Grand Hotel (dt.: Menschen im Hotel, USA 1932)

Mit Greta Garbo, John Barrymore, Lionel Barrymore, Joan Crawford, Wallace Beery, Lewis Stone, Jean Hersholt u.a.
Drehbuch: William Absalom Drake nach dem Stück von Vicki Baum
Regie: Edmund Goulding
Genre: Drama, Romanze
Dauer: 122 min
Farbe. Schwarzweiss

Grand Hotel war der erste Hollywood-Film, in welchen mehr als zwei grosse Stars hineingepackt wurden – er war eine Art Experiment von MGM, dem die anderen Studios skeptisch gegenüberstanden. Bislang galt die Politik, einer oder zwei Stars pro Film würden die jeweiligen Fans in mehr Filme locken, es gebe so quasi mehr Filmbesuche pro Zuschauer. Der immense Erfolg von Grand Hotel leitete ein Umdenken ein, das Star-Vehikel kam in Mode.

Grand Hotel ist die Verfilmung der US-Fassung des deutschsprachigen Bühnenstücks „Menschen im Hotel“; letzteres wurde von der österreichischen Autorin Vicki Baum 1930 nach ihrem erfolgreichen, gleichnamigen Roman angefertigt. Als die Autorin von MGM eingeladen wurde, den Dreharbeiten beizuwohnen, entschloss sie sich, zu bleiben; 1932 immigrierte in die USA. 1933 verbrannten die Nazis ihre Bücher.

Das Stück wie der Film spielen im „Grand Hotel“ in Berlin. Ganz zu Beginn räsoniert der kriegsversehrte, desillusionierte Dr. Otternschlag (Lewis Stone), dass in im Hotel, in dem er ständig wohnt, die Leute endlos kommen und gehen: „Nichts passiert hier.“
Er wird von der virtuos orchestrierten und geschnittenen Anfangssequenz Lügen gestraft: Innerhalb weniger Minuten sind die Hauptpersonen und ihre ganz persönlichen Dramen eingeführt. Da ist der Industrielle Preysing (Wallace Beery), dessen Firma kurz vor dem Ruin steht, wenn nicht am Verhandlungstisch ein Wunder geschieht; Otto Kringelein (Lionel Barrymore), ein Buchhalter Preysings, hat nur noch kurze Zeit zu Leben und will im Hotel seine letzten Wochen in Saus und Braus verbringen; Baron von Geygern (John Barrymore) plant einen Diebstahl, um sein teures Luxusleben finanzieren zu können und die Stenografistin Fräulen Flämm (Joan Crawford) träumt vom grossen Ruhm beim Film. Die vulnerable Balerina Grusinskaya (Garbo) tritt erst später in Erscheinung; sie ist im Grunde eine Nebenfigur, der aber dank Garbos Starruhm mehr Gewicht zugebilligt wurde.

Die Wege der fünf Hauptfiguren kreuzen sich im Fortgang der Handlung auf schicksalshafte Weise: Die Stenogafistin wird vom Industriellen angeheuert – nicht nur für Bürodienste. Der Baron ermöglicht Kringelein Zutritt zur feinen Gesellschaft und im Glücksspiel zu viel Geld. Zudem verliebt von Geygern sich in die Tänzerin, die er eigentlich bestehlen wollte. Der Reigen endet mit der Abreise unserer Protagonisten – sie verlassen das Hotel samt und sonders als andere Menschen. Das Schlusswort hat wieder Dr. Otternschlag: „Nichts passiert hier.“

Grand Hotel verkörpert den legendären Hollywood-Glamour wie wenige andere Filme jener Zeit. Das bedeutet neben den Darbietungen der Stars vor allem Futter für die Augen: Die Dekors, die Kostüme, die fliessenden Bewegegungen von Kamera und Menschen – all das verströmt den Glanz von Reichtum und Noblesse, an deren Oberflächen der Film gleichzeitig kratzt. Grand Hotel ist in erster Linie eine Zurschau-Stellung all dessen, was Hollywood damals ausmachte und gleichzeitig dessen Popularisierung. „Nichts passiert hier“ heisst mit anderen Worten: All die Reichen und Adligen – letztlich sind sie genauso bedeutungslos wie ihr kleinen Leute da unten im Zuschauerraum.

Die Stars hingegen – die sind von Bedeutung! Und sie geben hier fast alle erinnerungswürdige Vorstellungen – allen voran die Gebrüder John und Lionel Barrymore; bei ihnen bin ich vielleicht ein wenig parteiisch, denn die beiden gehören zu meinen Top-10-Lieblingsschauspielern. Auch Joan Crawford und Wallace Beery glänzen – letzterer durfte als einziger mit deutschem Akzent sprechen. Es heisst, auf diese Weise hätte man ihn für die Rolle geködert. Die Garbo glänzt auch – vor allem dank Glitzerkleidern, viel Schminke und Grossaufnahmen ihres schönen, ikonenhaften Gesichts. Ihr Schauspiel gleicht mehr der Pantomime, sie spielt, als befände sie sich noch in der Stummfilmzeit. Diese war dem damaligen Publikum noch nahe, deshalb fiel ihr übertriebenes Geschmachte und Grimassieren vielleicht nicht so stark auf wie heute. Ihr Spiel verrät mit jeder Pose: Ich bin die Diva und ich mache es so, wie ich will. Das kommt ‚rüber und dieser Eindruck entsprach durchaus den Tatsachen. Nur wirkt es heute lächerlich. Glücklicherweise hat die Garbo in diesem Film nicht so viel Präsenzzeit – Grand Hotel gehört zu grossen Teilen den anderen Stars, die immer wieder wettmachen, was die Garbo an Durchhängern produziert.

Grand Hotel, ein prächtiges Museumsstück aus Old Hollywood, ist unterm Strich ein empfehlenswerter, unterhaltsamer Film, der so gut geschrieben und inszeniert und gespielt ist, dass man auch Garbos plumpes Spiel in Kauf nimmt.

Vicky Baum blieb zeitlebens in Amerika und schrieb mit Erfolg weitere Romane und Theaterstücke – in englisch. Nicht wenige wurden wiederum von Hollywood verfilmt – darunter etwa Hotel Berlin, eine Art düstere Fortsetzung von „Mensch im Hotel“.

Das Drehbuch: 8 / 10
Die Regie: 8 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit:
Grand Hotel lief 1933 den Kinos des deutschsprachigen Raumes. Hierzulande ist er sowohl auf DVD als auch auf Blu-ray erhältlich. Auch im Stream kann man ihn finden – hier die Liste der Anbieter.

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