Keatons Kurzfilm-Kleinode

THE PLAYHOUSE
USA 1921
Regie: Buster Keaton und Eddie Cline
Mit Buster Keaton, Joe Roberts, Virginia Fox, u.a.
Dauer: 23 min

Die Frage, welcher von Buster Keatons Kurzfilmen der beste sei, ist wahrscheinlich unmöglich zu beantworten. Man kann sie in einem ersten Schritt wohl sortieren und die „weniger gelungenen“ von den „gelungenen“ trennen. Aber danach wird’s schwierig.
Von vielen Filmspezialisten wird  Cops an erster Stelle genannt, dicht gefolgt von The Boat. Aber kennen diese Leute wirklich alle Keaton-Kurzfilme? Wieso wählen sie gerade The Boat, ein aus meiner Sicht schwächeres Werk?
Und schon sind wir mitten im Dilemma, das man am besten mit der Frage auflöst, wem denn eine Bestenliste überhaupt nützen soll. Am besten besorgt sich jeder Filminteressierte Keatons gesammelte Kurzfilme (19 an der Zahl) von Kino International oder von Eureka, geniesst sie und stellt darauf seinen Senf im Netz zur Diskussion.
Ich gehe mit schlechtem Beispiel voran und publiziere meinen Senf, bevor ich mir alle Keaton-Kurzfilme (aber doch die meisten) angesehen habe. Vielleicht kann ich damit jemanden zur Sichtung inspirieren…

Ich hatte kürzlich das grosse Vergnügen, The Playhouse näher kennenzulernen, ein „ruhigerer“ Film, den Keaton drehte, weil er seinen gebrochenen Fuss schonen musste. (Was bei Keaton „ruhiger“ heisst, sieht man sich am besten selbst an… .)
Und natürlich war ich nach der Visionierung versucht, ihn als „Keatons besten Kurzfilm“ zu bezeichnen. Aber immerhin ist er der verrückteste; naja, einer der verrücktesten.

Buster Keaton geht ins Theater – eine Vaudeville-Show steht auf dem Programm. Das Orchester wird geleitet von… Buster Keaton. Am Bass: Buster Keaton, Violine: Buster Keaton, Cello, Trompete, Posaune, Klarinette: Buster Keaton, Buster Keaton, Buster Keaton und… richtig: Buster Keaton.
Auch die „Buster Keaton Minstrel Show“ besteht, wie der Name schon sagt, aus lauter (genauer: neun) Buster Keatons. Das Publikum setzt sich ebenfalls ausschliesslich aus ihm zusammen.
Diese Sequenz des Films ist berühmt, ältere Semester kennen Teile davon aus der Serie „Väter der Klamotte“.

Was danach folgt, ist nur scheinbar gemässigter: Buster schreckt aus seinem verrückten Multiplikations-Traum hoch, weil der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht und ihn aus der Wohnung schmeisst. Dessen Gehilfen beginnen seelenruhig, Busters Möbel wegzuschaffen und die Wände zusammenzufalten.
Wie bitte? Noch ein Traum?

Mitnichten – was wir jetzt sehen, sind die Proben für ein Theaterstück, in welchem Buster mitspielt.
Wir sind also immer noch im Playhouse. Auch das Motiv der Dopplung, das im Traum auf die Spitze getrieben wurde, kehrt jetzt wieder: Weibliche Zwillinge sorgen hinter der Bühne für Verwirrung, zeitweise werden sie von zwei Spiegeln gar vervierfacht; im Publikum sitzen zwei zwillinghafte einarmige Kriegsveteranen, welche ihre Hände zum Applaus zusammenlegen; weitere Spiegelungen werden ins Vervielfältigungs-Spiel gebracht.

Einer der unbestreitbaren Höhepunkte neben der Traumszene ist die Sequenz, in welcher Keaton die Rolle des Bühnen-Affen übernehmen muss. Hier kehrt das Traum-Thema des In-Andere-Rollen-Schlüpfens wieder. Das Verblüffende an diesem Abschnitt ist aber die mimische und akrobatische Präzision, mit der Keaton den Affen spielt. Die Verwandlung ist absolut erstaunlich, weil Keaton hier unter anderem beweist, dass sein Gesicht keineswegs „reglos“ war. Zudem liegt hier wieder eine Spiegelung vor: Ein Mensch spielt einen Affen, der einen Menschen spielt. Mensch und Affe verschmelzen in Keatons Spiel zu einer Einheit, er ist Mensch und Affe gleichzeitig. Schwindelerregend!

The Playhouse ist dank seiner symmetrischen Struktur ein Film von fast vollkommener Schönheit. Dass er, wie alle Stummfilme Keatons, ohne Verwendung eines Drehbuch entstanden sein soll, erscheint einem heutigen Kinogänger, der die Interpretationsschwurbeleien der Filmkritiker gewohnt ist,  schier unmöglich. Was da alles an Tiefgang drinsteckt…!

Wirklich? Wenn Keaton über seine eigenen Filme sprach, dann mit Aussagen wie „Wir haben uns den Anfang und das Ende überlegt und dann einfach drauflosgedreht“. Nix „formale Vollendung“, nix „grossartige filmische Struktur“? Das ist schwer zu sagen – in einen Film lässt sich mit etwas Wortgewandtheit alles Mögliche hineininterpretieren.
Glaubt man Keatons Aussage, muss man zum Schluss kommen, dass die Struktur dieses Films nicht mehr als ein Zufallsprodukt gewesen sein muss.
Glaubt man sie nicht – und dazu gibt es gute Gründe (Keaton war ein Meister des Understatement) – dann ist eben doch etwas dran an der der formalen Vollendung und an der Tatsache, dass Buster Keaton ein begnadeter Regisseur war, der auch ohne Drehbuch Meisterhaftes schaffen konnte.

Und somit ist auf diesem Blog eine weitere Reihe geboren: Die Filme des Herrn Keaton.
Fortsetzung folgt…

The Playhouse ist auf der neuen, absolut empfehlenswerten drei-DVD-Edition von Kino International (USA) zu finden, die sämtliche Kurzfilme Keatons in vorbildlicher Restaurierung und mit bestmöglicher Musikbegleitung präsentiert.
Er ist aber auch im deutschsprachigen Raum auf DVD zu finden, auf Buster Keaton, Vol 2, zusammen mit den Kurzfilmen One Week und The Paleface.
10/10

http://www.amazon.com/Buster-Keaton-Collection-3-Disc-Ultimate/dp/B004XEEMA8/ref=sr_1_5?ie=UTF8&qid=1322827525&sr=8-5

http://www.amazon.de/Buster-Keaton-Vol-2/dp/B002KV9NS2/ref=sr_1_7?s=dvd&ie=UTF8&qid=1322827285&sr=1-7

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5 Kommentare

  1. Beißen sich denn formale Vollendung und Instinkt? Vielleicht, weil es noch keine Normierung gab? Ich weiß nicht. Genausowenig weiß ich allerdings, wo ich bei Keaton ansetzen sollte. Vermutlich, weil ich da dieselben Vorurteile wie früher bei Chaplin hatte. Ich habe Angst, daß es mich gar nicht anspricht.

    1. Formale Vollendung und Instinkt beissen sich nicht – Keaton ist ein leuchtendes Beispiel dafür.
      Nur negiert die Art, wie heute in der Regel Filme gemacht werden, diese Tatsache. Formale Vollendung ist heute kein Ziel dieser Kunstform mehr, Kassenerfolg ist wichtiger.
      Versuch’s doch einfach mal mit Keaton. Schaden tut’s ja bestimmt nicht…!

  2. Danke für den Tipp. Ich hab mir den Film angesehen (auf google.video ist er in voller Länge zu sehen!) und fand ihn auch sehr toll. An meinen Lieblingskeaton (Sherlock Jr.) kommt er dann aber doch nicht ran.

    Die Verwirrung über die Struktur erklärt sich vielleicht auch dadurch, dass der Film häufig sehr szenisch wirkt. Er ist ziemlich einfach in ein „szenisches Nacheinander“ aufzudröseln, was insgesamt mglweise zwar einen „runden“ Zusammenhang schafft, aber auch willkürlich, mit weiteren „Gags“ ausbaubar wäre. Insofern sind traditionelle Gesetze der Narration durchaus etwas auf dem Prüfstand hier. Aber das ist ja auch gut so – der Film ist ein Spiel mit Realität und Illusion und bedient mehrere Meta-Ebenen zugleich. Er ist – wie eigentlich jeder Keaton, den ich kenne – augenöffnend aktuell. Wow!

    1. Tatsächlich wirkt „The Playhouse“ wie eine Vorstudie zu „Sherlock Jr“, den ich auch sehr mag.
      Das Spiel mit Realität, Traum und Bühnenwirklichkeit gehört zu Keatons festen Themen und kommt in seinem Werk immer wieder vor (siehe u.a. auch „The Frozen North“, „The Haunted House“, „The Love Nest“, „Convict 13“.)
      Bei google Video ist „The Playhouse“ sogar in der von mir gesehenen und besprochenen Fassung drin – eine sehr gute Möglichkeit, den Film zu sehen! Danke für den Tipp!

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