Monat: November 2012

Busters wahrer Erstling

THE HIGH SIGN
USA 1920
Mit Buster Keaton, Bartine Burkett, Charles Dorety, Al St. John, u.a.
Regie: Buster Keaton und Eddie Cline
Dauer: 21 min.

Es wird Zeit, meine kleine Keaton-Kurzfilm-Rundschau fortzusetzen. Wir befinden uns in diesem, dem nunmehr fünften Teil noch immer in der Anfangszeit von Keatons künstlerischem Schaffen und werfen einen Blick auf dessen inoffiziellen Erstling.

Keaton und sein Team beim Dreh

Keatons erster Film in Eigenregie kam erst ein Jahr nach seiner Fertigstellung  in die Kinos.
Als Regisseur stellte sich Keaton dem damaligen Kinopublikum mit seinem Zweitling, One Week vor – sein Name und sein Gesicht prägten sich mit diesem Komödien-Juwel schlagartig im Gedächtnis der begeisterten Kinogänger ein. Ein geschickter Schachzug, der so ursprünglich aber gar nicht beabsichtigt war. The High Sign ist der deutlich schwächere Film als der Geniestreich One Week; Keaton war nicht zufrieden damit. So wurde der Erstling erstmal zur Seite gelegt und durch den Zweitling ersetzt: One Week schlug ein wie ein Bombe.
The High Sign kam ein Jahr später in die Kinos, als „Lückenfüller“, weil Keaton wegen eines Knöchelbruchs die Dreharbeiten zu The Haunted House unterbrechen musste. Ursprünglich wollte er ihn einmotten.

Während One Week bereits Keaton pur ist, weist The High Sign deutliche Zeichen eines Erstlings auf. Die Handlung schreitet insgesamt recht konventionell voran – jedenfalls bis zur irrwitzigen Schlussequenz.
Wären da nicht die vereinzelt eingestreuten „keatonesquen“ Einfälle – wie etwa der an die Wand gemalte Haken, an dem der Hut tatsächlich befestigt werden kann, oder die Zeitung, die solang auseinandergefaltet wird bis sie fast Zeltgrösse hat – man wähnte sich streckenweise in einer der etwas holprigen Klamotten von Keatons Lehrmeister Roscoe „Fatty“ Arbuckle.
In späteren Kurzfilmen reduzierte Keaton die Handlung auf ein Minimum und konzentrierte sich auf absurde Situaionen, die er nach allen Regeln der Kunst ausbeutete; The High Sign ist ein Film, der noch deutlich von der recht konventionellen und sprunghaften Handlung beherrscht wird.

Der Beginn des Film besteht aus einem klassischen Pratfall (einem „Sturz auf den Hintern“), der den klassischen Pratfall gleichzeitig ironisch überhöht: In rasendem Tempo fährt ein Zug an der Kamera vorbei. Man sieht nur die Räder und den aufgewirbelten Staub. Plötzlich fällt Keaton ins Bild, der Zug scheint ihn ausgespuckt zu haben.
Dieser denkwürdige Pratfall markiert Keatons Ankunft als Regisseur in der Filmwelt. Die Szene ist typisch für die Mehrdeutigkeit von Keatons Filmsprache, die stets verschiedene Lesarten zulässt und oft eine Metaebene enthält.

Nachdem „The Man Who Wouldn’t Lie Down“ (Keaton-Biograph Tom Dardis) sich aufgerappelt hat, kommt er an einem rasenden Karussell vorbei, greift kurz in den Wirbel hinein und zieht eine Zeitung heraus, die er darauf scheinbar endlos auffaltet bis sie ihn unter sich begräbt. Dort drin entdeckt er eine Annonce für einen Schiessstand, wo er sich darauf als Schiesswart bewirbt.
Unter dem Schiessstand befindet sich der Treffpunkt einer geheimen Verbrecherbande, der Blinking Buzzards, deren Mitglieder sich durch ein absurdes Geheimzeichen untereinander zu erkennen geben. Buster lässt sich sowohl von der Bande als auch von deren nächstem Opfer als Schütze anheuern und die Verwicklungen nehmen ihren Lauf.

Die Schlussequenz im Haus des Opfers schliesslich ist Keaton pur! 
Der von der Bande mit dem Tod bedrohte Stadt-Geizhals hat in seinem Domizil zahlreiche Fallen, Klapp- und Schiebetüren einbauen lassen, um stets die Option einer raschen Flucht offen zu haben. Als die Blinking Buzzards in das Haus eindringen und feststellen, dass der von ihnen angeheuerte Keaton als „Schutzengel“ des Opfers amtet, entsteht – natürlich! – eine wilde Verfolgungsjagd, bei der sämtliche Fallen und Klappmechanismen in atemberaubender Abfolge zum Einsatz kommen. In dieser grandios choreografierten Sequenz ist bereits Keatons Vorliebe für teure, vertrackte Kulissen und Kameraeinstellungen erkennbar: In mehreren Einstellung blickt der Zuschauer gleichzeitig in vier Zimmer, durch welche die Protagonisten via Fall- und Klapptüren wuseln wie die Mäuse in einer Versuchsanordnung. Das erforderte den Bau einer puppenhausartigen Kulisse, welche das Haus im Seitenriss mit abmontierter Aussenwand präsentiert – und die war bestimmt nicht billig!

Keatons beste Filme waren gleichzeitig seine teuersten. Das hängt damit zusammen, dass sein Produzent Joe Schenk ihm die Umsetzung seiner kostspieligen Vorstellungen praktisch vorbehaltlos ermöglichte – jedenfalls solange die Studiofinanzen und Keatons Publikumserfolg das erlaubten. Und Keatons surrealistische Ideen waren in den seltensten Fällen billig: Für One Week etwa mussten drei Häuser gebaut werden, eines auf einer Drehscheibe. Und für The General wurde eine Dampflok in einem Fluss versenkt. Der immense Erfolg, den seine Filme hatten, spielten die irrwitzigen Ausgaben allerdings meist wieder ein.

Trotz der spürbaren Anfangsschwierigkeiten bleibt The High Sign eine höchst vergnügliche Stummfilmkomödie, den nicht nur Keaton-Fans zu schätzen wissen werden.
The High Sign ist im deutschsprachigen Raum nur in der teuren Buster Keaton-Box von Arte greifbar. Eine echt Alternative dazu ist die Keaton-Kurzfilm-Box von Kino International aus den USA – bessere Bildqualität und weitaus bessere Begleitmusik!

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Tonfilm-Seitensprung: Ein Butler wird Mensch

RUGGLES OF RED GAP
(dt.: Ein Butler in Amerika)
USA 1935
Mit Charles Laughton, Charlie Ruggles, Mary Boland, ZaSu Pitts, Roland Young, Lucien Littlefield u.a.
Regie: Leo McCarey
Dauer: 85 min

Ein heute sträflich vernachlässigter Komödien-Klassiker, der durchaus als Vorläufer von Frank Capras vier Jahre später entstandene Werke um Mr Deeds, Mr Smith oder John Doe gelten kann und der einen ganz ähnlichen Geist von utopischem Sozialhumanismus atmet, ist Leo McCareys 1935 entstandener Ruggles of Red Gap. Im europäischen Raum war er bislang nur auf einer DVD der französischen BAC-Films greifbar (er erschien in deren Reihe Hollywood Comédie); nun hat die englische Firma Eureka den Film in sein exklusives Masters of Cinema-Programm (MoC) aufgenommen – eine Ehre, die ihm zweifellos gebührt!

Ruggles of Red Gap ist zuerst einmal ein Roman-Serial, das der Autor Harry Leon Wilson 1914 für die Saturday Evening Post verfasst hatte. Als es ein Jahr später in Buchform erschien, wurde das Werk sofort zum Bestseller. Noch im selben Jahr entstand am Broadway eine mässig erfolgreiche Musical-Version, eine Verfilmung folgte drei Jahre später (mit Taylor Holmes als Ruggles).
1923 drehte Regisseur James Cruze eine Neufassung mit Edward Everett Horton und Ernest Torrence in den Hauptrollen (ein Stummfilm mit Traumbesetzung, der auf meine Wunschliste kommt).

Komödienerprobter Regisseur: Leo McCarey

Leo McCarey zeichnete für Inszenierung des Tonfilmremakes verantwortlich. Sein grosses Talent als Komödienregisseur konnte McCarey in Hal Roachs Lot of Fun, zusammen mit Komödianten wie Charley Chase und Stan Laurel & Oliver Hardy zur Perfektion ausbilden. Vor der Kamera sorgten zudem komödiantische Vollprofis für den Erfolg von Ruggles of Red Gap, und den beiden Autoren Walter DeLeon und Harlan Thompson gelang eine schlichtweg grossartige Adaption von Wilsons Roman. So wurde Ruggles of Red Gap zur absolut „runden Sache“, die zumindest in ihren komödiantischen Elementen noch heute frisch und unwiderstehlich komisch wirkt.

Der treue Butler Ruggles erfährt eines Morgens von seinem verkaterten „Master“, dem Earl of Burnstead (Roland Young), dass dieser ihn beim Poker an ein amerikanische Ehepaar verloren habe. „Poker, Sir?“ fragt der Butler, der sein Entsetzen und seine Abscheu nur mühsam verbergen kann. „America – a country of slavery,“ ist sein nächster gequälter Gedanke.
Dass er ausgerechnet im „Sklavenland“, in einem abgelegen Kaff des wilden Westens notabene, lernt auf eigenen Beinen zu stehen, ist eine Ironie, deren patriotistischer Hintergrund auf heutige Zuschauer eher schal wirkt. Die USA , das „Land of the Free“, wo Butler zu selbstbestimmten Menschen werden – diese zentrale Botschaft könnte geschichtsbewusste Kinogänger stören. Doch sie ist – mit Ausnahme einer kurzen Sequenz – recht unaufdringlich verpackt und wird mit derart viel Charme und inszenatorischem wie schauspielerischem Talent überbracht, dass man sich eigentlich nicht beklagen kann.
Man spürt den Stolz der Macher auf ihr Land (und erinnert sich dadurch an so manchen US-Film, der einem dadurch vergällt wurde), er ist sogar zentrales Element des Films, doch der Patriotismus wirkt aus heutiger Sicht angestaubt, man kann ihn nicht mehr ernst nehmen. Wir haben es hier mit einem Paradox zu tun: Mit einem heute noch frisch und frech wirkenden Film, dessen Grundaussage Staub angesetzt hat.

Es erübrigt sich, darüber zu diskuteren, ob Regisseur McCarey im Grunde seines Herzens ein Reaktionär war oder nicht. Es spielt – zumindest für diesen Film keine Rolle, da er durch seine herrlichen Dialoge, die exakt getimte Komödiendramaturgie und durch ein durchs Band grandioses Schauspielerteam glänzt, sosehr, dass die eigentliche Aussage aus zeitlicher Distanz zur Nebensache wird. Der Film macht Spass, weil jede Minute durchscheint, was für einen Heidenspass die Beteiligten dabei hatten. Und der reaktionäre Part hält sich dabei so dezent im Hintergrund, dass er weniger aufmerksamen Kinogängern glatt entgehen kann.

Charles Laughton hebt an zentraler Stelle zu einer Amerika-Hymne an und liefert damit die oben erwähnte kurze Sequenz pentranten Patriotismus‘. Laughton rezitiert Abraham Lincolns  „Gettysburg Adress“, eine Grussbotschaft, welche Lincoln anlässlich der Errichtung eines Soldatenfriehofs in Gettysburg im Jahre 1863, mitten im Getöse des amerikanischen Bürgerkriegs an die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung richtete. Die Sequenz stört nicht allzusehr, das sie, wie eigentlich fast alles in diesem Film, ironisch gebrochen wird: Keiner der im Saloon anwesenden Amerikaner kann sich an den Inhalt von Lincolns Rede erinnern; der englische Butler jedoch weiss sie auswendig.
Bezeichnenderweise liebten die Amis Laughton dafür, und er musste Lincolns Rede Zeit seines Lebens immer wieder zum besten geben, im Fernsehen, im Radio und auf Schallplatte. Im Film sieht das folgendermassen aus (Übersetzung siehe unten):

Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, um zu erproben, ob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft bestehen kann. Wir haben uns auf einem großen Schlachtfeld dieses Krieges versammelt. Wir sind gekommen, einen Teil dieses Feldes jenen als letzte Ruhestätte zu weihen, die hier ihr Leben gaben, damit diese Nation leben möge. Es ist nur recht und billig, dass wir dies tun. Doch in einem höheren Sinne können wir diesen Boden nicht weihen – können wir ihn nicht segnen – können wir ihn nicht heiligen. Die tapferen Männer, Lebende wie Tote, die hier kämpften, haben ihn weit mehr geweiht, als dass unsere schwachen Kräfte dem etwas hinzufügen oder etwas davon wegnehmen könnten. Die Welt wird wenig Notiz davon nehmen, noch sich lange an das erinnern, was wir hier sagen, aber sie kann niemals vergessen, was jene hier taten. Es ist vielmehr an uns, den Lebenden, dem großen Werk geweiht zu werden, das diejenigen, die hier kämpften, so weit und so edelmütig vorangebracht haben. Es ist vielmehr an uns, geweiht zu werden der großen Aufgabe, die noch vor uns liegt – auf dass uns die edlen Toten mit wachsender Hingabe erfüllen für die Sache, der sie das höchste Maß an Hingabe erwiesen haben – auf dass wir hier einen heiligen Eid schwören, dass diese Toten nicht vergebens gefallen sein mögen – auf dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben – und auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge.

Also: Wer je auf diesen Film stösst – unbedingt ansehen! Der grandiose Charles Laughton ist ein Grund, sich irgendeinen einen mittelmässigen Film anzuschauen. Hier wird er von einer Truppe nahezu gleichwertiger Akteure sekundiert und von einem Regisseur in Szene gesetzt, der die Komödie von der Pike auf gelernt hat. Ruggles of Red Gap ist in erster Linie eine herrliche Komödie und als solche sollte er genossen werden. Über den „Sinn“ dahinter kann man heute getrost hinwegsehen. Darüber zu brüten führt jedenfalls nicht allzu weit.