Monat: August 2017

Wonderstruck (2017)

Die drei hier erwähnten Filme habe ich am Filmfestival in Locarno gesehen – was nun auch schon wieder fast zwei Wochen her ist. Aus dem riesigen Programm wählte ich fünf Filme, drei davon kommen hier zur Sprache – alle fünf liefen ausserhalb des Wettbewerbs.

FILM DER WOCHE

Mit Oakes Fegley, Millicent Simmonds, Julianne Moore, Tom Noonan, Michelle Williams, u.a.
Drehbuch: Brian Selznick nach seinem gleichnamigen Roman
Regie: Todd Haynes
Musik: Carter Burwell
Für Wonderstruck ist im deutschsprachigen Raum bislang noch kein Kino-Starttermin festgelegt.

Wonderstruck war der erste Film, den ich anlässlich meines Locarno-Besuches gesehen hatte. Danach hätte ich eigentlich nach Hause gehen können: Ich wusste, etwas Besseres kriege ich hier nicht mehr zu sehen. Und genauso war es auch!

Todd Haynes neuster Film gehört zu den raren Werken, wie es sie nur alle paar Jahre einmal gibt. Er ist ein Gesamtkunstwerk. Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung, Musik – brilliant. Praktisch kein Teilbereich, der gegenüber den anderen abfällt; jeder Beitrag passt perfekt ins Gesamtbild. Die schauspielerische Leistung des Kinderdarstellers Oakes Fegley wirkt gegenüber dem Rest zwar etwas schwach, doch das spielt angesichts des Gestaltungsaktes, der dem Film zugrunde liegt, kaum eine Rolle.

Das Drehbuch stammt von Brian Selznick, dem Autor der Romanvorlage zu Martin Scorseses ebenso mirakulösen Film Hugo (2011). Auch Wonderstruck liegt ein Roman Selznicks zugrunde, und diesmal schrieb er das Drehbuch gleich selbst.
Der Film erzàhlt die Geschichten zweier Kinder. Ben (Fegley), dessen Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, lebt im Jahr 1977 bei der Familie seiner Tante. Die Geschichte der gehörlosen Rose (Simmonds) hingegen spielt 1927. Nun hüpft der Film permanent zwischen den Zeiten hin und her, zwischen Rose und Ben, zwischen Schwarzweissfilm und Farbfilm, zwischen Stummfilm und Tonfilm. „Hüpfen“ ist allerdings das falsche Wort – es ist zu hart. Die Übergänge sind oft wunderbar fliessend und geschehen manchmal fast unmerklich.
Beide Epochen werden mit bemerkenswerter Akribie und Genauigkeit lebendig gemacht, man reibt sich immer wieder die Augen ob der „Echtheit“ der Bilder.

Ben, der Nachts des öfteren von immer demselben Alptraum geplagt wird – er wird im Wald von einem Wolfrudel verfolgt – will gern wissen, wer sein Vater war. Dass ihm das niemand sagen will oder kann, wird für ihn zunehmend zur Belastung. Als er eines Tages in den Sachen seiner Mutter einen Hinweis auf den Vater findet, haut er ab und fährt per Greyhound nach New York. Kurz vorher wird er durch einen Blitzschlag taub.
Die etwa gleichaltrige Rose tut 1927 dasselbe, aus anderem Grund: Sie flüchtet vor ihrem überstrengen Vater und dem neuen Gehörlosen-Lehrer – ebenfalls in die grosse Stadt. Dort will sie die berühmte Stummfilmschauspielerin Lillian Mayhew (Moore) finden.
Von da an verdichtet sich Wonderstruck immer mehr. Die Wege der beiden Kinder kreuzen sich permanent – zu verschiedenen Zeiten, an denselben Orten. Ganz nebenbei wird so, anhand der unverrückbaren und unveränderlichen Schauplätze und Dinge, die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens thematisiert.
Die Geschichten von Ben und Rose kommen sich räumlich immer näher, bis sie im New Yorker im Museum of Natural History eine Art Endstation erreichen. Von dem Moment an werden sie, wie in einem Kaleidoskop umgedreht, die Zeitebene faltet sich auseinander und die Bewegung der beiden Schicksale setzt sich weiter fort, was schliesslich zu einer Art Verschränkung führt.
Das klingt schwer verständlich, ich weiss, doch zuvieles darf nicht verraten werden.

Die Erzählstruktur von Haynes‘ neustem Film ist höchst ungewöhnlich, vom Film-Ende her gesehen aber einleuchtend und bewunderungswürdig konsequent. Was da im letzten Drittel kommt, erwartet man nicht. Es ist mehr als eine Antwort auf die während der ersten zwei Drittel sporadisch auftauchende Frage, was „das“ eigentlich soll.
Wonderstruck ist, wie der Titel passend suggeriert, ein Film über die Wunder der Welt und des Lebens. Dabei lässt er eine Kino-Magie entstehen, welche dieses Wunder mittels unerhörten Bildern und Klängen greifbar und glaubhaft macht. Und das ist mehr, als was das Gros der Filme üblicherweise zu erreichen imstande ist.
Bleibt zu hoffen, dass dieses ungewöhnliche Werk hierzulande einen Verleih findet!

Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken

JULES ET JIM
(dt.: Jules und Jim)
Mit Oskar Werner, Jeanne Moreau, Henri Serre, Bassiak, u.a.
Drehbuch: François Truffaut und Jean Gruault nach dem Roman von Henri-Pierre Roché
Regie: François Truffaut
Musik: Georges Delerue
Truffauts dritter Spielfilm (nach Les 400 coups und Tirez sur le pianist), den ich nun auch endlich gesehen habe – in Locarno wurde er anlässlich des Todes von Jeanne Moreau kurzfristig ins Programm aufgenommen und leider in einer ziemlich miesen 35mm-Kopie der schweizerischen „Filmcoopi“ gezeigt.
Ein gleichzeitig faszinierender und enervierender Film! In der Rückschau gewinnt er zwar (er setzt sich wie ein Puzzle im Kopf zusammen), doch ich ertappte mich während der Vorführung mehrmals beim auf-die-Uhr-gucken. Richtiggehend nervig ist der Schnitt und die (Hand-)Kameraführung; das Bild wackelt und rüttelt, schwebt und kippt, die einzelnen Kameraeinstellungen dauern jeweils nur Sekunden oder gar Bruchteile davon – verhackstückt am Schneidetisch. Das war eben die Doktrin der „nouvelle vague“ – anders sein um jeden Preis. Truffaut entsagte ihr zum Glück später.
Auch inhaltlich irritiert Jules et Jim. Die Hauptfigur ist im Grunde Catherine, ein schwieriger, kaum begreifbarer Charakter. Ihre freigeistige Haltung könnte man als Vorwegnahme der freien Liebe schubladisieren, doch der Film will viel mehr als das. Jules et Jim ist in seiner ganzen thematischen, dramaturgischen und inszenatorischen Sperrigkeit ein Diskurs über die Natur der Liebe und deren gesellschaftliche Verwaltung, bezw. der Ausbruch aus dieser „Verwaltetheit“. Und als solcher ist er höchst anregend.
Aber dann wieder der Schluss… Schwer zu verdauen, rätselhaft.
Jules et Jim, ein Liebesreigen im Paris der Jahrhundertwende, erzählt von den zwei titelgebenden Freunden, deren Leben von der Liebe zur unkonventionellen Catherine durcheinandergewirbelt werden – bis die Heirat des einen und der erste weltkrieg der Unschuld ihrer Beziehung ein jähes Ende setzt.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

THE BIG SICK
USA 2017
Mit Kumail Nanjiani, Zoe Kazan, Holly Hunter, Ray Romano, Anupam Kher, Adeeel Akhtar u.a.
Drehbuch: Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani
Regie: Michael Showalter
Musik: Michael Andrews
Auf der Piazza Grande lief am Donnerstag Abend die Vorpremiere dieser US-Komödie. Da ich den hierzulande kaum bekannten Regisseur Michael Showalter wegen seines präzisen komödiantischen Timings sehr schätze, musste ich da einfach hin. Ich wude nicht enttäuscht: The Big Sick ist, wie erwartet, eine leicht schräge Komödie um einen pakistanischen Möchtegern-Entertainer (Nanjiani), der sich gegen den Willen seiner Familie in eine Amerikanerin (Kazan) verliebt.
Genau als man denkt „ah ja, bekannte Muster, alles klar“, schlägt der Film eine völlig andere Richtung ein: Die Geliebte erkrankt schwer und muss ins künstliche Koma versetzt werden. Nun bekommt es Kumail mit deren höchst seltsamen Eltern zu tun – als hätte er mit seinen eigenen Erzeugern nicht schon genug Kummer…
Kein Meisterwerk, aber The Big Sick ist auch ohne Tiefgang ein gut gemachter, angenehm frischer Off-Hollywood-Streifen mit einigen Glanzmomenten.
Einer davon ist Ray Romano, der in der Rolle des humorlosen College-Lehrers und „Vaters der Braut“ zum schreien komisch ist. Dicht gefolgt von Holly Hunter, welche seine bärbeissige Gattin gibt.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

The Night my Number Came Up (dt.: Sie waren 13; England 1955)

Butterfly on a Wheel (dt.: Spiel mit der Angst; UK, Canada, USA 2007)

Viceroy’s House (dt.: Der Stern von Indien; UK, Indien, Schweden 2017)

 

Ninotchka (1939)

Im Gegensatz zu letzter Woche entsprach die Wahl zum „Film der Woche“ diesmal den Erwartungen. Lubitschs Komödienklassiker stellte alle anderen Streifen erwartungsgemäss in den Schatten, inklusive des bombastisch trickreichen, teuren Weltraum-Krachers Valerian.

FILM DER WOCHE

(dt.: Ninotschka)
USA 1939
Mit Greta Garbo, Melvyn Douglas, Ina Balin, Sig Ruman, Felix Bressart, Alexander Granach, Bela Lugosi u.a.
Drehbuch: Billy Wilder, Charles Brackett und Walter Reisch, nach einer Idee von Melchior Lengyel
Regie: Ernst Lubitsch
Musik: Werner R. Heymann
Der Film kam bei uns erst 1948 in die Kinos.

Der eiserne Vorhang ist gefallen, die Berliner Mauer eingerissen, der Sozialismus existiert nicht mehr real, sondern nur noch in den Köpfen und Wunschvorstellungen der Linken. Und gerade deshalb ist Ninotchka noch heute genauso amüsant wie damals, weil er u.a. den Sozialismus frech ad absurdum führt. Dank Billy Wilders Drehbuch – letzterer sollte das Aufeinandertreffen von Sozialismus und Kapitalismus später als Regisseur nochmals genauso scharfzüngig aufgreifen (One, Two, Three, USA 1961) – wird uns die Demontage einer Ideologie genüsslich, mit perlenden Dialogen und viel Situationskomik gespickt vor Augen geführt. Und die Demontage überzeugt: Sie entlarvt den Kommunismus mit einer einfachen Prämisse als theoretischen, ideologisch motivierten Überbau, der nicht funktionieren kann, weil der Faktor Mensch darin schlichtweg nicht eingeplant wurde.

Das Grundkonzept des Ideengebers Melchior Lengyel ist simpel, aber wirkungsvoll: Lass eine Vertreterin des Kommunismus in den Westen reisen, dort die Annehmlichkeiten der freien Welt erleben, sich in einen westlichen Lebemann verlieben – und die Verheissungen des Sozialismus fallen wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Im Film reisen die drei Inspektoren Iranoff, Buljanoff und Kopalski (Ruman, Bressart und Granach) nach Paris, um die Juwelen einer Grossherzogin der Zarenzeit zurückzuholen; sie sollen dem rechtmässigen Besitzer, dem Volk, zurückgegeben werden. Doch die drei erliegen den Verlockungen von Luxus und Lebensfreude und weichen von der Parteilinie ab. Worauf ihnen das Zentralbüro die Genossin Yakushova auf den Hals schickt. Nina „Ninotchka“ Yakushova (Garbo) soll in Paris nach dem Rechten sehen – und erliegt dem Charme des Westens und eines westlichen Charmeurs ebenso wie die drei Inspektoren.

Sieht man die Garbo in Ninotchka das erste Mal, glaubt man nicht an eine Wandlung. Die Frau wirkt derart abgehärmt, verschlossen, kalt und verhärtet, dass man sich besorgt zu fragen beginnt, wie Drehbuch und Regie ihre Wandlung glaubhaft hinbekommen wollen. Es funktioniert, und die eine Sequenz, in der es geschieht, ist die alles entscheidende – von ihr hängt die Glaubwürdigkeit des restlichen Films ab. Die Drehbuchautoren und der Regisseur waren sich dessen genaustens bewusst: Die Szene musste überzeugen, sonst ist der Film gestorben. Aber wie bekommt man eine derartige Wandlung hin?
Der Film zerfällt in der Tat in zwei Hälften: Die erste zeigt Ninotchka als sture Genossin, die zweite, die unmittelbar daran anschliesst, zeigt eine geöffnete, lebenslustige Frau. Keine Zeit, den Prozess langsam entstehen zu lassen. Er musste in eine Szene gepackt werden, sonst wäre der Film an Überlänge erstickt (wie der im selben Jahr entstandene, ausufernde Vom Winde verweht, an den Ninotchka sämtliche Oscars verlor).
Wilder, Brackett und Reisch kamen mit der grandiosen Idee der „Witz-Sequenz“: Ein Lachanfall würde aus Genossin Yakushova von einer Minute zur nächsten zu einem anderen Menschen machen: Count d’Algout (Douglas), der sich in sie verliebt hat, möchte sie in einem Restaurant zum Lachen bringen. Er erzählt einen Witz nach dem anderen, doch die Genossin verzieht keine Miene. Als er sich geschlagen gibt und sich beleidigt zurücklehnt, kippt er mit dem Stuhl in einen voll gedeckten Tisch. Und nun gibt es kein Halten mehr: Das ganze Restaurant brüllt vor Lachen – inklusive „Ninotchka“. Danach ist sie eine andere – und man glaubt es!

Lubitsch wusste genau, dass sein Film mit dieser Szene stand oder fiel. Sie musste einfach funktionieren! Der grosse Unsicherheitsfaktor war ausgerechnet die Darstellerin der zentralen Figur: Die Garbo war am Set ausgesprochen kapriziös und schwierig. Melvyn Douglas gab später zu Protokoll, dass sie der Lachanfall vor grosse Probleme gestellt habe. Lachen rangierte bislang ganz unten auf der Skala ihrer Gefühlsregungen. Nicht umsonst galt diese Szene dann als Sensation, der Film wurde sogar damit beworben („Garbo laughs!“).
Lubitsch kriegte das Kunststück hin, die introvertierte Aktrice aus sich herausgehen zu lassen. Der Lachanfall wirkt nicht nur echt, er wirkt auch ansteckend (Melvyn Douglas äusserte den Verdacht, es sei ein Voice-Double, eine nachträgliche Sychonisation im Spiel gewesen). Und damit funktionierte auch der Rest des Films, der bis heute Generationen von Film freunden begeistert und bezaubert.

Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

PARENTHOOD
(dt.: Eine Wahnsinnsfamilie)
USA 1989
Mit Steve Martin, Mary Steenburgen, Jason Robards, Dianne Wiest, Martha Plimpton, Rick Moranis, Tom Hulce
Drehbuch: Lowell Ganz und Babaloo Mandel
Regie: Ron Howard
Musik: Randy Newman
Parenthood thematisiert das Thema „Kinder und Eltern“ anhand einer Grossfamilie, bestehend aus Opa Frank (Robards), dessen inzwischen erwachsenen vier Kindern und deren Kinder. Das ergibt fünf Familien, die jede nach einem anderen „Konzept“ funktioniert. Das Konzept des Film ist höchst ergiebig und wurde – in leicht abgeänderter Form – von der noch immer laufenden TV-Serie Modern Family übernommen. Es ermöglichte den Machern, damals gängige Familienformen aufzugreifen und zu persiflieren. Und da im Witz immer ein Körnchen Wahrheit steckt und die damals gängigen Formen noch heute „en vogue“ sind, hat Parenthood kaum etwas von seiner Wirkung und Aktualität eingebüsst.
Da wird etwa die noch heute grassierende Therapierwut in der Schule thematisiert, pubertäre Irrläufe, der Hochbegabtenwahn – mit sicherem Gespür lokalisierten die Drehbuchautoren die sensiblen Themen, obwohl diese damals noch relativ neu waren. Und am Ende destillieren sie eine Wahrheit aus all den elterlichen Irrungen und Wirrungen, die ihre Gültigkeit noch in 20’000 Jahren haben wird.
Alle gezeigten Schicksale und Probleme bleiben allerdings eher harmlos und werden zuletzt auch noch wundersam in Minne aufgelöst; trotzdem muss man den Autoren doch erhebliches Talent zugestehen: Obwohl die Familiengeschichten als Gesellschaftskomödie aufbereitet werden, scheint doch immer wieder der Ernst durch; nicht selten bringt der Witz den Ernst der Sache auf den Punkt. Und das geschieht mit einer scheinbaren Lockerheit, die man im europäischen Kino schlichtweg vergebens sucht. Die gesamte Darstellertruppe unterstützt diesen Ton in idealer Weise – allesamt Komödianten vor dem Herrn, denen ein plötzliches Umschwenken auf ernste Töne keine Schwierigkeiten bereitet.
Parenthood ist wegen seiner Oberflächlichkeit in erster Linie ein Unterhaltungsfilm – ein wirklich guter. Langweile kommt in den zwei Stunden Laufzeit nie auf, und gewisse Situationen sind derart sec auf den Punkt gebracht, dass es eine Freude ist.
Die Regie: 6 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS
(dt.: Valerian und die Stadt der tausend Planeten)
Frankreich 2017
Mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna, Ethan Hawke u.a.
Drehbuch: Luc Besson nach den Comics von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin
Regie: Luc Besson
Musik: Alexandre Desplat
Nach Subway und Le grand bleu wollte ich keinen Besson-Film mehr sehen; ich fand beide hohl und prätentiös. Der Regisseur, obwohl damals voll „in“ und gefeiert, war danach für mich abgeschrieben. Ich hielt mich daran und schaute mir keinen einzigen Besson-Film mehr an (es interessierte mich auch keiner mehr). Doch weil man ja niemals „nie“ sagen soll, liess ich mich diese Woche überreden und ging ins Kino.
Ich stelle fest: Besson ist noch keinen Schritt weiter. Ein Armutszeugnis.
Damit lasse ich es bewenden – ich weiss, das Urteil ist völlig undifferenziert. Aber ich habe nicht die geringste Lust, über diesen zeitverschwendenden Schmarren weitere Worte zu verlieren. Doch – noch dies: Wie kann ein Regisseur zwei derart untalentierten Darstellern wie Dane DeHaan und Cara Delevigne die Hauptrollen übertragen, wenn er weiss, dass die beiden den ganzen Film tragen müssen? Weil er nicht merkt, wie schlecht sie sind? Weil er ausser auf die Special Effects auf nichts sein Augenmerk legte?
Die Regie: 6 / 10
Das Drehbuch: 4 / 10
Die Schauspieler: 4 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 5 / 10

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Vorschau

Ich war heuer für zwei Tage am Filmfestival in Locarno. Die folgenden drei Filme, die ich dort gesehen habe, werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Jules et Jim (Frankreich 1962)

The Big Sick (USA 2017)

Wonderstruck (USA 2017)

 

Roller Girl (2009)

Ich finde es selber immer wieder spannend, welcher von meinen drei geplanten Filmen zum „Film der Woche“ aufsteigt (ich wähle die drei Filme jeweils aus, bevor ich sie gesehen habe). Immer wieder erlebe ich da Überraschungen – auch diese Woche wieder: Ich war von vornherein ziemlich sicher, dass The Wild Bunch nach den Sichtungen auf Platz eins stünde. Denn was kann ein kaum bekannter Jugendfilm wie Whip It gegen dieses allseits gepriesene und anerkannte Meisterwerk ausrichten? Oder ein allseits verrissener, dem Vernehmen nach zweitklassiger Monsterfilm wie Kong: Skull Island?
Nachdem ich mit den drei Filmen durch war, stand The Wild Bunch zuunterst auf der Dreier-Bestenliste! Und – nächste Überraschung – Kong ist keineswegs so schlecht, wie er allenthalben besprochen wird! Ich ziehe ihn Peckinpahs ideologisch verklärtem 68er-Western sogar vor („Blasphemie! Blasphemie!“). Aber lest selbst…

FILM DER WOCHE

(dt.: Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg)
USA 2009
Mit Ellen Page, Shannon Eagen, Juliette Lewis, Kristen Wiig, Daniel Stern, Landon Pigg, Andrew Wilson, Marcia Gay Harden, Drew Barrymore u.a.
Drehbuch: Shauna Cross nach ihrem Roman
Regie: Drew Barrymore
Musik: The Section Quartet
Der Film lief offenbar 2011 in den deutschen Kinos. Jedenfalls ist er auf DVD und Blu-ray erhältlich – unter dem Titel Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg

Der vergessene Film der Woche

Der deutsche Titel klingt wie die Antithese zum dazu gehörenden Film: Verkrampft, gewollt originell, holprig, doof.
Whip It hingegen ist erfrischend, originell, überraschend, ausgelassen und höchst unterhaltsam. Ein Film zum Knuddeln.

Im Mittelpunkt steht Bliss Cavendar (Paige), ein verschlossener, schüchterner Backfisch, der einfach nichts so auf die Reihe kriegt, wie ihre Mutter (Gay Harden) das möchte. Mehr zufällig landet sie bei einem Rollerderby-Match und ist begeistert. Obwohl die rüde Sportart absolut nicht zu der scheuen, zierlichen Beauty-Queen-Aspirantin passt, übt Bliss fortan das Rollschuhlaufen, bis sie es beherrscht. Dann meldet sie sich bei einer Rollerderby-Mannschaft zum Trainig. Und wird aufgenommen. Sie wirkt in der Gruppe der rüpel- und machohaft sich aufführenden Weiber zwar bis zuletzt völlig deplatziert, fühlt sich aber vom Teamgeist getragen und inmitten des wild-wütenden Spiel-Getümmels sauwohl.

Es stimmt schon: Die Geschichte bietet nichts Neues. Trotzdem hat Whip It seinen ganz eigenen Reiz und Charme und ist in seiner Art einmalig. Die Aussenseitergeschichte ist mit soviel ehrlichem Engagement und Herzblut erzählt, dass man fast nicht anders kann, als sämtliche Vorbehalte zu vergessen. Das hierzulande unbekannte rauhe Rollerderby-Millieu ist derart scharf und lebendig gezeichnet, dass man gebannt zuzuschaut, wie die rollenden Frauen mit Verve aufeinander losgehen. Eine gute Portion Slapstick und einige halsbrecherische Stunts peppen die Aussenseiter-Story gehörig auf. Und die Schauspielerinnen sind schlichtweg phänomenal, vor allem jene, die als Rollschuhläuferinnen auftreten. Juliette Lewis ist da auch mal wieder zu sehen – als herrlich vulgäres Machoweib. Drew Barrymore, die auch Regie führte, ist zum Kringeln als amazonenhafte „Smashley“, eine menschliche Dampfwalze, die im Spiel nicht nur sämtliche Hiebe abkriegt, sondern sich dafür stets umgehend und gebührend „bedankt“. Mitten im Getümmel von rollenden, brüllenden, geifernden, prügelnden Amazonen saust die elfenhafte Bliss ihren Gegnerinnen um die Ohren, dass ihnen dieselben schlackern.

Drew Barrymore, die ich als Schauspielerin ausserordentlich schätze, hat hiermit ihre erste Regiearbeit abgeliefert – eine Wucht in Tüten! Es ist zu hoffen, dass dem Film weitere folgen.
Sie inszeniert das onehin schon superbe Drehbuch mit solcher Lust, Lockerheit und Einfallsreichtum, dass es eine Freude ist. Wenn man einem Film den Spass anmerkt, den die Dreharbeiten gemacht haben, dann diesem. Barrymores Inszenierung macht mit schierer Lust wett, was an Erfahrung und Know-How noch fehlt. Whip It ist nicht perfekt inszeniert, es gibt ein paar Schnitzer, aber wen stört’s? Für einen Erstling kommt er ganz schön selbstbewusst ‚rüber (die Inszenierung der Rollerderby-Sequenzen war für eine Newcomerin bestimmt kein Zuckerschlecken!) .

Barrymore hat zudem eine handverlesene Schar grandioser Darstellerinnen und Darsteller zur Hand. Niemand fällt ab, alle spielen sie auf höchstem Niveau. Whip It ist ein Ensemblefilm im besten Sinn, denn ein Ensemblegeist ist jederzeit spürbar. Das reisst mit, steckt an, begeistert. Da stimmt alles, vom Soundtrack bis zur Kamera. Ansehen!

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 9 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

KONG: SKULL ISLAND
USA 2017
Mit: Tom Hiddleston, Brie Larson, Samuel L. Jackson, John Goodman, John C. Reilly u.a.
Drehbuch: Dan Gilroy, Max Borenstein und Derek Connolly nach einer Story von John Gatins
Regie: Jordan Vogt-Roberts
Musik: Henry Jackman
Was ist dieser Film verrissen worden – wegen ein paar unlogischer Szenen. Dabei ist er hervorragend gemacht, sehr gut gespielt, gut geschrieben und absolut solide inszeniert; das Beste ist aber das Production Design: erstklassig!
Sicher, es stimmt, es gibt ein paar Ungereimtheiten. Wenn man aber Ungereimtheiten zum zentralen Kriterium macht, dann müsste man noch ganz andere Kinowerke bachab schicken! Aber es ist halt einfacher, in den Tenor einzustimmen, als fundiert degegenzuhalten.
Kong: Skull Island ist bei weitem kein Film für die Ewigkeit, aber die geballte Negativpropaganda hat er weiss Gott nicht verdient.
Im Grunde ist der Film eine ironische Verbeugung vor den Monster-Filmen der 50er-, 60er und 70er-Jahren, deren Markenzeichen ja nicht unbedingt die Logik war. Kong kommt allerdings mit grossen Budget und den Mitteln heutiger Tricktechnik daher und ist angepasst an heutige Sehgewohnheiten. Deshalb wird die ironische Grundabsicht wahrscheinlich gemeinhin übersehen. Wie zur Zeit der Monsterkino-Hochblüte üblich, enthält Kong eine gesunde, naive Botschaft: Er zeigt, was geschieht, wenn der Mensch in seiner grenzenlosen Dummheit in ein Ökosystem eingreift. Der zerstörerische Mensch tritt hier in Form eines stupiden, rachsüchtigen Militär-Betonkopfs (Jackson) in Erscheinung. Ferner treten auf: Das Fräulein in Nöten, der coole Abenteurer, der skrupellose Geschäftsmann und der weise Eingeborene – das typische, schablonenhafte Personal der guten alten Monsterfilme halt.
Das Production Design (Stefan Dechant) wurde in keiner mir bekannten Kritik erwähnt, obwohl es dem Film einen ganz besonderen Zauber verleiht – es evoziert eine Art „sense of wonder“, die man im Kino lange vermisst hat.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

THE WILD BUNCH
USA 1969
Mit: William Holden, Ernest Borgnine, Robert Ryan, Edmond O’Brien, Warren Oates u.a.
Drehbuch: Walon Green und Sam Peckinpah nach einer Stroy von Walon Green und  Roy N. Sickner
Regie: Sam Peckinpah
Musik: Jerry Fielding
Sam Peckinpahs „geheiligter“ Western – endlich habe ich auch gesehen! Er gilt als das Hauptwerk des berüchtigten Regisseurs, man kommt als Filminteressierter nicht drumherum.
Wieso eigentlich nicht? Ich habe mich zweieinhalb Stunden entweder gelangweilt, genervt oder gewundert.
Aber zuerst mal: The Wild Bunch kommt eine Schlüssesposition im amerikanischen Neo-Western zu, deshalb ist er wichtig. Zu diesen Meriten ist er einerseits mit seiner realistischen Gewaltdarstellung, ja, mit der Zelebrierung seiner Gewaltdarstellung gekommen. Nie zuvor wurden im Kino Einschüsse in menschliche Körper derart wirklichkeitsgetreu gezeigt – und auch noch nie derart gehäuft und derart langsam (Zeitlupe). Die Neuerung bekam darauf einen festen Platz im Kino.
Das andere Verdienst ist, dass Peckinpah dem Western seine bis damals üblichen Glorifizierung versagt und eine ziemlich dreckige Geschichte erzählt – von einer Bande desillusionierter Typen, die sich den wüsten Zeiten angepasst haben, alle Moral in den Wind schrieben und rauben, was und wo sie können.
Dieser Western glit als Sinnbild auf den Vietnamkrieg und die damit „aus den Fugen“ geratene Zeit.
Peckinpah zeigt das amoralische Treiben der Grossen und das amoralische Treiben der Kleinen. Man kann das ganz toll finden, und alte 68er tun das auch, weil es ganz auf der Linie ihrer Weltaschauung liegt.
Tickt man weniger links, dann erkennt man die Schwächen in diesem Film. Zum Besispiel im Drehbuch – es arbeitet vornehmlich mit Macho-Schablonen, welche die ganze Filmdauer über nicht lebendig werden. Oder in der Regie – da gibt es Längen, leere Stellen, Anschlussfehler, sich selbst überlassene Schauspieler, holprige Übergänge… Und schliesslich im Schauspiel – einige der Nebendarsteller chargieren, dass es ein Graus ist (Edmond O’Brien, L.Q. Jones, Emilio Fernández). Die ewige, auch zu unpassendsten Gelegenheiten im Hintergrund plärrende mexikanische Band raubt einem zudem den letzten Nerv.
The Wild Bunch mag seinen Platz in der Filmgeschichte haben – wobei ich seine Meriten zumindest fragwürdig finde – unter einem wirklich guten Film stelle ich mir allerdings etwas anderes vor.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

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Film des Monats Juli

Von den Filmen der Woche im Juli bekommt der jeweils von mir bestbewertete das Prädikat „Film des Monats“. Die „Filme der Woche“ im Juli waren:
The Circle (2017)
Die amerikanische Nacht (1973)
Captain Fantastic (2016)
The Man in the Glass Booth (1975)

La nuit américaine – Die amerikanische Nacht
Frankreich1973; Regie und Drehbuch: François Truffaut
Eine hinreissende Liebeserklärung ans Kino: Der französische Regisseur Ferrand (François Truffaut) beginnt in den Filmstudios von Nizza mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Film “Meine Ehefrau Pamela”. Wie so oft ereignen sich während den Dreharbeiten jedoch zahlreiche Verwicklungen: Komplikationen bei den Dreharbeiten, Allüren der Schauspieler, ihre Gefühlsschwankungen und ständiger Druck vom Produzenten. Für Ferrand stellt sich immer wieder die Frage, ob er seinen Film jemals fertig stellen wird. (moviepilot.de)
Trailer
Zum Artikel in diesem Blog
„La nuit américaine“ kaufen (der Film ist auf einer Blu-ray, resp. DVD der amerikanischen Criterion Collection erhältlich)

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Ninotchka (dt.: Ninotschka; USA 1939)

Parenthood (dt.: Eine Wahnsinnsfamilie; USA 1989)

Valerian and the City of a Thousand Planets (dt.: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten; Frankreich 2017)