François Truffaut

Wonderstruck (2017)

Die drei hier erwähnten Filme habe ich am Filmfestival in Locarno gesehen – was nun auch schon wieder fast zwei Wochen her ist. Aus dem riesigen Programm wählte ich fünf Filme, drei davon kommen hier zur Sprache – alle fünf liefen ausserhalb des Wettbewerbs.

FILM DER WOCHE

Mit Oakes Fegley, Millicent Simmonds, Julianne Moore, Tom Noonan, Michelle Williams, u.a.
Drehbuch: Brian Selznick nach seinem gleichnamigen Roman
Regie: Todd Haynes
Musik: Carter Burwell
Für Wonderstruck ist im deutschsprachigen Raum bislang noch kein Kino-Starttermin festgelegt.

Wonderstruck war der erste Film, den ich anlässlich meines Locarno-Besuches gesehen hatte. Danach hätte ich eigentlich nach Hause gehen können: Ich wusste, etwas Besseres kriege ich hier nicht mehr zu sehen. Und genauso war es auch!

Todd Haynes neuster Film gehört zu den raren Werken, wie es sie nur alle paar Jahre einmal gibt. Er ist ein Gesamtkunstwerk. Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung, Musik – brilliant. Praktisch kein Teilbereich, der gegenüber den anderen abfällt; jeder Beitrag passt perfekt ins Gesamtbild. Die schauspielerische Leistung des Kinderdarstellers Oakes Fegley wirkt gegenüber dem Rest zwar etwas schwach, doch das spielt angesichts des Gestaltungsaktes, der dem Film zugrunde liegt, kaum eine Rolle.

Das Drehbuch stammt von Brian Selznick, dem Autor der Romanvorlage zu Martin Scorseses ebenso mirakulösen Film Hugo (2011). Auch Wonderstruck liegt ein Roman Selznicks zugrunde, und diesmal schrieb er das Drehbuch gleich selbst.
Der Film erzàhlt die Geschichten zweier Kinder. Ben (Fegley), dessen Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, lebt im Jahr 1977 bei der Familie seiner Tante. Die Geschichte der gehörlosen Rose (Simmonds) hingegen spielt 1927. Nun hüpft der Film permanent zwischen den Zeiten hin und her, zwischen Rose und Ben, zwischen Schwarzweissfilm und Farbfilm, zwischen Stummfilm und Tonfilm. „Hüpfen“ ist allerdings das falsche Wort – es ist zu hart. Die Übergänge sind oft wunderbar fliessend und geschehen manchmal fast unmerklich.
Beide Epochen werden mit bemerkenswerter Akribie und Genauigkeit lebendig gemacht, man reibt sich immer wieder die Augen ob der „Echtheit“ der Bilder.

Ben, der Nachts des öfteren von immer demselben Alptraum geplagt wird – er wird im Wald von einem Wolfrudel verfolgt – will gern wissen, wer sein Vater war. Dass ihm das niemand sagen will oder kann, wird für ihn zunehmend zur Belastung. Als er eines Tages in den Sachen seiner Mutter einen Hinweis auf den Vater findet, haut er ab und fährt per Greyhound nach New York. Kurz vorher wird er durch einen Blitzschlag taub.
Die etwa gleichaltrige Rose tut 1927 dasselbe, aus anderem Grund: Sie flüchtet vor ihrem überstrengen Vater und dem neuen Gehörlosen-Lehrer – ebenfalls in die grosse Stadt. Dort will sie die berühmte Stummfilmschauspielerin Lillian Mayhew (Moore) finden.
Von da an verdichtet sich Wonderstruck immer mehr. Die Wege der beiden Kinder kreuzen sich permanent – zu verschiedenen Zeiten, an denselben Orten. Ganz nebenbei wird so, anhand der unverrückbaren und unveränderlichen Schauplätze und Dinge, die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens thematisiert.
Die Geschichten von Ben und Rose kommen sich räumlich immer näher, bis sie im New Yorker im Museum of Natural History eine Art Endstation erreichen. Von dem Moment an werden sie, wie in einem Kaleidoskop umgedreht, die Zeitebene faltet sich auseinander und die Bewegung der beiden Schicksale setzt sich weiter fort, was schliesslich zu einer Art Verschränkung führt.
Das klingt schwer verständlich, ich weiss, doch zuvieles darf nicht verraten werden.

Die Erzählstruktur von Haynes‘ neustem Film ist höchst ungewöhnlich, vom Film-Ende her gesehen aber einleuchtend und bewunderungswürdig konsequent. Was da im letzten Drittel kommt, erwartet man nicht. Es ist mehr als eine Antwort auf die während der ersten zwei Drittel sporadisch auftauchende Frage, was „das“ eigentlich soll.
Wonderstruck ist, wie der Titel passend suggeriert, ein Film über die Wunder der Welt und des Lebens. Dabei lässt er eine Kino-Magie entstehen, welche dieses Wunder mittels unerhörten Bildern und Klängen greifbar und glaubhaft macht. Und das ist mehr, als was das Gros der Filme üblicherweise zu erreichen imstande ist.
Bleibt zu hoffen, dass dieses ungewöhnliche Werk hierzulande einen Verleih findet!

Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken

JULES ET JIM
(dt.: Jules und Jim)
Mit Oskar Werner, Jeanne Moreau, Henri Serre, Bassiak, u.a.
Drehbuch: François Truffaut und Jean Gruault nach dem Roman von Henri-Pierre Roché
Regie: François Truffaut
Musik: Georges Delerue
Truffauts dritter Spielfilm (nach Les 400 coups und Tirez sur le pianist), den ich nun auch endlich gesehen habe – in Locarno wurde er anlässlich des Todes von Jeanne Moreau kurzfristig ins Programm aufgenommen und leider in einer ziemlich miesen 35mm-Kopie der schweizerischen „Filmcoopi“ gezeigt.
Ein gleichzeitig faszinierender und enervierender Film! In der Rückschau gewinnt er zwar (er setzt sich wie ein Puzzle im Kopf zusammen), doch ich ertappte mich während der Vorführung mehrmals beim auf-die-Uhr-gucken. Richtiggehend nervig ist der Schnitt und die (Hand-)Kameraführung; das Bild wackelt und rüttelt, schwebt und kippt, die einzelnen Kameraeinstellungen dauern jeweils nur Sekunden oder gar Bruchteile davon – verhackstückt am Schneidetisch. Das war eben die Doktrin der „nouvelle vague“ – anders sein um jeden Preis. Truffaut entsagte ihr zum Glück später.
Auch inhaltlich irritiert Jules et Jim. Die Hauptfigur ist im Grunde Catherine, ein schwieriger, kaum begreifbarer Charakter. Ihre freigeistige Haltung könnte man als Vorwegnahme der freien Liebe schubladisieren, doch der Film will viel mehr als das. Jules et Jim ist in seiner ganzen thematischen, dramaturgischen und inszenatorischen Sperrigkeit ein Diskurs über die Natur der Liebe und deren gesellschaftliche Verwaltung, bezw. der Ausbruch aus dieser „Verwaltetheit“. Und als solcher ist er höchst anregend.
Aber dann wieder der Schluss… Schwer zu verdauen, rätselhaft.
Jules et Jim, ein Liebesreigen im Paris der Jahrhundertwende, erzählt von den zwei titelgebenden Freunden, deren Leben von der Liebe zur unkonventionellen Catherine durcheinandergewirbelt werden – bis die Heirat des einen und der erste weltkrieg der Unschuld ihrer Beziehung ein jähes Ende setzt.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

THE BIG SICK
USA 2017
Mit Kumail Nanjiani, Zoe Kazan, Holly Hunter, Ray Romano, Anupam Kher, Adeeel Akhtar u.a.
Drehbuch: Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani
Regie: Michael Showalter
Musik: Michael Andrews
Auf der Piazza Grande lief am Donnerstag Abend die Vorpremiere dieser US-Komödie. Da ich den hierzulande kaum bekannten Regisseur Michael Showalter wegen seines präzisen komödiantischen Timings sehr schätze, musste ich da einfach hin. Ich wude nicht enttäuscht: The Big Sick ist, wie erwartet, eine leicht schräge Komödie um einen pakistanischen Möchtegern-Entertainer (Nanjiani), der sich gegen den Willen seiner Familie in eine Amerikanerin (Kazan) verliebt.
Genau als man denkt „ah ja, bekannte Muster, alles klar“, schlägt der Film eine völlig andere Richtung ein: Die Geliebte erkrankt schwer und muss ins künstliche Koma versetzt werden. Nun bekommt es Kumail mit deren höchst seltsamen Eltern zu tun – als hätte er mit seinen eigenen Erzeugern nicht schon genug Kummer…
Kein Meisterwerk, aber The Big Sick ist auch ohne Tiefgang ein gut gemachter, angenehm frischer Off-Hollywood-Streifen mit einigen Glanzmomenten.
Einer davon ist Ray Romano, der in der Rolle des humorlosen College-Lehrers und „Vaters der Braut“ zum schreien komisch ist. Dicht gefolgt von Holly Hunter, welche seine bärbeissige Gattin gibt.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

The Night my Number Came Up (dt.: Sie waren 13; England 1955)

Butterfly on a Wheel (dt.: Spiel mit der Angst; UK, Canada, USA 2007)

Viceroy’s House (dt.: Der Stern von Indien; UK, Indien, Schweden 2017)

 

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Die amerikanische Nacht (1973)

FILM DER WOCHE

LA NUIT AMÉRICAINE
Frankreich 1973
Mit Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Léaud, François Truffaut, Jean-Pierre Aumont, Valentina Cortese, Natalie Baye u.a.
Drehbuch: François Truffaut, Jean-Louis Richard, Suzanne Schiffman
Regie: François Truffaut
Musik: Georges Delerue
Der Film lief bei uns 1973 unter dem Titel Die amerikanische Nacht
Die deutsche DVD des Films ist leider vergriffen. Er kann hierzulande auch nicht gestreamt werden. Es gibt aber eine französische DVD mit deutschem Ton – sie kann hier bestellt werden.

Mit Truffaut konnte ich schon immer ungleich mehr anfangen als mit Godard. Beide stehen für den Beginn der „Nouvelle Vague“, Truffaut entfernte sich bald von deren Dogmatismus, Godard beharrte darauf und macht bis heute Filme, die keiner versteht. Über Truffauts La nuit américaine haben sich die beiden einstigen Compagnons endgültig zerstritten. Godard warf Truffaut „Unehrlichkeit“ vor, weil er sich von ihrer Grundidee, Film und Leben müsse „eine Einheit“ bilden, entfernte. Bis zu Truffauts Tod elf Jahre später, sprachen die beiden nicht mehr miteinander.

Was hatte sich Godard nur gedacht? La nuit américaine behandelt gerade das Thema Film und Leben, auf beinahe erschöpfende Art und Weise. Ein Film wird gedreht; drumherum pulsiert das Leben. Die Art, wie La nuit américaine gemacht ist, lässt das eine immer wieder ins andere übergehen – denn das gezeigte „wahre Leben“ ist ja auch wieder „nur“ ein von einem Regisseur inszenierter Film.
Truffaut schafft auf fast magische Weise das Kunststück, dieses „Leben hinter der Kamera“ und dessen Protagonisten „echt“ erscheinen zu lassen. Man glaubt, was man sieht – nicht nur, weil Truffaut den Regisseur selbst verkörpert (ein gerissener Schachzug!). Mit spürbar tiefer Menschenliebe und -kenntnis kreieren er und sein Drehbuchteam Figuren, die mittels kleiner, genauer Skizzenstriche „wahr“ werden, scharf beobachtet und genau wiederspiegelt. Truffauts Kunst ist nicht das untrennbare Verquicken von echtem Leben und Film, wie Godard dies predigte (er liess oft Streitereien die er mit seiner Frau hatte, am Tag drauf wortgetreu von seinen Schauspielern nachspielen), sondern das liebevolle Beobachten, das er mit künstlerischen Mitteln überzeugend wiederzugeben vermochte.

La nuit américaine ist die Chronik eines Filmdrehs. Für den Regisseur Ferrand (Truffaut) ist Film Leben. Als ordnende Hand im aufbrandenden kreativen Chaos des menschlichen Miteinanders am Set bleibt er stets distanziert, beobachtet und ermöglicht Begegnungen, Interaktionen, Beziehungen und nutzt diese bisweilen für seinen Film (ein Seitenhieb auf Kollege Godard?). Aus Amerika wird ein Star erwartet, Julie Baker (Bisset), die nach einem Zusammenbruch erstmals wieder filmt. Ebenfalls mit am Set: Zwei ehemals zerstrittene Altstars (Aumont und Cortese), eine resolute Assistentin (Baye), ein narzistischer Jungschauspieler (Léaud) und eine ganze Armada von Gesichtern und Typen, die, messerscharf getroffen, jeder für sich unvergesslich bleibt.

Truffaut inszeniert das kreative Chaos lustvoll mit den Mitteln der amerikanischen Screwball-Comedy. Alle reden schnell, durcheinander, aufgeregt, ständig platzt wieder einer mit einer katastrophalen Neuigkeit herein, die alles verändert; es gibt das Spiel mit den verwechselten Türen, den gewechselten Partnern und Identitäten; die hysterischen Ausbrüche fehlen ebensowenig wie die übertieben gezeichneten Nebenfiguren. Alles geht schnell und brüsk. Unvermittelt wird dann der Film wieder ernst. Und immer wieder sind wir wieder mitten im Dreh zu „Je vous présente Pamela“, wo Truffaut augenzwinkernd Tricks aus dem Filmbusiness verrät.

Ein unglaublich reicher, liebevoll gemachter Film im Film (im Film), der erstaunlich authentisch wirkt und die Zuschauenden von Anfang bis Ende gefangen nimmt

Die Regie: 10 / 10 – Mit unglaublich leichter Hand inszeniert, unprätentiös, bescheiden, und dabei derart eindringlich, dass man gewisse Figuren und sequenzen nicht mehr vergisst.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Mit viel Liebe zum Detail und scharfer Beobachtung ebenso leichthändig und unprätentiös wie die regie; Truffaut halt. Wunderbar liebenswürdig und doch entlarvend!
Die Schauspieler: 10 / 10 – Perfekt ausgesucht und punktgenau auf ihre Rollen passend, perfekt besetzt auch in den kleinen Nebenrollen.
Die Filmmusik: 10 / 10 – Von Georges Delerue – für mich einer der besten Filmkomponisten aller Zeiten!
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken

THE BOXTROLLS
(dt.: Die Boxtrolls)
USA 2014
Mit den Stimmen von Ben Kingsley, Elle Fanning, Isaac Hempstead White, Nick Frost, Jared Harris, u.a.
Drehbuch: Irena Brignull und Adam Pava
Regie: Graham Annable und Anthony Stacci
Musik: Dario Marianelli und Eric Idle
Seltsam, wie manche gleichwertigen Filme zu unterschiedlichen Erfolgen führen. Während computeranimierte Familienfilme wie Inside Out oder Despicable Me 1-3 jedes Kind kennt, zucken die Leute beim Titel Boxtrolls mit den Schultern. Obwohl dieser problemlos an die anderen Streifen heranreicht! Liegt es daran, dass es sich um einen „Claymation“-Film handelt? Wohl kaum: Die Figuren und Settings sind so sophisticated und perfekt in Szene gesetzt wie man es sich nur wünschen kann. Die Geschichte ist kindgerecht… nur der Humor ist bisweilen ziemlich „erwachsen“.
Es geht um die „Boxtrolls“, kleine seltsame, in Schachteln lebende Wesen, die ihr Heinzelmännchendasein im Untergrund der Stadt Cheesebridge fristen. Sie werden von Archibald Snatcher, einem fiesen Emporkömmling zwecks Mehrung seines Status als üble Monster verteufelt und gnadenlos gejagt. Ein von den Boxtrolls angeblich entführtes Baby dient Snatcher als Aufhänger für seine Schauergeschichten, mit denen er ganz Cheesebridge in Angst versetzt. Als besagtes Baby eines Tages wieder auftaucht und Snachter Lügen staft, beschliesst dieser rasch die Boxtroll-Endlösung…
Ein atemberaubend gut gemachter, köstlich unterhaltender Animationsfilm, dessen Visionierung man unbedingt nachholen sollte, falls man ihn noch nicht kennt. Und zwar in der Originalsprache. Ben Kingsley als Archibald Snatcher ist ein Spektakel für sich, aber auch die Nebenfiguren sind grandios konzipiert, allen voran Snatchers drei Gehilfen, von denen zwei permanent philosophisch über Gut und Böse argumentieren (Nick Frost und Richard Ayoade), während der dritte, ein sadistischer Irrer (Tracy Morgan), kichernd die Drecksarbeit verrichtet. Und das alles in schönstem Cockney-English!
Ein absolut ausgefallener Animationsfilm, der vom Look bis zur Musik erstklassige Unterhaltung bietet.
Der kann auf Amazon Video gestreamt werden. Die DVD/ Blu-ray gibt es hier.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

ON THE DOUBLE
(dt.: Unternehmen Pappkamerad /General Pfeifendeckel)
USA 1961
Mit Danny Kaye, Dana Wynter, Wilfrid Hyde-White, Diana Dors, Margaret Rutherford u.a.
Drehbuch: Jack Rose und Melville Shavelson
Regie: Melville Shavelson
Musik: Leith Stevens
Der vergessene Film der Woche.
Ein weiterer Film, den man getrost wieder vergessen kann (nach Kid Millions von letzter Woche). Gut, On the Double ist unterhaltsam, entbehrt aber jeglicher Substanz. Der Doppelgänger eines englischen Generals, ein harmloser amerikanischer Soldat, wird für eine geheime Mission rekrutiert. Verwicklungen und Chaos folgen… man kennt das aus anderen Filmen. Was On the Double diesen voraus hat, ist der Schauspieler und Komiker Danny Kaye. Seine Kunst rettet das flache Filmchen und macht es Sequenzweise höchst vergnüglich. Der völlig untypische Kurzauftritt von Margareth Rutherford gehört ebenfalls zu den Highlights dieses Streifens.
Die Handlung wartet weder mit originellen Wendungen noch mit witzigen Dialogen auf; der Film wurde Danny Kaye auf den Leib geschneidert und vertraut ganz auf dessen enormes Talent. Fast ein bischen billig, würde ich sagen („Junge, wir brauchen uns nicht anstrengen, Danny wird das Kind schon schaukeln!“). Das tut er auch – der Film ruht zur Gänze auf seinen Schultern. Mit einem weniger begnadeten Akteur wäre der Film wohl nur schwer auszuhalten.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Silver River (dt.: Der Herr der Silberminen; USA 1948)

Lost Highway (USA 1997)

The Circle (USA 2017)

Movie-Magazin 6: Einer weiss zuviel – 1950

WOMAN ON THE RUN
USA 1950
Mit Ann Sheridan, Dennis O’Keefe, Robert Keith, Ross Elliott, Frank Jenks, John Qualen u.a.
Drehbuch: Alan Campbell und Norman Foster nach einer Geschichte von Sylvia Tate
Regie: Norman Foster
Dauer: 77 min
Der Film fand 1952 den Weg in die deutschsprachigen Kinos, und zwar unter dem Titel Einer weiss zuviel.

Vorspann:
Während eines nächtlichen Spaziergangs wird der Maler Frank Johnson (Ross Elliott) Zeuge eines Mordes unter Gangstern. Er hat den Mörder gesehen und kann ihn beschreiben. Das macht ihn wertvoll für die Polizei, die sogleich am Tatort eintrifft und Frank als Kronzeugen verpflichten will. Doch Frank flüchtet aus Angst vor der Rache der Gangster.
Inspektor Ferris (Robert Keith) nimmt Kontakt mit der desillusionierten Frau des Malers auf (Ann Sheridan) und versucht, über sie an seinen Zeugen zu gelangen. Doch diese, ohnehin im Glauben, ihr Mann wolle sie auf diese Weise verlassen, nimmt lieber das lukrative Angebot des Reporters Leggett (Dennis O’Keefe) an, der Franks Geschichte exklusiv in seinem Blatt bringen will und der Gattin 1’000 Dollar verspricht. Gemeinsam mit Leggett macht sie sich auf die Suche, gefolgt von Ferris‘ Leuten – und dem Mörder.

Der Film:
Woman on the Run gehört zu den wenig bekannten Vertretern des Film Noir. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass der unabhängig produzierte Film nach seiner Kinoauswertung in den Tiefen des Paramount-Archivs verschwand. Paramount hatte sich 1950 um den Vertrieb des Films gekümmert. Filmhistoriker und Gründer der „Film Noir Foundation“ Eddie Muller trieb die Kopie nach langer Suche auf und brachte den Film nach all den Jahren an einem Film Noir-Festival 2003 wieder zur Aufführung, wo er begeistert aufgenommen wurde. Muller plante eine aufwändige Restauration. Leider wurde der Film bei einem Studiobrand 2008 zerstört. Es stellte sich heraus, dass es sich um die einzige 35mm Kopie in ganz Amerika gehandelt hatte.
Entschlossen, den Film zu restaurieren, suchte Muller anderswo nach weiteren Kopien. In den Beständen des British Film Institute wurde er schliesslich fündig, und seit kurzem liegt Woman on the Run herrlich restauriert auf Blu-ray und DVD vor.

Woman on the Run ist aus zwei Gründen bemerkenswert (abgesehen davon, dass er hervorragend geschrieben, inszeniert und gespielt ist): Er wurde on location an einigen Schauplätzen San Franciscos gedreht und bietet ein wunderschönes Schwarzweiss-Portrait der Stadt von vor 60 Jahren. Und: Woman on the Run erzählt neben seinem Gangster- und Detekitv-Plot die Geschichte einer gescheiterten Ehe und deren „Heilung“. Letzteres ist für einen Film Noir eher ungewöhnlich – meist stehen einseitige Liebesgeschichten und/oder sexuelle Obsessionen im Zentrum dieses Genres.
Der Rest ist Film Noir in Reinkultur: Stark ausgeleuchtete Schwarzweiss-Kontraste, „hard boiled“-Typen (inklusive einer Frau), zynische Dialoge.

Die Drehbuchautoren bauen aber immer wieder kleine witzige Auflockerungen in ihren äusserst dicht gewobenen Plot mit ein – etwa den herrchenlosen Hund des Malers, dem sich schliesslich der Poizeiinspektor, der härteste Hund von allen, annimmt. Oder die blitzenden Dialog-Duelle zwischen der Ehefrau und dem Reporter.
So gesehen ist Woman on the Run nicht wirklich ein typischer Film Noir – aber einer den zu entdecken sich unbedingt lohnt.
Leider darf von der Handlung nicht allzuviel verraten werden; der Spoiler-Alarm geht bereits in der Hälfte der Nacherzählung los. Da wird dem Publikum nämlich die Identität des eingangs noch nicht sichtbaren Killers bereits enthüllt – aber nur dem Publikum. Hitchcock hätte seine Freude an dem Film gehabt, denn genau das mochte er auch: Während die Protagonisten im Dunklen tappen, weiss der Zuschauer um die Gefahr, die sie umgibt. Aber was sage ich da – „hätte“? Hitchcock kannte Woman on the Run wahrscheinlich; es gibt Hinweise, dass er sich von der Rummelplatz-Sequenz am Schluss deses Streifens zu seiner eigenen Rummelplatz-Sequenz in Strangers on a Train (dt.: Der Fremde im Zug, USA 1951) hat inspirieren lassen. Das Finale von Woman on the Run spielt sich auf San Franciscos Rummel „Carmel’s Playland“ ab und endet mit einer höllischen Achterbahnfahrt, die Hitchcock in der Tat Ehre gemacht hätte. Franks Gattin sitzt in einem der Wagen fest und rast abwärts, jede Rechtskurve gibt ihr einen kurzen Blick auf ihren ahnungslosen Mann frei – dem sich der Killer unaufhaltsam nähert.

Abspann:
Norman Foster, heute kaum mehr bekannt, war eine interessante Figur in Hollywoods Filmbusiness. Foster war nicht nur Regisseur, er schrieb auch zu vielen seiner Filme die Drehbücher. Das Schreiben stand am Anfang seiner Karriere – er arbeitete als Reporter und verfasste einige Theaterstücke. Auch als Schauspieler liess er sich einsetzen – so kam er zum Film.
Am Anfang seiner Regisseur-Karriere steht die Mr. Moto-Reihe mit Peter Lorre, für die er fast alle Folgen inszenierte. Danach widmete er sich mit Charlie Chan einem weiteren chinesischen Ermittler – er drehte drei Episoden mit Sidney Toler. Zwischen 1943 und 1948 drehte er fünf Spielfilme auf Spanisch, in Mexico, zu denen er ebenfalls die Drehbücher beisteuerte. Zuvor arbeitete er mit Orson Welles an Journey Into Fear. Welles selbst holte Foster „ins Boot“, als er merkte, dass er den Film wegen Überlastung nicht selbst inszenieren konnte. Kennengelernt hatten sich die beiden übrigens bei den Dreharbeiten zu Welles vorausgehendem Film, dem nie fertiggestellten It’s All True. Dort hätte Norman Foster eigentlich nur Hintergrundszenen aufzunehmen gehabt, die dann in den fertigen Film hätten einkopiert werden sollen – doch aufgrund seiner Fähigkeiten stieg er zum Co-Regisseur und Co-Autor auf.
Foster drehte eine Reihe von Spielfilmen ganz unterschiedlicher Genres; in den späten Fünfzigerjahren stieg er bei Disney ein, für den er die zwei Davy Crockett-Filme mit Fess Parker und Buddy Ebsen drehte und dann in einigen Disney-TV-Shows Regie führte (u.a. Zorro). Verheitratet war Norman Foster mit den Schauspielerinnen Claudette Colbert und Sally Blane (einer Schwester von Loretta Young).

Weil der ursprüngliche Inhaber des Copyrights die Rechte nicht erneuerte, zählte Woman on the Run rechtlich als public domain, das heisst, er wurde quasi zum Allgemeingut. Deshalb zirkulierten einige miserable DVD-Fassungen davon auf dem US-Markt. Dem wurde vor kurzem Abhilfe mit einer sorgfältigen Restauration durch das UCLA Film & Television Archive geschaffen. Der Film ist in den USA und in England auf DVD/ Blu-ray erschienen. (Bestellbar zu geringen Versandkosten ist er hier.)
Hierzulande ist/war er je weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erhältlich. Abhilfe tut Not – die hohe Qualität des Werks würde eine Veröffentlichung rechtfertigen!

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:
Eine neue Rubrik.
Wenn ich in diesem Blog schon vornehmlich Filme vorstelle, die im Strom der Zeit „untergegangen“ und heute kaum mehr bekannt sind, was ist dann mit den bekannten? Kommen die auch mal zur Sprache?
Ich weise ja immer wieder darauf hin, dass es unter den vergessenen Werken auch Entdeckung zu machen gilt, sogar kleinere und grössere Meisterwerke. Da kommen schon Gedanken darüber auf, weshalb die eigentlich vergessen sind. Und weshalb andere Filme demgegenüber eine so grosse Reputation geniessen.
Es gibt wohl zwei Hauptgründe, weshalb ein gutes Kinowerk in der Versenkung verschwindet: Fehleinschätzung von Seiten der Kritik zur Zeit der Erstaufführung und/oder mangelndes Publikumsinteresse zum selben Zeitpunkt. Beides kann einem Film den Todesstoss versetzen. Beides kann passieren, wenn ein Film „quer in der Landschaft“ steht, seine Qualitäten nicht wahrgenommen werden können weil er einerseits am gerade herrschenden Zeitgeist vorbeirasselt oder nicht in die gerade herrschende Ideologie der kulturellen Eliten passt. Die Idee, dass die Filmkritik und die Rezeption ein Werk neutral und „unbefleckt“ bewertet, ist eine Illusion.
Umgekehrt führen obige Ausführungen zum Schluss, dass auch öffentlich gefeierte und bis heute anerkannte Meisterwerke (Zufalls-)Produkte des Zeitgeistes/der Ideologie sein müssen. Und aus diesem Grund sollten sie, nach meiner Auffassung, immer mal wieder einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.
Aber genau dies findet nicht statt. Lieber betet man die Litanei früherer Gralshüter der Kritik und der Kulturszene nach als selber zu denken; man könnte sich ja blamieren.
Ich habe mich fürs Blamieren entschieden. In dieser neuen Kolumne werde ich mir sporadisch gefeierte Kinowerke vorknöpfen und fragen: Ist das wirklich ein Meisterwerk? Ist die Reputation dieses Films gerechtfertigt? Hat er im Heute überhaupt noch Bestand?
Und da Film ein Zwitterding zwischen Kunst und Kommerz darstellt, darf man – so bin ich überzeugt – diese „heiligen Werke“ durchaus aus dem Elfenbeinturm der Filmwissenschaft herausholen, sie in die Realität des interessierten Filmkonsumenten stellen und sie aus dessen Sicht prüfen. Denn Filme wollen ja gesehen werden. Sie wurden vornehmlich für ein Publikum gedreht (jedenfalls die meisten), nicht für die wissenschaftliche Analyse im akademischen Olymp.
Sollte ich mit dieser Auffassung jemandem auf den Schlips getreten sein, so ist dies mit voller Absicht geschehen…
Les 400 coups (dt.: Sie küssten und sie schlugen ihn; François Truffaut, Frankreich 1959) Mit Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy u.a.
Mit der „nouvelle vague“ hatte ich seit jeher meine liebe Mühe. Zu aggressiv verteufelten mir deren Exponenten die herkömmliche Art, Kino zu machen. Der Realitätsanspruch, den sie zum kategorischen Imperativ und singulärem Qualitätsmerkmal erhoben, ist im Grunde ein Witz, war damals aber durchaus im Zeitgeist verortet. Kein Film kann m.E. den Anspruch erheben, ein Abblid der Realität zu sein, da letztlich doch alles Inszeniert ist und dem subjektiven Empfinden des Regisseurs unterliegt. Ich gebe zu, dass ich ein Fan des artifiziellen Kinos bin – es ist schlichtweg ehrlicher.
Doch zum Film: Les 400 coups steht ganz am Beginn der nouvelle vague. Er ist stark autobiografisch gefärbt und zeigt das Leben des „schwierigen“ Schuljungen Antoine Doinel – Truffauts alter ego – der im Lauf der Handlung zum Delinquenten wird und in ein Heim gesteckt wird. Der Genauigkeit halber muss erwähnt werden, dass dieser Antoine Doinel eine Mischung aus Truffaut und dem Darsteller des Jungen, Jean-Pierre Léaud ist. Léaud hatte eine ähnliche Laufbahn hinter sich, als Truffaut ihn für das Projekt auswählte. Interessant ist, dass Truffaut und Léaud im Lauf der Jahrzehnte fast miteinander verschmolzen, denn der Regisseur holte die Figur und ihren Hauptdarsteller im Lauf der Jahrzehnte immer wieder vor die Kamera – insgesamt fünf Mal. Und immer spielt Leaud Truffaut und liess auch die eigene Biografie einfliessen.
Les 400 coups ist ein wunderbarer Film! Ein Meisterwerk, wirklich! Berührend, feinfühlig, fantasievoll, hervorragend gespielt und grossartig inszeniert. Ein Film, der die Zeiten bis heute ohne Schaden zu nehmen überdauert hat. Man wird ihn auch im 50 Jahren noch ansehen und verstehen können, denn die thematisierten gesellschaftlich Themen sind zeitlos. Zudem handelt es sich hier wohl um den Film der nouvelle vague, welcher der von ihren Exponenten angestrebten Authentizität am nächsten kommt: Sowohl Truffaut als auch sein Hauptdarsteller Léaud wussten genau, wovon sie erzählten. Die vielen in die Geschichte eingewobenen Episoden wirken authentisch, beleben den Film und treiben ihn unaufhaltsam voran. Trotz aller „Wahrheit“ ist der Film nie bitter oder anklagend. Er zeigt auf und vertraut auf die Wirkung seiner Bilder. Truffaut war von Beginn weg ein absolut selbstbewusster Filmemacher.
Fazit: Ein Meisterwerk
Sie küssten und sie schlugen ihn ist im deutschsprachigen Raum vor kurzen auf Blu-ray erschienen. Auch auf DVD ist er zu haben.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Edge of Tomorrow (dt.: Dough Liman, USA 1914) Mit Tom Cruise, Emily Blunt,
Die Aliens sind (mal wieder) da! Dough Limans Science-Fiction-Spektakel geht von einer Uralt-Prämisse aus (Aliens erobern die Erde und müssen vom Militär bekämpft werden) und peppt diese mit einer Prise … und ewig grüsst das Murmeltier auf. Tom Cruise ist der Deserteur Cage, der in ein Todeskommando-Camp an die Alien-Bekämpfungs-Front starfversetzt wird. Als er bei einem Feldeinsatz umkommt, wacht er kurz nach seiner Ankunft im Camp wieder auf und durchlebt die ganze Tortour nochmals. So geht das endlos weiter: Immer wenn Cage stirbt, wiederholt sich die Geschichte ab seiner Ankunft im Camp. Im Lauf der Zeit lernt er, sein Verhalten den kommenden Ereignissen anzupassen – und überlebt jedes Mal ein wenig länger. So kommt er dahinter, dass er nicht der einzige mit dieser „Auferstehungs-Krankheit“ ist – und dass er den Aliens unter einer bestimmten Voraussetzung einen vernichtenden Schlag zufügen könnte. Doch bis dahin vergehen unzählige Leben…
Die Story ist im Grunde sinnloser Fantasy-Quark. Das Aufsehenerregende an diesem Streifen ist die Inszenierung; sie ist ein Triumph der erzählerischen Verknappung – faszinierend, wie sie trotz harter Schnitte und rabiater Zeitsprünge weder Überblick noch Erzählfluss aus den Augen verliert und so den Bezug zum Publikum aufrecht erhält. Nur das aufgesetzt Ende passt nicht in die „Logik“ des Vorangegangenen. Da musste wieder mal auf Biegen und Brechen einer auf Patriotisch gemacht werden.

Vorschau:
Nächste Woche ist hier kurz Sommerpause – ich fahre in Urlaub!