkörpert Murphy ihn.
Der Rest der Schauspieler-Crew ist nicht grandios, aber solide. Jede(r) passt exakt in seine / ihre Rolle. Es sind viele aus diversen TV-Serien bekannte Gesichter dabei.

Vom TV ist auch der Drehbuchautor Gene L. Coon bekannt. So schrieb er mehrere Drehbücher für die originale Star Trek-Serie, bei der er übrigens auch als Produzent firmierte und massgeblich an der Entwicklung von dessen Mythos beteiligt war, aber auch Bonanza und Die Stassen von San Francisco verdanken ihm einige Episoden. Coon hat ebenfalls für eine von Blake Edwards aus der Taufe gehobene TV-Serie gearbeitet, für Mr.Lucky – für die Jack Arnold 15 Episoden inszenierte.
Fürs Kino arbeitete er genau sieben Mal, neben dem Drehbuch zum hier besprochenen Werk schrieb er u.a. noch The Killers (dt.: Der Tod eines Killers; Don Siegel, 1964) und einen weiteren Jack-Arnold-Western, Man in the Shadow (dt.: Des Teufels Lohn, 1957).

Coons Drehbuch zu No Name on the Bullett ist das Glanzstück eines Films, der sonst mit keinen grossen Leistungen aufwartet. Die Arbeit sämtlicher Mitwirkender ist solide – von den Darstellern über den Ausstatter bis zum Regisseur, so solide wie eine gute TV-Produktion aus jener Zeit. Ohne Coons vielschichtiges Drehbuch wäre der Film kaum der Rede wert. Ohne jede Action wird hier in spannungsgeladener Ruhe vorgeführt, was im weitgehend rechtsfreien Raum einer Kleinstadt des Westens geschieht, wenn plötzlich ein Auftrags-Rächer auftaucht. Plötzlich wird deutlich, dass fast jeder der ehrenwerten Bürger Dreck am Stecken hat und die Rache irgendeines Partners fürchtet. Denn John Gant ist im Auftrag hier – und er verrät weder den Namen seines Auftraggebers noch jenen des Opfers. Nun kommt Leben ins Kaff. Einer Versuchsanordnung gleich führen Coon und Arnold vor Augen, wie Leute funktionieren und reagieren und sich verändern, die von einem rabenschwarzen Gewissen und von Angst getrieben sind.
Interessant ist auch, dass die beiden Hauptfiguren nicht einfach in ein Gut-Böse-Schema gepresst werden. Zu Beginn erscheint Gant als Todesengel. Der Dorfarzt hingegen ist von Beginn weg der „good guy“. Doch je länger der Film dauert, desto unsicherer werden diese Zuordnungen. Gant tut nur seine Arbeit, darüberhinaus will er keiner Flige etwas zuleide tun. Der Arzt, der sich einzumischen beginnt ohne den geringsten Überblick zu haben, wird zusehends zu demjenigen, der Schaden anrichtet ohne es zu wollen.
Wer ist moralisch zu verurteilen?, diese Frage steht mit der letzten Einstellung im Raum. Der Killer, der nur seinen Job macht oder der Arzt, der mit seinem Eifer ein Leben zerstört?
Ein denkwürdiger Western mit philosophischen Dimensionen.

Abspann:
No Name on the Bullett lohnt durchaus einen Blick – der Film ist im deutschsprachigen Raum sogar auf DVD erhältlich. Koch Media brachte ihn bereits 2010 auf den Markt, in der Original- und in der deutschen Synchronfassung. Bestellbar hier.

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

Sichinin no samurai (dt.: Die sieben Samurai; Akira Kurosawa, Japan 1954) Mt Toshiro Mifune, Takashi Shimura, Keiko Tsushima u.a.
Der beste Film, den ich nie gesehen habe!
Neulich habe ich erneut versucht, mir diesen grossen, vielgelobten Klassiker des japanischen Kinos zu Gemüte zu führen. Und habe habe den Versuch einmal mehr abgebrochen.
Es mag ja sein, dass er zu „den besten“ gehört. Das wage ich gar nicht zu bezweifeln. Ich kann nur einfach nichts damit anfangen. Die Bilder – grossartig! Die Schauspieler – für unsere Sehgewohnheiten grenzwertig!
Das permanente Geschrei und Gehampel der Hauptakteure – allen voran Toshiro Mifune – wird mir bereits nach 15 Minuten zuviel. Ich kann also im Grunde nichts über den Film sagen. Er ist und bleibt mir fremd. Seine Symbolik bleibt mir ein Rätsel. Die Schauspiel-Tradition ebenfalls. Ich finde nicht hinein in diese versunkene Welt des alten Japan.
Eine oberflächliche Sichtweise? Eben gerade nicht! Indem ich meinen fehlenden Zugang zugebe, mir eingestehe, dass mir die fernöstliche Symbolik, Erzählweise, Spielweise, Musik fremd bleibt und ich den Film aus diesem Grund gar nicht wirklich bewerten kann, gehe ich tiefer als jene, die den Film einfach abnicken („ein anerkanntes Meisterwerk“). Die wenig verstehen, es dabei belassen und so tun, als könnten sie das Ganze beurteilen.
Ich könnte natürlich in die Tiefe gehen und mich mit der Thematik, Symbolik, Kultur usw. näher befassen, wie seriöse Filmjournalisten und -historiker das tun – könnte alles unternehmen, damit ich Die sieben Samurai tatsächlich verstehen und bewerten kann. Doch dafür fehlt mir neben meinem Job schlicht die Zeit.
Genau gleich geht es mir übrigens mit afrikanischen, arabischen, chinesischen Filmen. Mit Filmen aus Kulturen, die der unseren im Grunde fremd sind – fremd im Sinne von „anders“. So anders, dass man sie nicht einfach – oder einfach nicht – versteht. Spannend, sich daran abzuarbeiten.
Die meisten mir bekannten „Weltkino-Freunde“ belassen es allerdings dabei, „wissend“ zu tun. Schliesslich sind wir multikulti, wir sollten schon nur aus Solidarität wertschätzen, was an „Weltkino“ zu uns kommt, solange es keine „Amifilme“ sind. „Wertschätzen“ heisst aber nicht einfach vorbehaltlos gut finden. Es kann auch bedeuten, seine Ratlosigkeit offenzulegen und auf eine Beurteilung zu verzichten. Ich kann einen chinesischen, argentinischen, indischen Film interessant finden, bildgewaltig oder anderes – ihn in seiner Gesamtheit zu beurteilen, traue ich mir nicht zu. Dazu bräuchte ich mehr Zeit.
Generalisieren mag ich das oben Geschriebene allerdings nicht; es gibt Kurosawa-Filme, die ich sehr schätze, und Ikiru (dt.: Einmal richtig leben, 1952) zählt gar zu meinen zehn absoluten Lieblingsfilmen.

 

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene Klassiker:

My Cousin Rachel (dt.: Meine Cousine Rachel, Henry Koster, USA 1952) Mit Richard Burton, Olivia De Havilland, u.a.
Atmosphärische Verfilmung einer Mystery-Story aus Daphne Du Mauriers Feder – mit Richard Burton in seiner ersten Hauptrolle und seinem ersten Hollywood-Film. Der Film hat das Pech, gegen Hitchcocks vergleichbaren Rebecca (ebenfalls Du Maurier) antreten zu müssen – und da zieht er trotz hervorragender darstellerischer Leistungen deutlich den Kürzeren. Die Frage, ob Rachel ihren Gatten umgebracht hat und nun dasselbe mit dessen Mündel vorhat, hält die Spannung der Geschichte leidlich aufrecht und das Interesse des Publikums wach, auch wenn rein gar nichts geschieht. Doch der Haupt-Plot-Twist bleibt unglaubwürdig und damit droht das Interesse des Betrachters immer wieder zu erlahmen. Gnadenlos wird einem im Vergleich bewusst, dass Henry Koster einfach nicht Alfred Hitchcock ist; letzterer vermochte die Spannung allein auf der Bildebene am Kochen zu halten. Koster lässt die meisten Gelegenheiten dafür versteichen.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Le tout nouveau testament (dt.: Das brandneue Testament; Jaco Van Dormael, Belgien 2014) Mit Benoit Poolvoerde, Pili Groyne, Catherine Deneuve u.a.
Gott lebt. Er wohnt in Belgien. Und er sieht aus wie Benoit Poolvoerde.
Der belgische Filmemacher Jaco Van Dormael hat wieder mal einen überbordend spinnerten Film gedreht, voller poetischer Momente, voll clownesker Ideen – aber im Grunde voll depro.
Gott lebt mit Frau und Tochter in einer engen Wohnung in einem Hochhaus. Den ganzen Tag hockt er am Computer und denkt sich hässliche Gesetze aus, mit denen er die Menschen bis aufs Blut quält. Seiner Tochter Ea geht der Alte schon lang auf den Wecker, sie hackt seinen Computer und verschwindet. Als Folge des Hacks erfahren sämtliche Erdenbewohner ihre Todeszeit. Gott tobt und verfolgt Ea. Diese sucht sich sechs Apostel und schreibt mit ihnen das „brandneue Testament“, in der Hoffnung, die Erde zu einem besseren Ort zu machen.
Ein komplett eigenständiger, höchst origineller und unterhaltsamer Film, der allerdings komlett an der Oberfläche bleibt. Seine philosophischen Gedanken und Einfälle (wie das Bekanntwerden der Todesdaten) werden nicht in ihre Tiefe verfolgt, sondern dienen nur der kurzzeitigen Unterhaltung. Das wirkt auf die Dauer etwas billig. Dafür macht er Statements wie „Gott ist ein Arschloch“, die auf einer zutiefst negativen Sichtweise beruhen.
Le tout nouveau testament ist in erster Linie die Verkündung der Weltsicht Jaco Van Dormaels – wen’s interessiert…! Dass er dies auf höchst unterhaltsame, kreative und teilweise poetische Weise tut, macht ihn überhaupt erst geniessbar.

Vorschau:
Im Zentrum des nächsten Movie-Magazins steht Richard Brooks‘ erster Spielfilm Crisis (dt.: Hexenkessel; USA 1950), in dem ein amerikanischer Arzt (Cary Grant) einen verhassten südamerikanischen Diktator (José Ferrer), gegen den ein Volksaufstand schwelt, von einem tödlichen Hirntumor befreien soll.

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Movie-Magazin 6: Einer weiss zuviel – 1950

WOMAN ON THE RUN
USA 1950
Mit Ann Sheridan, Dennis O’Keefe, Robert Keith, Ross Elliott, Frank Jenks, John Qualen u.a.
Drehbuch: Alan Campbell und Norman Foster nach einer Geschichte von Sylvia Tate
Regie: Norman Foster
Dauer: 77 min
Der Film fand 1952 den Weg in die deutschsprachigen Kinos, und zwar unter dem Titel Einer weiss zuviel.

Vorspann:
Während eines nächtlichen Spaziergangs wird der Maler Frank Johnson (Ross Elliott) Zeuge eines Mordes unter Gangstern. Er hat den Mörder gesehen und kann ihn beschreiben. Das macht ihn wertvoll für die Polizei, die sogleich am Tatort eintrifft und Frank als Kronzeugen verpflichten will. Doch Frank flüchtet aus Angst vor der Rache der Gangster.
Inspektor Ferris (Robert Keith) nimmt Kontakt mit der desillusionierten Frau des Malers auf (Ann Sheridan) und versucht, über sie an seinen Zeugen zu gelangen. Doch diese, ohnehin im Glauben, ihr Mann wolle sie auf diese Weise verlassen, nimmt lieber das lukrative Angebot des Reporters Leggett (Dennis O’Keefe) an, der Franks Geschichte exklusiv in seinem Blatt bringen will und der Gattin 1’000 Dollar verspricht. Gemeinsam mit Leggett macht sie sich auf die Suche, gefolgt von Ferris‘ Leuten – und dem Mörder.

Der Film:
Woman on the Run gehört zu den wenig bekannten Vertretern des Film Noir. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass der unabhängig produzierte Film nach seiner Kinoauswertung in den Tiefen des Paramount-Archivs verschwand. Paramount hatte sich 1950 um den Vertrieb des Films gekümmert. Filmhistoriker und Gründer der „Film Noir Foundation“ Eddie Muller trieb die Kopie nach langer Suche auf und brachte den Film nach all den Jahren an einem Film Noir-Festival 2003 wieder zur Aufführung, wo er begeistert aufgenommen wurde. Muller plante eine aufwändige Restauration. Leider wurde der Film bei einem Studiobrand 2008 zerstört. Es stellte sich heraus, dass es sich um die einzige 35mm Kopie in ganz Amerika gehandelt hatte.
Entschlossen, den Film zu restaurieren, suchte Muller anderswo nach weiteren Kopien. In den Beständen des British Film Institute wurde er schliesslich fündig, und seit kurzem liegt Woman on the Run herrlich restauriert auf Blu-ray und DVD vor.

Woman on the Run ist aus zwei Gründen bemerkenswert (abgesehen davon, dass er hervorragend geschrieben, inszeniert und gespielt ist): Er wurde on location an einigen Schauplätzen San Franciscos gedreht und bietet ein wunderschönes Schwarzweiss-Portrait der Stadt von vor 60 Jahren. Und: Woman on the Run erzählt neben seinem Gangster- und Detekitv-Plot die Geschichte einer gescheiterten Ehe und deren „Heilung“. Letzteres ist für einen Film Noir eher ungewöhnlich – meist stehen einseitige Liebesgeschichten und/oder sexuelle Obsessionen im Zentrum dieses Genres.
Der Rest ist Film Noir in Reinkultur: Stark ausgeleuchtete Schwarzweiss-Kontraste, „hard boiled“-Typen (inklusive einer Frau), zynische Dialoge.

Die Drehbuchautoren bauen aber immer wieder kleine witzige Auflockerungen in ihren äusserst dicht gewobenen Plot mit ein – etwa den herrchenlosen Hund des Malers, dem sich schliesslich der Poizeiinspektor, der härteste Hund von allen, annimmt. Oder die blitzenden Dialog-Duelle zwischen der Ehefrau und dem Reporter.
So gesehen ist Woman on the Run nicht wirklich ein typischer Film Noir – aber einer den zu entdecken sich unbedingt lohnt.
Leider darf von der Handlung nicht allzuviel verraten werden; der Spoiler-Alarm geht bereits in der Hälfte der Nacherzählung los. Da wird dem Publikum nämlich die Identität des eingangs noch nicht sichtbaren Killers bereits enthüllt – aber nur dem Publikum. Hitchcock hätte seine Freude an dem Film gehabt, denn genau das mochte er auch: Während die Protagonisten im Dunklen tappen, weiss der Zuschauer um die Gefahr, die sie umgibt. Aber was sage ich da – „hätte“? Hitchcock kannte Woman on the Run wahrscheinlich; es gibt Hinweise, dass er sich von der Rummelplatz-Sequenz am Schluss deses Streifens zu seiner eigenen Rummelplatz-Sequenz in Strangers on a Train (dt.: Der Fremde im Zug, USA 1951) hat inspirieren lassen. Das Finale von Woman on the Run spielt sich auf San Franciscos Rummel „Carmel’s Playland“ ab und endet mit einer höllischen Achterbahnfahrt, die Hitchcock in der Tat Ehre gemacht hätte. Franks Gattin sitzt in einem der Wagen fest und rast abwärts, jede Rechtskurve gibt ihr einen kurzen Blick auf ihren ahnungslosen Mann frei – dem sich der Killer unaufhaltsam nähert.

Abspann:
Norman Foster, heute kaum mehr bekannt, war eine interessante Figur in Hollywoods Filmbusiness. Foster war nicht nur Regisseur, er schrieb auch zu vielen seiner Filme die Drehbücher. Das Schreiben stand am Anfang seiner Karriere – er arbeitete als Reporter und verfasste einige Theaterstücke. Auch als Schauspieler liess er sich einsetzen – so kam er zum Film.
Am Anfang seiner Regisseur-Karriere steht die Mr. Moto-Reihe mit Peter Lorre, für die er fast alle Folgen inszenierte. Danach widmete er sich mit Charlie Chan einem weiteren chinesischen Ermittler – er drehte drei Episoden mit Sidney Toler. Zwischen 1943 und 1948 drehte er fünf Spielfilme auf Spanisch, in Mexico, zu denen er ebenfalls die Drehbücher beisteuerte. Zuvor arbeitete er mit Orson Welles an Journey Into Fear. Welles selbst holte Foster „ins Boot“, als er merkte, dass er den Film wegen Überlastung nicht selbst inszenieren konnte. Kennengelernt hatten sich die beiden übrigens bei den Dreharbeiten zu Welles vorausgehendem Film, dem nie fertiggestellten It’s All True. Dort hätte Norman Foster eigentlich nur Hintergrundszenen aufzunehmen gehabt, die dann in den fertigen Film hätten einkopiert werden sollen – doch aufgrund seiner Fähigkeiten stieg er zum Co-Regisseur und Co-Autor auf.
Foster drehte eine Reihe von Spielfilmen ganz unterschiedlicher Genres; in den späten Fünfzigerjahren stieg er bei Disney ein, für den er die zwei Davy Crockett-Filme mit Fess Parker und Buddy Ebsen drehte und dann in einigen Disney-TV-Shows Regie führte (u.a. Zorro). Verheitratet war Norman Foster mit den Schauspielerinnen Claudette Colbert und Sally Blane (einer Schwester von Loretta Young).

Weil der ursprüngliche Inhaber des Copyrights die Rechte nicht erneuerte, zählte Woman on the Run rechtlich als public domain, das heisst, er wurde quasi zum Allgemeingut. Deshalb zirkulierten einige miserable DVD-Fassungen davon auf dem US-Markt. Dem wurde vor kurzem Abhilfe mit einer sorgfältigen Restauration durch das UCLA Film & Television Archive geschaffen. Der Film ist in den USA und in England auf DVD/ Blu-ray erschienen. (Bestellbar zu geringen Versandkosten ist er hier.)
Hierzulande ist/war er je weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erhältlich. Abhilfe tut Not – die hohe Qualität des Werks würde eine Veröffentlichung rechtfertigen!

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:
Eine neue Rubrik.
Wenn ich in diesem Blog schon vornehmlich Filme vorstelle, die im Strom der Zeit „untergegangen“ und heute kaum mehr bekannt sind, was ist dann mit den bekannten? Kommen die auch mal zur Sprache?
Ich weise ja immer wieder darauf hin, dass es unter den vergessenen Werken auch Entdeckung zu machen gilt, sogar kleinere und grössere Meisterwerke. Da kommen schon Gedanken darüber auf, weshalb die eigentlich vergessen sind. Und weshalb andere Filme demgegenüber eine so grosse Reputation geniessen.
Es gibt wohl zwei Hauptgründe, weshalb ein gutes Kinowerk in der Versenkung verschwindet: Fehleinschätzung von Seiten der Kritik zur Zeit der Erstaufführung und/oder mangelndes Publikumsinteresse zum selben Zeitpunkt. Beides kann einem Film den Todesstoss versetzen. Beides kann passieren, wenn ein Film „quer in der Landschaft“ steht, seine Qualitäten nicht wahrgenommen werden können weil er einerseits am gerade herrschenden Zeitgeist vorbeirasselt oder nicht in die gerade herrschende Ideologie der kulturellen Eliten passt. Die Idee, dass die Filmkritik und die Rezeption ein Werk neutral und „unbefleckt“ bewertet, ist eine Illusion.
Umgekehrt führen obige Ausführungen zum Schluss, dass auch öffentlich gefeierte und bis heute anerkannte Meisterwerke (Zufalls-)Produkte des Zeitgeistes/der Ideologie sein müssen. Und aus diesem Grund sollten sie, nach meiner Auffassung, immer mal wieder einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.
Aber genau dies findet nicht statt. Lieber betet man die Litanei früherer Gralshüter der Kritik und der Kulturszene nach als selber zu denken; man könnte sich ja blamieren.
Ich habe mich fürs Blamieren entschieden. In dieser neuen Kolumne werde ich mir sporadisch gefeierte Kinowerke vorknöpfen und fragen: Ist das wirklich ein Meisterwerk? Ist die Reputation dieses Films gerechtfertigt? Hat er im Heute überhaupt noch Bestand?
Und da Film ein Zwitterding zwischen Kunst und Kommerz darstellt, darf man – so bin ich überzeugt – diese „heiligen Werke“ durchaus aus dem Elfenbeinturm der Filmwissenschaft herausholen, sie in die Realität des interessierten Filmkonsumenten stellen und sie aus dessen Sicht prüfen. Denn Filme wollen ja gesehen werden. Sie wurden vornehmlich für ein Publikum gedreht (jedenfalls die meisten), nicht für die wissenschaftliche Analyse im akademischen Olymp.
Sollte ich mit dieser Auffassung jemandem auf den Schlips getreten sein, so ist dies mit voller Absicht geschehen…
Les 400 coups (dt.: Sie küssten und sie schlugen ihn; François Truffaut, Frankreich 1959) Mit Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy u.a.
Mit der „nouvelle vague“ hatte ich seit jeher meine liebe Mühe. Zu aggressiv verteufelten mir deren Exponenten die herkömmliche Art, Kino zu machen. Der Realitätsanspruch, den sie zum kategorischen Imperativ und singulärem Qualitätsmerkmal erhoben, ist im Grunde ein Witz, war damals aber durchaus im Zeitgeist verortet. Kein Film kann m.E. den Anspruch erheben, ein Abblid der Realität zu sein, da letztlich doch alles Inszeniert ist und dem subjektiven Empfinden des Regisseurs unterliegt. Ich gebe zu, dass ich ein Fan des artifiziellen Kinos bin – es ist schlichtweg ehrlicher.
Doch zum Film: Les 400 coups steht ganz am Beginn der nouvelle vague. Er ist stark autobiografisch gefärbt und zeigt das Leben des „schwierigen“ Schuljungen Antoine Doinel – Truffauts alter ego – der im Lauf der Handlung zum Delinquenten wird und in ein Heim gesteckt wird. Der Genauigkeit halber muss erwähnt werden, dass dieser Antoine Doinel eine Mischung aus Truffaut und dem Darsteller des Jungen, Jean-Pierre Léaud ist. Léaud hatte eine ähnliche Laufbahn hinter sich, als Truffaut ihn für das Projekt auswählte. Interessant ist, dass Truffaut und Léaud im Lauf der Jahrzehnte fast miteinander verschmolzen, denn der Regisseur holte die Figur und ihren Hauptdarsteller im Lauf der Jahrzehnte immer wieder vor die Kamera – insgesamt fünf Mal. Und immer spielt Leaud Truffaut und liess auch die eigene Biografie einfliessen.
Les 400 coups ist ein wunderbarer Film! Ein Meisterwerk, wirklich! Berührend, feinfühlig, fantasievoll, hervorragend gespielt und grossartig inszeniert. Ein Film, der die Zeiten bis heute ohne Schaden zu nehmen überdauert hat. Man wird ihn auch im 50 Jahren noch ansehen und verstehen können, denn die thematisierten gesellschaftlich Themen sind zeitlos. Zudem handelt es sich hier wohl um den Film der nouvelle vague, welcher der von ihren Exponenten angestrebten Authentizität am nächsten kommt: Sowohl Truffaut als auch sein Hauptdarsteller Léaud wussten genau, wovon sie erzählten. Die vielen in die Geschichte eingewobenen Episoden wirken authentisch, beleben den Film und treiben ihn unaufhaltsam voran. Trotz aller „Wahrheit“ ist der Film nie bitter oder anklagend. Er zeigt auf und vertraut auf die Wirkung seiner Bilder. Truffaut war von Beginn weg ein absolut selbstbewusster Filmemacher.
Fazit: Ein Meisterwerk
Sie küssten und sie schlugen ihn ist im deutschsprachigen Raum vor kurzen auf Blu-ray erschienen. Auch auf DVD ist er zu haben.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Edge of Tomorrow (dt.: Dough Liman, USA 1914) Mit Tom Cruise, Emily Blunt,
Die Aliens sind (mal wieder) da! Dough Limans Science-Fiction-Spektakel geht von einer Uralt-Prämisse aus (Aliens erobern die Erde und müssen vom Militär bekämpft werden) und peppt diese mit einer Prise … und ewig grüsst das Murmeltier auf. Tom Cruise ist der Deserteur Cage, der in ein Todeskommando-Camp an die Alien-Bekämpfungs-Front starfversetzt wird. Als er bei einem Feldeinsatz umkommt, wacht er kurz nach seiner Ankunft im Camp wieder auf und durchlebt die ganze Tortour nochmals. So geht das endlos weiter: Immer wenn Cage stirbt, wiederholt sich die Geschichte ab seiner Ankunft im Camp. Im Lauf der Zeit lernt er, sein Verhalten den kommenden Ereignissen anzupassen – und überlebt jedes Mal ein wenig länger. So kommt er dahinter, dass er nicht der einzige mit dieser „Auferstehungs-Krankheit“ ist – und dass er den Aliens unter einer bestimmten Voraussetzung einen vernichtenden Schlag zufügen könnte. Doch bis dahin vergehen unzählige Leben…
Die Story ist im Grunde sinnloser Fantasy-Quark. Das Aufsehenerregende an diesem Streifen ist die Inszenierung; sie ist ein Triumph der erzählerischen Verknappung – faszinierend, wie sie trotz harter Schnitte und rabiater Zeitsprünge weder Überblick noch Erzählfluss aus den Augen verliert und so den Bezug zum Publikum aufrecht erhält. Nur das aufgesetzt Ende passt nicht in die „Logik“ des Vorangegangenen. Da musste wieder mal auf Biegen und Brechen einer auf Patriotisch gemacht werden.

Vorschau:
Nächste Woche ist hier kurz Sommerpause – ich fahre in Urlaub!