Monat: August 2018

Unstoppable – Ausser Kontrolle (2010)

USA 2010
Mit Denzel Washington, Chris Pine, Rosario Dawson, Ethan Suplee, Kevin Dunn, u.a.
Drehbuch: Mark Bomback
Regie: Tony Scott
Dauer: 98 min

Zwei Eisenbahnarbeiter fahren einen langen Zug langsam aus dem Depot. Dass sie vergessen haben, das Bremssystem zusammenzukoppeln, ist ihnen bewusst – sie wollen das später nachholen, sobald der Zug richtig positioniert ist. Doch soweit soll es nicht kommen. Im Bestreben, eine Weiche manuell umzustellen, springt der Fahrer während der langsamen Fahrt kurz aus der Führerkabine. Da der Zug an Fahrt gewinnt, kann er nicht mehr aufspringen.
Von nun an geistert der Zug führerlos durchs Land und wird immer schneller – so schnell, dass er eben „unstoppable“ wird, unaufhaltbar. Zwei der angehängten Wagen haben geschmolzenes Phenol geladen, ein ätzender, tödlicher Giftstoff, der zur Herstellung von Kunststoffen verwendet wird.
Soweit die wahre Geschichte; sie ereignete sich in den USA im Jahre 2001.

Drehbuchautor Mark Bomback und Regisseur Tony Scott verarbeiteten diesen Vorfall zu einem unglaublich dichten, zum Nägelkauen spannenden, hervorragend gemachten Katastrophenfilm. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen der altgediente Lokführer Frank (Washington) und der junge Zugführer Will (Pine). Beide müssen an diesem Tag zusammenarbeiten, ihre Kooperation ist von menschlichen Spannungen geprägt, die einen tristen sozialen Hintergrund aufscheinen lassen: Die Chefetage ist dabei, sich der „Alten“ via Kündigungen zu entledigen, während Will den Eisenbahner-Job dank familiärer Beziehungen erhalten hat. Im Laufe des Tages streiten die beiden, raufen sich aber immer wieder zusammen – bis sie plötzlich mitten im Geschehen um den „Runaway Train“ stehen: Dieser rast nämlich genau auf ihren Zug zu.

Ein weiterer Schauplatz ist das Einsatzzentrum der Bahnleitung, wo die Fäden zur Abwendung der Katastrophe zusammenlaufen, und wo Aufregung immer in pure Panik umschlägt. Zwischen Frank und Wills Zug, der führerlos dahinrasenden Eisenbahn und dem Einsatzzentrum springt der Film ständig hin und her.

Unstoppable ist ein Action-Film im besten Sinne. Sein Zentrum ist der riesenhafte, führerlose Zug und die Bemühungen der Bahnleitung, ihn zu stoppen, bevor er in jene gefährliche, steile Kurve über der Stadt Stanton hineinrast, wo er zweifellos entgleisen und auf die sich unterhalb der Gleise befindenden Öltanks stürzen würde. Doch nebenbei, quasi en passant und ganz zwangslos, streuen die Filmemacher Erzähl-Fetzen über die soziale Situation der Bahnarbeiter Amerikas ein. Das verdichtet sich zusehends zu lebendigen, erstaunlich intensiven Portraits aus dem Arbeitermilieu.
Tony Scott bedient sich auch in diesem seinem letzten Film der Videoclip-Ästhetik; er erzählt die Geschichte atemlos, in sekundenkurzen Einstellungen, die sich aber mit zunehmender Filmdauer zu einem erstaunlich scharfen und präzisen Gesamtbild zusammensetzen; die Spannung ist dank des schnellen Schnitts und einer ausgeklügelten Bild-Montage fast von Beginn weg vorhanden und reisst bis zuletzt keinen Moment ab. Das Auffälligste ist für mich die Tatsache, dass der Film stark mit der Verknappung arbeitet: Da ist keine Einstellung zuviel, kein Satz zuviel wird gesprochen, alles ist schnörkellos auf den Punkt gebracht. Dass dabei trotzdem greifbare, packende Charaktere entstehen, zeugt von hohem handwerklichem Können.
Chapeau!

Die Regie: 9 / 10 
Das Drehbuch:  9 / 10 
Die Schauspieler: 8 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit:
Unstoppable gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray (deutsche Synchro / englische Originalfassung mit deutschen UT). Gestreamt werden kann er zudem bei amazon prime &
iTunes (Deutsche Synchro & OV mit deutschen Untertiteln); maxdome, Videoload & CHILI (deutsche Synchro / OV ohne Untertitel); Google Play, Microsoft & Sony (nur deutsche Fassung).

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Mr. Deeds geht in die Stadt (1936)

USA 1936
Mit Gary Cooper, Jean Arthur, Lionel Stander, Douglass Dumbrille, Raymond Walburn, H.B. Warner u.a.
Drehbuch: Robert Riskin nach einem Roman von Clarence Budington Kelland
Regie: Frank Capra
Dauer:

Longfellow Deeds (Cooper), ein unbescholtener Bürger aus einer US-Kleinstadt, der Grusskarten dichtet und in seiner Freizeit Tuba spielt, erbt von einem weit entfernten Verwandten ein Vermögen. Sofort krallt sich der Vermögensanwalt des Verstorbenen den vermeintlichen „Trottel vom Lande“ und lässt ihn in die Grossstadt bringen, um ihn dort nach Strich und Faden auszunehmen. Der Chefredaktor einer grossen New Yorker Zeitung wittert zudem in der Ankunft des hinterwäldlerischen Millionenerben eine grosse Story und setzt seine zynischste Reporterin (Arthur) auf diesen an. Sie schmeichelt sich bei ihm ein, um exklusiv von den neusten Torheiten des „Landeis“ zu berichten.
Doch Mr.Deeds entpuppt sich als bauernschlauer, bodenständiger Typ, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und die Winkelzüge der Städter mit gesundem Menschenverstand entlarvt und durchkreuzt. Als er mit seinem Geld den Opfern der grossen Depression (die zur Zeit des Filmdrehs wütete) wieder auf die Beine helfen will, wird er kurzerhand für verrückt erklärt und weggesperrt…

Frank Capras Mr.Deeds Goes to Town gehört zu den stärksten, klügsten und gelungensten Filmkomödien aller Zeiten. Wie Capra („Ist das Leben nicht schön?“, „Arsen und Spitzenhäubchen“) und sein Drehbuchautor Riskin in einem Aufwasch die Stimmung im depressionsgeplagten Land wiedergeben, die Kaltherzigkeit der Grossstädter entlarven, das Hohelied auf den einfachen Mann singen, soziale Utopien aufbauen und das alles mit genaustens getimtem Witz, kauzigen Typen und herausragenden Dialogen würzen – das ist einmalig. Und hat obendrein höchsten Unterhaltungswert.

Es ist eine Seltenheit, dass ich vom einem Film auch nach mehrmaliger Sichtung, behaupte, da seien von der Regie über die schauspielerischen Darbietungen bis zum Dialog ausnahmslos Spitzenleistungen erbracht worden – bei Capras Mr.Deeds Goes to Town kann ich einfach nicht anders! Der Film ist in jeder Hinsicht perfekt, und was ihn besonders auszeichnet: Er ist noch heute so aktuell wie damals, er wirkt in der Machart kein bischen verstaubt, er bereitet auch nach der zehnten Sichtung noch immer grosses Vergnügen – und bisher war noch niemand, dem ich den Film vorgeführt hatte, nicht beeindruckt.
Von mir gibt es für dieses alte, cinèastische Glanzstück die Höchstwertung – und das seltene Prädikat „Muss man gesehen haben“.

Die Regie: 10 / 10 
Das Drehbuch:  10 / 10 
Die Schauspieler: 10 / 10 
Gesamtnote: 10 / 10

Verfügbarkeit:
Mr. Deeds Goes to Town sollte wenn möglich in der Originalfassung genossen werden – die dt. Synchro ist einfach zu lahm und hält mit dem hohen tempo des Films nicht mit.
Es gibt den Film im deutschsprachigen Raum auf DVD (deutsche Synchro / englische Originalfassung mit deutschen UT) – da die DVD vergriffen ist, bekommt man sie nur noch antiquarisch.
Gestreamt werden kann er zudem bei amazon und Microsoft (nur dt. Synchronisation); iTunes bietet die deutsche Fassung und die englische Originalfassung mit dt.Untertiteln an.

Die andere Seite der Hoffnung (2017)

OT: Toivon tuolla puolen
Finnland 2017
Mit Sherwan Haji, Sakari Kuosmanen, Niroz Haji, Kati Outinen u.a.
Drehbuch und Regie: Aki Kaurismäki
Dauer: 100 min

Ich habe hier bereits zu Protokoll gegeben, weshalb ich am liebsten englischsprachige Filme schaue: Die Amis und die Briten haben ein weitaus unverkrampfteres Verhältnis zum Geschichtenerzählen als die Europäer; sie verstehen darüberhinaus das Medium Film in erster Linie als Mittel des Geschichtenerzählens. Bei den Europäern ist es immer gleich und von Beginn weg Kunst. Ich mag die Kopflastigkeit und die Kompliziertheit der Europäer nicht. Kopflastigkeit geht meist zu Lasten der Erzählkunst.

Das heisst nicht, dass ich es mit dem europäischen Kino nicht immer mal wieder versuche, ihm nicht immer wieder eine Chance gebe. Schliesslich will man sich nicht der Verallgemeinerung schuldig machen.

Und so habe ich es nun wieder einmal versucht. Mit dem letzten Werk des finnischen Regisseurs/Autors Aki Kaurismäki, Toivon tuolla puolen.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe meine guten Vorätze in der Hälfte des Werks über Bold geworfen und es nicht zu Ende geschaut.

Das reicht natürlich nicht für eine seriöse Rezension – deshalb wird das hier auch keine. Ich gebe nur meine Eindrücke zu Protokoll.

Erstens: Kaurismäki ist stehengeblieben! Seit seinen Anfängen, die ich im Kino Film für Film mitverfolgt hatte, ist seine Filmsprache noch immer genau dieselbe – oder sollte ich stattdessen lieber von „Masche“ sprechen? Sämtliche seiner Figuren agieren noch immer wie Abbilder Buster Keatons: Der Regisseur treibt ihnen aus keinem erfindlichen Grund konsequent jegliche mimische Regung aus. Dadurch wirken sie charakter- und leblos, gleichförmig – und weil der trockene kaurismäk’sche Humor hier fehlt, langweilig. Auch schauspielerische Leistungen findet man aus demselben Grund in diesem Film keine – ausser der „dead pan“ gibt es keinen weiteren Gesichtsausdruck. Bei niemandem!
Weshalb tut Kaurismäki das? Ein, zwei Mal vermag das ja zu faszinieren, aber mit endlos wiederholter Anwendung läuft die Masche schliesslich ins Leere.
Zweitens: Die Erzählung bewegt sich im Schneckentempo vorwärts, was den Eindruck der Langeweile um ein Vielfaches potenziert. Besässen die Figuren Tiefe, fiele dies nicht ins Gewicht.
Drittens: Kaurismäkis Bilder geben einiges über den inneren Zustand seiner Figuren wieder – genauer: Über deren innere Leere.

Toivon tuolla puolen trägt natürlich, wie alle seriösen europäischen Filme, den Stempel der Kunst. Und ist schon deshalb unangreifbar. Wer etwas dagegen sagt, darf als Kunstbanause bezeichnet werden. So einfach ist das.
Muss ich den Film deshalb gut finden? Nein! Ich bin lieber ein Kunstbanause – wenn Ihr wollt gerne auch aus Überzeugung!

Schade – ein weiterer europäischer Film, der mich in meiner Vorliebe für den englischsprachigen Film bestärkt.
Es wäre mal interessant, zu untersuchen, weshalb gerade das englischsprachige Kino – von Grossbritannien über die USA zu Australien und Neuseeland – eine derart starke Erzähl-Tradition hat und soviele Erzähltalente hervorbringt und -brachte!

Achso, ja – der Inhalt: Der Film zeichnet die Odyssee zweier Flüchlinge nach, eines Kriegsflüchtlings aus Syrien (Haji) und eines Eheflüchtlings aus Finnland (Kuosmanen), deren Wege sich kreuzen.

Keine Wertung!

Verfügbarkeit:
Die andere Seite der Hoffnung gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD (deutsche Synchro und finnische Originalfassung mit dt. Untertiteln). Gestreamt werden kann er bei amazon, Google Play, Pantaflix und iTunes (jeweils Deutsch oder Finnisch mit dt. UT); maxdome, iTunes und Videoload haben die deutsche Fassung im Programm.