Joseph Schildkraut

D.W. Griffith inszeniert die französische Revolution

ORPHANS OF THE STORM
(USA 1921)
Mit Lillian Gish, Dorothy Gish, Joseph Schildkraut,
Regie: D.W. Griffith
Dauer: 150 min

Zwei Schwestern, Henriette und Louise, durchleben die Wirren der französischen Revolution.
Eigentlich sind Henriette und Louise nicht wirklich Schwestern. Louise, eine Aristokratentochter, (Dorothy Gish) wurde vor den Toren Notre-Dames ausgesetzt und von einem armen Handwerker, Henriettes Vater, adoptiert. Die beiden wachsen wie Schwestern auf, und als Louise erblindet, kümmert sich Henriette (Lillian Gish) mütterlich um sie. Kurz nachdem sie zu Verwandten nach Paris gereist sind, werden sie gewaltsam getrennt: Louise wird von Bettlern gekidnappt und muss fortan auf der Strasse um Almosen bitten, um die Kasse ihrer Entführer aufzubessern.
Henriette indessen erregt das Interesse eines noblen Adligen, Chevalier de Vaudray (Joseph Schildkraut) – zarte Liebe keimt zwischen den beiden auf. In den Wirren der französischen Revolution finden sich die Schwestern wieder, doch da der Adel inzwischen verfehmt ist, bringt Henriettes Verbindung mit dem Chevalier sie aufs Schafott.

Der Regisseur von Orphans of the Storm, D.W. Griffith, ist heute vor allem für seine grandiosen und ausufernden Epen Birth of a Nation (1915) und Intolerance (1916) bekannt , aber auch für seine innovativen Kurzfilme (1909 bis 1914). Mit den rund 400 Kurzfilmen erprobte er ein Feld, welches er massgeblich weiterentwickelte und in den beiden oben genannten Langfilmen zur Perfektion brachte: die filmische Spannungsdramaturgie. Instrumente wie Einstellungswechsel und Parallelmontagen, finden, so wie Griffith sie entwickelt hatte, zwecks Spannungssteigerung noch im heutigen Kino Verwendung. Birth of a Nation und Intolerance sind seine Meisterwerke, sie gelten als Meilensteine der Filmgeschichte.

Orphans of the Storm macht dagegen einen etwas angestaubten Eindruck, er fällt in seiner Machart hinter die beiden oben genannten Griffith-Meisterwerke, aber auch hinter Filme anderer Regisseure aus demselben Entstehungsjahr zurück. Weshalb?

Nachdem Griffith die Spannungsdramaturgie zu früher Perfektion gebracht hatte, blieb er stehen. Weitere cinéastische Neuerungen überliess er anderen Regisseuren, ja er schien diese sogar zu ignorieren – jedenfalls übernahm er sie nicht oder nur zögerlich ins eigene Repertoire. Die Gründe dafür sind rätselhaft – jedenfalls brachte ihm dieser Umstand bei seinen Zeitgenossen schon bald den Ruf ein, altbacken zu sein. Nach Orphans of the Storm, seinem letzten grossen Erfolg, sank sein Stern rapide.
Bereits in diesem Film bemerkt man, in Kenntnis früherer Griffith-Werke, etwas Formelhaftes. Die Spannungssequenzen von Orphans of the Storm ähneln auffällig jenen aus Intolerance. Man könnte Orphans mit etwas bösem Willen als Aufguss von Intolerance bezeichnen.

Ein Vergleich beider Filme in Bezug auf die Massenszenen bringt allerdings ein ernüchterndes Resultat: Während sie in Intolerance eine unglaubliche Sogkraft entwickeln, wirken sie hier dank überspanntem Gehampel teilweise hilflos und lächerlich. Es scheint, als würde die ordnende Hand des Regisseurs fehlen. Zudem machen sich in diesem Film auffällig häufig grobe Schnitt- und Anschlussfehler bemerkbar, die den Handlungsfluss immer wieder stören. Die sichtbar mangelnde Sorgfalt lässt den Verdacht aufkeimen, Orphans sei in grosser Eile fertiggestellt worden.
Die Handlung wurde zu grossen Teilen einfach in der Totalen abgefilmt; so wirkt der Film teilweise wie eine Theateraufführung. Betrachtet man andere Stummfilme aus demselben Produktionsjahr, so wirken die meisten davon moderner und handwerklich sauberer als Orphans of the Storm.

Trotzdem bleibt der Film haften. Er hat seine unbestreitbaren Stärken, die auf jene umso mehr wirken, die weder Birth of a Nation noch Intolerance kennen, denn an diesen beiden frühen Werken Griffiths misst man automatisch seine anderen. In den meisten Fällen zu deren Nachteil.
Es ist trotz aller Imperfektion der Schnitt, der das Ganze rettet, Spannung aufbaut und Orphans trotz allem zu einem unvergesslichen Filmerlebnis macht.
Den ganzen Film über werden Handlungen parallel geführt und miteinander verknüpft, geschickt werden Spannungsbögen im Auge behalten und in die Länge gezogen – Griffith hatte im Lauf der Jahre ein ganzes Arsenal an Tricks und ein feines Gespür für effektiven Handlungsaufbau entwickelt, welche ihm erlaubten, die Spannung auf mehreren Ebenen zweieinhalb Stunden am köcheln zu halten.
Auch wenn der Rest von Griffiths Cinématografie hier nicht mehr dem Stand der Zeit entsprach, auf dem Gebiet der Spannungsdramaturgie kann der Film als Lehrstück gelten.

Natürlich fallen diesem Zweck die historischen Fakten zum Opfer. Obwohl für jene Zeit vorbildliche Authentizitätsbemühungen spürbar sind, ist Orphans of the Strom bezüglich historischer Korrektheit auf einem Stand, der heute nicht mehr akzeptiert werden könnte. Zur Spannungssteigerung werden sämtliche Figuren in ein Schwarzweiss-Schema gepresst, was einerseits zu lächerlicher Versimplung führt (Danton = gut, Robespierre = bös), bei einigen der erfundenen Charakteren andererseits einleuchtend und schlüssig  wirkt (zu beobachten etwa an der Figur des Jacques Forget-Not, der für die ausser Kontrolle geratene und mit der neuen politischen Macht überforderte Masse der „kleinen Leute“ steht, die sich plötzlich als Richter gebärden dürfen).

Absolut wirkungsvoll sind auch die überaus aufwendigen und bisweilen täuschenden Kulissen eingesetzt: Bisweilen gewinnt man den Eindruck, der Film sei tatsächlich in einer alten französischen Stadt gedreht worden. Leider ist nicht ganz klar zu eruieren, wer für das Produktionsdesign verantwortlich ist. Es ist ein art director angegeben, aber kein production designer; möglicherweise war dies zu jener Zeit noch ein und derselbe Mann, weshalb ich hier, mit Vorbehalt Charles M. Kirk für die Sets verantwortlich mache.
In den grosszügig ausgebauten Kulissen – ganze Strassenzüge und Häuserzeilen wurden nachgebaut – wirken die Akteure oft klein wie Ameisen.

Orphans of the Storm ist ein ambivalentes Werk; es hat seine Meriten, denen aber ebensoviele „filmische Sünden“ gegenüberstehen.
Auf jeden Fall handelt es sich dabei als ein saftiges Stück Unterhaltungskino, das seine Absicht immer mal wieder hinter historisierendem Gebaren zu verbergen versucht.
7/10

Die DVD: Die Bildschärfe ist ganz gut, der Kontrast vermochte mich nicht zur Gänze zu befriedigen. Das Bild scheint mir bisweilen etwas matt. Ich vermute, die DVD wurde von einem Videoband gemastert.

Die Musikbegleitung stammt von Louis F. Gottschalk und William Frederick Peters; es handelt sich um die Originalmusik, welche zur Uraufführung des Films damals erklang. Sie wurde von Brian Benison arrangiert und wird von ihm auf einem elektronischen Instrument wiedergegeben – eine Lösung, mich eigentlich nie zu befriedigen vermag.

Extras: Eine Einleitung von Orson Welles; der Kurzfilm Rescued From the Eagles Nest (1908), der D.W. Griffith als Schauspieler zeigt; Filmmaterial von Griffiths Beerdigung; Radio-Nachruf an D.W. Griffith durch Erich von Stroheim; Nachdruck eines Artikels von 1916: The Story of David Wark Griffith; Portfolio mit seltenen Griffith-Fotos.

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Nicht verfügbar.
USA: Der Film wird von Kino on Video angeboten. Man bekommt ihn direkt bei Kino, oder bei amazon.com (dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld).
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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THE KING OF KINGS (1927)

(dt.: König der Könige)
USA 1927/1928
Regie: Cecil B. DeMille
Mit H.B. Warner, Ernest Torrence, Joseph Schildkraut, Rudolph Schildkraut u.a.

Das Leben Jesus von Nazareths für die grosse Leinwand zu adaptieren – dies ist ein Unternehmen, das als immer wiederkehrendes Thema durch die gesamte Filmgeschichte zieht und das bis heute nichts von seinem kontroversen Charakter eingebüsst hat (siehe Mel Gibsons jüngsten Versuch).

Im Jahre 1927 präsentierte Regisseur Cecil B. DeMille (Die zehn Gebote) seine 155-minütige Version, die er ein Jahr später für den offizielle Filmstart auf 112 Minuten zurückgestutzt hatte. Das peinliche Bestreben, jegliche Kontroversen zu vermeiden, merkt man dem Film deutlich an; dadurch wird er – jedenfalls aus dem zeitlichen Abstand von über 80 Jahre betrachtet – auch schon wieder kontrovers. Beide Versionen des Films sind auf der DVD von Criterion vorhanden. Ich habe mir die ursprüngliche längere Version zu Gemüte geführt.

Es ist interessant zu sehen, wie man sich dem Thema damals näherte: Mit dem grösstmöglichen Respekt, mit absoluter Buchstabentreue und mit soviel Vorsicht, dass der Film eigentlich als Bibelillustration bezeichnet werden müsste. Im Gegensatz zu Mel Gibsons sehr freier und kontroverser Version bleibt The King of Kings seltsam leblos. Dem Hauptdarsteller scheint keine Regung gestattet worden zu sein, seine Aufgabe war es, eine Ikone darzustellen, die eine Ikone bleibt. Mit fortwährend himmelwärts gerichtetem Blick, generös ausgebreiteten Händen und leidvoller Mine schreitet H.B. Warner mit perfekt fallenden Falten in Umhang und Frisur durch die Szenerie als wäre er nicht von dieser Welt.

Genauso müssen sich die Darsteller der Jünger verhalten – so wird der sonst hervorragende, kraftvolle Schauspieler Ernest Torrence zur blassen, ergeben und hingebungsvoll blickenden Statue.

Jesus’ Gegenpart wird da mehr Leben zugestanden: Die Pharisäer, Priester, die Römer, auch Judas (Joseph Schildkraut) wirken in diesem Film weit packender und überzeugender.

Langweilig wird der Film nie – für mich aber streckenweise schwer erträglich. Die hier präsentierte süsslich-naive Jesus-Darstellung ist heute definitiv überholt und kaum mehr goutierbar – auch nicht für mich, der ich sonst durchaus ein Flair fürs naive Kino habe.

Wettgemacht wird dies allerdings durch inszenatorische Lichtblicke, die durch den ganzen Film gehäuft immer wieder aufscheinen. Etwa wie DeMille die Massen (und wir reden hier von wirklichen Massen!) orchestriert, ist schlichtweg phänomenal und führt zu Sequenzen, die den Betrachter unweigerlich in ihren Bann schlagen. Die Bauten sind ebenfalls eindrücklich und höchst effektvoll in Szene gesetzt und wenn DeMille bei der Kreuzigung die Special-Effects-Maschinerie anwirft, dann ergibt das eine Sequenz, die man in ihrer Intensität und Wucht nicht mehr vergisst. Was ihm an der Schauspielerführung abgeht, macht er mit seinem Showtalent wieder wett.

Dazu gehören auch die effektvoll integrierten Sequenzen in zweifarben-Technicolor, zu der mir eine kleine Fussnote gestattet sei: In der Langfassung von King of Kings gibt es zwei Farbsequenzen, die sich auf seltsame Weise opponieren, nicht nur dadurch, dass die eine den Beginn, die andere den Schluss des Werks markiert; auch thematisch bilden sie Gegenparts: Die Sequenz am Schluss zeigt Jesus’ Auferstehung, Quintesszens und Grundstein des christlichen Glaubens, während die farbige Eingangssequenz eine Origie am römischen Hof zeigt und damit den extremen moralischen Gegenpart der Schlussequenz darstellt. Interessanterweise wurde die Eingangssequenz in der offiziellen Kinofassung von 1928 nicht mehr in Farbe gezeigt – offenbar wollte man damit möglichen Zündstoff eliminieren. Dass diese beiden Sequenzen ursprünglich in Farbe gedreht und auch gezeigt wurden, erscheint mir als beträchtliches Wagnis für die damalige Zeit.

Fazit: The King of Kings ist ein ambivalenter Film, der durch sein ständiges Lavieren zwischen Devotionalismus und Big Show kontrovers wird (die Ambivalenz tritt manchmal sogar innerhalb einer kurzen Szenenfolge zutage), der sich allerdings durchaus anzuschauen lohnt für Leute mit Flair für perfekt inszenierte Show und monumentale Szenen oder für historisch interessiere Filmfans.

Die DVD-Ausgabe: Der Film hat Regionalcode 0, d.h. er ist weltweit auf allen DVD-Geräten abspielbar.
The King of Kings
wurde von Criterion Collection in einer hervorragend restaurierten digital überarbeiteten Fassung herausgebracht, wobei die 155-minütige Langfassung von der Bildqualität her deutlich besser aussieht als die kürzere Fassung – vor allem die Farbsequenzen!

Die Filmmusik: Es gibt drei verschiedene Musikbegleitungen für diesen Film; die 155-Minutenfassung kann wahlweise mit der Musik von Donald Sosin geschaut werden oder stumm (!). Für die kürzere Fassung von 1928 stehen zwei Begleitungen zur Auswahl: Die von Hugo Riesenfeld 1928 extra für den Film komponierte Movietone-Originalbegleitung und eine Improvisation von Timothy J. Tikker auf einer Kirchenorgel.

Mir gefällt Riesenfelds Begleitung am besten – sie setzt dem frömmlerischen Unterton des Film das dringend notwendige, wohltuend nüchterne Gegengewicht. Tikkers Orgelbegleitung zielt in eine ähnliche Richtung, während Sosins Soundtrack den himmelwärts gerichteten Blick des Films durch seine fortwährend aufsteigenden Kadenzen und den überzuckerten Kirchengesangbuchtonfall noch verstärkt. Zudem ahmt Sosin Orchesterklang auf dem Sythesizer nach, was in den “Streicherpassagen” allzu penetrant synthetisch klingt. Verstärkt wird er durch ein echtes Cello und einen Chor.

Bestellung: Bestellen kann man den Film im Moment (27.12.2009) am günstigsten hier. Für weitere Preisvergleiche und andere Fragen im Zusammenhang mit Auslandbestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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