Mobbing-Studie von Anno Dazumal

THE FRESHMAN
USA 1926
(dt.: Der Sportstudent)

Mit Harold Lloyd, Jobyna Ralston, Pat Harmon, Brooks Benedict u.a.
Regie: Fred C. Newmeyer, Sam Taylor
Dauer: 76 min.

Ich bleibe noch ein wenig bei der Komödie; ist sowieso das Genre, das mir am meisten zusagt – falls die Filme sich im obersten Qualitätsbereich bewegen. Das ist hier ganz klar der Fall, und so kommt der heute nur noch wenig bekannte Harold Lloyd hier wieder mal zu Ehren…

The Freshman ist Lloyds siebter Langfilm und der dritte den er selbst produziert hat.
Es handelt sich dabei um eine jener damals populären College-Komödien. Auch Buster Keaton drehte bekannterweise eine, die bezeichnenderweise den Titel College trug und dem Freshman heute punkto Bekanntheit den Rang abläuft. Das war aber damals nicht so: The Freshman war zur Zeit seiner Erstaufführung ungeheuer populär, so populär, dass sich auch Keaton sich zwei Jahre später bemüssigt fühlte, auf das beliebte College-Filmgenre zurückzugreifen. Überhaupt liefen sich die grossen drei, Keaton, Lloyd und Chaplin damals mit jedem ihrer neuen Filme punkto Popularität jeweils gegenseitig den Rang ab.

Lloyds Freshman kann sich neben College durchaus sehen lassen. Ich könnte nicht sagen, welcher der beiden Filme der bessere ist. The Freshman besitzt jedenfalls mehr Tiefe. Da werden Themen wie Aussenseitertum und Mobbing, heute in aller Munde, auf eindringliche Weise abgehandelt. Davon aber mehr weiter unten.
Innerhalb von Lloyds Werken gehört The Freshman sicher zu den besten – aber diese Wertung könnte man bei praktisch allen seinen Langfilmen abgeben; da ist wirklich einer besser als der andere. Wer mit Lloyds Stummfilmschaffen noch nicht vertraut ist, dem sei dringend empfohlen, dies nachzuholen!

Im Mittelpunkt der Handlung steht Harold Lamb (Lloyd), ein schäfchensanfter College-Anwärter vom Land, der sich wie ein Kind aufs College freut. In seinen Tagträumen schwebt ihm das College als eine Idylle aus Kameradschaft und Sportgeist vor.
Natürlich holt ihn die böse Realität schnell ein, doch es dauert lange, bis er sich endlich der bitteren Erkenntnis beugt, dass nichts davon so ist wie in seinen Vorstellungen. Zu lange! Mit seiner Weigerung, den Tatsachen ins Auge zu sehen, macht sich Harold, der “Frischling” (Freshman)  zusehends zum Gespött der Schule, die von einem Mob aus gnadenlosen, thumben Egoisten und Emporkömmlingen bevölkert wird.
Nur die Liebe eines Mädchens (einmal mehr Jobyna Ralston) hält ihn über Wasser. Als beim den Film beschliessenden Rugbymatch sein eigener Kampfgeist und sein Gerechtigkeitssinn endlich durchbrechen, kann er zeigen, dass mehr in ihm steckt, als die anderen gedacht hatten.

The Freshman könnte heute als Mobbing-Studie in Fortbildungen eingesetzt werden – bemerkenswert für einen Film aus einer Zeit, als „Mobbing“ noch kein Modebegridd war. Lloyd, der stets Einfluss auf alle Stadien der Produktion hatte, erweist sich hier als gnadenlos genauer Beobachter. Es gibt Szenen, die schmerzen. Wenn Harold endlich erkennt, was die anderen für ein Spiel mit ihm treiben, gelingt dem Schauspieler Lloyd eine darstellerische Meisterleistung: Wie er seiner Kleider beraubt in der Hotellobby steht wie ein Denkmal des Elends und vergeblich versucht, den Schmerz zu überspielen, das ist grosse Schauspielkunst. Zumindest darin war er seinen grossen Kollegen, Chaplin und Keaton, überlegen. Das wird vor allem in diesem Film deutlich.

Im Freshman kommt Lloyd Chaplins vielgerühmtem Pathos wohl am nächsten, freilich ohne sich wie jener in der Larmoyanz zu verlieren. Lloyd ist, wie Keaton ein man that would never lie down, einer, der sich nicht geschlagen gibt. Und so bleibt The Freshman, der zudem mit einer Fülle von glänzenden szenischen Einfällen aufwartet, ein optimistischer Film. Einer, der zudem deutlich zeigt, dass es Mobbing schon gab, als noch niemand darüber sprach!

9/10

Die DVD-Ausgabe: Der Film ist in der 10-DVD-Box Harold Lloyd – The Collection erschienen (Regionalcode 2).
The Freshman (und alle anderen enthaltenen Filme) sind digital neu aufgearbeitet, zum Teil viragiert und auf Hochglanz poliert worden, die Bildqualität lässt nichts zu wünschen übrig!

Die Filmmusik von Robert Israel ist einfach wunderbar. Sie wurde extra für den Film komponiert und von einem Kammermusik-Ensemble engagiert eingespielt. Sie passt sich dem Rhytmus und den Zwischentönen des Film perfekt an. Zudem bietet sie auch für sich allein betrachtet einen herrlichen Hörgenuss.

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Die Lloyd-Box ist hierzulande verfügbar – allemal eine lohnende Anschaffung, denn die allermeisten der darin enthaltenen Lloyd-Werke sind den Preis wert! Die Box gibt’s bei amazon.de ebendort bei privaten Anbietern auch ziemlich günstig.
Es gibt inzwischen auch eine Neuauflage mit verbesserten Extras (dem Schwachpunkt der alten Box): Hier.

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2 Kommentare

  1. Dein Text erweckt den Eindruck, als habe sich das College-Genre in all den Jahzehnten seit „The Freshman“ nicht wesentlich weiterentwickelt. Spricht nicht unbedingt für Tinseltown. 😉

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