Movie-Magazin 10: Die kleinen Füchse (1941) & Der einzige Zeuge (1985)

THE LITTLE FOXES
USA 1941
Mit Bette Davis, Herbert Marshall, Theresa Wright, Charles Dingle, Dan Dureya, Patricia Collinge, Carl Benton Reid, Richard Carlson u.a.
Drehbuch: Lillian Hellman nach ihrem gleichnamigen Theaterstück; zusätzliche Szenen und Dialoge: Dorothy Parker, Arthur Kober und Alan Campbell
Regie: William Wyler
Studio: RKO Radio Pictures
Dauer: 116 min
Der Film lief damals nicht in den deutschsprachigen Kinos. Das deutsche Fernsehen stahlte ihn 1974 erstmals aus, unter dem Titel Die kleinen Füchse

Vorspann:
„Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die uns die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte!“ Mit diesem titelgebenden Zitat aus dem Hohelied (2,15) beginnt The Little Foxes, eine Südstaaten-Familiensaga der etwas anderen Art. Anders als in vergleichbaren Hollywood-Filmen jener Zeit wird hier nicht die familiäre Zusammgehörigkeit, die Familie als werterhaltende Institution gefeiert, das genaue Gegenteil wird gezeigt: Die Zerstörung einer Familie durch den Egoismus und die Gier ihrer Mitglieder.
Um 1900: Regina, Ben und Oscar, drei Geschwister, die zusammen mit ihren Familien auf dem herrschaftlichen Hubbard-Landsitz hausen, planen einen lukrativen Deal mit einem befreundeten Geschäftsmann: Sie wollen im Ort eine Baumwoll-Spinnerei errichten, welche die sich die örtlichen Ressourcen in ausbeuterischer Weise zunutze machen wird. Ben und Oscar, denen noch 75’000 Dollar fehlen, bohren ihre Schwester (Davis) an, welche sofort Feuer und Flamme für die Sache ist. Endlich sieht sie eine Chance, auch als Frau zu Wohlstand und Macht zu gelangen, sie, die nur mit einem kränklichen Bankier (Marshall) verheiratet ist. Doch der Deal wird ohne den Ehemann nichts, weil er das Geld seiner Familie verwaltet. Da er von Frau und Tochter getrennt lebt – sein schwaches Herz braucht Ruhe – sendet Regina Tochter „Zan“ aus, den von ihr geliebten Papa zurückzuholen. Als dieser sich weigert, bei dem Geschäft einzusteigen, schlägt Oscars Sohn Leo (Dureya) vor, die Wertpapiere von Reginas Gatten zu „leihen“, um das benötigte Geld zusammenzubekommen. Dieser entdeckt den Diebstahl und droht den Spiess umzudrehen. Am Schluss wird allerdings Regina triumphieren – über alle anderen.

Der Film:
Die Inhaltsangabe klingt eher langweilig. Die trockende Materie der Geschäftsgründung ist nur der notwenige Rahmen, innerhalb dessen die eigentliche Geschichte ihren Lauf nimmt: Die Geschichte von drei geldgierigen Geschwistern, die mit ihrer Masslosigkeit ihre Familien zerstören. Besonders der weibliche Part des „trio infernal“ erweist sich in ihren Ambitionen als alles zerstörende destruktive Kraft: Schwester Regina will um jeden Preis, was für eine Frau in jener Zeit schwierig zu erreichen war: Reichtum und Macht. Sie intrigriert so lange, bis sie ihr Ziel erreicht hat – auf Kosten der anderen.
Der Film kreist um den Familienkosmos der Hubbards / Giddens, der dank der Gewinnsucht der drei Geschwister langsam mit Mann und Maus untergeht. Im Gegensatz zur Mehrheit der damaligen amerikanischen Filme, die sich mit Familien beschäftigen, thematisiert The Little Foxes die Zersetzung der Familie und deren Werte durch den „american dream“ von Geld und Erfolg. Unaufhaltsam wie in einem Drama von Ibsen oder Strindberg, schreitet das Zerstörungswerk voran. Man sieht es kommen und schaut fasziniert zu. Damit stand The Little Foxes quer in Amerikas Kinolandschaft.
Dass die Vorlage von der Bühne stammt, ist zwischendurch nicht zu übersehen. Doch dank der hervorragenden Leistungen sämtlicher Schauspielerinnen und Schauspieler und dank der versierten und einfallsreichen Regie hat man diesen Umstand rasch vergessen.

Obwohl jede Rolle sehr gut bis hervorragend besetzt ist, gehört der Film Bette Davis. Ihre Darstellung der Regina ist sein böses Herzstück. Dank ihres auffallenden Make-Ups sticht sie aus jeder Einstellung heraus. Davis‘ Regina ist dank kalkweisser Schminke schon auf den ersten Blick als Megäre zu erkennen. Regisseur Wyler hingegen meinte, sie sähe damit aus wie eine Figur des Kabuki-Theaters und bestand auf Änderung.
Die Schminke war nur einer der Streitpunkte, über die sich der Regisseur und seine Star-Darstellerin während der gesamten Dreharbeiten in den Haaren lagen. Die Meinungsverschiedenheiten eskalierten derart, dass Davis davonlief und für die nächsten 21 Tage nicht mehr am Set erschien. Der Vertrag zwang sie schliesslich zur Rückkehr. Nach der Premiere war das einstige Paar Wyler & Davis so zerstritten, dass der Regisseur fortan keinen Film mehr mit der Davis drehte. Dies, nachdem er sie zuvor in drei seiner Filme in Folge besetzt hatte.
Schaut man sich The Little Foxes heute an, kommt man nicht um die Feststellung herum, dass Davis punkto Schminke Recht hatte. Das weisse Gesicht unterstreicht die Un-Menschlichkeit ihres Charakters und entrückt sie damit auf erträgliche Distanz. Anders wäre sie kaum auszuhalten. Wyler wollte sie sogar „weicher“, menschlicher zeichnen als das Stück dies vorsah. Auch dagegen wehrte sich die Davis – und behielt ebenfalls Recht. Die schreckliche Schlusssequenz, in der sie ihren Gatten qualvoll zu Grunde gehen lässt, wäre sonst unglaubwürdig geworden, und das hätte dem ganzen Film geschadtet. In dieser Szene bleibt sie völlig reglos, starr, nur aus ihrem Gesicht spricht der blanke Wahnsinn – es läuft einem dabei kälter über den Rücken als in jedem Horrorfilm jener Zeit. In dieser Szene zahlt sich Davis Beharrlichkeit aus – sie gehört für mich zu den eindringlichsten Momenten der Kinogeschichte; dass sie so funktioniert wie sie funktionniert, ist allein Bette Davis‘ Verdienst.

Die restliche Besetzung rekrutierte sich teilweise direkt von der noch laufenden Bühnenproduktion, die ihre Tournee für drei Monate zugunsten der Dreharbeiten unterbrach. Für drei der Bühnendarsteller, Dan Dureya, Patricia Collinge und Carl Benton Reid wurde The Little Foxes zum Filmdebut; auch Theresa Wright war hier zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen; sie erhielt, zusammen mit Patricia Collinge und Bette Davis eine Oscar-Nomination. Neben Bette Davis geben vor allem Collinges und Herbert Marshalls Leistungen Anlass zu Begeisterung. Beide spielen bemitleidenswerte Angeheiratete, sie dem Alkohol verfallen, er schwer Herzkrank, die an der destruktiven Dynamik der Hubbard-Familie zerbrechen.

Lillian Hellman

Lillian Hellmans Stück ist deutlich das schwächste Glied der Kette – es wird allerdings derart meisterhaft umgesetzt, dass die Schwächen wettgemacht werden. So operiert Hellmann mit simplen Schwarz-Weiss-Kontrasten, die Figuren sind entweder nur schlecht oder nur gut, wobei die Guten allzu pathetisch überzeichnet werden. Offenbar sollten letztere das Mitleid der Zuschauer wecken und damit den moralischen Kontrast zu den bösen Hubbards bilden. Damit entband sich die Autorin von der Verwendung moralingetränkter Dialoge, wie man sie vom Hollywood-Kino dieser Zeit kennt – ein durchaus geschickter „Schachzug“ also, auch wenn die Figuren heute doch etwas gar penetrant pathetisch wirken.
Hellmann schrieb übrigens später ein „Bühnen-Prequel“, das untersucht, wie Regina, Ben und Oscar zu dem geworden sind, wofür sie in The Little Foxes stehen. Es wurde 1948 unter dem Titel Another Part of the Forrest von Michael Gordon verfilmt.
Weitere Filme nach Stücken / Drehbüchern von Lillian Hellman sind etwa These Three (dt.: Infame Lügen, 1936), Dead End (dt.: Sackgasse, 1937) The Children’s Hour (dt.: Infam, Remake von These Three, 1961); alle drei entstanden ebenfalls unter der Regie William Wylers, deer eine Affinität zu Hellmans Stoffen gehabt zu haben schien.

William Wyler mit Bette Davis

Und damit zurück zur eigentlichen Hauptperson: Dem Regisseur William Wyler, oder „90-Takes-Wyler“, wie er aufgrund seiner (über-)perfektionistischen Arbeitsweise von genervten Mitarbeitern genannt wurde. Er mag die Film-Crew mit seiner Manie, den perfekten Take zu erreichen, jeweils in den Wahnsinn getrieben haben – herausgekommen ist dabei eine lange Reihe von grandiosen Filmen von unübertroffener Stimmigkeit. Er verlangte von seinen Schauspielern das Beste – und bekam es auch. Er wusste genau, wie er eine Szene haben wollte und wie sie am besten wirkte, und zwar in Bezug auf alles: Akteure, Kamerawinkel und -bewegung, Ausstattung, Beleuchtung usw. Kameramann Greg Toland wurde von Wyler ermuntert, seine in Citizen Kane begonnenen Deep-Focus-Experimente fortzusetzen, was in The Little Foxes zu Bildern von atemberaubender Tiefenschärfe führte.Wylers wunderbare Inszenierung neutralisiert im hier besprochenen Film die Schwächen der Vorlage; wenn er ein wirklich gutes Drehbuch hatte, konnte er Wunder wirken.
In The Little Foxes stimmt praktisch alles, der Film zeugt von einem grossen Gestaltungswillen; auch wenn man in Wylers Filmen auf den ersten Blick keine eigene Handschrift entdecken kann, so lässt sich doch sagen: Seine Filme sind jene, die bis ins Detail perfekt sind. Wenn er mit seinen Ansichten im Unrecht war – wie in den beiden oben erwähnten Streitpunkten mit der Davis – so liess er am Ende doch die stimmigste Entscheidung gelten, auch wenn es nicht die seine war.
Vielleicht sah er ein, dass Davis mit ihren Ideen Recht hatte, vielleicht tat er es dem Frieden zuliebe – wer weiss? Aktenkundig ist, dass Davis und Wyler grossen Respekt vor der Professionalität des jeweils anderen hatten (Davis nannte Wyler später den „grössten amerikanischen Filmregisseur“, und auch „die Liebe meines Lebens“).

The Little Foxes ist ein ungemütlicher, bitterböser Film mit glänzender Oberfläche. Er ist nicht leicht zu goutieren. Der damals allgegenwärtige Kritiker Bosley Crowther schrieb zur Premiere, The Little Foxes werde die Bewunderung der Zuschauer für die Menschheit bestimmt nicht steigern. Da hat er Recht: wären da nicht die superbe Regieführung, die fantastische Kameraarbeit und die herausragenden darstellerischen Leistungen – ich hätte mich etwa in der Hälfte aus dieser äzenden Familiensaga verabschiedet.

Abspann:
Dem Film war in den USA ein beachtlicher Publikumserfolg beschieden, was wohl zum Teil der Popularität und der Neuheit des Bühnenstücks geschuldet war. Obwohl er nach dem Krieg in Teilen Europas in die Kinos gelangte, war er in Deutschland nur im Fernsehen zu sehen – und das erst in den 70er-Jahren. Er ist hierzulande weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erschienen. Wer ihn trotzdem sehen will (was ich unbedingt empfehlen möchte), muss auf die amerikanische DVD (Regionalcode 1) zurückgreifen, die via amazon.co.uk für einen vernüftigen Versandkostenpreis bestellt werden kann.

 

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

Witness (dt.: Der einzige Zeuge; Peter Weir, USA 1985) Mit Harrison Ford, Kelly McGillis, Josef Sommer, Lukas Haas, Danny Glover u.a.
Man kann sich fragen, ab wann man einen Film zu den „Klassikern“ zählen soll / darf. Ist für diese Auszeichnung ein gewisses Alter erforderlich (welches)? Muss der Film einen bestimmten Popularitätsgrad erreicht haben? Es gibt eine klare Definition für „den Klassiker“ (siehe u.a. Wikipedia), deshalb ist es sicher statthaft, auch ein „neueren“ Film wie Peter Weirs Witness dazuzuzählen. Er glänzt zwar nicht unbedingt durch Innovation, doch wird ihm von vielen Filmkennern hohe Qualität zugestanden und die Zeitlosigkeit seines Grundthemas macht ihn noch heute sehenswert. Obwohl ich für die Hauptartikel dieses Blogs die zeitliche Trennlinie für den Begriff „Klassiker“ (willkürlich) im Jahr 1969 gezogen habe, möchte ich sie in der Sparte „Filmklassiker“ gerne für Werke neueren Datums öffnen.
Witness gehört zu den Filmen, deren Kinoerstaufführung ich selbst miterlebt habe, die ich mehrmals hintereinander angesschaut hatte, an die ich mich immer gerne erinnerte, die ich seither aber nie wieder gesehen habe – wohl aus Furcht vor einer Enttäuschung.
Peter Weirs erster in den USA gedrehter Film hält der Erinnerung jedoch stand: Auch heute noch weiss er mich zu begeistern – vor allem mit seinen herrlichen Bildern, den hervorragenden darstellerischen Leistungen und seiner konsequenten Haltung dem Sujet gegenüber. Wie so oft in Weirs Schaffen wird hier das Thema des „Fremd-Seins“ thematisiert. Ein Amish-Junge beobachtet auf einem Ausflug mit seiner Mutter auf einem Bahnhofsklo einen brutalen Mord. Weil er der einzige Zeuge der Tat ist und den Mörder möglicherweise identifizieren kann, tritt die fremde, moderne Welt im Form des Polizisten John Book in sein abgeschottetes Leben. Aber auch das Umgekehrte passiert: Book gerät dank seiner Ivestigationen in Lebensgefahr und muss sich bei den Amishen verstecken – in einer „rückständigen“ archaischen Welt, deren Regeln er nur schwer versteht.
In diesem Spannungsfeld lassen die für Witness mit dem „Oscar“ ausgezeichnten Drehbuchautoren eine Liebesgeschichte zwischen Book und der Mutter des kleinen Zeugen explodieren – oder besser: implodieren, denn der Film bleibt konsequent und macht anhand der beiden unglücklich Liebenden klar, dass beide Welten nicht zusammenkommen können, ohne dass Schaden entstünde. So bleiben begehrliche Blicke, eine wunderbar zarte Tanzsequenz in der Scheune und ein eruptiver Filmkuss die einzigen „Zeugen“ der versteckten Gefühle. Überhaupt funktioniert in diesem äusserst ruhig geführten Film vieles über den Austausch von Blicken; gesprochen wird nur wenig.
Und wenn am Schluss die Moderne wie das jüngste Gericht über die Amish-Siedlung hereinbricht, so ist dies nicht als Zugeständnis an Hollywoods Spannungs-Konventionen zu verstehen, wie oft zu lesen ist, sondern als Kommentar über die Entmenschlichung (und somit über die Ent-Fremdung zu allem Menschlichen) unserer Zeit.
Ein grosser Wurf – auch noch aus heutiger Sicht!

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene klassische Filme:

Romancing the Stone (dt.: Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten; Robert Zemeckis, USA 1984) Mit Michael Douglas, Kathleen Turner, Danny DeVito u.a.
Wesentlich schlechter gealtert als der oben besprochene Witness ist dieser Film! Zemeckis erster Kinohit, eine Abenteuerschnurre, wirkt heute ziemlich lahm und konventionell. In diesem Genre hat das Kino inzwischen gewaltig an Tempo zugelegt. Da wirkt die „Jagd nach dem grünen Diamanten“ wie eine Schnitzeljagd. Vieles liegt am Drehbuch, das einfach nicht richtig in die Gänge kommt, platte Dialoge abliefert und seine Klischees mit zuwenig Schmackes serviert. Wäre es weniger „krampfig“, würde das fehlende Tempo keine Rolle spielen. So aber scheint immer wieder die Leere durch, die den Film im Grunde beherrscht. Es blieb Diane Thomas erstes und einziges Drehbuch: Sie verstarb kurz nach ihrem Erfolg an den Folgen eines Autounfalls, den sie in dem ihr von Michael Douglas geschenken Porsche erlitt.

Vorschau:
Das Blog-Konzept wird voraussichtlich wieder anders – das „Magazin“-Format hat sich nicht bewährt; die Links zu benachbarten Blog werden laut wordpress-Statistik nicht genutzt, ebensowenig Klicks (nämlich 0) verzeichnete die Rubrik „Augenfutter“. Wozu also daran festhalten? Es schwebt mir ein Konzept vor, das je einen kaum bekannten alten Film und einen Klassiker vorstellt – ganz klar bin ich mir noch nicht darüber.
Ganz sicher zur Sprache kommt das nächste Mal Richard Brooks‘ Tennessee Williams-Verfilmung Cat on A Hot Tin Roof (dt.: Die Katze auf dem heissen Blechdach; USA 1958).

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2 Kommentare

  1. THE LITTLE FOXES ist wirklich ein toller Film. Von den Hellman-Verfilmungen gefällt mir auch noch TOYS IN THE ATTIC ganz besonders. Da gibt Dean Martin eine sehr gute Vorstellung (er konnte ja mehr, als mit dem Rat Pack herumalbern).

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