Monat: September 2018

Crazy Stupid Love (2011)

USA 2011
Mit Steve Carell, Ryan Gosling, Julianne Moore, Emma Stone, Analeigh Tipton, Marisa Tomei u.a.
Drehbuch: Dan Fogelman
Regie: Glenn Ficarra und John Requa
Dauer: 118 min

Dies ist wieder ein Film, dem eines dieser hervorragenden, kürzlich hier so genannten „Sophisticated Screenplays“ zugrunde liegt. Er behandelt ein altbackenes, in über hundet Jahren Kinogeschichte längst abgenudeltes Thema, das aber von einem hervorragenden Drehbuch aufgewertet wird. Es gewinnt dem Thema neue Aspekte ab, vermeidet die alten Klischees, baut überraschende Wendungen ein und wartet mit glänzenden Dialoge und wunderbaren Kinomomenten auf.

Obwohl der Streifen die Liebe im Titel führt, geht es im Grunde ums Trennen. Tatsächlich spielt Crazy Stupid Love verschiedene Aspekte des „Sich-Trennens“ aus; in jedem Fall erscheint die Liebe als etwas Verrücktes, Dummes, ja Störendes – weil sie sich nicht einfach ausschalten lässt. Sie ist nach Jahrzehnten der Beziehung noch immer da, ist übriggeblieben, nachdem sich die anfängliche Leidenschaft verflüchtigt hat.
Im Mittelpunkt steht ein Ehepaar, das sich nach langen Ehejahren trennt. Für den Gatten, Cal (Steve Carell) kommt der Wunsch der Gattin Emily (Julianne Moore) wie der Blitz aus heiterem Himmel und er stürzt – in eine Midlife-Krise. Am Tiefpunkt angelangt, wird der krisengeschüttelte Ehemann in einer Bar von einem erfolgreichen „Womanizer“ (Ryan Gosling) aufgegabelt, der ihm beizubringen verspricht, wie man erfolgreich paarungswillige Frauen anbaggert.

Da der Film als Komödie verkauft wird, kann an dieser Stelle des Resümees die Befürchtung auftauchen, es handle sich um eine dieser billigen 08/15 Hollywood-Klamotten, die mit dumpfen Witzen unterhalb der Gürtellinie nerven. Das war der Grund, weshalb ich den Film bei der Kino-Erstaufführung ausgelassen hatte.
Schaut man sich Crazy Stupid Love vorurteilslos an, wird schnell klar, dass er anders gestrickt ist. Von Beginn weg finden die Macher eine sensible Balance zwischen Komik und Tragödie, die Figuren werden in keinem Moment der Lächerlichkeit preisgegeben. Etwa eine Stunde lang plätschert der Film zwar etwas geschwätzig dahin. Doch die guten Dialoge, die feine Charakterzeichnung und der interessante Handlungsaufbau halten bei der Stange und tragen einen über den etwas länglichen Start hinweg. Trotzdem hätte es nicht geschadet, einige Sequenzen im ersten Teil der Schere zu opfern.

In der zweiten Filmhälfte gewinnt der Film dann deutlich an Fahrt, weil sich die etablierten Figurenkonstellationen plötzlich verschieben: Die bis dahin wie ein Fremdkörper sich ausserhalb der Haupthandlung bewegende Figur der jungen Anwältin Hannah (Emma Stone) integriert sich plötzlich und völlig überraschend ins Gesamtgeschehen und bringt alles durcheinander; und dann wird’s wirklich lustig.

Auch bei Hannah ist Trennung das zentrale Thema, allerdings wird es von einer anderen Seite angegangen: Hannahs aalglatter Anwalt-Freund behandelt sie wie ein Accessoir seiner Kanzlei; doch Hannah lässt sich davon nicht beirren und macht sich punkto „grosse Liebe“ etwas vor. Sie schiebt die längst fällige Trennung immer weiter hinaus.
Auch hier thematisiert der Film das Thema, was eine Trennung mit einem Menschen, mit der Liebe macht. In einer Kurzschlusshandlung wirft sich Hannah ausgerechnet dem uns bekannten Womanizer an den Hals, der Cal inzwischen erfolgreich zu seinem Ebenbild umgepolt hat.

Das fein gesponnene Drehbuch von Crazy Stupid Love stammt aus der Feder Dan Fogelmans, von dem ich hier bereits einmal geschwärmt hatte – im Zusammenhang mit seiner ersten grossen Regierarbeit Danny Collins (in einer Kurzkritik nach dem Hauptbeitrag). Fogelmans Drehbuch geht sein Thema in Grunde absolut ernsthaft an; dabei gibt gibt er immer wieder Anlass zum Nachdenken. Was aber das Verblüffendste ist: Crazy Stupid Love funktioniert tatsächlich auch als Komödie. Weil Fogelman seine genau beobachteten Figuren und deren Nöte aber ernst nimmt, entsteht eine fast schwebende, heiter-melancholische Atmosphäre.
Aber auch die Regisseure Glenn Ficarra und John Requa leisten hervorragende Arbeit! Sie bringen die Vorlage zu bestmöglicher Wirkung, weil sie  das nötige Feingefühl besitzen, diese adäquat, im richtigen (leisen) Ton umzusetzen und die Schauspieler zu grösstmöglicher Zurückhaltung anzuhalten. So entstehen einige intime, schwebende Kino-Momente, die berühren.

Überhaupt – die Schauspieler: Sie sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, erzielen mit kleinen Gesten grösstmögliche Wirkung – es ist eine Freude, dem Ensemble zuzuschauen. Besonders schön: Marisa Tomei als durchgeknallte Englischlehrerin und Kevin Bacon als Buchhalter!

So ist Crazy Stupid Love eine erfeuliche Ensembleleistung wie aus einem Guss, ein fein austarierter Unterhaltungsfilm, der immer wieder mit einem kleinen Schuss Tiefang angereichert ist.

Die Regie: 9 / 10 
Das Drehbuch:  9 / 10 
Die Schauspieler: 9 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit:
Crazy Stupid Love gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und Blu-ray (deutsche Synchro / englische Originalfassung, gemäss den Infos von amazon allerdings ohne deutsche Untertitel).
Gestreamt werden kann er bei amazon, Netflix, iTunes und Microsoft – alle drei bieten den Film sowohl in deutscher Synchronisation als auch in der orginalen Sprachfassung mit deutschen Untertiteln an.
maxdome und Videoload haben die deutsche Synchronisation und die orginale Sprachfassung ohne deutsche Untertitel im Programm.
Nur deutsch ist er auf GooglePlay, Videobuster, RakutenTV, freenet video und Sony zu sehen. 

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Die gefürchteten Vier (1966)

USA 1966
Mit Lee Marvin, Burt Lancaster, Robert Ryan, Woody Strode, Jack Palance, Claudia Cardinale u.a.
Drehbuch: Richard Brooks nach einem Roman von Frank O’Rourke
Regie: Richard Brooks
Dauer: 117 min

Die europäischen Kritiker wieder!
Während man diesen Film im Ursprungsland als gelungener Abenteuer-Western feiert, musste bei uns wieder mal eine tiefere Bedeutung hineininterpretiert werden: Irgendeiner Kritiker-Fantasie entsprang, wohl vom damaligen linken Zeitgeist eingegeben, die Idee, The Professionals sei eine „bissige Parabel“ auf den Vietnamkrieg. Und weil das so gut und kritisch klingt, wurde diese Sicht eifrig nachgebetet; sie wird hierzulande auch heute noch bemüht.

The Professionals kann mit Recht als thematischer Vorreiter von Sam Peckinpah’s Wild Bunch angesehen werden, doch so politisch motiviert ist er nicht.
Wir es hier mit einem recht gut geschriebenen, höchst unterhaltsamen Spätwestern zu tun, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse ein wenig verschwimmen – mit mehr nicht. The Professionals ist nichts weiter als ein – hervorragend ausgeführtes – testosterongesättigtes Unterhaltungsspektakel, ein Männerfilm mit all den bekannten, bisweilen lächerlichen Übertreibungen und Überhöhungen des späten Westerns, eine weniger gross dimensionierte Neufassung der „glorreichen Sieben (man könnte den Film mit dem schweizerischen Komiker Peach Weber „die vier glorreichen Sieben“ nennen). Vier Männer sind es nämlich, die für einen wahnsinnig gefährlichen Job gegen eine wahnsinnig gefährliche Mexikanerbande angeheuert werden. Der „Obermexikaner“ wird diesmal nicht von einem Schauspieler jüdischer Abstammung gespielt (in den „glorreichen Sieben“ war das Eli Wallach) sondern von einem Sohn ukrainischer Eltern – Jack Palance.

Genau wie in Sturges‘ Western sind die vier Angeheuerten hier Spezialisten, jeder ein Meister seines Fachs, stoisch, cool und praktisch unbesiegbar. Genauso eindimensional sind leider auch ihre Charaktere, Stereotypen allesamt – auf dieser Seite bewegt sich also praktisch nichts. Als Entschädigung dafür gibt es Action satt, und wem das genügt, der kommt in Richard Brooks‘ Film auf seine Kosten. Wem es nicht genügt, für den hält der Film immerhin ein paar hübsche Wendungen bereit, die dafür sorgen, dass man das Interesse nicht ganz verliert. Plus die guten schauspielerischen Leistungen von Lee Marvin, Burt Lancaster und Robert Ryan. Wem das noch immer nicht genügt, der kann sich ja mit Subkontext-Fantasien über den Vietnamkrieg behelfen.

In den USA wurde The Professionals zum Kassenschlager, der Richard Brooks nach einer Reihe von Flops wieder zurück in die obere Liga der Hollywood-Regisseure beförderte.

Zum Schluss doch noch eine kurze Inhaltsaangabe: Die vier „Professionals“ (Lee Marvin, Burt Lancaster, Woody Strode und Robert Ryan) werden von einem reichen Industriellen (Ralph Bellamy) angeheuert, dessen entführte Gattin (Claudia Cardinale) aus den Händen einer Bande mexikanischer Revolutionärs-Rabauken zu befreien. Zwei der „gefürchteten Vier“ (wieder so ein doofer deutscher Verleihtitel!) kämpften damals mit dem Rebellen-Anführer Raza (Jack Palance) zusammen für die mexikanische Sache und wissen also, wie dieser tickt. Das Abenteuer beginnt mit dem Ritt ins „Feindesland“, wo das Spezialisten-Quartett sich unter zahlreichen Gefahren erst einmal in die Nähe des Rebellen-Nests begeben muss. Der Weg zurück mit der „Befreiten“ gestaltet sich dank wütender Verfolgung durch Raza und seine Getreuen dann ebenso gefahrenreich.

The Professionals kam im Dezember 1966 in die deutschsprachigen Kinos – unter dem reisserischen, unpassenden Titel „Die gefürchteten Vier“. Die Musik stammt aus der Feder des Franzosen Maurice Jarre – ein Jahr nach dem Grosserfolg seiner Filmmusik-Schnulze zu „Doktor Schiwago“ stellte Jarre seine Vielseitigkeit hier mit einer völlig konträren musikalischen Untermalung unter Beweis.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch: 7 / 10 
Die Schauspieler: 9 / 10 
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit:
The Professionals ist im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray leider vergriffen; in beiden Formaten ist er aber noch antiquarisch greifbar (deutsche Synchro / englische Originalfassung mit deutschen UT).
Im Stream ist er bei amazon prime (nur Deutsch) und maxdome (Deutsche und Englisch ohne Untertitel) zu finden.

 

Man lernt nie aus (2015)

USA 2015
Mit Robert De Niro, Anne Hathaway, Anders Holm, Rene Russo, Adam DeVine u.a.
Drehbuch und Regie: Nancy Meyers
Drauer: 125 min

Ein pensionierter Witwer (De Niro) bewirbt sich als Praktikant („Intern“) in einem aufstrebenden Online-Modegeschäft. Der „Oldie“ wird für Jules, der  jungen Gründerin und gestressten Chefin des Unternehmens (Hathaway) nach und nach zunächst zum geschätzten „Ruhepol“ und schliesslich zum väterlichen Freund, der ihr immer wieder den Blick aufs Leben öffnet.

Das klingt abgestanden und vorhersehbar – und das ist The Intern in seinen Grundzügen auch. Trotzdem gewinnt man den Film, je länger er dauert, je lieber. Es ist schwer zu sagen, was „es“ ausmacht, was den Funken überspringen lässt (Robert De Niros schauspielerische Leistung ist es definitiv nicht).
Meine Theorie: The Intern ist einer dieser neuen Hollywood-Filme, die auf einem äusserst starken Drehbuch basieren, das ein altbackenes Handlungsgerüst mit vielen interessanten und überraschenden Episoden und starken Dialogen anreichert; dadurch werden die Figuren lebendig und der ganze Film wird aufgewertet. Die Geschichte nimmt zudem immer dann eine ungeahnte Wendung, wenn man zu wissen glaubt, worauf sie gerade hinauslaufe.

Im Moment erleben wir im Hollywoodfilm eine erfreuliche Renaissance des „sophisticated Screenplays“. Offenbar hat man die zentrale Bedeutung des Drehbuchs (wieder)erkannt uns investiert in Talente dieses Metiers. Jedenfalls fällt mir auf, dass es seit ein paar Jahren in den Genres Drama und Komödie Schule gemacht hat, viel Sorgfalt auf Details und Charaktere zu verwenden. Jüngste Beispiele der von mir so betitelten „sophisticated Screenplays“ sind Wonder von Stephen Chbosky und Love, Simon von Greg Berlanti. Auch diese beiden Filme verpacken je eine cinèastische „alte Kamelle“ (ein missgestalteter Junge in Wonder, homosexuelles Coming out in Love, Simon) in eine sympathische, Klischees leichtfüssig umgehende Erzählung mit lebendigen, anrührenden Chrakteren. Und beide Male ist das Drehbuch massgeblich am Erfolg beteiligt.

Drehbuch-Veteranin Nancy Meyers (Baby Boom, Vater der Braut) inszenierte ihr Drehbuch gleich selbst – damit stieg die Chance, dass es weitgehend in der vorgesehenen Fassung und mit allen wichtigen Nuancen auf die Leinwand gelangte. Die überaus sympathisch aufspielende Anne Hathaway trägt zudem Mitschuld am Gelingen des filmischen Unternehmens. Neben ihr verblasst der bisweilen befremdlich grimassierende Robert De Niro überraschend zu schauspielerischer Bedeutungslosigkeit. Während die anderen Akteure in ihren Rollen perfekt besetzt erscheinen, wirkt De Niro seltsam unbeteiligt, so, als sei er „lediglich“ zwecks Einnahmenoptimierung engagiert worden.

The Intern unterhält glänzend, ohne grosse Ansprüche geltend zu machen – Frau Meyers Film ist kein grosser Wurf, kein cinèastisch ambitioniertes Projekt, ein relativ bedeutungsloser „Gebrauchsfilm“. Deswegen muss man seine Verdienste nicht marginalisieren, seine durchaus vorhandenen erzählerischen Qualitäten nicht unter den Teppich kehren. Man darf beim Ansehen zurücklehnen und sich durchaus daran erfreuen.
Auch dem Regisseur und Vorzeige-Cinèast Quentin Tarantino gefiel The Intern; er hat ihn gar als einen seiner liebsten Filme des Jahres 2015 bezeichnet…

Die Regie: 7 / 10 
Das Drehbuch:  8 / 10 
Die Schauspieler: 8 / 10 
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit:
The Intern gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und Blu-ray (deutsche Synchro / englische Originalfassung, allerdings offenbar ohne deutsche Untertitel).
Gestreamt werden kann er bei amazon, maxdome, Videoload, videociety, freenet video jeweils in der deutschen Synchro und in der englischen Originalfassung – aber ohne Untertitel.
Google Play, Videobuster, Rakuten TV, Sony und CHILI haben ihn ausschliesslich in der deutschen Synchro im Programm.
Einzig iTunes bietet neben der deutsche Fassung auch die englische Originalfassung mit dt.Untertiteln an.