Monat: Juli 2018

Wunder (2017)

USA 2017
Mit Jacob Tremblay, Izabela Vidovic, Julia Roberts, Owen Wilson, Noah Jupe, Mandy Patinkin u.a.
Drehbuch: Stephen Chbosky, Steve Conrad und Jack Thorne nach dem Roman von R.J. Palacio
Regie: Stephen Chbosky
Dauer: 114 min

Ein missgestalteter Junge muss sich mit Schuleintritt dem Leben stellen und lernt dabei dessen hässliche und schöne Seiten kennen- das klingt verdächtig nach Feelgood-Movie. Kein Wunder, denn Stephen Chboskys Film Wonder ist ein Feelgood-Movie.

Ein Feelgood-Movie ist ein Film, der ein Problem in den Mittelpunkt stellt und dieses zunehmender Filmdauer in Minne auflöst, damit das Publikum mit einem gutem Gefühl nach Hause gehen kann. Abgesehen von der Frage, ob das tatsächlich so verwerflich sei, wie uns das die Journalisten ständig glauben machen wollen, ist mit dem Stempel „Feelgood-Movie“ noch praktisch nichts über die handwerkliche Qualität des Werkes ausgesagt – obwohl die Journalisten so tun, als handle es sich dabei um einen Indikator für schlechts Kino; gemeinhin wird der Ausdruck mit „Verriss“ gleichgesetzt.

Wonder erzählt die Geschichte des Knaben Auggie Pullman (Tremblay), dessen Gesicht in Laufe seines kurzen Lebens durch zahlreiche lebensrettende Operationen verunstaltet worden ist. Der Film setzt ein, als Auggie in die öffentliche Schule eintreten soll. Trotz der Umsicht des väterlichen Schulleiters (Patinkin) steht Auggie bei Schuleintritt sofort im Mittelpunkt des Interesses: Man weicht ihm aus, glotzt ihn an, lacht ihn aus… das ganze Spektrum eben; man kennt das – aus dem Film oder vom täglichen Leben.

Das Interessante an Chboskys Film ist nun aber, dass nicht ausschliesslich Auggie im Zentrum steht. Auch andere, ihm nahestehende Kinder werden fokussiert: Seine Schwester, deren Freundin, der Knabe, der sich mit ihm anfreundet… Deren Innenleben wird fast ausführlicher erkundet als Auggies. Ohne zu psychologisieren schafft es der Film, beim Publikum Verständnis für die verschiedenen Verhaltensweisen der Menschen aus Auggies Umfeld zu wecken.

Das hätte ins Auge gehen können, wären weniger talentierte Leute am Werk gewesen. Man muss Chbosky und seinen Mit-Autoren grosses Feingefühl, erzählerischen Witz und dramaturgisches Können attestieren; sie schaffen es, dass Wonder nie, oder jedenfalls fast nie, plakativ und aufdringlich wirkt und die Figuren lebendig und glaubhaft werden. Darüberhinaus öffnet er den Blick für die Hintergründe von Mobbing. Auch wenn vieles beschönigt wird: Es gibt immer wieder ganz feinsinnige Momente und Sequenzen von frappierendem Wahrheitsgehalt. Etwa die Szene mit den lügenden Mutter des Mobbing-Anführers; wer selbst unterrichtet, weiss: Da hält der Film den Finger auf ein echtes, zunehmendes gesellschaftliches Problem.

Alles in allem ein in Machart und Tonfall erfrischendes Gesellschafts-Drama, das nicht zufällig immer wieder Thornton Wilders Bühnenklassiker „Our Town“ zitiert: Genau wie dort wird das Leben der kleinen Leute gezeigt, das höchst banal sei, „aber Wunderbar“.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch:  8 / 10 
Die Schauspieler: 8 / 10 
Gesamtnote: 8 / 10

Für Bewohner der Schweiz: (Die vorgängige Installation eines Adblockers ist zu empfehlen)
Originalversion ohne Untertitel (rechts auf „Mirror 3“ klicken)
deutsch synchronisierte Version (z.Zt. nicht verfügbar)

Für EU-Bewohner:
Wonder gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray (deutsche Synchro und englische Originalfassung mit deutschen UT). Gestreamt werden kann er zudem bei amazon prime video, iTunes und Pantaflix in Deutsch/Englisch mit dt. UT).
maxdome, Sky Store, Microsoft, Rakuten TV, Videoload, videociety bietet den Film in deutscher und englischer Fassung (ohne UT) an. Und Google Play, Sony und Microsoft jeweils nur Deutsch.

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Flammen über Fernost (1954)

England 1954
Mit Gregory Peck, Bernard Lee, Win Min Than, Maurice Denham, Brenda de Banzie u.a.
Drehbuch: Eric Ambler nach dem Roman von H.E. Bates
Regie: Robert Parrish
Dauer: 97 min

Was hat denn Gregory Peck in einem britischen Kriegsdrama zu suchen?
Die Legende sagt, dass Peck die Einkünfte seiner Arbeit im Ausland in den USA damals nicht habe versteuern müssen. Im selben Jahr drehte er gleich noch einen zweiten Film in England, den heute ungleich bekannteren The Million Pound Note (dt.: „Sein grösster Bluff“).

Damit ist bereits angedeutet, dass The Purple Plain zu den weniger bekannten Filmen Pecks gehört. Obwohl die Handlung im zweiten Weltkrieg angesiedelt ist und alle männlichen Figuren Soldaten sind, handelt es sich hier nicht in erster Linie um einen Kriegsfilm, sondern vielmehr um das Portrait eines vom Krieg traumatisierten Mannes.
Kampfpilot Bill Forrester (Peck) ist ein Draufgänger, der in Kampfeinsätzen permanent sein Leben riskiert. Als er mit seinen halsbrecherischen Einsätzen auch andere Soldaten gefährdet, wird er für die britische Armee zum Problem. Seit dem Tod seiner Frau , die als Zivilistin ihr Leben in einem japanischen Bombenangriff lassen musste, tickt Forrester immer wieder aus; das eigene Leben, so ahnt Stabsarzt Dr. Harris (Lee), ist Forrester nichts mehr wert, er setzt alles dran, es während eines Einsatzes ebenfalls zu verlieren.

Listig nimmt Doktor Harris Forrester auf einen Ausflug in die benachbarte Mission mit, in der Hoffnung, die dort arbeitende burmesische Lehrerin Anna (Than) könne seinen Patienten auf andere Gedanken bringen. Was tatsächlich geschieht. Des Doktors Kalkül geht auf, Forrester schöpft neuen Lebensmut. Doch auf einem Routineflug stürzt er mit zwei anderen Soldaten in einer gottverlassenen Gegend mitten im Feindesland ab. Der eine Kamerad wird beim Absturz verletzt und kann nicht mehr gehen, der andere ist ein hysterischer Schwarzseher. Forrester ist also praktisch auf sich allein gestellt. Eine harte Bewährung für den neu gewonnenen Lebenswillen beginnt…

Die grosse Stärke dieses Films ist die psychologisch überzeugende Figurenzeichnung, die sich kaum über Dialoge entfaltet, dafür viel mehr über Blicke, Gesten, Mimik. Und Taten. Gregory Peck, ein in meinen Augen ziemlich mittelmässiger Schauspieler, war in einer atypischen Besetzung selten so überzeugend wie in diesem Film. Er behauptet sich darin gegen eine Reihe starker britischer Charakterdarsteller, deren Auftritte alle im Gedächtnis haften bleiben. Möglicherweise hatte er mit Robet Parrish (auch ein Amerikaner) den richtigen Regisseur, einer, der Pecks Schwächen kannte und ihn so wenig wie möglich „schauspielern“ liess oder die Szene immer im richtichen Moment abbrach.  Parrishs Regie ist auch sonst sehr überzeugend – und die Kameraarbeit (Geoffrey Unsworth) beindruckend. The Purple Plain lebt nicht zuletzt von den grandiosen Aufnahmen und seinen herrlichen Farben.

Auch wenn der Film in einigen Aspekten etwas altmodisch erscheint (ich denke etwa an die penetrante Filmmusik), das Portrait eines Kriegsgeschädigten ist weiterhin aktuell und packt noch heute.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch:  8 / 10 
Die Schauspieler: 8 / 10 
Gesamtnote: 8 / 10

Für Bewohner der Schweiz: (Die vorgängige Installation eines Adblockers ist zu empfehlen)
Englische Orginalfassung
deutsch synchronisierte Fassung

Für EU-Bewohner:
Flammen über Fernost gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray (deutsche Synchro und englische Originalfassung, keine Untertitel). Gestreamt werden kann er zudem bei amazon prime video (Deutsch/Englisch ohne dt. UT), iTunes, maxdome, Google Play und Microsoft (jeweils nur Deutsch).

King Kong (1976)

USA 1976
Mit Jeff Bridges, Jessica Lange, Charles Grodin, John Randolph, Rene Auberjonois u.a.
Drehbuch: Lorenzo Semple Jr., nach dem Drehbuch der Erstverfilmung (1933) von James Creelman und Ruth Rose
Regie: John Guillermin
Dauer: 2 h 14 min

Dieses erste King Kong-Remake erschien 43 Jahre nach dem Ur-Kong in den Kinos – und wurde von den Kritikern so richtig zerrissen. Höchste Zeit also für eine Neubeurteilung!
Und die fällt gar nicht so schlecht aus. Die erste Hälfte jedenfalls ist richtig packendes, lustvolles und hervorragend inszeniertes Abenteuerkino. Erst als der Affe auftaucht, fällt der Film stellenweise ab.

Das hat in erster Linie mit der Handlung zu tun. Ein Riesenaffe, der sich in eine Menschenfrau verliebt…? Diese Konstellation funktionierte schon in der Erstverfilmung nicht. Dort lag es vermeintlich an der heute plump wirkenden Stop-Motion-Puppe, doch das technisch ausgereiftere Remake entblösst die Grundidee der Vorlage als das eigentliche Problem; die Stoffpuppen-Lächerlichkeit ist jetzt weg, trotzdem funktionieren die „Liebesszenen“ zwischen Kong und der weissen Frau nicht; sie evozieren Unbehagen und decken ein Plausibilitätsproblem auf, welches auch das geschickt konstruierte Drehbuch und die versierte Regie nicht zu übertünchen vermögen. Das Problem ist die bescheuerte Vorlage!

Die den Film bevölkernden Hauptfiguren sind allesamt Stereotypen, die allerdings von den hervorragenden Darstellern so gespielt werden, dass sie zu lustvollen Karikaturen geraten – und das tut dem Film enorm gut. Charles Grodin als über Leichen gehendes Ölkonzern-Ekel ist die Hauptattraktion, dicht gefolgt von Jessica Langes ironischer Personifizierung des blonden Dummchens. Lange wurde in King Kong für den Film entdeckt, danach folgte ein Kassenhit nach dem anderen.

Die letzte Filmhälfte vermag leider nicht mehr richtig zu überzeugen; sobald die Handlung in New York angelangt ist, wirkt sie schlampig geschrieben; es schleichen sich Szenen ein, deren mangelnde Plausibilität richtiggehend ins Auge sticht.
Trotzdem: King Kong der zweite ist ein Film, der weit besser ist als sein Ruf und der durchaus einen Blick wert ist.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch:  8 / 10 
Die Schauspieler: 8 / 10 
Gesamtnote: 7 / 10 (einen Punkt Abzug gibt es für die haarsträubende Handlung der Vorlage)

Für Bewohner der Schweiz: (Die vorgängige Installation eines Adblockers ist zu empfehlen)
Originalversion ohne Untertitel
deutsch synchronisierte Version

Für EU-Bewohner:
King Kong gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray (deutsche Synchro und englische Originalfassung). Gestreamt werden kann er zudem bei amazon prime video (Deutsch/Englisch mit dt. UT) und iTunes (Deutsch/Englisch mit dt. UT).