Ettore Scola

Splendor (1989), Leben wie ein Millionär (1947) u.a.

In der Schweiz ist der Download von Filmen aus dem Internet erlaubt (Torrents etc.). Die folgenden Filme habe ich in sehr guter bis hervorragender Bild- und Tonqualität vorgefunden und mir über die Festtage zu Gemüte führen können:

SPLENDOR
Italien 1989
Mit Marcello Mastroianni, Massimo Troisi, Marina Vlady u.a.
Drehbuch und Regie: Ettore Scola
Der Film lief 1989 unter demselben Titel auch in den deutschsprachigen Kinos

Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso kennt praktisch jeder, Splendor jedoch, Ettore Scolas ähnlich gelagerte Liebeserklärung ans Kino, stand stets im Schatten des Ersteren. Zu Unrecht!
Konzipiert und gedreht wurden beide Filme praktisch gleichzeitig und unabhängig voneinander, Cinema Paradiso erblickte im November 1988 das Licht der Leinwand, Splendor im Februar 1989.
Splendor erzählt die wechselvolle Geschichte eines kleinen Kinos in einem italienischen Provinzkaff und deren Betreiber. In einem Reigen wundervoller kleiner Episoden passiert die Zeit und die Filmgeschichte Revue. Mittendrin: Marcello Mastroianni, Massimo Troisi und Marina Vlady, denen man ewig zuschauen könnte!
Splendor ist ein langsamer Film, er nimmt sich Zeit fürs Erzählen und für seine Protagonisten. Ich liebe sowas, solange es nicht oberflächlich bleibt. Das tut es hier nicht: Scola ist ein genauer Beobachter und ein wunderbarer Erzähler und Philosoph, und was herauskommt, ist ein filmischer Genuss, der zum Denken anregt. Vielleicht ist es seiner Langsamkeit geschuldet, dass Splendor ausserhalb Italiens nie die Aufmerksamkeit erreichte, die er verdient hätte, vielleicht liegt es aber auch am ungleich effektvolleren Cinema Paradiso, der ihm damals „die Show“ stahl (ich erinnere mich, dass kritische Stimmen Scola damals – völlig zu Unrecht – Trittbrettfahrerei vorgeworfen hatten).
Jedenfalls ist Splendor definitiv eine Wiederentdeckung wert!

9 / 10

*********************************************************************************

IT HAPPENED ON FIFTH AVENUE
USA 1947
Mit Don DeFore, Victor Moore, Charles Ruggles, Gail Storm, Ann Harding, Grant Mitchell u.a.
Drehbuch: Everett Freeman und Vick Knight nach einer Original-Story von Herbert Clyde Lewis und Frederick Stephani
Regie: Roy Del Ruth
Studio: Roy Del Ruth Productions
Der Film lief 1950 im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Ein Leben wie ein Millionär

It Happened on Fifth Avenue ist ein ganz köstlicher amerikanischer Weihnachtsfilm, der bei uns seltsamerweise kaum bekannt ist, obwohl er in seiner Thematik den besten Filmen Frank Capras ähnelt. Freilich kann die Inszenierung mit Capras unnachahmlich dynamischem Stil nicht mithalten, dafür ist sie trotz einiger schöner Einfälle zu gewöhnlich. Aber das herrliche Drehbuch und einige der Hauptdarsteller macht dies wieder wett – der Film wird trotz seiner Länge von fast zwei Stunden nie langweilig.
Eigentlich darf man vom Inhalt nicht zuviel erzählen – It Happened on Fifth Avenue lebt von seinen unvorhersehbaren Wendungen und überraschenden Entwicklungen. Schauplatz ist die New Yorker Stadtvilla des Baulöwen Michael O’Connor (Ruggles), wo sich die Attribute von „arm“ und „reich“ von einem alten Landstreicher (Moore) gehörig durcheinandergeschüttelt und auf den Kopf gestellt werden.
Das Beste an dem Film ist – neben den Hauptdarstellern – ganz klar das Drehbuch. Es stammt zu Hauptsache aus der Feder von Everett Freeman, der u.a. auch die Drehbücher zu Komödien-Hits wie George Washington Slept Here (dt.: Unser trautes Heim, William Keighley, 1942), The Princess and the Pirate (dt.: Das Korsarenschiff, David Butler, 1946) und The Secret Life of Walter Mitty (dt.: Das Doppelleben des Herrn Mitty, Norman z. McLeod, 1947) verfasste.
Interessant ist, dass sich der von einem kleinen Studio produzierte und zwischenzeitlich verschollene It Happend on Fifth Avenue sich in den letzten Jahren zu einem wahren Weihnachts-Hit entwickelt hat, der in den USA, zusammen mit Capras ein Jahr zuvor entstandenem It’s A Wonderful Life (dt.: Ist das Leben nicht schön?) alljährlich im Dezember auf die Mattscheibe zurückkehrt.

8/10

*********************************************************************************

ARROWSMITH
USA 1931
Mit Ronald Colman, Helen Hayes, Richard Bennett, u.a.
Drehbuch: Sidney Howard nach dem Roman von Sinclair Lewis
Regie: John Ford

Mit meinem Hang zum klassischen Hollywoodkino entdecke ich immer wieder vergessene Filme von anno dazumal – diesmal war’s ein völlig vergessener Film des großen John Ford; obwohl Arrowsmith für mehrere Oscars nominiert war (u.a. in der Sparte „bester Film“), war er im deutschsprachigen Raum bislang nie zu sehen.
Arrowsmith handelt von dem gleichnamigen (fiktiven) Arzt, der gänzlich besessen ist vom Drang zu forschen; nicht einmal der von ihm mitverschuldete Tod seiner geliebten Frau vermag den Getriebenen zu kurieren…
Eingentlich könnte man diesen Film vergessen, wäre da nicht der Regisseur. Er macht mit grandiosen Bildern aus dem mittelmäßigen Drehbuch und trotz eines sichtlich überforderten Hauptdarstellers (so sehr ich Ronald Colman sonst schätze…) ein interessantes Filmerlebnis. Ford inszeniert seinen Film gegen den damals herrschenden Trend, „talking heads“ abzufilmen (weil die Leute den gerade neu aufgekommenen Tonfilm so toll fanden, wurden die Filme damals unglaublich dialoglastig und statisch).
Ford blieb, entgegen dem Trend, dem Bild als Erzählmittel treu, und dies ist ein beindruckendes Beispiel dafür. Auch wenn gesprochen wird, inszeniert Ford stets Bewegung; seine Akteure bewegen sich stets durch den Raum, auch beim Sprechen.
Es ist frappant: Der 1931 entstandene Film wirkt, als wäre er in den Vierzigerjahren gedreht worden.

7 / 10

*********************************************************************************

STAR!
USA 1968
Mit Julie Andrews, Daniel Massey, Michael Craig, Richard Crenna u.a.
Drehbuch: William Fairchild
Regie: Robert Wise
Dauer 166 min
Der Film lief 1968 auch in deutschsprachigen Kinos – unter demselben Titel.

U.a. mit diesem Film wurde das Musical-Genre zu Grabe getragen. Star!, die teure, aufwändig gemachte, mit zahlreichen Musicalnummern angereicherte Biografie des englischen Show-Stars Gertrude Lawrence (dargestellt von Julie Andrews), floppte gnadenlos an den Kinokassen damals.
Guckt man ihn heute an, versteht man mit zunehmender Filmdauer den Grund dafür: der Film ist viel zu lang. Zudem nähert er sich seiner Hauptfigur mit übertriebenem Respekt – dadurch bleibt sie schabloenenhaft. Und das ist für fast drei Stunden Filmdauer einfach zu wenig; Langeweile kommt auf, sobald die von vielen Musiknummern immer wieder unterbrochene Handlung weitergeht.
Die Musicalnummern auf der anderen Seite sind schlicht grandios! Die helfen einem mit ihrer ausgeklügelten, bisweilen vertrackten Choreografie und mit ihrer bunten Schmissigkeit immer wieder über die seicht dahindümpelnde Story hinweg, sie sind eine wahre Erlösung. Leider werden sie mit zunehmender Filmdauer immer spärlicher. Nach einer packenden und begeisternden ersten Stunde fällt Star! In sich zusammen wie ein zu spät aus dem Ofen geholtes Soufflée.
Und obwohl Julie Andrews hier richtiggehend brilliert und vor Talent fast birst, bedeutete Star! den Anfang von ihrem Abstieg in der Gunst der Kinogänger. Und das nur vier Jahre nach Mary Poppins!

6 / 10

 

Verliebt in scharfe Kurven

IL SORPASSO
Italien 1962
Regie: Dino Risi
Darsteller: Vittorio Gassman, Jean-Louis Trintignant, Catherine Spaak, Claudio Gora, Luciana Angiolillo u.a.
Drehbuch: Dino Risi, Ettore Scola und Ruggero Maccari
Deutschsprachige Kinoauswertung 1963 unter dem Titel Verliebt in scharfe Kurven
Dauer: 105 min

DER FILM:
Il sorpasso gehört zu den Klassikern der „Comedia all’Italiana“ – was ich als Widerspruch empfinde, denn er endet tragisch. Wenn man Filmen schon Stempel verpassen will, dann würde „Road Movie“ hier eigentlich besser passen, denn im Zentrum stehen eine Reise im Auto und zwei Hauptprotagonisten, die sich selbst und einander im Verlauf der Fahrt näher kommen. „Road movie mit komödiantischen Untertönen“ wäre wohl keine schlechte „Schubladisierung“, denn die erste Hälfte ist wirklich von unwiderstehlicher Komik.

INHALT:
Bruno, ein grossmäuliger, exaltierter, ja geradezu hyperaktiver Lebemann (Gassman) trifft im Rom zur Siestazeit zufällig auf den introvertierten Studenten Roberto (Trintignant) und lädt ihn spontan zu einer „kurzen Fahrt“ in seinem Sportwagen ein. Die Fahrt wird immer länger und führt dank zahlreicher Vorwände, Zwischenfälle und „Notwendigkeiten“ immer weiter von Rom weg. Bis zum nächsten Morgen haben die beiden unterschiedlichen Männer je die Familie des anderen kennengelernt und sind sich persönlich ein grosses Stück – bis zur wahren Freundschaft – näher gekommen. Doch da geschieht etwas Unvorhergesehenes…

DIE UMSETZUNG:
(enthält Spoiler)
Il sorpasso ist ein Film, in dem äusserlich praktisch nichts geschieht: Bruno kurvt mit Roberto in der Gegend herum. Auch innerlich, auf der psychologischen Ebene, passiert auf den ersten Blick wenig. Bruno ist permanent laut, bestimmend und witzig, Roberto scheu, verklemmt und still. Blickt und hört man allerdings genau hin, entdeckt man ein ganzes, feines Geflecht von Reaktionen und Gegenreaktionen, das sich zwischen den beiden Protagonisten entspinnt: Robertos ständige Ambivalenz dem anderen gegenüber – er schwankt ständig zwischen Bewunderung und Ablehnung; Brunos feines Gespür für zwischenmenschliche Details, das immer wieder neben seiner lauten Art aufscheint; die wachsende Zuneigung der beiden füreinander – neben der unglaublich präzisen Charakterzeichnung tragen diese Feinheiten in der menschlichen Beobachtung (fast) den ganzen Film.
Es erstaunt nicht, dass Regisseur Dino Risi ursprünglich Psychologie studiert hat – in der feinsinnigen Figurenzeichnung liegt eine der grossen Stärken dieses Films. Die psychologischen Feinheiten werden von den beiden Hauptdarstellern hervorragend und vollkommen glaubhaft umgesetzt; es ist eine Freude, ihnen bei ihrem Spiel zuzusehen!
Solange die beiden unterwegs sind, schlägt der Film einen heiteren, komödiantischen Ton an, wobei die Komik in erster Linie Brunos Charakter und dessen Dialogtext entspringt („Antonioni? Bei L’éclisse bin ich sanft eingeschlummert. Ein grossartiger Regisseur!“).
Ein weiteres Charakteristikum von Risis Film ist das präzise und zugleich ironische Zeichnen eines Zeitbildes des damaligen Italien. Die Aufbruchstimmung der frühen Sechzigerjahre wird in der ziellos-unbeschwerten Autofahrt reflektiert, das Filmen „on location“ sowie das Festhalten diverser Zeitgeist-Manifestationen (u.a. öffentliche Twist-Origen zu entsprechenden italienischen Schlagern) verleiht dem Film eine hohe Authentizität. Er wird zum innerlichen und äusserlichen Zeitbild des damaligen Italien.
Im autolosen letzten Drittel allerdings verliert der Film die Richtung, er verliert sich in einer von zuvielen neu auftauchenden Figuren verursachten Beliebigkeit; Bruno und Roberto interagieren hier nur noch sporadisch, und weil diese Interaktion der Motor des Films war, fällt er gegen das Ende hin plötzlich ab. Der aufgesetzt wirkende Schluss tut das seine dazu, die Gesamtwirkung von Il sorpasso zu schmälern.
Der italienische Filmtitel (wörtlich „das Überholen“) ist übrigens eine Anspielung auf die Manie italienischer Männer, in allen Lebenslagen „den Macho“ heraushängen und andere spielerisch deklassieren zu wollen/zu müssen. In Brunos Fall führt dies am Schluss zum Tod Robertos – ein allzu leichtsinniges Überholmanöver führt zu einem für den Freund tödlichen Unfall am Ende des Films. Ein Ende, das aufgesetzt wirkt und so abrupt kommt, dass es wie ein Fremdkörper in das Geschehen eindringt. Mit dem gewaltsamen Tod Robertos erhält Brunos Verhalten zuletzt eine moralische Bewertung, die aufgesetzt und damit störend wirkt, weil sie einfach nicht zum Rest des Werks passen will.
So wird, was so schön begann und im letzten Drittel etwas gar zähflüssig vertröpfelte, gewaltsam zu einem Ende gebracht, das dem übrigen Film fremd ist, ihn gar in seinem Fluss und seinem Geist empfindlich stört. Und das genau in dem Moment, in dem in Robertos Charakter eine Entwicklung auszumachen ist.
Die „Moralinspritze“ am Schluss ist als Kommentar auf Brunos „easy living“ von den Autoren und vom Regisseur explizit so gewollt; sie wird aber derart unsensibel eingesetzt, und der Film endet gleich nach dem Unfall derart abrupt, dass man unweigerlich an die sprichwörtliche Moralkeule denken muss.

Meine Bewertung: ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥
Wer sollte sich den Film ansehen:
(Film-)Historisch interessierte Filmfreunde; Liebhaber des Road Movie; Filmfans, die Freude an subtilem Humor und feiner Charakterzeichnung haben.
Wer sollte sich den Film nicht ansehen: Freunde des Schenkelklopf-Humors.

DIE DVD:

Audio: Italienische Orginalfassung
Untertitel: Englisch (ausblendbar)
Extras: Eine Einführung von Regisseur Alexander Payne und eine von Marie-Christin Barrault und Jean-Louis Trintignant; zahlreiche Interviews mit Mitwirkenden; 45-minütiges Portrait des Regisseurs; 22-minütiges Feature über die komplizierte Beziehung des Regisseurs und Vittorio Gassman; Booklet; Kinotrailer
Der Film ist in der Criterion Collection erschienen – einmal mehr vorbildlich restauriert und aufbereitet, dass punkto Bild- und Tonqualität keine Wünsche mehr offen sind.
Auch die vielen Extras überzeugen diesmal fast vollumfänglich (unglaublich, was die Criterion-Leute da immer aufzutreiben im Stande sind!) – vom hervorragenden, äusserst informativen Booklet-Text von Phillip Lopate über die zahlreichen Interviews (mit Dino Risi, Jean-Louis Trintignant, Ettore Scola, Filmhistoriker Rémi Fournier Lanzoni) bis zu der Dokumentation von 2012, Ritorno a Castiglioncello, wo sich viele Crew-Mitarbeiter an einem der Drehorte treffen und über ihre Erfahrungen beim Dreh sprechen – Il sorpasso wird von vielen verschiedenen Seiten und auf sehr unterhaltsame und lehrreiche Weise beleuchtet, der historische Kontext wird aufgerollt. Die Extras vertiefen und erweitern den Blick auf den Film wesentlich. Chapeau!
Alternative: Obwohl die DVD-Veröffentlichung eigentlich schon unschlagbar ist: Criterion hat Il sorpasso auch als Blu-ray veröffentlicht. Hier der Bericht vom DVD-Beaver.
Im deutschsprachigen Raum ist der Film nie auf DVD oder Blu-ray erschienen.

VORHER-NACHHER:
Dino Risis Vorgängerfilm hiess A porte chiuse (dt.: Blumen für die Angeklagte), und entstand 1961 mit Anita Ekberg in der Hauptrolle. Im selben Jahr wie, aber nach Il sopasso entstand die Komödie La marchia su Roma, wieder mit Gassman in der Hauptrolle und in Zusammenarbeit mit Ettore Scola und Ruggero Maccari. Risis wohl bekanntester Film ist Profumo di donna, wieder mit Gassman. (dt.: Der Duft der Frauen, 1974). Martin Brests Scent of a Woman ist das US-Remake davon.
Vittorio Gassman drehte vorher unter Roberto Rosselini Anima nera (dt.: Schwarze Seele) an der Seite von Nadja Tiller; danach kam La marchia su Roma (s.oben).
Jean-Louis Trintignant war zuvor in Alan Cavaliers Le combat dans l’ile (dt.: Der Kampf um die Insel, 1962) neben Romy Schneider zu sehen. Danach konnte man ihn in einem weiteren italienischen Film neben Vittorio Gassman sehen,  in Il successo (1963) von Mauro Morassi und Dino Risi – wieder nach einem Drehbuch von Ettore Scola und Ruggero Maccari.

Ein Stummfilm von 1983

LE BAL
(Frankreich 1983)
Mit dem Théâtre du Campagnol
Regie: Ettore Scola

Die Stummfilmzeit war 1929, zumindest im Kino der westlichen Hemisphäre, unwiederbringlich vorbei.
Doch alle paar Jahre gelangt ein „moderner“ Stummfilm in die Kinos und macht von sich reden. Dieses Jahr war es The Artist.  Ein weiteres bekanntes Beispiel ist Mel Brooks‘ Silent Movie von 1976.
1983 drehte Ettore Scola (Una giornata perticolareLa famiglia) einen weiteren Stummfilm, an den sich heute nur noch wenige erinnern: Le bal. Der Film erregte damals immerhin soviel Aufsehen, dass er sogar in die Schweizer Kinos kam.

Von den drei oben erwähnten „neuen Stummfilmen“ weiss Le bal am deutlichsten zu überzeugen, vielleicht gerade deshalb, weil er den Stummfilm nicht, wie die beiden anderen Beispiele, thematisiert, sondern weil er, unprätentiös und ohne dies gross hervorzuheben, einfach einer ist.

Genauer Beobachter menschlicher Schwächen und Verhaltensweisen: Der Regisseur Ettore Scola

Entstanden ist er dank eines Bühnenspektakels des französischen Théatre du Campagnol, einer pantomimischen Revue zum Thema Gesellschaftstanz. Le bal feierte auf französischen Bühnen grosse Erfolge, und einen der Besucher, den Regisseur Ettore Scola, begeisterte unter anderem das filmische Potential des Stoffes. Mit der Vorstellung einer getanzten Hommage an die Geschichte des Kinos setzte er sich mit dem Leiter der Theatertruppe, Jean-Claude Penchenat, zusammen. Was dabei, unter Mitwirkung der Drehbuchautoren Ruggero Maccari und Furio Scarpelli und herauskam ist aber mehr als eine Würdigung der Filmgeschichte: Le bal – der Film entwirft ein Panorama der menschlichen Schwächen und Grösse vor dem Hintergrund fünf vorbeiziehender Jahrzehnte.

Dabei wird die Stummfilmkomponente nie extra hervorgehoben oder betont, wie das etwa bei The Artist auf eher unangenehme, weil pentrante Art der Fall ist. Le bal ist ein Stummfilm, weil sein Ursprung in der Pantomime liegt. Und obwohl das Thema Stummfilm nie erwähnt wird, wird es in dem Film doch gespiegelt: Einerseits wird ersichtlich, dass der Ursprung dieser Kunstform in der uralten Bühnenform der Pantomime liegt, die unabhängig von jeglicher filmischen Entwicklung noch heute existiert, andererseits erkennt der Betrachter, dass eine Übertragung dieser Bühnenform ins Filmische heute noch immer möglich ist – unter der Voraussetzung eines aufgeschlossenen Publikum natürlich. Der riesige Erfolg von The Artist bewies jüngst auf eindrückliche Weise, dass ein solches durchaus vorhanden ist.

Le bal beginnt einem Ballsaal im Heute des Jahres 1983 – die Kamera wird den Saal bis zum Filmende nicht verlassen. Die Einheit des Ortes ist durch die Bühnenvorlage gegeben, der Film hält sich an die Vorgabe. Die Zeiten und die Figuren ändern, der Saal (und dessen Oberkellner, der zum festen Inventar zu gehören scheint) bildet die Konstante, an der die Brandung des Lebens und der Schicksale sich bricht. Das Interieur des Saals wird vom Zeitenlauf immer wieder verändert und lässt auf diese Weise – zusammen mit der Mode und der Musik – die Dekade erkennen. Zwischentitel gibt es keine, auch keine Ankündigungen wie „Paris 1936“.

Zuerst betreten die Frauen den Saal, eine nach der anderen. In stummem Defilee, zu Discomusik präsentieren sie sich allein durch ihre Schritte, ihre Gesten und ihre Mimik als scharf umrissene Charaktere. Vom ersten Auftritt an ist bereits eine Choreografie wirksam. Die Art, wie die Damen sich bewegen, den Raum einnehmen, einander umkreisen verrät  das tänzerische Element, bevor getanzt wird. Hauptakteur ist dabei die Kamera – und sie wird es den Rest des Films über bleiben. Ihre sanft kreisenden, schwebenden Bewegungen evozieren den Tanz, bevor er begonnen hat.
Dann haben die Herren der Schöpfung ihren Auftritt – im Gegensatz zu den Damen als Gruppe. Was sich daraus entwickelt ist eine pointierte Studie menschlichen Balz- und Gruppenverhaltens, die mit einer weit ausholenden Rückblende in einen Reigen musikalisch-tänzerischer Reminszenzen an ein halbes Jahrhundert mündet.

Die Rückblende spielte bereits in vielen von Scolas Vorgängerfilmen eine Rolle (z. Bsp. C’eravamo tanto amati 1974, oder La nuit de Varennes 1982), und auch in den folgenden Werken wie Maccheroni, La famiglia und Splendor wird sie als entscheidendes Erzählmittel benutzt. „Der Lauf der Zeit“ interessierte Scola, er durchzieht sein Werk als roter Faden, um ihn herum hat er einige wunderbare Filme geschaffen .

Auch die bereits erwähnte „Einheit des Ortes“ gehört mit zu Scolas Markenzeichen, ebenso wie die stets als solche erkennbaren Kulissen, welche die Künstlichkeit des Mediums Film dem Betrachter stets vergegenwärtigen.

Für Le bal arbeitete Scola erstmals mit Laiendarstellern zusammen; einige der Leute vom Théâtre du Campagnol traten danach in keinem weiteren Film mehr auf, während mindestens zwei von ihnen, Marc Berman und Jean-François Perrier mit Le bal für den Film entdeckt wurden und bis heute als Nebendarsteller in Film und Fernsehen arbeiten.
Ihr pantomimisches Spiel kommt den Karikaturen sehr nahe, welche der junge Scola nach Abschluss eines Jurastudiums für satirische Zeitschriften wie Marc‘ Aurelio anfertigte. Der Hang zur Karikatur ist in den meisten seiner Filme erkennbar, lustvoller und expliziter als hier lebt er ihn wahrscheinlich in keinem anderen Werk aus. Dabei veränderte er die Figuren der Bühnenvorlage – allesamt bereits als Karikaturen angelegt – nur wenig, wies die Schauspieler an, ihr Spiel um ein Leichtes mehr zu übertreiben, noch gebeugter zu gehen, noch verkrampfter, noch lässiger. Daraus resultiert ein trotz fremder Vorgabe „echter Scola“ und man kann es als Glücksfall sehen, dass Jean-Claude Penchenat während der Dreharbeiten Grösse zeigte und den Filmemacher gewähren liess, auch wenn er mit dessen Vorschlägen nicht immer einverstanden war.

Le bal spiegelt die sorglosen Dreissigerjahre, die kriegsgebeutelten Vierzigerjahre, die von Amerikanismen beherrschten Fünfzigerjahre, die 68er-Zeit und als Klammer das (damalige) Heute. Als „Sprungbrett“ ins nächste Jahrzehnt dienen Bilder an den Wänden. Scola löst das folgendermassen: Eine Szene gefriert zum Standbild, die zurückzoomende Kamera enthüllt dieses als an der Wand hängende Fotografie, die den Ballsaal im nächsten Jahrzehnt schmückt, in welches der Film nun eintaucht. Eine so gestaltete Überleitung hatte ich bislang – und seither – noch in keinem anderen Film gesehen.

Defilee der Männer: Anfangssequenz aus „Le bal“

1936: Auch Pépé le Moko gibt sich die Ehre

Das besetzte Frankreich: Der Tanz mit dem Kollarborateur

Le bal ist im deutschsprachigen Raum leider (noch?) nicht auf DVD erhältlich. Die zur Rezension beigezogene DVD stammt aus Frankreich, von TF1 Video. Die DVD enthält zusätzlich zum Film ein ausführliches Interview mit Jean-Claude Penchenat und Ettore Scola und einen TV-Film über die Bühnenproduktion von Le bal.
Eine lohnende Anschaffung – nicht nur für Stummfilmfreunde!