Trivialkino – nach W. Somerset Maugham

THE MAGICIAN
(dt.: Der Magier)
USA 1926
Darsteller: Alice Terry, Paul Wegener, Iván Petrovic, u.a.
Regie: Rex Ingram
Dauer: 79 min

Sucht man im www nach The Magician, so stösst man auf mehr als einer Site auf die Behauptung, der Film sei der stilistischer Vorreiter von Dracula, Frankenstein & Co., der klassischen Horrorfilme also.
Das kann in dieser Ausschliesslichkeit aber nicht stimmen, denn Horrorfilme gab es bereits seit Beginn des Kinos, und Werke wie Murnaus Nosferatu oder Wegeners Golem können ebenfalls als Vorbilder für die oben erwähnten Horrorklassiker zitiert werden – sie wurden aber alle vor The Magician gedreht. Auch die mehrfach aufgestellte Behauptung, Regisseur  Rex Ingram übernehme hier den Stil des deutschen Expressionismus ist schlichtweg falsch. Es gibt zwar in der dramatischen Schlussequenz eine ausgeprägte Licht-und-Schattenregie, aber Expressionismus ist das noch längst nicht. Dazu gehört mehr als unheimliche Schatten und düstere Gewölbe!

The Magician ist eine recht freie Adaption eines wenig bekannten Frühwerkes von W. Somerset Maugham, der zur Zeit dieser Verfilmung längst kein Unbekannter mehr war.
The Magician war der Versuch des damals (1908) noch kaum bekannten Autors, die gothic novel wieder aufleben zu lassen, ein Versuch, von dem sich der Autor später vorsichtig distanzierte und der sich in seinem Gesatwerk etwas quer ausnimmt.

Er erzählt die verhaltene Liebesgeschichte zwischen dem erfolgreichen Chirurgen Arthur Burdon und der von ihm vor der Paralyse geretteten Bildhauerin Margaret Dauncey, von einer Liebe, die durch ein extravagant auftretendes Unikum namens Oliver Haddo gefährdet wird. Haddo behauptet, Magier zu sein und gibt mehrere unheimliche Beweise seines Könnens. Mittels Hypnose bemächtigt er sich der Bildhauerin und bringt sie dazu, ihn zu heiraten. Den wahren Grund dafür verschweigt Maugham bis zum Schluss.

Ingrams Adaption folgt der Grundkonstellation, verändert sie aber zu ungunsten der Geschichte. So macht er aus dem redegewandten Lebemann Haddo einen aalglatten Bösewicht mit unheimlich stechendem Blick, einen entlaufenen Irrenhäusler, dem man das Unheil schon von weitem ansieht. Und er verrät bereits zu Beginn, was Haddo mit Margareth böses im Sinn hat (er braucht ihr Jungfernblut, um in einem Experiment künstliches Leben zu erzeugen).

In dem Masse wie Ingram die Hauptfiguren trivialisiert, verflacht er die Handlung. Was in Maughams Roman einen Grossteil der Spannung ausmacht, die Konfrontation zweier scharf gezeichneter, völlig gegensätzlicher Hauptcharaktere, verflacht im Film in einem öden und unglaubwürdigen Gut-gegen-Böse-Schema.
Ingram, der seine Filme für Hollywood in Europa drehte, adaptierte Maughams Vorlage selbst, hatte damit aber aus oben genannten Gründen keine glückliche Hand. Auch die Verpflichtung des deutschen Stummfilmstars Paul Wegener ändert nichts an der Tatsache, dass The Magician nichts weiter als ein eher mittelmässiges Stück Trivialkino ist, dessen Spannungsaufbau altbacken wirkt und heutigen Filmfreunden ein eher müdes Lächeln entlockt.
Es gibt andere frühe Horrorfilme, die ihre Wirkung bis heute nicht eingebüsst haben ; The Magician gehört nicht dazu.

Und Wegener?
Ist gut. Rollt mit den Augen. Blickt überzeugend irr.
Für seine einzige Rolle in einem Hollywoodfilm muste er nicht mal weit reisen: Ingram und seine Frau Alice Terry wohnten an der französischen Riviera; dort und in Paris wurde The Magician auch gedreht. Das ist der Grund, weshalb der Film so authentisch europäisch wirkt.
6/10

Kurze Randnotizen zu den Screenshots:
Wie man sieht, ist der Film viragiert.
Der zweite Screenshot zeigt links im Bild einen bebrillten Herrn mit Hut. Es handelt sich dabei um Michael Powell (von Powell & Pressburger), der wie Rex Ingram Engländer war, bei diesem als Regieassistent engagiert war und sich so seine ersten Sporen im Filmgeschäft verdient hatte. Für The Magician stand er zum ersten Mal vor der Kamera (später folgten weitere kurze Auftritte, u.a. in Peeping Tom).
Der dritte Screenshot sieht aus, als stamme er aus Murnaus Faust. In der Tat ähnelt Paul Wegener hier in Maske und Kostüm seinem deutschen Kollegen Emil Jannings verblüffend, der in Faust ebenfalls als Teufel auftrat. Faust entstand im selben Jahr wie The Magician, allerdings drei Monate später!

The Magician wurde als DVD-R von Warner Archive Classics herausgebracht und kann über amazon.com erworben werden. Robert Israel hat eine hervorragende Begleitmusik zum Film komponiert.

http://www.amazon.com/Magician-Alice-Terry/dp/B00478ED6S/ref=sr_1_1?s=movies-tv&ie=UTF8&qid=1323086314&sr=1-1

2 Comments

  1. Ich hab ihn vor langem gesehen und fand ich auch nicht wirklich gut, aber ganz unterhaltsam.

    Bei der Behauptung, er sei ein Vorläufer der Universal-Horrorfilme der 30er Jahre, kommt es auf die genaue Formulierung an. Wenn man die von dir bemängelte Ausschließlichkeit weglässt, wenn man also sagt, dass er nicht der, sondern ein Vorläufer dieser Filme ist, dann würde ich das durchaus unterschreiben. Ich würde es so ausdrücken: Die Universal-Horrorfilme zehrten stilistisch nicht nur direkt von den expressionistischen Stummfilmen wie CALIGARI, GOLEM und NOSFERATU, sondern es gab auch schon Horror-Stummfilme aus Hollywood als direkte Vorläufer, und nicht nur von Emigranten wie Paul Leni (der im Gegensatz zu Murnau auch in Hollywood zumindest Horror-ähnliches gemacht hat), sondern auch von Leuten wie Ingram oder Rupert Julian (DAS PHANTOM DER OPER). Und von diesen Vorläufern ist DER MAGIER vielleicht das offensichtlichste Beispiel. Man nehme nur den Turm, in dem Haddo seine sinistren Pläne verfolgt (Screenshot 7): Der erinnert schon sehr an den in FRANKENSTEINS BRAUT.

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    1. Ich weiss nicht… Der Turm ist bestimmt genauso Zufall wie Wegeners Mephisto-Look.
      Zudem bezweifle ich, dass ein so mittelmässiger Film wie „The Magician“ irgendwo grossen Eindruck hinterlassen haben soll. Nicht mal das Horror-Finale überzeugt, weil es in seiner plumpen und gewollten Art lächerlich wirkt. Sowas gab’s damals bereits – aber um Welten besser!

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