Monat: August 2011

Tonfilm-Seitensprung: Die erste Loser-Komödie

I SOLITI IGNOTI
(dt.: Diebe haben’s schwer)
Italien 1958
Mit Vittorio Gassman, Memmo Carotenuto, Matrcello Mastroianni, Claudia Cardinale u.a.
Regie: Mario Monicelli
Dauer: 106 min

Im Jahre 1958 drehte der italienische Regisseur Mario Monicelli einen Film, der ein Kassenhit werden sollte und der noch 50 Jahre später vielen Gaunerkomödien als Vorbild diente. Viele Anhänger der von George Clooney mitproduzierten, äusserst erfolgreichen US-Komödie Welcome to Collinwood (dt.: Safecrackers oder: Diebe haben’s schwer) von 2002 wissen gar nicht, dass sich die Produzenten und die Drehbuchautoren bis in kleinste Details bei I soliti ignoti bedienten. Welcome to Collinwood ist ein Eins-zu-eins-Remake des letzteren – freilich, ohne dessen Qualitäten auch nur entfernt zu erreichen.

Monicellis Film versteht sich als Parodie auf den damals beliebten film noir und auf Heist-Filme wie Jules Dassins Rififi (1954), auf den er direkt Bezug nimmt, oder John Hustons Aspahlt Jungle (1950). Doch anders als bei den genannten Vorbildern, wo aufeinander eingespielte Teams einen minuziös geplanten Einbruch verüben, geht bei Monicelli erstmals eine völlig dilettantische, vom Zufall  zusammengewürfelte Bande ans Diebes-Werk. Dieses Setting war derart erfolgreich, dass weitere ähnliche Filme folgten (u.a. Louis Malles Crackers, Peter Yates‘ The Hot Rock oder William Friedkins The Brink’s Job).

Zudem bettet Monicelli seine von permanent sanftem Witz umspielte Geschichte in den Neorealismo des damaligen italienischen Kinos ein, ohne jedoch in dessen Verzweiflung einzustimmen; die Armut ist zwar das Hauptthema, sie wird aber kaum angesprochen. Im Bild ist sie aber derart präsent, dass sie – neben der Diebesbande – zum zweiten Hauptdarsteller wird.  Sie bildet zudem eine realistische Szenerie, vor deren Hintergrund die hanebüchene Geschichte glaubhaft wird.

Der Film weckt auf den ersten Blick den Eindruck eines Museumsstücks; er ist in der Tat ein Fenster ins Italien der späten Fünfzigerjahre. Trotzdem wirkt er in seinem Erzählduktus und durch seine universellen Charaktere noch heute frisch und lebendig und man kann ihn mit beträchtlichem Gewinn geniessen.

Einerseits dank seinem musealen Charakter; bis hin zur Musik ist hier (natürlich!) alles Fünfzigerjahre pur. Dann dank der gewitzt aufgebauten Erzählung, deren Fortgang stets neue Überraschungen bringt und deren einzelne Sequenzen wie eine Kette von glänzenden und funkelnden Dialogperlen oder erzählerischer Diamanten wirken.

Und es gibt auch Selbstbezüge zum Kino und seiner Geschichte, einerseits durch die Verwendung von in der Stummfilmzeit üblichen Zwischentiteln, andererseits durch die Figur des Tresorspezialisten Dante Cruciani (Totò), der sich bei der Arbeit wie ein Filmkritiker gebärdet.

Die Geschichte dreht sich um den geplanten Raub bei einem Juwelier, dessen Tresore praktisch auf dem Präsentierteller in einem Mietshaus liegen, direkt neben einem leerstehenden Appartement mit dünner Zwischenwand. Dummerweise wird der Kopf der Bande wegen eines dilettantisch durchgeführten Autodiebstahls eingebuchtet. Der Gelegenheitsdieb und Möchtegern-Boxer Peppe entlockt ihm den Plan durch eine Finte und will nun „das grosse Ding“ selbst durchführen – mit einer zusammengewürfelten „Gang“ von höchst eigenwilligen Individuen. Es geht alles schief, was nur schiefgehen kann; am Schluss beginnt Peppe ein ehrliches, wahrscheinlich bürgerliches Leben.

I soliti ignoti ist in erster Linie ein Unterhaltungsfilm, allerdings einer, der mit seinen deutlich sozialkritischen Untertönen eine gewisse Tiefe erreicht. Die Figurenzeichnung verrät zudem soviel Menschenliebe, dass man auch auf dieser Ebene von Tiefgründigkeit sprechen kann. Der arbeitslose Fotograf Tiberio etwa, der ständig sein Baby mitschleppt, weil seine Frau hinter Gittern sitzt, ist eine in seiner fürsorglichen Überstrapaziertheit anrührende Figur, ebenso Peppe, der grossprecherische, stotternde Vorstadt-Macho, ganz zu schweigen von Dante Cruciani, dem „König der Safeknacker“ mit seiner lächerlichen Grandezza.

Für Claudia Cardinale und Marcello Mastroianni war dieser Film ein bedeutender Stein zum Aufbau ihrer grossen internationalen Karrieren. Und der bis dahin ausschliesslich in ernsten Rollen aufgefallene Vittorio Gassmann konnte mit I soliti ignoti sein Repertoire ins komische Fach erweitern.

Regisseur und Drehbuchautor Monicelli durfte sich später rühmen, mit diesem Film die film noir-Welle beendet und den Weg für die pfiffige Loser-Komödie geebnet zu haben.
Zwei Jahre später drehte Nanny Loy mit der selben Schauspielertruppe eine Fortsetzung, L‘ audace colpo dei soliti ignoti (dt.: Diebe sind auch Menschen) und fast dreissig Jahre danach, 1985, kam eine weitere Fortsetzung, I soliti ignoti vent’anni dopo (dt.: Diebe haben’s schwer – zwanzig Jahre danach) von Amanzio Todini in die Kinos.
9/10

Auf DVD gibt’s diesen Film natürlich in Italien – in Deutschland ist er leider nicht erschienen. Meine DVD-Ausgabe stammt aus den USA, von Criterion Collection.

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Der Mann an der Hochhausfassade

SAFETY LAST
USA 1923
(dt.: Ausgerechnet Wolkenkratzer)
Mit Harold Lloyd, Mildred Davis, Noah Young,
Regie: Fred Newmeyer und Sam Taylor
Dauer: 73 min


Das Bild gehört zu den berühmtesten der Filmgeschichte: Ein blasser Mann mit dicker Hornbrille und Strohhut hängt am Zifferblatt einer Uhr, das sich unter seinem Gewicht gefährlich durchbiegt. Wir sehen, dass diese Uhr am oberen Stockwerk eines Hochhauses befestigt ist. Wenn sie nachgibt, bedeutet dies für unseren Hornbrillenträger den sicheren Tod.

Dieses Bild kennen alle, doch Hand aufs Herz: Wer hat je den dazugehörigen Film gesehen?

Safety Last war zu seiner Zeit ein riesiger Box-Office-Hit. Harold Lloyd, der Mann mit der Hornbrille stach seine Kollegen Charlie Chaplin und Buster Keaton an der Kinokasse aus. (Und mit fast jedem seiner nachfolgenden Filme gelang ihm dasselbe.)
Lloyds Name wurde seit Safety Last im selben Atemzug mit Chaplin und Keaton genannt. Nach diesem seinem letzten Film füt Hal Roach macht er sich selbständig und drehte einen Hit nach dem anderen – sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch hinsichtlich des Publikumserfolgs. Erst mit dem Fortschreiten der Tonfilmzeit wurde es dann immer stiller um ihn, und schliesslich geriet er, wie damals auch Keaton, in Vergessenheit. Seine Wiederentdeckung ist noch im Gange.

Es waren vor allem die Kompilationsfilme von Robert Youngson, der in den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren mit Days of Thrills and Laughter oder The Golden Age of Comedy ein Revival der Stummfilmkomödien einleitete. Mit Ausschnitten aus Safety Last rückter Youngson diesen Höhepunkt der Stummfilmgroteske und damit auch Harold Lloyd wieder ins öffentliche Bewusstsein. Die Fassadenkletter-Sequenz machte einen derartigen Eindruck auf das moderne Publikum, dass man Lloyd bis heute mit dem Besteigen von Hochhäusern assoziiert. Dabei hatte er noch andere denkwürdige Filme gedreht.

Safety Last handelt von der gefährlichen Nähe der beiden Gegenpole Erfolg und tödlicher Absturz. In der allerersten Szene – auch sie ist bereits denkwürdig – sehen wir Harold hinter Gittern von seinen Lieben Abschied nehmen. Hinter ihm dräut der Galgen. Der Pfarrer tritt herbei und klopft ihm betroffen auf die Schulter. Doch dann fährt die Kamera zurück und wir sehen, dass wir getäuscht wurden: Das „Gefängnis“ war das Gitter vor dem Bahnsteig, der „Galgen“ ein Postsackhalter. Der Gang in den Tod entpuppt sich als Gang in den Erfolg, denn der junge Mann reist in die grosse Stadt, um dort sein Glück zu machen. Seine Verlobte setzt ihn unter Druck – er muss einfach etwas Grosses werden. So gesehen hat er den Kopf durchaus in der Schlinge.

Die Arbeitssuche in der Stadt entpuppt sich als furchtbar schwierig. Er und sein Zimmergenosse „Limpy Jim“ können kaum die Miete berappen. Nur mit unsäglichen Tricks halten sie sich über Wasser und nur mit unsäglichen Tricks kann Harold etwas Geld für eine Brosche abzweigen, die er seiner Liebsten nach Hause schickt – begleitet von einem Brief, der ihr vorgaukelt, er habe eine leitende Position in einem der führenden Warenhäuser New Yorks inne.

Lloyds Filme funktionieren, mehr als Chaplins oder Keatons Werke, immer auch als historische Dokumente des damaligen Amerika. In Safety Last etwa wird das New York der Zwanzigerjahre so ganz nebenbei portraitiert, weil Lloyd an Originalschauplätzen drehte, auf Strassen und Plätzen, während seine Kollegen Kulissen errichten liessen. Die Kaufhaus-Sequenz aus Safety Last etwa entstand in einem echten Kaufhaus, das einem Verwandten des Produzenten Hal Roach gehörte, der es der Filmcrew in den Nachtstunden zum Dreh überliess.

Eine der schönsten Sequenzen dieses an schönen Sequenzen überreichen Films spielt in eben diesem Warenhaus. Der Ausverkauf tobt und der kleine Angestellte Harold begegnet der rasenden Käuferinnenmasse wie ein Ritter dem Drachen, indem er diese mit einem Schirm, den er wie ein Schwert benutzt, in Schach hält. Ausgerechnet jetzt taucht Harolds Verlobte auf, und er muss für sie so tun, als würde ihm der Laden gehören. Das ist angesichts der tobenden Masse gar nicht so einfach. Erschwerend kommt hinzu, dass der Abteilungsleiter ihn beim Chef verpfiffen hat und Harold genau in dem Moment zitiert wird, wo er für seine Freundin den Chef spielt. Zuzuschauen, wie Harold alles so dreht, dass die Illusion für seine Herzdame bestehen bleibt, ist reinstes Vergnügen.!

Und dann die Klettersequenz. Harold hat im richtigen Moment den richtigen Einfall und verdient sich damit 1000 Dollar – weil der Warenhaus-Chef eine gute Werbeidee sucht. Harold erinnert sich einer waghalsigen Flucht seines Zimmergenossen „Limpy Jim“ vor der Polizei, die geschickt früher im Film platziert wurde. „Limpy Jim“ entkam dem Polizisten damals, indem er die Fassade eines Hochhauses als Fluchtweg benutzte. So schlägt Harold seinem Chef nun vor, seinen Freund, den Fassadenkletterer vor dem Kaufhaus die Wand hoch kraxeln zu lassen und verspricht eine grosse Ansammlung Schaulustiger, denen der Name des Kaufhauses danach ein Begriff sein werde.

Die 1000 Dollar sind ihm sicher, sein Freund sagt zu, der grosse Tag kommt, und weil der „Stunt“ in der Zeitung angekündigt wird, ist auch jener Polizist zur Stelle, der mit „Limpy Jim“ noch eine Rechnung offen hat. Wegen dessen Anwesenheit wagt Jim nicht, in Erscheinung zu treten und schlägt Harold vor, er solle doch schon mal bis zum ersten Stockwerk hochklettern. Danach werde er, Jim, ihn ablösen, seine Kleider anziehen und den Rest übernehmen. „Lass mich zuerst den Cop abschütteln“, sagt er und rauscht ab. Harold bleibt nichts anderes übrig, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ungeschickt krabbelt er hoch und es gelingt ihm unter grosser Anstrengung, bis zum ersten Stock zu gelangen.

Und nun? Man ahnt es schon!

Der Polizist ist zu gewitzt und lässt sich nicht abschütteln. Harold muss immer noch mal ein Stockwerk weiter. Bis ganz oben. Und so gipfelt dieser Film in eine der atemberaubendsten Sequenzen der ganzen Slapstick-Geschichte, eine Sequenz, die absolut nicht komisch ist, die einem mit immer neuen Un- und Zufällen die Haare zu Berge stehen lässt.

Das Eindrücklichste daran ist, dass alles so echt wirkt. Es gibt keine Rückprojektion. Kein Trick ist bemerkbar. Die Sequenz wirkt von Anfang bis Ende so, als sei der Schauspieler Harold Lloyd tatsächlich eine Hochhaus hochgeklettert.

Erstens ist es tatsächlich und stets deutlich sichtbar Lloyd, der da klettert – kein Double. Zweitens: Gemäss Filmexperten wurde auf einer Hochhauskulisse auf einem Hügel gedreht, von dem man in die Stadt hinunter blicken konnte. Die Kamera wurde so positioniert, dass in jeder Einstellung die Stadt in der Tiefe zu sehen war, der Hügel aber nicht ins Bild kam. Nach Lloyds eigenen Aussagen wurde sein Stunt mit Matratzen und Sprungtüchern gesichert.

Noch heute wirkt diese Sequenz derart erstaunlich, dass sie sogar Special-Effects-gewöhnte Kinder in gespanntes Schweigen versetzt. Ich habe den Film meiner Schulklasse (alles elfjährige „Kids“) vorgeführt; als sie im Vorfeld hörten, dass es sich dabei um einen Schwarzweissfilm handle, begannen die meisten zu maulen.
Während der Vorführung war die Klasse mückschenstill – auch bei den weniger spektakulären Anfangs-Sequenzen. Keiner dachte mehr daran, dass der Film ja schwarzweiss und auch noch stumm ist.

Hinterher kam einer der „hard boiled boys“ zu mir und sagte allen ernstes: „Wenn sie uns wieder einen Film zeigen, muss es aber wieder so ein ein Stummfilm sein!“
10/10

Der Film ist in der 10-DVD-Box Harold Lloyd – The Collection mit der Begleitmusik von Carl Davis erschienen (Regionalcode 2). Man bekommt sie bei amazon.de. Inzwischen ist der Film auch als Einzel-DVD erhältlich.

Filmmontag – am Dienstagabend

Schon wieder ein „Filmstöckli“?!  Beat the Fish (Beat ist nicht der Vorname!) veröffentlicht jeden Montag eines unter dem Titel Movie Monday. Ich konnte heute Dienstag einfach nicht anders als auch mitzumachen…

1. Der beste Film mit Al Pacino ist für mich, der ich noch nicht viele von ihm gesehen habe, Scent of A Woman.
2. Den Abspann bei Filmen lasse ich bei DVDs immer im Schnellauf durch, um zu sehen „ob da noch was kommt“. Im Kino ärgere ich mich immer, weil das dort nicht geht.
3. Wenn ein Film einen Oscar bekommen hat, ist er bei mir unten durch.
4. Horrorfilme mag ich nur, wenn sie vor 1945 gedreht wurden. Was heute so unter dem Stichwort Horror gehandelt wird (Splatter und co), dreht mir den Magen um. Wer einmal wie ich ein Bombenattentat live miterlebt hat, weiss weshalb.
5. Der beste Film mit Meryl Streep ist für mich A Prairie Home Companyon (einer meiner Lieblingsfilme – obwohl ich gar kein Fan von Country-Music bin!).
6. Mein erster Kinofilm war, wie bereits im letzten Stöckli zu Protokoll gegeben, eine Kompilation von Disney-Cartoons zum Thema Musik.
7. Mein zuletzt gesehener Film war You Only Live Once und der war leicht nervig, weil die Balance zwischen Drehbuch (schlecht) und Regie (hervorragend) nicht stimmte (Näheres dazu siehe einen Beitrag weiter unten).