Die Frau des Nobelpreisträgers (2018)

England / Schweden / USA 2018
Mit Glenn Close, Jonathan Pryce, Max Irons, Christian Slater, Annie Starke, u.a.
Drehbuch: Jane Anderson nach dem Roman von Meg Wolitzer
Regie: Björn Runge
Dauer: 105 min

Eines Morgens, das Ehepaar Castelman liegt noch im Bett, klingelt das Telefon. Joseph Castelman (Jonathan Pryce) hat den Nobepreis für Literatur gewonnen. „I won the Nobel, l won the Nobel“, singt Castelman nach dem Telefonat, wie ein kleines Kind auf dem Bett herumhüpfend. Seine Frau Joan (Glenn Close) gesellt sich zu ihm, winkt aber bald ab und mahnt ihren Gatten, sich für die Reise nach Schweden bereit zu machen.

So beginnt der erste englischsprachige Film des schwedischen Regisseurs Björn Runge. Joan erscheint als ordnende Kraft, als Helferin im Hintergrund, die ihrem berühmten Mann den Weg freimacht, ihm die alltäglichen Unbillden aus dem Weg räumt, ihn umsorgt und versorgt – und ihm seine ausserehelichen Fehltritte nachsieht.
So sieht das Leben der Castelmans zu Filmbeginn aus. Es wird sich bald als Trugbild entpuppen. Einige Irritationen gibt es schon während des ersten Aktes, die meisten gehen von Castelmans Sohn David (Max Irons) aus, der in Vaters Fussstapfen treten möchte, von diesem aber wie ein Depp behandelt wird.

Auf dem Flug nach Stockholm gesellt sich der Biograph Nathaniel Bone (Christian Slater) zu den Castelmans – „die Nervensäge“, stöhnt Joseph. Bone will Josephs Biographie schreiben – er wird später im Film die Lügen im Leben der Castelmans ans Licht bringen und damit die entscheidende Wende in Joans Leben herbeiführen.

Und nun stellt sich, einmal mehr, das Spoiler-Problem. Ich komme nicht daran vorbei, entscheidende und überraschende Wendungen der Handlung zu verraten, wenn ich meine Kritik an dem Film verständlich darlegen will. Allerdings verrät die auch der Trailer, wer diesen gesehen, kann also getrost weiterlesen. Die anderen folgen dem Text ab hier auf eigene Verantwortung.

Biograph Bone konfrontiert die Frau des Nobelpreisträgers mit einigen Erkenntnissen, die er im Zuge seiner (offenbar sehr gründlichen) Recherchen hatte. Die erste: Der von Joan vor ihrer Zeit mit Jospeh verfasste, aber nie veröffentlichte Kurzroman ist brilliant – während sämtliche Geschichten, die Joseph vor seiner Zeit mit Joan veröffentlicht hatte, unvergleichlich schwach sind. Die zweite Erkenntnis: Josephs Texte steigerten sich schlagartig zu seiner heutigen Brillianz, sobald Joan in sein Leben getreten war.

Bone trifft mit seinen Vermutungen ins Schwarze – mehr als er denkt.
Und ab jetzt funktioniert die Geschichte leider nicht mehr. Vom Moment weg, wo der Zuschauer von den wahren (Arbeits-)Verhältnissen im Leben der Castelmans erfährt, verhalten Joan und Joseph sich plötzlich anders als zu Beginn. Der herzlich-freundschaftliche Umgang ist plötzlich weg und macht einem zunehmend  gehässigeren Ton Platz. Das ist angesichts der nun enthüllten Tatsachen durchaus logisch; es erscheint nun aber rückwirkend seltsam, wie die beiden zu Filmbeginn miteinander umgegangen sind. Weshalb war Joan da so lieb und nett mit ihrem ausbeuterischen, selbstsüchtigen Ehemann? Im Gegensatz zu uns Zuschauern wusste sie ja alles, was der Biograph später aufdeckt; sie beginnt doch nicht erst unter den Verhältnissen zu leiden, nachdem Bone sie entdeckt und ausgesprochen hat.
Natürlich gäbe es Erklärungen dafür, die Romanvorlage leitet dieses Leiden als langsam und über Jahre gärenden Prozess sorgfältig her. Das Drehbuch hingegen macht es sich zu einfach, es lässt jegliche Erklärung weg, macht an der entscheidenden Stelle einen kruden Schnitt und holpert einfach über den entstehenden Bruch hinweg. Das liegt daran, dass die Dramaturgie zu stark auf den überraschenden Plot-Twist fixiert ist; für den vergleichsweise billigen Effekt opfert Drehbuchautorin Jane Anderson die Stringenz des Erzählens.

Den Schritt von der ergebenen Künstlergattin zur frustrieren, ausgenutzen Ehefrau vollzieht der Film nicht. Anders als im Roman, der die Geschehnisse aus der Sicht der Ehefrau erzählt, fehlen die inneren Vorgänge im Film gänzlich, die Joan während der kurzen Zeit in Stockholm schliesslich zur Entscheidung führen, sich von Joseph zu trennen. Auch die wichtige Frage, wie sie es so lange an der Seite dieses Heuchlers ausgehalten habe, findet keine Antwort.
So bleibt The Wife bis zuletzt oberflächlich und und nur schwer glaubwürdig.

Regisseur Runge versucht, dieses Manko wettzumachen, indem er seine beiden Hauptakteure zu schauspielerischen Glanzleistungen antreibt. Was in der Vorlage nicht glaubwürdig erscheint, sollen sie mit ihrem engagierten Spiel wettmachen. Das ist gelingt zwar nicht, dafür glänzt der Film mit grandiosen schauspielerischen Leistungen, die ihn doch wieder sehenswert machen. Glenn Close und Jonathan Pryce sind geradezu atemberaubend gut in ihren Rollen, aber auch sämtliche Nebendarsteller (darunter Glenn Closes Tochter Annie Starke als junge Joan) spielen hervorragend.

So wirkt The Wife wie die herausragende Inszenierung eines mittelmässigen Theaterstücks. Wer grosse Schauspierleistungen schätzt, sollte ihn sich ansehen.
Es lohnt sich, danach das Buch zu lesen. Ich zumindest bin neugierig geworden, wie die Autorin ihre nur schwer glaubhafte Geschichte psychologisch plausibel macht.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch: 6 / 10 
Die Schauspieler: 10 / 10 
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit:
Der Film läuft zur Zeit in den Kinos (in der Schweiz erst ab Anfang Februar).

Der Trailer gibt einen guten Eindruck des Films, vor allem von den herausragenden schauspielerischen Leistungen. Allerdings verrät er den zentralen Plot-Twist.

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