Harold Lloyd

Nur nicht schwach werden (1921)

FILM AB
„Film ab“ heisst die neue Sparte in meinem Blog, wo kleine Filme zu sehen sein werden – ohne meinen Senf.
Hier fröne ich meiner Vorliebe für den Comedy-Kurzfilm der 20er bis 40er-Jahre; evtl. wird auch der eine oder andere Cartoon hier zur „Aufführung“ kommen, oder anderes (man weiss ja im Voraus nie!).
Heute heisst es „Film ab!“ mit dem nur noch Stummfilmfreunden bekannten Schauspieler und Produzenten Harold Lloyd. Never Weaken war dessen letzter Kurzfilm, bevor er sich mit Grandma’s Boy dem Langfilm zuwandte. Never Weaken ist ein Meisterstück der kurzen Filmkomödie, die Lloyd auf der Höhe seines Könnens und seines Ideenreichtums zeigt. Viel Spass!

USA 1921
Mit Harold Lloyd, Mildred Davis, Roy Brooks, Mark Jones, William Gillespie u.a.
Drehbuch: Hal Roach und Sam Taylor
Regie: Fred C. Newmeyer
Dauer: 30 min,
Stummfilm mit Kammerorchester-Begleitmusik, englische Zwischentitel

Inhalt:
Ein junger Mann ist in ein Mädchen verschossen, das im Büro nebenan bei einem Arzt arbeitet. Die Praxis geht allerdings nicht sonderlich gut, daher tut er alles, um dafür zu sorgen, daß der Arzt etwas mehr zu tun hat. Doch dann sieht er sie mit einem Anderen, und ist davon überzeugt, daß sie ihr Verlobter ist. Frustriert beschließt er, sich das Leben zu nehmen – was, wie sich herausstellt, gar nicht so leicht ist!
(moviepilot.de)

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Dr Jack

Liebe Leserinnen und Leser,
das war sie schon, meine Blog-Pause; ich bin zurück, zunächst noch mit einer etwas kürzeren Rezension, der eine weitere kürzere folgen wird, doch dann geht hier wieder alles seinen gewohnten Gang. Zum Pausen-Ende habe ich wieder mal in der Harold-Lloyd-Box gekramt und folgenden Film gefunden:

DR JACK
USA 1922
Mit Harold Lloyd, Mildred Davis, Eric Mayne, u.a.
Regie: Fred C. Newmeyer
DAuer: 60 min

Nach all den bereits hier publizierten Rezensionen zu Harold Lloyds Stummfilmschaffen mache ich nun einen Sprung zurück zu seinem zweiten Langfilm.
Dr Jack entstand noch unter Hal Roachs Aegide. Safety Last sollte darauf folgen, danach machte Lloyd sich selbständig.

Nach der Visionierung der späteren Filme fällt hier ein deutlich anderer Tonfall auf, man könnte es als den etwas rauheren Roach-Touch bezeichnen. Dieser äussert sich in einigen Sequenzen, die gefährlich nah am Rassismus vorbeischrammen, und am etwas ungehobelteren Slapstick. Lloyds Stil ist aber schon sehr deutlich erkennbar und scheint immer in jenen Momenten auf, in denen die Geschichte sich in feinsinnigeren Bahnen entwickelt.

Erzählt wird die Geschichte zweier Menschen, die am Schluss zueinander finden. In immer kürzeren Abständen parallel montierten Sequenzen lernen wir ein kränkliche junge Dame aus gutem Hause kennen, die von ihrem Hausarzt und dem besorgten Vater von jeglicher Aufregung ferngehalten und ans Bett gefesselt wird, und den beherzten und  behornbrillten Landarzt Dr. Jackson (kurz Dr. Jack genannt). Jackson weiss für jedes Wehwehchen Abhilfe, da er offenbar intuitiv die psychologischen Ursachen der Krankheiten erfasst und auf dieser Ebene für Remedur sorgt (eine für jene Zeit erstaunliche Erkenntnis).

Natürlich trifft Dr Jack auf das kranke Mädchen, entlarvt ihren pompösen Hausarzt als Scharlatan und verordnet ihr eine „Aufregungs-Kur“, die sie so richtig aufblühen und das Elternhaus in Ruinen zurück lässt.

Soweit, so gut. Dr Jack sticht aus Lloyds Schaffen nicht besonders hervor. Es ist ein herziger Film mit einigen wirklich gelungenen Sequenzen, dem Wärme und Menschenliebe zugrunde liegen, ohne dass er diese Eigenschaften besonders herausstreichen oder thematisieren müsste (wie dies ein berühmter Kollege Lloyds gern getan hatte).
Der Film ist gut, solide, und im Vergleich zu späteren Lloyd-Werken noch etwas ungehobelt in der Machart. Kein Muss – aber durchaus ein Gewinn. Und da er ja eh‘ in der Lloyd-Box mit drin ist…
7/10


Die DVD-Ausgabe: Der Film ist in der 10-DVD-Box Harold Lloyd – The Collection erschienen (Regionalcode 2).
Dr Jack ist wie alle anderen enthaltenen Filme digital neu aufbereitet und auf Hochglanz poliert worden.

Die Filmmusik von Robert Israel ist einmal mehr sehr gut. Sie wurde extra für den Film komponiert und von einem Kammermusik-Ensemble engagiert eingespielt. Sie passt sich dem Rhytmus und den Zwischentönen des Film sehr schön an.

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Die Lloyd-Box ist hierzulande verfügbar – allemal eine lohnende Anschaffung, denn die allermeisten der darin enthaltenen Lloyd-Werke sind den Preis wert! Die Box gibt’s bei amazon.de, ebendort bei privaten Anbietern auch ziemlich günstig.
Es gibt inzwischen auch eine Neuauflage mit verbesserten Extras (dem Schwachpunkt der alten Box): Hier.

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Boy meets Girl – eine kurze Sequenz aus „The Freshman“

Boy meets girl – im heutigen Kino wird das Aufkeimen gegenseitiger Zuneigung zwischen Männlein und Weiblein gemeinhin mittels einschlägiger Dialoge verdeutlicht.

Es folgt hier ein Beispiel dafür, wie dem Publikum so etwas in der Stummfilmzeit verkauft wurde – anhand einer Filmsequenz aus dem aktuellen „Stummfilm der Woche“, The Freshman von Harold Lloyd.
Eine zentrale Handlungslinie dieses Films kreist um die Zuneigung der hübschen Peggy (Jobyna Ralston): Harold Lamb (Lloyd), der begeisterte College-Neuling, ist derat damit beschäftigt, bei seinen Mitstudenten gut anzukommen, dass er Peggy und ihre ihm zugedachten scheuen Liebesbezeugungen bis kurz vor Filmschluss gar nicht wahrnimmt.

Anhand einer kleinen Sequenz von zweieinhalb Minuten möchte ich aufzeigen, wie so eine Liebesgeschichte in einem guten Stummfilm etabliert wurde – ohne viele Worte, dafür mit einem wohldurchdachten szenischen Aufbau und wunderbarem Gespür für filmische Wirkung.

Zunächst wird die Figur der Peggy, die gerade in einem Zug sitzt, mit einem witzig-prägnanten Zwischentitel eingeführt – the kind of girl your mother must have been.
Dann betritt ein junger Mann, ein alter Bekannter Peggys das Zugabteil, eine Figur, der wir im weiteren Verlauf des Films nicht wieder begenen werden; er hat aber die wichtige Funktion, uns Peggy näher bekannt zu machen. Nach seinem Weggang wissen wir, dass Peggy ihrer Mutter „noch immer in deren Pension zur Hand geht“. Diese Information hilft uns, Peggy bei ihrem nächsten Auftritt sofort richtig einzuordnen, wenn Harold Lamb, der Held des Films in besagter Pension absteigt. Peggy taucht dort nicht sofort auf, doch die Pensionswirtin, eine ältere Dame, die Harold auf sein neues Zimmer führt, erwähnt ihre Tochter – da klingelts beim Publikum, dank der kurzen Bahn-Sequenz.
Kurz darauf taucht Peggy, gewissermassen aus dem Nebel, in einer wundervollen Spiegelszene auf.
Die Macher waren um die Fragilität dieser Szene besorgt und merkten, dass erklärende Zwischentitel deren Zauber zerstören würde. Die vorgeschaltete Bahnsequenz löst dieses Problem elegant und ermöglicht einen zwischentitellosen, ungestörten Ablauf.

Zurück ins Zugabteil und zu besagter Bahnsequenz! Kurz nachdem der junge Bekannte Peggys abgegangen ist, tritt Harold ein und setzt sich neben Peggy, die ein Kreuzworträtsel löst. Was nun kommt, sollte man sich im untenstehenden Filmausschnitt selbst anschauen – ein perfektes Beispiel, wie Stummfilm funktioniert.
Hier wird nun klar, dass die Sequenz noch eine weitere Funktion hat: Sie sollte dem Publikum die Sicherheit vermitteln, dass Harold und Peggy füreinander bestimmt sind und dass sie sich allen Widrigkeiten zum Trotz am Ende kriegen.
Wie überaus charmant diese zweite Vorgabe gelöst wird, kann man im untenstehenden Ausschnitt sehen. Mit Ton (Dialog) würde die Sequenz nicht funktionieren und lächerlich wirken. Sie ist ein sehr schönes Beispiel für die Freiheiten und Feinheiten des Stummfilms.

Was besonders schön ist: Obwohl diese Sequenz rein funktionalen Charakter hat, wurde sie mit soviel Detailliebe und Liebe zum Film konzipiert, dass ein richtiges Kabinettstückchen daraus geworden ist.

Doch genug der Worte – schaut Euch die Sequenz an. Die Begleitmusik stammt von Robert Israel.