Monat: Januar 2017

Das China-Syndrom (1979) u.a.

In der Schweiz ist der Download von Filmen aus dem Internet erlaubt (Torrents etc.). Die folgenden Filme habe ich in sehr guter bis hervorragender Bild- und Tonqualität vorgefunden und mir zu Gemüte führen können:

DAS CHINA-SYNDROM (Blu-ray)
(OT: The China Syndrome)
USA 1979
Mit Jane Fonda, Jack Lemmon, Michael Douglas, Scott Brady u.a.
Drehbuch: Mike Gray, T.S. Cook und James Bridges
Regie: James Bridges
Dauer 122 min
Drei Wochen vor dem schweren Atomunfall im US-Kernkraftwerk «Three Miles Island» im Jahr 1979 kam dieser Film in die Kinos. Viele Filmexperten rätseln, ob der Film ohne den realen Vorfall ebenso erfolgreich gewesen wäre.
Er wäre, so wage ich zu behaupten. Denn The China Syndrome bietet Nervenkitzel, einen reissfesten Spannungsaufbau, packende Charakterstudien und eine grossartige schauspielerische Leistung von Jack Lemmon. Dass der Film nebenbei die Gefahr aufzeigt, welche die Nutzung von Atomkraft gepaart mit der „Störungsanfälligkeit“ des menschlichen Handelns darstellt, ist ein willkommener Nebeneffekt. Und diese Botschaft wurde durch den Unfall im Kraftwerk von «Three Miles Island» zur prophetischen Warnung.
Michael Douglas spielt den politischen Hitzkopf, der er damals wohl war: In seiner groben Schwarz-Weiss-Zeichnung (hier die guten, wahrheitsliebenden Medienleute, dort die bösen Kraftwerkbetreiber) schiesst der von ihm produzierte Film über sein Ziel hinaus und verkommt zeitweilig zum weltbildkonform zurechtkonstruierten Propagandafilm für linke Atomkraft-Aktivisten. Den Unfall einfach zu zeigen, wäre völlig ausreichend und genügend abschreckend gewesen. Stattdessen wird die Atomlobby dämonisiert und als zynisch und menschenverachtend dargestellt. Natürlich: Für solcherart agierende Gremien gab und gibt es genügend Beispiele. Es gibt aber auch die anderen.
Immerhin hat der Film so seine Bösewichte, was gegen Ende des Films erheblich zum Spannungsaufbau beiträgt.
Viel spannender aber, auf einer anderen Ebene, sind die Wandlungen, welche zwei der Hauptcharaktere im Verlauf der Handlung durchmachen – Jacks Lemmons Kraftwerkleiter und Janes Fondas Reporterin. Beide spielen ihr «Erwachen» mit grossem Engagement und Können, Jack Lemmon liefert damit eine seiner allerbesten Leistungen ab!
The China Syndrome ist übrigens der einzige Film des Regisseurs James Bridges geblieben, der heute noch bekannt ist. Die anderen sieben Filme, die er inszeniert (und zum Teil auch geschrieben) hat, sind heute in Vergessenheit geraten.
Diesen sollte man schon mal gesehen haben!

8 / 10

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EIN BESONDERER TAG
(OT: Una giornata paricolare)
Italien 1977
Mit Sophia Loren, Marcello Mastroianni, John Vernon u.a.
Drehbuch: Ettore Scola und Ruggero Maccari
Regie: Ettore Scola
Dauer: 106 min
Der Film lief in Deutschland nicht in den Kinos; er wurde erstmals 1979 im Fernsehen gezeigt
Während einer Parade zu Ehren Hitlers in Rom kommen sich zwei Menschen in einer leere Siedlung näher. Es entspinnen sich leise und subtil zwei menschliche Dramen, zwei Menschen entdecken im ¨je anderen ihre verlorenen Träume und Hoffnungen. Gleichzeitig feiert sich der Faschismus auf der Strasse selbst (die restlichen Bewohner der Siedlung nehmen alle an der Parade teil), im Hintergrund ist permanent und in aggressivem Ton die Marschmusik, das tobende Volk und ein auftrumpfender Radiosprecher zu hören.
Dieser harte Gegensatz von zarter menschlicher Annäherung und den tobenden Hintergrundgeräuschen macht nur einen Teil der Faszination dieses Films aus. Die anderen Teile sind eine wunderbar fantasievolle und subtile Regieführung – und die beiden Hauptdarsteller. Regisseur Scola hat die Loren und den Mastroianni komplett gegen ihr Image besetzt: Die glamouröse Loren überzeugt hier als abgehärmte, verbittere Hausfrau, und Latin Lover Mastroianni gibt den homosexuellen Intellektuellen – ebenso überzeugend.
Der einzige Wermutstropfen: Der Film ist für ein italienischen Publikum zugeschnitten und die Aufarbeitungs-Thematik ist inzwischen passé.
Filmbegeisterte sollten sich Una gionata particolare aber unbedingt einmal ansehen – ein Film von seltener schöner Machart!

8 /10

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ONE CHANCE
England 2013
Mit James Corden, Alexandra Roach, Julie Walters, Colm Meany u.a.
Drehbuch: Justin Zackham
Regie: David Frankel
Dauer 98 min
Ein englischer Arbeiter-Junge, der Opernsänger werden will – das klingt verdächtig nach einem Abklatsch von Billy Elliott. Anders als in diesem wird der Junge in One Chance allerdings bald erwachsen, verliebt sich und heiratet. Der Film zeigt die Hoffnungen, Enttäuschungen, Rückschläge und schließlich den Durchbruch, den der junge Hauptprotagonist erfährt, erduldet, erleidet.
All das ist furchtbar beliebig und dramaturgisch so holprig wie ein schrottreifer Minibus auf schlechter Straße. Das Drehbuch und die Regie sind derart schwach und plakativ, da können auch die durchs Band exzellenten Akteure nichts mehr ausrichten.
Motto des Films könnte sein: Feelgood um jeden Preis!

3 / 10

Splendor (1989), Leben wie ein Millionär (1947) u.a.

In der Schweiz ist der Download von Filmen aus dem Internet erlaubt (Torrents etc.). Die folgenden Filme habe ich in sehr guter bis hervorragender Bild- und Tonqualität vorgefunden und mir über die Festtage zu Gemüte führen können:

SPLENDOR
Italien 1989
Mit Marcello Mastroianni, Massimo Troisi, Marina Vlady u.a.
Drehbuch und Regie: Ettore Scola
Der Film lief 1989 unter demselben Titel auch in den deutschsprachigen Kinos

Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso kennt praktisch jeder, Splendor jedoch, Ettore Scolas ähnlich gelagerte Liebeserklärung ans Kino, stand stets im Schatten des Ersteren. Zu Unrecht!
Konzipiert und gedreht wurden beide Filme praktisch gleichzeitig und unabhängig voneinander, Cinema Paradiso erblickte im November 1988 das Licht der Leinwand, Splendor im Februar 1989.
Splendor erzählt die wechselvolle Geschichte eines kleinen Kinos in einem italienischen Provinzkaff und deren Betreiber. In einem Reigen wundervoller kleiner Episoden passiert die Zeit und die Filmgeschichte Revue. Mittendrin: Marcello Mastroianni, Massimo Troisi und Marina Vlady, denen man ewig zuschauen könnte!
Splendor ist ein langsamer Film, er nimmt sich Zeit fürs Erzählen und für seine Protagonisten. Ich liebe sowas, solange es nicht oberflächlich bleibt. Das tut es hier nicht: Scola ist ein genauer Beobachter und ein wunderbarer Erzähler und Philosoph, und was herauskommt, ist ein filmischer Genuss, der zum Denken anregt. Vielleicht ist es seiner Langsamkeit geschuldet, dass Splendor ausserhalb Italiens nie die Aufmerksamkeit erreichte, die er verdient hätte, vielleicht liegt es aber auch am ungleich effektvolleren Cinema Paradiso, der ihm damals „die Show“ stahl (ich erinnere mich, dass kritische Stimmen Scola damals – völlig zu Unrecht – Trittbrettfahrerei vorgeworfen hatten).
Jedenfalls ist Splendor definitiv eine Wiederentdeckung wert!

9 / 10

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IT HAPPENED ON FIFTH AVENUE
USA 1947
Mit Don DeFore, Victor Moore, Charles Ruggles, Gail Storm, Ann Harding, Grant Mitchell u.a.
Drehbuch: Everett Freeman und Vick Knight nach einer Original-Story von Herbert Clyde Lewis und Frederick Stephani
Regie: Roy Del Ruth
Studio: Roy Del Ruth Productions
Der Film lief 1950 im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Ein Leben wie ein Millionär

It Happened on Fifth Avenue ist ein ganz köstlicher amerikanischer Weihnachtsfilm, der bei uns seltsamerweise kaum bekannt ist, obwohl er in seiner Thematik den besten Filmen Frank Capras ähnelt. Freilich kann die Inszenierung mit Capras unnachahmlich dynamischem Stil nicht mithalten, dafür ist sie trotz einiger schöner Einfälle zu gewöhnlich. Aber das herrliche Drehbuch und einige der Hauptdarsteller macht dies wieder wett – der Film wird trotz seiner Länge von fast zwei Stunden nie langweilig.
Eigentlich darf man vom Inhalt nicht zuviel erzählen – It Happened on Fifth Avenue lebt von seinen unvorhersehbaren Wendungen und überraschenden Entwicklungen. Schauplatz ist die New Yorker Stadtvilla des Baulöwen Michael O’Connor (Ruggles), wo sich die Attribute von „arm“ und „reich“ von einem alten Landstreicher (Moore) gehörig durcheinandergeschüttelt und auf den Kopf gestellt werden.
Das Beste an dem Film ist – neben den Hauptdarstellern – ganz klar das Drehbuch. Es stammt zu Hauptsache aus der Feder von Everett Freeman, der u.a. auch die Drehbücher zu Komödien-Hits wie George Washington Slept Here (dt.: Unser trautes Heim, William Keighley, 1942), The Princess and the Pirate (dt.: Das Korsarenschiff, David Butler, 1946) und The Secret Life of Walter Mitty (dt.: Das Doppelleben des Herrn Mitty, Norman z. McLeod, 1947) verfasste.
Interessant ist, dass sich der von einem kleinen Studio produzierte und zwischenzeitlich verschollene It Happend on Fifth Avenue sich in den letzten Jahren zu einem wahren Weihnachts-Hit entwickelt hat, der in den USA, zusammen mit Capras ein Jahr zuvor entstandenem It’s A Wonderful Life (dt.: Ist das Leben nicht schön?) alljährlich im Dezember auf die Mattscheibe zurückkehrt.

8/10

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ARROWSMITH
USA 1931
Mit Ronald Colman, Helen Hayes, Richard Bennett, u.a.
Drehbuch: Sidney Howard nach dem Roman von Sinclair Lewis
Regie: John Ford

Mit meinem Hang zum klassischen Hollywoodkino entdecke ich immer wieder vergessene Filme von anno dazumal – diesmal war’s ein völlig vergessener Film des großen John Ford; obwohl Arrowsmith für mehrere Oscars nominiert war (u.a. in der Sparte „bester Film“), war er im deutschsprachigen Raum bislang nie zu sehen.
Arrowsmith handelt von dem gleichnamigen (fiktiven) Arzt, der gänzlich besessen ist vom Drang zu forschen; nicht einmal der von ihm mitverschuldete Tod seiner geliebten Frau vermag den Getriebenen zu kurieren…
Eingentlich könnte man diesen Film vergessen, wäre da nicht der Regisseur. Er macht mit grandiosen Bildern aus dem mittelmäßigen Drehbuch und trotz eines sichtlich überforderten Hauptdarstellers (so sehr ich Ronald Colman sonst schätze…) ein interessantes Filmerlebnis. Ford inszeniert seinen Film gegen den damals herrschenden Trend, „talking heads“ abzufilmen (weil die Leute den gerade neu aufgekommenen Tonfilm so toll fanden, wurden die Filme damals unglaublich dialoglastig und statisch).
Ford blieb, entgegen dem Trend, dem Bild als Erzählmittel treu, und dies ist ein beindruckendes Beispiel dafür. Auch wenn gesprochen wird, inszeniert Ford stets Bewegung; seine Akteure bewegen sich stets durch den Raum, auch beim Sprechen.
Es ist frappant: Der 1931 entstandene Film wirkt, als wäre er in den Vierzigerjahren gedreht worden.

7 / 10

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STAR!
USA 1968
Mit Julie Andrews, Daniel Massey, Michael Craig, Richard Crenna u.a.
Drehbuch: William Fairchild
Regie: Robert Wise
Dauer 166 min
Der Film lief 1968 auch in deutschsprachigen Kinos – unter demselben Titel.

U.a. mit diesem Film wurde das Musical-Genre zu Grabe getragen. Star!, die teure, aufwändig gemachte, mit zahlreichen Musicalnummern angereicherte Biografie des englischen Show-Stars Gertrude Lawrence (dargestellt von Julie Andrews), floppte gnadenlos an den Kinokassen damals.
Guckt man ihn heute an, versteht man mit zunehmender Filmdauer den Grund dafür: der Film ist viel zu lang. Zudem nähert er sich seiner Hauptfigur mit übertriebenem Respekt – dadurch bleibt sie schabloenenhaft. Und das ist für fast drei Stunden Filmdauer einfach zu wenig; Langeweile kommt auf, sobald die von vielen Musiknummern immer wieder unterbrochene Handlung weitergeht.
Die Musicalnummern auf der anderen Seite sind schlicht grandios! Die helfen einem mit ihrer ausgeklügelten, bisweilen vertrackten Choreografie und mit ihrer bunten Schmissigkeit immer wieder über die seicht dahindümpelnde Story hinweg, sie sind eine wahre Erlösung. Leider werden sie mit zunehmender Filmdauer immer spärlicher. Nach einer packenden und begeisternden ersten Stunde fällt Star! In sich zusammen wie ein zu spät aus dem Ofen geholtes Soufflée.
Und obwohl Julie Andrews hier richtiggehend brilliert und vor Talent fast birst, bedeutete Star! den Anfang von ihrem Abstieg in der Gunst der Kinogänger. Und das nur vier Jahre nach Mary Poppins!

6 / 10