Forgotten Films: Stars in my Crown

STARS IN MY CROWN
USA 1950
Mit Joel McCrea, Dean Stockwell, James Mitchell, Ellen Drew, Amanda Blake, Alan Hale, Juano Hernandez, Ed Begley, Lewis Stone, u.a.
Regie: Jacques Tourneur
Drehbuch: Margareth Fitts nach einem Roman von Joe David Brown
Der Film war im deutschsprachigen Raum nie zu sehen.
Dauer: 89 min

Vorspann:
Inhalt: Der Film dreht sich um die Leute des Städtchens Walsburg. Im Zentrum stehen Reverend Josiah Gray, der in Walsburg die Sache der Religion vertritt, und der junge Arzt Daniel Harris, ein Mann der Wissenschaft. Die beiden Kontrahenten sind sich zunächst nicht grün, besonders der Doktor kann und will die „irrationale“ Weltsicht des hemdsärmligen Priesters nicht verstehen. Die Ereignisse werden von einem Erzähler aus dem Off kommentiert, dem inzwischen erwachsenen Adoptivsohn der Pastorenfamilie. Die Geschehnisse werden aus der Sicht des Kindes erzählt, gefiltert durch die Erfahrung des inzwischen Erwachsenen.

Der Film:
Den Regisseur Jacques Tourneur kennen Filmfreunde vor allem dank seiner Horrofilme (Cat People, I Wakled With A Zombie, The Comedy of Terrors). Der Film hingegen, der ihm selbst der liebste war, ist heute praktisch unbekannt, obwohl er damals doch ganz gute Einspielergebnisse erzielte: Stars in my Crown. Der Filmtitel stammt von einem Kirchenlied, dem Lieblingslied des streitbaren Reverend aus dem Film. Ein religiöses Werk des Horror-Spezialisten?

Stars in my Crown ist in erster Linie ein Film über eine Gemeinschaft. Religion spielt eine sekundäre Rolle, allerdings eine wichtige. Es sind vor allem die ethischen Aspekte der Religion, die der Film betont uns sie als essentiell für das funktionierende Zusammenleben in der Gemeinschaft herausarbeitet. „Die Gemeinschaft“ wird dabei nie verniedlicht, die in ihr waltenden negativen Kräfte „Dummheit“, „Engstirnigkeit“ und „Eigennutz“ und damit verbundene Erscheinungen werden keineswegs ausgeblendet.

Als ordnende Kraft im Dorf waltet Reverend Gray. Joel McCrea spielt ihn, und damit fällt ihm die schwierigste Rolle in diesem Ensemblestück zu. Leider fehlt ihm dazu das schauspielerische Format. Weil jedoch das Drehbuch clever genug ist, den Fokus nicht ausschliesslich auf ihn zu richten, sondern einerseits diesen gleichgewichtig auf andere Protagonisten verteilt und dem Reverend andererseits einen höchst interessant gezeichneten Widersacher  zur Seite stellt, fällt McCreas schauspielerische Limitiertheit hier nicht allzu schwer ins Gewicht.

Der Darsteller des Widersachers, der wenig bekannte, aber grossartige James Mitchell, legt seinen Doktor als gebrochene Figur an, als steifen Mann der Wissenschaft, der seine Unsicherheit hinter arrogantem Gehabe versteckt. Er passt so gar nicht in die hemdsärmelige Welt Walburgs. Denn auch der Pastor ist kein „Heiliger“; das Drehbuch macht klar, dass er früher als Soldat im Civil War gekämpft hat, seinen besten Freund, den rauhbeinigen Farmer Jed kennt er aus jener Zeit. Und mit Bibelsprüchen hat er wenig am Hut; viel lieber sorgt er handfest für Ordnung.

In der idyllischen Dorfgemeinschaft darf natürlich die junge Lehrerin nicht fehlen, ebensowenig der alte Afroamerikaner, der hier auf den ulkigen Namen „Uncle Famous“ hört – und auf der Negativ-Seite der fiese Minenbesitzer. Letzterer setzt Uncle Famous übel zu, weil er ihm sein Land nicht abtreten will – weder billig noch sonstwie. Nach einigen erfolglosen Strafaktionen gegen den Schwarzen rückt gegen Ende des Films der vom Minen-Boss orchestrierte Ku-Klux-Clan an. Dem Reverend ist klar, wer von seinen „Schäfchen“ da unter den weissen Kappen steckt, und er rückt aus, um Uncle Famous vor der Lynchjustiz zu bewahren. Breitbeinig tritt er vor die unheimlich vermummte, mordlüsterne Gesellschaft, und man spürt, dass nun der entscheidende Moment des Films gekommen ist: Die Qualität der folgenden Sequenz wird darüber entscheiden, wie der bis dahin überraschend erfrischende und spannende Film in Erinnerung bleiben wird – als guter Film mit flachem Ende oder als rundum gelungene positive Überraschung. Man kennt solche entscheidenden Momente; leider fallen sie oft zu Ungunsten des Werks aus.

Doch was hier folgt, hätte eigentlich Eingang in die Filmgeschichte gefunden haben sollen. Die handwerklich wie konzeptionell meisterhafte Sequenz bringt den Film auf den Punkt und verleiht ihm genau die Tiefe, die ihm bislang noch gefehlt hat. Sie rundet ihn ab zu einem unvergesslichen, ehrlichen Werk über das Leben in einer kleinen Gemeinschaft und dessen Gesichter. Stars in my Crown ist einer jener Filme, nach deren Sichtung man sich verwundert fragt, weshalb the hell  dieses hervorragende Werk nur in Vergessenheit geraten konnte.

Stars in my Crown hat – man hat es längst gemerkt – einen hohen Stellenwert in meiner Film-Werteskala. Es ist ein aussergewöhnliches Werk, nicht nur, weil es sich in kein Genre richtig einordnen lässt. Wir haben es hier mit einer Art positiven Utopie zu tun, und schon dieser Umstand wird Viele naserümpfend zurückzucken lassen. Obwohl man dem Film eine gewisse – allerdings durchwegs bodenständige, ehrliche – Naivität nicht absprechen kann, kippt er – mit einer Ausnahme – nie ins Süsslich-Abgehobene, sondern bleibt in seinem Verhaftetsein im Positiven realistisch und nüchtern. Man kann sich vorstellen, dass eine Gemeinschaft wie jene in Walsburg zu ihrer Zeit tatsächlich so funktionieren konnte, wie sie dies im Film tut. Akzeptiert man dies, so ist der Blick frei auf die handwerklich hohen Qualitäten dieses keinen Films.

Das Buch und die Leinwandadaption stammt vom selben Joe David Brown, dem wir auch Paper Moon zu verdanken haben. Ein ganz ähnlich kauzig-unterkühlter Unterton durchzieht auch diesen Film, die Figuren sind interessant gezeichnet, mit kleinen Ecken und Kanten, und ihre Beziehungen entwickeln sich nie in vorhersehbaren Bahnen. Kommt dazu, dass man geradezu greifbar Jacques Tourneurs Liebe zu diesem Stoff spürt – und das erhebt den Film über das Konfektionswaren-Niveau hinaus. Tourneur soll ja richtiggehend darum gekämpft haben, den Film machen zu dürfen, offenbar wäre er sogar dazu bereit gewesen, auf eine Gage zu verzichten, hätte MGM-Boss Edgar J. Mannix einen anderen Regisseur engagiert.

Der Film ist für mich eine jener angenehmen Überraschungen, die man gerade deshalb lieb gewinnt, weil sie einen so unvorbereitet beglücken; und weil er einen ähnlich naiven, warmherzigen Charme besitzt wie die besten Filme Frank Capras, von ihm eine ähnlich Magie ausgeht – und in ihm ebensoviel Wahrheit über das Leben, die Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen liegt – gehört Stars in my Crown ab sofort zum Kanon meiner „unverzichtbaren Lieblingsfilme“. Auch wenn er weit davon entfernt ist, ein Meisterwerk zu sein.

Abspann:
Joel McCrea war ein Star und ist heute vor allem für seine Mitwirkung in Western oder als Titelheld von Hitchcocks Foreign Correspondent oder Preston Sturges‘ Sullivan’s Travels bekannt. Vor Stars in my Crown war er im Western The Outriders von Roy Rowland zu sehen, danach im Western Saddle Tramp von Hugo Fregonese. Alle drei Filme entstanden 1950.
James Mitchell spielte im Vorjahr in Anthony Manns Film noir Border Incident, nach Stars in my Crown war er in Norman Taurogs The Toast of New Orleans an der Seite von Mario Lanza und David Niven zu sehen.
Dean Stockwell hatte als Kinderstar angefangen und ist heute noch ein gefragter Mann in Hollywood. Seine bekannteste Rolle ist wohl jene des Ben in David Lynchs Blue Velvet.
Jacques Tourneur drehte natürlich nicht nur Horrorstreifen, er war in fast allen Genres zu Hause; vor Stars in my Crown entstand unter seiner Regie das Baseball-Drama Easy Living (1949), danach unternahm er mit The Flame and the Arrow (1950) einen Ausflug ins Mittelalter.

 

 

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4 Kommentare

  1. Wie macht sich denn Juano Hernandez in seiner Rolle? Den kenne ich vor allem von seiner souveränen und coolen Darstellung in INTRUDER IN THE DUST (1949) von Clarence Brown, nach einem Roman von Faulkner (der den Film dann auch mochte). Ich meine hier echte Coolness, kein Herumgekaspere. Übrigens war McCrea laut IMDb auch für die (weiße) Hauptrolle in INTRUDER IN THE DUST vorgesehen, aber er wollte nicht. Der eigentliche Star des Films ist für mich eh Hernandez, auch wenn er natürlich (?) nicht ganz oben gelistet ist.

    Aus einigen späteren Filmen wie KISS ME DEADLY von Aldrich, SERGEANT. RUTLEDGE von Ford, THE PAWNBROKER von Lumet und einem der Virgil-Tibbs-Sequels mit Sidney Poitier kenne ich ihn auch, aber da geben seine Rollen nicht mehr so viel her.. Im Lauf der Zeit ist er zwar nicht ganz in Vergessenheit geraten, aber er steht doch sehr im Schatten von Poitier oder Woody Strode.

    Langer Rede kurzer Sinn: Falls Du INTRUDER IN THE DUST noch nicht kennst, möchte ich ihn Dir empfehlen.

    1. Schönen Dank für die Empfehlung! Hernandez ist für mich seit „Stars in my Crown“ tatsächlich ein Grund, mir andere Filme anzusehen, in denen er spielt. Bislang kannte ich ihn noch nicht, und ich würde sagen, er ist eine Entdeckung für mich – genau wie James Mitchell.
      Hernandez spielt den „Uncle Famos“ souverän, er tut fast nicht, aber seine Augen sprechen Bände!

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