Tonfilm-Seitensprung: Auf Hitchcocks Spuren

GASLIGHT
(dt.: Das Haus der Lady Alquist)
USA 1944
Mit Ingrid Bergman, Charles Boyer, Joseph, Cotten, Angela Lansbury, Dame May Whitty, u.a.
Regie: George Cukor
Dauer: 114 min

Das Haus der Lady Alquist – wer kennt ihn nicht, diesen Klassiker des viktorianischen Kinogrusels?!
Ingrid Bergman als hochsensible, verschüchterte Dame aus gutem Haus; Charles Boyer als monströser Ehemann – beides Rollen, welche die beiden Schauspieler nie mehr loswurden, Rollen, welche als Klischee eins wurden mit den Namen der beiden Akteure. Dabei konnte gerade Charles Boyer ganz anders als „nur“ fies hinter halb geschlossenen Augenlidern hervorlinsen. Wobei das „Nur“ natürlich fehl am Platz ist: Sowohl er als auch seine Film-Partnerin spielen ihre Rollen ganz hervorragend – und genau das ist wohl der Grund für die Festlegung auf diese Rollentypen.

Wenn wir von der herausragenden Schauspielerleistungen sprechen, müssen wir auch den Rest der Besetzung ins Lob miteinbeziehen: Jeder einzelne Schauspieler, jede Schauspielerin ist nicht nur perfekt besetzt, sie geben alle ihr bestes. Die damals 18-jährige Angela Lansbury trat hier zum ersten Mal in Erscheinung – sie wurde gleich für den Oscar nominiert. Eine weitere Nomination erhielten Boyer und Bergman – letztere gewann die begehrte Trophäe denn auch.

Ein Schauspielerfilm erster Güte also. Hervorragende schauspielerische Leistungen sind praktisch in allen Filmen George Cukors zu finden – sie waren eines seiner Markenzeichen. Das andere war die Ausstattung. Wie der Mann hier wieder in Dekors und Kostümen schwelgt und wie atmosphärisch er das vernebelte London der viktorianischen Zeit auferstehen lässt! Es ist eine Augenweide. Doch anders als bei seinem Kollege Mitchell Leisen – der punkto Ausstattung ähnliche Vorlieben pflegte – stimmt bei Cukor auch die Inszenierung und das Timing. Es gibt Szenen, welche als Lehrstücke für die filmische Inszenierung eingesetzt werden könnten. Was Cukor etwa in der Konzert-Sequenz mit dem Schnitt und der Kadrage (und ohne Zuhilfenahme von bedrohliche anschwellender Filmmusik) macht, vermittelt höchste Spannung, obwohl eigentlich nichts passiert (siehe zweites „scree-capture“, unten). Die Sequenz macht innere Vorgänge sichtbar, welche das Filmpublikum in höchste Alarmbereitschaft versetzen.
Und die erste Liebesszene des Film weckt bereits zu Anfang des Films durch die Wahl der „richtigen“ Umgebung (siehe erstes „screen-capture“, unten) böse Vorahnungen auf den Fortgang dieser Liebe im Lauf der Geschichte. Man könnte sagen, Cukor wandle mit Gaslight auf Hitchcocks Spuren, gehe dabei aber – Fans des Suspense-Meisters mögen mir verzeihen – bildsprachlich subtiler vor.

Gaslight ist ein Genreklassiker, den zu sehen sich nicht nur lohnt, dessen Kenntnis auch zur Pflicht jedes ernsthaften Filminteressierten gehört.
9/10


Die deutsche DVD des Film ist bereits „out of print“, kann aber noch bei privaten Anbietern via amazon. de bestellt werden.

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2 Kommentare

  1. Der Bergman wurde die Rolle der verschüchterten Frau wenigstens ein einziges Mal los: als sie in „Cactus Flower“ (1969) die monströse Sprechstundenhilfe des „hochsensiblen“ Zahnarzts Walter Matthau spielte. 😉

  2. Ich liebe den Film und schmelze vor Ingrid Bergman, weshalb ich deinen positiven Eindruck eigentlich nur unterstreichen kann. Du reißt aber natürlich eine alte Frage wieder auf. Was macht einen Schauspieler aus? Die Frage wird imho durchaus zuerst im Casting beantwortet.

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