Boy meets Girl – eine kurze Sequenz aus „The Freshman“

Boy meets girl – im heutigen Kino wird das Aufkeimen gegenseitiger Zuneigung zwischen Männlein und Weiblein gemeinhin mittels einschlägiger Dialoge verdeutlicht.

Es folgt hier ein Beispiel dafür, wie dem Publikum so etwas in der Stummfilmzeit verkauft wurde – anhand einer Filmsequenz aus dem aktuellen „Stummfilm der Woche“, The Freshman von Harold Lloyd.
Eine zentrale Handlungslinie dieses Films kreist um die Zuneigung der hübschen Peggy (Jobyna Ralston): Harold Lamb (Lloyd), der begeisterte College-Neuling, ist derat damit beschäftigt, bei seinen Mitstudenten gut anzukommen, dass er Peggy und ihre ihm zugedachten scheuen Liebesbezeugungen bis kurz vor Filmschluss gar nicht wahrnimmt.

Anhand einer kleinen Sequenz von zweieinhalb Minuten möchte ich aufzeigen, wie so eine Liebesgeschichte in einem guten Stummfilm etabliert wurde – ohne viele Worte, dafür mit einem wohldurchdachten szenischen Aufbau und wunderbarem Gespür für filmische Wirkung.

Zunächst wird die Figur der Peggy, die gerade in einem Zug sitzt, mit einem witzig-prägnanten Zwischentitel eingeführt – the kind of girl your mother must have been.
Dann betritt ein junger Mann, ein alter Bekannter Peggys das Zugabteil, eine Figur, der wir im weiteren Verlauf des Films nicht wieder begenen werden; er hat aber die wichtige Funktion, uns Peggy näher bekannt zu machen. Nach seinem Weggang wissen wir, dass Peggy ihrer Mutter „noch immer in deren Pension zur Hand geht“. Diese Information hilft uns, Peggy bei ihrem nächsten Auftritt sofort richtig einzuordnen, wenn Harold Lamb, der Held des Films in besagter Pension absteigt. Peggy taucht dort nicht sofort auf, doch die Pensionswirtin, eine ältere Dame, die Harold auf sein neues Zimmer führt, erwähnt ihre Tochter – da klingelts beim Publikum, dank der kurzen Bahn-Sequenz.
Kurz darauf taucht Peggy, gewissermassen aus dem Nebel, in einer wundervollen Spiegelszene auf.
Die Macher waren um die Fragilität dieser Szene besorgt und merkten, dass erklärende Zwischentitel deren Zauber zerstören würde. Die vorgeschaltete Bahnsequenz löst dieses Problem elegant und ermöglicht einen zwischentitellosen, ungestörten Ablauf.

Zurück ins Zugabteil und zu besagter Bahnsequenz! Kurz nachdem der junge Bekannte Peggys abgegangen ist, tritt Harold ein und setzt sich neben Peggy, die ein Kreuzworträtsel löst. Was nun kommt, sollte man sich im untenstehenden Filmausschnitt selbst anschauen – ein perfektes Beispiel, wie Stummfilm funktioniert.
Hier wird nun klar, dass die Sequenz noch eine weitere Funktion hat: Sie sollte dem Publikum die Sicherheit vermitteln, dass Harold und Peggy füreinander bestimmt sind und dass sie sich allen Widrigkeiten zum Trotz am Ende kriegen.
Wie überaus charmant diese zweite Vorgabe gelöst wird, kann man im untenstehenden Ausschnitt sehen. Mit Ton (Dialog) würde die Sequenz nicht funktionieren und lächerlich wirken. Sie ist ein sehr schönes Beispiel für die Freiheiten und Feinheiten des Stummfilms.

Was besonders schön ist: Obwohl diese Sequenz rein funktionalen Charakter hat, wurde sie mit soviel Detailliebe und Liebe zum Film konzipiert, dass ein richtiges Kabinettstückchen daraus geworden ist.

Doch genug der Worte – schaut Euch die Sequenz an. Die Begleitmusik stammt von Robert Israel.

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